Mittwoch, 01. Februar 2023

Thomas Hettche (Herausgeber)
Zwölf Essays zeigen Schreibende als Lesende

Schulen des Lesens: Für den Band "Es ist recht sehr Nacht geworden" hat Thomas Hettche zwölf Schriftstellerinnen und Schriftsteller animiert, sich mit ästhetisch wegweisenden Texten Heinrich von Kleists, Wilhelm Raabes und Gottried Benns zu befassen.

Von Wiebke Porombka | 18.10.2022

Thomas Hettche: "Es ist recht sehr Nacht geworden"
Die von Thomas Hettche herausgegebene Essaysammlung "Es ist recht sehr Nacht geworden" vermisst die Poetologie der Moderne anhand dreier maßgeblicher Texte, die alle auf Katastrophisches reagieren. (KiWi Verlag)
Schon die Ausstattung vieler Bücher Thomas Hettches hat etwas Programmatisches: In geprägtes Leinen gebunden, zumeist ohne glänzenden Schutzumschlag, verkörpern sie ein Formbewusstsein ebenso wie einen Literaturbegriff, der sich zu einer ästhetischen Tradition bekennt. Das damit verbundene Unbehagen den Dynamiken der digitalen Kultur gegenüber konnte man in der Vergangenheit immer wieder in Hettches Essays nachlesen.
Auch der Band „Es ist recht sehr Nacht geworden“, den Hettche initiiert und herausgegeben hat, beginnt mit einer Verlustmeldung. Im heutigen Medienwandel, so Hettche im Vorwort, gehe
„das Verständnis für die Geschlossenheit eines literarischen Textes, das Wissen um seinen Traditionsraum, die Techniken seiner hermeneutischen Aneignung zunehmend verloren“.

Offenlegen ästhetischer Verfahren

Und so liegt auf der Hand: Wenn Hettche zwölf Schriftstellerkolleginnen und -kollegen wie Ingo Schulze, Olga Martynova, Felicitas Hoppe oder Durs Grünbein eingeladen hat, um über den Zusammenhang von Literatur und Modernität nachzudenken, dann geht es weniger um Zeitgeist oder Moden auf der Inhaltsebene. Stattdessen um das Offenlegen ästhetischer Verfahren, die auf je eigene Weise auf historische Umbruchssituationen reagierten – das Verfahren Heinrich von Kleists in „Das Erdbeben in Chili“, jenes von Wilhelm Raabe in der Novelle „Zum wilden Mann“, aus ihr stammt der Satz, der diesem Band den Titel gibt. Und schließlich Gottfrieds Benns Ästhetik in „Gehirne“.
Jene drei Texte sind diesem außergewöhnlich schön gestalteten Band beigegeben, nicht einfach als Anhang, sondern die Seiten sind graphisch so aufgebrochen, dass die Primärtexte mittig durch die Essays hindurchlaufen, von diesen gleichsam eingerahmt oder auch: umarmt werden.
Folgt man Hettches Vorwort oder auch dem Essay Ulrich Peltzers, dann ist literarische Modernität gekoppelt an den Modus der Katastrophe. Und das nicht etwa deshalb, weil sie eine menschengemachte Katastrophe wie den Ersten Weltkrieg, in dessen Folge Benns Novellensammlung erschien, oder eine Naturgewalt wie das Lissaboner Erdbeben aus dem Jahr 1755 erklären oder ihr einen sinnstiftenden und damit im gewissen Sinne trostspendenden Überbau verleihen würde. Im Gegenteil:
„Wir konstruieren unsere Welt in Sprache und aus Sprache, aber zugleich gibt es die Welt, sprachlos, ohne uns. Wir können sie nicht erreichen und müssen es doch. Dieses Eingeständnis macht die Modernität von Texten aus, egal wann sie geschrieben wurden.“

Moderne als Aushalten der Sinnlosigkeit

Modernität meint mithin: Das Aushaltenkönnen des Unerklärlichen, des Wechselspiels zwischen Sinn und Kontingenz. Und zugleich vermittelt uns ein moderner Text eine Ahnung von dem, was wir – noch – nicht in Worte fassen können.  So wird wiederholt in den Essays zu „Das Erdbeben in Chili“ auf das rätselhafte Ende von Kleists Novelle hingewiesen:
„Don Fernando und Donne Elvire nahmen hierauf den kleinen Fremdling zum Pflegesohn an; und wenn Don Fernando Philippen mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war es ihm fast, als müßt er sich freuen.“
Wie - so fragte etwa Aris Fioretos - kann Don Fernando denken, er müsse sich freuen angesichts dessen, was geschehen ist: Sein eigener Sohn ist gerade brutal ermordet worden, ebenso wie die Eltern von Philippe, deren verbotene Verbindung am Anfang von Kleists Novelle steht. Nicht nur das Ende von Kleists Novelle bleibt auf elektrisierende Weise beunruhigend. Ausgehalten werden muss die grundsätzliche Sinnlosigkeit von Tod und Zerstörung, der Kleist uns aussetzt. Von Transzendenz keine Spur.

