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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWenn noch mehr zu viel ist27.06.2013

Wenn noch mehr zu viel ist

In Dresden diskutieren Wissenschaftler über eine Wirtschaft nach dem Kapitalismus

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer und der Kapitalismus als Wirtschaftssystem gerät in die Kritik. Viele fordern einen Ausstieg aus dem Hamsterrad des "immer mehr". Sie fordern ein Umdenken, hin zu mehr Nachhaltigkeit. Doch was genau heißt das?

Von Bettina Mittelstrass

Wachstum, Wachstum - aber zu welchem Preis? In der Wissenschaft mehren sich die Zweifel am Kapitalismus. (Stock.XCHNG - Carl Dwyer)
Wachstum, Wachstum - aber zu welchem Preis? In der Wissenschaft mehren sich die Zweifel am Kapitalismus. (Stock.XCHNG - Carl Dwyer)
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In der jüngeren Debatte um das kapitalistische Wirtschaftssystem geht es immer wieder um Gier: die Geldgier der Finanzmanager etwa, die mit Abzocke einhergeht und unanständiger Selbstbedienungsmentalität. Über die Verfehlungen einzelner hinaus wird Gier dabei immer wieder auch zum Kennzeichen des kapitalistischen Systems an sich - eine inhärente Gier nach permanentem Wachstum. Der Soziologe und Kapitalismuskritiker Hartmut Rosa, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, beschreibt den Fehler im System so:

"Ich glaube, dass der Kapitalismus gekennzeichnet ist durch eine unabschließbare Steigerungslogik. Er muss wachsen, er muss beschleunigen, er muss unablässig Innovationen hervorbringen, sogar mit steigendem Tempo, um sich so erhalten zu können, wie er ist. Also Status-quo-Erhaltung, Stabilität kann er nur gewinnen durch Steigerung. Und das führt zu Eskalation im Ressourcenverbrauch, aber auch in der Energie, die wir als Individuen und als Gemeinschaft aufbringen müssen, um dieses Rad, dieses Hamsterrad am Laufen zu halten. Und ich glaube, das zerstört nicht nur die Möglichkeiten darauf, ein selbstbestimmtes Leben zu leben, sondern es zerstört auch politische Gemeinschaft und außerdem den Planeten, weil es die Rohstoffe in zu hohem Tempo verbraucht."

Der Ausstieg aus dem Hamsterrad oder der Konsumspirale sei also überfällig, sagt Hartmut Rosa. In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität Jena finanzierten Kolleg "Postwachstumsgesellschaften" sucht er vor dem Hintergrund seiner Diagnose nach Lösungen: Eine Gesellschaftsform ohne den gegenwärtigen Kapitalismus schwebt ihm vor, mit Formen dezentral organisierter Wirtschaftsdemokratie und einer Kultur, die nicht auf Güter und Gewinne setzt, sondern dem Kontakt mit Menschen, Natur und Kunst wieder mehr Wert beimisst.

"Die ganze Art und Weise unseres Lebens müsste sich ändern und dafür gibt es mindestens drei Stellschrauben: Die eine ist das ökonomische System, das Zweite ist das politische System, das Dritte sind die kulturellen Orientierungen."

Vom Publikum ernteten Hartmut Rosa`s Thesen auf der Dresdner Konferenz über Grundlagen, Dynamik und Kritik des Kapitalismus im Deutschen Hygiene-Museum viel Beifall. Kritik an der Kritik gab es von den anderen Wissenschaftlern auf der Konferenz. Welche neuen Orientierungen und Werte kämen denn ins Spiel, wenn es um eine weniger gefräßige Postwachstumsgesellschaft geht? "Nachhaltigkeit" ist da ein umstrittenes Stichwort der Stunde.

"Der Nachhaltigkeitsbegriff hat einen so hohen Wert, dass man mal fragen muss, was er taugt. Nachhaltig heißt ja im Grunde, dass es so ungefähr sein soll wie jetzt. Es ist etwa so wie anhaltende Gegenwart oder Gumbrecht nennt es "breite Gegenwart". Wir wollen das, was wir haben, verlängern. Und das funktioniert nicht. Weil Geschichte läuft uns quer. Das heißt, wir sollen schon darüber nachdenken, was es heißt, bestimmte Ressourcen zu erhalten, bestimmte Lebensstile festzuschreiben, aber wir müssen gleichzeitig damit rechnen, dass es nur für uns gilt, und dass die Nächsten schon wieder darüber anders nachdenken werden. Genauso wie wir ja schon Verschiedenes geändert haben gegenüber der Vorgängergeschichte. Und deswegen meine These: Nachhaltigkeit ist kürzer als man denkt. Und dann gibt es noch eine Kurzfassung, die heißt: Möglicherweise ist nur das, was wir wollen, verlängert."

