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StartseiteBüchermarktWer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer. Gedichte aus dem Nachlass05.02.2003

Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer. Gedichte aus dem Nachlass

Suhrkamp, 199 S., EUR 16, 90

"Gruß und Gedenken - einem toten Freund" - so beschließen die Herausgeber, die einstige Lebensgefährtin Katharina Thalbach und der Literaturkritiker Fritz J Raddatz, ihr Nachwort. Die Verbundenheit mit Thomas Brasch bildet den Leitfaden dieser Edition, die - wie beide betonen - wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen möchte. Der Band ist gegliedert nach Zitaten, die den Gedichten entnommen sind und wie ein eindringliches Vermächtnis wirken: "Das ist dein Blut, das ich trinke", "Der Dichter im Viereck"; "Dein Lieben macht mich allein"," Tanz gegen die Uhr". Im Wesentlichen sind lyrische Texte versammelt, die Thomas Brasch für die Veröffentlichung freigeben wollte, die aber noch in vielen Fällen überarbeitet worden wären.

Dieser Rohzustand des Nachlasses stört indes keineswegs. Die dadurch gewonnene Nähe ist überall spürbar. Die Unfertigkeit dürfte aber auch einer Poesie geschuldet sein, die allem widerspricht, was als vollendet und klassisch gilt. Der Autor wollte und konnte Leben und Kunst nie voneinander trennen. Das klingt wie ein schwerer unzeitgemäßer Satz. Auf Thomas Brasch traf er zu. Um ihn war es allerdings still geworden in den letzten Jahren vor seinem Tod. Einst ein gefeierter Prosaist, Theater- und Drehbuchschreiber begnügte er sich zuletzt mit Übersetzungen von Shakespeare Stücken. Gerade diese Abstinenz im öffentlichen wirken weckt das Interesse an den Gedichten. Lassen sie sich deuten als Zeugen einer inneren Sammlung, einer Wandlung oder eines resignierenden Verstummens? Leider sind die Texte weder datiert, noch in eine chronologische Ordnung gebracht. Und doch hat man den Eindruck, einer Entwicklung zuzusehen - dem bitteren Weg eines deutschen Dichters:

Jetzt ist B./ berühmt. Jeder kennt ihn. Er ist/ bekannt und wird schon vermißt/ Keiner gibt ihm mehr die Hand/ jetzt ist er schon wieder unbekannt.

Das sind Zeilen aus einem der vorliegenden Gedichte. Es könnte zu einem Zeitpunkt entstanden sein, als Thomas Brasch noch in den Schlagzeilen war, aber schon spürte, dass er daraus bald verschwinden würde.

Thomas Brasch : ein deutsches Poetenschicksal. Er gehörte für wenige Jahre zu jener Spezies, die Gottfried Benn einmal den Phänotyp der Stunde genannt hat. Einer, den die Literatur -Agenten suchten wie die Motten das Licht. Aber Brasch war auch der eigentliche Verlierer unter den Grenzgängern zwischen Ost und West, einer der sich bedingungslos auf einen historischen Augenblick einließ, ein "child in time", gebunden, vielleicht gar gefesselt an die großen emotionalen Entwürfe eines Jahrzehnts.

Das Schlimmste war mir nicht das Sterben/ Viel schlimmer ist lebendig zu verderben.

Das schreibt jemand, der in kollektiven Träumen gebadet hat:
better to burn than to fade away: - an den Song von Neil Young aus den siebziger Jahren denkt man bei Thomas Brasch mehr als bei irgendeinen anderen Schriftsteller hierzulande. 1977 nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns, mit großem Getöse im bundesrepublikanischen Kulturbetrieb aufgenommen, stellte sich bei ihm schon bald Ernüchterung ein. In die neue Gemengelage kultureller Befindlichkeiten passte der anarchische Gestus des ehemaligen Dissidenten und DDR-Staatsfeindes einfach nicht mehr hinein. Und als in den neunziger Jahren die Geschichte zurückkehrte, blieb es einmal mehr die der Sieger und einer gehärteten Ordnung. Noch einmal wurden die DDR Dichter von einst auf den Markt getrieben und dort segmentiert: Der Sänger Wolf Biermann gab fortan den Archivar seiner selbst, Christa Wolf sammelte ihre Kräfte neu in der Fremde, geschickte Jungdichter wie Durs Grünbein stießen in die Lücken und Nischen neobürgerlichen Begehrens vor - und einer, so nah er dem Dichter Thomas Brasch auch schien, blieb ihm weiterhin fern: Heiner Müller:

Anders als andere Dichter hat er nichts / Zu geben. Seine Stücke sind blitzende harte Messer / In die blaue Luft gestossen. Es fällt kein Blut / Und die Sonne spiegelt sich auf dem Metall.

Zu dieser unblutigen Kälte mochte sich Thomas Brasch nicht bekennen. Und wenn auch Heiner Müller zuletzt selbst zum Verstummen neigte, so geschah dies doch im erhabenen Habitus des Klassikers, des rätselhaften Magiers. Thomas Brasch hingegen ist zu Recht mit dem ewig rastlosen Heinrich von Kleist verglichen worden. Wie dieser stand er unter dem Bann eines radikalen entweder - oder. Und immer enger zog sich bei beiden Dichtern die Schlinge um den Hals, bis ihnen die Welt in die Ferne rückte, allein durch eine Firnis wahrnehmbar - schließlich standen sich in Leben und Werk nur noch zwei gegenüber: Mann und Frau, getrennt und doch ineinander verkrallt.

Viele der späten Gedichte von Thomas Brasch sind dunkle Liebes- und Kampfgedichte, sie schlagen die letzten Schlachten der Moderne:

Es ist so schwer unter deinen Küssen/ dich noch lieben zu können und schon hassen zu müssen.

Andere Gedichte wirken hingegen wie Kindertotenlieder die nach Vertonung rufen - Sie gelten einem Kind mit greisem Gesicht, das zu viel weiss und daran stirbt.

Gute Nacht, ihr dunklen Flüsse/ich geh nun langsam fort/ und euer nahes Rauschen sei mir ein Abschiedswort./ Gute Nacht ihr fernen Winde/ ich bin schon fast vorbei/ und euer kühles Wehen/ ein Weggefährt mir sei.

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