Neuentdeckung Wilhelm Raabes

In der Trias Kleist-Raabe-Benn überraschen vor allem die erneuten Lektüren von Raabes „Zum Wilden Mann“, jene Novelle über den Apotheker Kristeller, dessen Existenz auf einer Jahrzehnte zurückliegenden Schenkung eines Freundes basiert und der nun, während eines nächtlichen Unwetters, Besuch von Agonista, einem – vermeintlich – Fremden bekommt. Womöglich überraschen die Relektüren Raabes auch deshalb, weil ihm - zumal zwischen Kleist und Benn -  noch immer das Etikett des bürgerlich konventionellen Erzählers anhaftet. In der dichten Lesart wie etwa von Monika Rinck aber wird immer wieder deutlich, mit welch raffinierten Erzählverfahren Raabe arbeitete und wie politisch seine dem ersten Anschein nach mit Versatzstücken des romantischen Schauermärchens operierende Erzählung war: als eine Auseinandersetzung mit kolonialistischen Verbrechen.
Ebenso unterhaltsam wie erhellend liest sich der Raabe-Beitrag von Ingo Schulze, der eine studentische Seminarszenerie entwirft, in der eine Erzählerfigur mit den Studierenden über Raabes Novelle sprechen will. Hier wird Raabes Erzählung „Zum wilden Mann“, im späten 19. Jahrhundert erschienen, sogleich bis ins 20. Jahrhundert katapultiert, indem sie eine Diskussion über die Verflechtungen von historischen Verbrechen und Kapitalismus anstößt.
„‘Man hätte Krupp enteignen müssen.‘
‚Was?‘
‚Man hätte Krupp enteignen müssen. Und Agonista nicht mit Geld für seine teuflischen Unternehmungen ausstatten. Dorette hätte es verhindert.‘
‚Aber mal andersherum‘, sage ich. ‚Es gibt bestimmt etliche vernünftige Regierungen, die es sehr begrüßen würden, wenn sich Unternehmer wie Agonista in ihrem Land ansiedeln und den Kristeller zu einer Weltmarke machen.‘
‚Ist es nicht unheimlich, dass man mit Kriegsgerät Profit macht? Ob nun vier Prozent oder vierzig?‘
‚Das ist aber nicht unser Thema….‘, sage ich, gewillt, unser Gespräch zu beenden.
Sie lachte kurz auf, ohne mich anzusehen. Dann schwang sie ihren Rucksack auf die Schulter.“

Rückschlüsse auf die eigenen Poetologien

Gottfried Benn, der mit den Nationalsozialisten mindestens in deren frühen Jahren sympathisierte und der sich nach dem Ende des 2. Weltkriegs aus der eigenen Schuld hinausaustaktierte, ist zweifelsohne die ambivalenteste der in diesem Band betrachteten Schriftstellerfiguren. Und wohl auch dieser Ambivalenz ist geschuldet, dass sich in den Aufsätzen, die sich mit Benns Novellensammlung beschäftigen, die ästhetischen Auseinandersetzungen am schwächsten ausfallen und immer wieder, am deutlichsten im Essay des Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuß, durch moralische Reflexionen über Benns politisches Lavieren ersetzt werden.
Ohnehin gehört zum Wesen von Sammelbänden die Heterogenität der Beiträge. Vielleicht muss man das in diesem Fall gar nicht als schwankende Qualität der Essays begreifen. Stattdessen kann man sich über die so unterschiedlichen Zugriffe als kleine Schulen des Lesens freuen. Genauso wie darüber, dass die Essays, indem sie die Schreibenden als Lesende zeigen, nicht nur Einsichten in Kleist, Raabe und Benn eröffnen, sondern vor allem Einblicke geben in die jeweils eigene Poetologie der Beiträger und Beiträgerinnen.
Thomas Hettche (Hg.): „Es ist recht sehr Nacht geworden. Kleist. Raabe. Benn. Essays“
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 336 Seiten, 24 Euro.