Nachhaltigkeit sei ein unflexibler Begriff und damit ein zu stumpfes Schwert für die Lösung unserer offenkundigen Probleme, sagt Birger Priddat, Professor für politische Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke.

"Wir haben ja viele Probleme: Ökologie, Klima, Ressourcen, Wasser, Verkehr, Nahrung weltweit, was auf uns zukommt. Diese Komplexitäten müssen wir bewältigen, aber unter Einsatz aller Mittel! Das heißt, wir können jetzt nicht festlegen, dass nur bestimmte Mittel gelten sollen. Und dieser Spielraum, den müssen wir uns erhalten angesichts des Versuchs der Lösung der Probleme."

Mal ganz abgesehen davon, dass die Weltbevölkerung diesen Wert nachhaltigen Wirtschaftens als solchen keineswegs einfach akzeptiere, habe schon die jüngere Generation hierzulande erkennbar eigene Vorstellungen, sagt Birger Priddat:

"Vor allem werden sie viel stärker als wir das tun auf Technologie setzten. Die großen Steigerungsfantasien - das ist gar nicht ihr Thema. Aber sie wollen technische Intelligenz, um damit Probleme zu lösen, die wir heute noch nicht lösen."

"Unsere öffentliche Diskussion leidet darunter, dass man sich unter Kapitalismus eigentlich das schlechthin Böse in Wirtschaft und Gesellschaft vorstellt, ohne näher anzugeben, wie denn dieses Böse funktioniert und entsteht. Dann ist Arbeitslosigkeit und Ausbeutung und ökologische Plünderung des Planeten und Kriegführung - das alles ist Kapitalismus. Mit so einem Begriff kann man relativ wenig anfangen, wenn man klären will, worum es wirklich geht und was man gegen Schlechtes am Kapitalismus tun kann."

Auch der Politikwissenschaftler Werner Patzelt, Professor an der Technischen Universität Dresden, kritisiert damit die generellen Anklagen und Rufe nach einer Abschaffung des kapitalistischen Wirtschaftens.

"Wir haben ja Wirtschaftssysteme nicht zu dem Zweck, dass die Wirtschaft funktioniert und manche Leute reich werden. Wir haben Wirtschaftssysteme dafür, dass Menschen gut leben und gut miteinander auskommen können. Und das heißt: Man muss all jene Auswüchse des Kapitalismus zu beseitigen versuchen, die zu unerträglicher oder schwer erträglicher sozialer Ungerechtigkeit führen, die dazu führen, dass man den Staaten, in denen solcher Kapitalismus sich entfaltet, misstraut und - meistens sind es ja sogar demokratische Staaten - ihnen ihre Legitimitätsgrundlage entzieht."

Denkt man den Kapitalismus also nicht als Mafiadiktatur, sondern als komplexes Wirtschaftssystem, dann gibt es Kapitalismus nicht ohne vernünftig regulierenden Staat, sagt Werner Patzelt. Und diese Verbindung lohne es sich noch immer zu verbessern.

"Wenn man so etwas Kompliziertes wie moderne Demokratie samt Kapitalismus fortentwickeln will, braucht man ein System, das Versuch und Irrtum zulässt. Damit es zu Versuchen kommt, braucht es Leute, die bereit sind, innovativ zu denken und das Wagnis von Neuerungen einzugehen. Und es braucht Gesellschaften, die es akzeptieren, wenn jemand scheitert. Das heißt, es müssen Dinge, die nicht funktionieren, auch kaputt gehen können, aus dem Verkehr gezogen werden können. Aber dann freilich so, dass keine unheilbare Katastrophe für die betroffenen Menschen entsteht. Das heißt, wir müssen in unsere Systeme wirkungsvolle Mechanismen von Lernen aus Versuch und Irrtum einbauen. Und das Beste, was wir bislang diesbezüglich erfunden haben, das ist im Bereich der Politik Pluralismus und das sind im Bereich der Wirtschaft Märkte."

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