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Werner Egks umstrittene Oper
"Peer Gynt" aus der Versenkung geholt

Der Komponist Werner Egk gilt als Mitläufer des Nazi-Regimes. Seine Oper "Peer Gynt" hat ebenfalls einen zweifelhaften Ruf, gefiel sie doch Adolf Hitler, obwohl in dem Werk viele von den Nazis verpönte Musikstile aufgegriffen wurden. Peter Konwitschny inszeniert nun die Oper im Theater an der Wien.

Von Reinhard Kager | 20.02.2017
    Der Komponist und Dirigent Werner Egk 1963 in seinem Haus in Lochham bei München am Flügel.
    Der Komponist und Dirigent Werner Egk im Jahr 1963 (picture-alliance / dpa - DB)
    Eine Oper, die gelegentlich tönt wie eine musikalische Revue der 1930er-Jahre; ein Komponist, dessen Nähe zum Nazi-Regime seit Langem bekannt war: Ist es nicht problematisch, "Peer Gynt" heute wieder aufzuführen, lautete folglich die erste Frage an den Regisseur Peter Konwitschny:
    "Für mich ist das ein bisschen schwierig. Ich bin ja im Januar 1945 geboren und ich habe das nicht mehr erlebt, diese Not, in der ja alle Menschen letztlich waren, in der Not bei sich zu bleiben, in der Not die Wahrheit zu sagen. Aber ich will mal umgekehrt sagen: Wie ist es denn dann mit Wagner? War das nun ein Wegbereiter für Hitler? Also das finde ich albern."
    Egk hat sich an die nationalsozialistischen Machthaber angebiedert
    Natürlich wäre es töricht, Wagners Opern nicht mehr zu spielen, bloß weil die Nazis sie später ihrer Ideologie einzuverleiben suchten. Werner Egk hingegen hatte sich – etwa mit einem "Marsch der Deutschen Jugend" – stark angebiedert an die nationalsozialistischen Machthaber. Die Oper "Peer Gynt" ist allerdings völlig frei von solchen Kampfliedern.
    Es ist, ganz im Gegenteil, eher überraschend, dass Hitler ausgerechnet dieses Stück gefiel. Denn Egk bediente sich darin vieler im Nazi-Deutschland verpönter Musikstile: Immer wieder ist der kantige Tonfall der Musik Kurt Weills hörbar, und im fünften und sechsten Bild finden sich Elemente jazzig angehauchter Unterhaltungsmusik, auch Tänze wie Charleston und Tango.
    Egks bunte Stilmelange fügt sich jedoch trotz ihrer pastos-spätromantischen Grundierung nicht zu einem dramaturgisch schlüssigen Ganzen. Obwohl "Peer Gynt" durchkomponiert ist, bestimmt eine Folge von Nummern das Stück, die aufgrund ihrer musikalischen Heterogenität revueartig abgespult werden.
    Gynt in der Inszenierung zunächst ein Außenseiter
    Dementsprechend grell bringt Peter Konwitschny die Oper auf die Bühne. Für ihn ist der tagträumend auf vorbeiziehende Videowölkchen blickende Peer Gynt zunächst ein gesellschaftlicher Außenseiter, der gleich in der ersten Szene von der Dorfgemeinschaft kräftig vermöbelt wird.
    "Er hat das Pech, dass die Mutter ihn in gewisser Weise zu sehr geliebt hat, so dass er gewisse Grenzen einzuhalten, nicht gelernt hat. Das ist wiederum die Voraussetzung, dass er eben grenzenlos ist in seinem Anspruch. Und jetzt gehörte eine Gesellschaft dazu, die diese positiven Kräfte in ihm fördert. Aber das ist eben eine dumme Gesellschaft, eine ungebildete – die wissen gar nicht, was sie an ihm hätten."
    Peer Gynt passt sich auf seinen Abenteuerreisen allerdings rasch an die herrschende Geldgier an. Das Reich der Trolle, in das er flüchtet, entpuppt sich in Konwitschnys kapitalismuskritischer Inszenierung als unsere heutige Konsumwelt: kaufwütige Kids in bunten T-Shirts räumen ein Warenhaus leer, um sich danach vor einem riesigen TV-Schirm zu laben. Wenig später wird auch Peer – brillant dargestellt von Bo Skovhus – mit einem Schiff voller Schätze vor Anker gehen.
    Den Gegenpol zu dieser skrupellosen Konsumgesellschaft bildet die bei Konwitschny blinde Solveig, die von einem Mädchen durch das Szenario geführt wird.
    "Die Problematik zwischen Frauen und Männern ist nach 5.000 Jahren dieser patriarchalischen Zivilisation angewachsen, und zwar scharf angewachsen. Und ich kann das als Regisseur schon zeigen, dass das wert ist aufgehoben zu werden, diese Rollenzuteilung: der wandernde Mann und die wartende Frau."
    Doppelrolle für Maria Bengtsson
    Bei Egk gleichsam ein erlösendes Gretchen, bricht Konwitschny die moralisierende Funktion der auf Peer wartenden Solveig, indem er der makellosen Sopranistin Maria Bengtsson eine Doppelrolle zuteilt: Sie singt nicht nur Solveigs sanfte Kantilenen, sondern auch die spitzen Töne der Rothaarigen, die Peers Gürtel zückt, mal um ihn zu strafen, mal um seine Lust zu wecken.
    Als Konwitschny im Finale die weibliche Doppelrolle als zweifelhafte männliche Projektion entlarvt – die Frau als Heilige und Hure –, versinkt diese Sequenz leider im Kitsch von Egks süßlicher Musik.
    So war all der szenische Aufwand umsonst und konnte eine oberflächliche und den Gehalt von Ibsens Theaterstück stark verkürzende Oper nicht retten. Da nutzten auch Leo Hussains manchmal etwas zu wuchtig geratene Interpretation mit dem RSO Wien und eine beachtliche Ensembleleistung wenig. Immerhin waren einige unterhaltsame Momente dem geheimen Glanzstück des Abends zu danken: Dem wunderbar spielfreudigen Arnold Schoenberg Chor, der die aggressive Dorfgemeinde ebenso überzeugend verkörperte wie die konsumwütigen Trolle.