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StartseiteInterviewWHO: Vogelgrippe darf nicht auf Haustierbestände überspringen16.02.2006

WHO: Vogelgrippe darf nicht auf Haustierbestände überspringen

Auch nach den ersten Vogelgrippefällen in Deutschland sieht Klaus Stöhr, Leiter des weltweiten Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gute Chancen, ein Übergreifen der Seuche auf Haustierbestände verhindern zu können. Durch eine konsequente Umsetzung der Stallpflicht für Hausgeflügel würde das Risiko auf ein Minimum reduziert, sagte Stöhr.

Ein Huhn sitzt auf seiner Stange in einem Stall in Dietramszell. (AP)
Ein Huhn sitzt auf seiner Stange in einem Stall in Dietramszell. (AP)

Heinlein: Keine Panik!, die Bundesregierung mahnt zur Ruhe, doch die rasante Ausbreitung der Vogelgrippe jetzt auch in Deutschland sorgt für Alarmstimmung in Berlin. Die Krisenstäbe sind zusammen getrommelt, Notfallpläne längst ausgearbeitet und heute wird der zuständige Minister, Horst Seehofer, eine Regierungserklärung abgeben. Am Telefon begrüße ich nun Klaus Stöhr, Leiter des Influenzaprogramms der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Stöhr: Schönen guten Morgen.

Heinlein: Herr Stöhr, kein Grund zur Panik. Sehen Sie das auch so?

Stöhr: Ja, man muss die Sache hier wirklich mit der gebotenen Distanz betrachten. Die Tierseuche, und das ist es nun mal, hat sich sehr schnell, höchstwahrscheinlich über Wildvögel von Asien nach Osteuropa dann nach Afrika und nun nach Zentraleuropa ausgebreitet. Aber von den Wildvögeln ist sie ja noch nicht, und wir hoffen ja auch dass das so bleibt, auf Hausgeflügel übergesprungen, in Zentraleuropa. Mit der richtigen Vorbeuge kann man das sicherlich auch verhindern. Zumindest das Risiko minimieren und was ganz wichtig ist, es besteht überhaupt kein Risiko was die Lebensmittel betrifft. Wie gesagt, es ist eine Wildtierseuche. Wir wissen noch nicht genau, wie das Virus sich ausbreitet, sicherlich über Zugvögel, aber man kann die Seuche sicherlich jetzt aus den Hausgeflügelbeständen raushalten, wenn man sich richtig vorbereitet.

Heinlein: Aber genau das, Herr Stöhr, ist ja offenbar der kritische Punkt, denn die infizierten Schwäne auf Rügen sind ja keine Zugvögel, sondern sie haben auf der Insel Rügen überwintert. Gibt es eine Erklärung, wie sie dennoch sich mit dem Virus haben infizieren können?

Stöhr: Ja, es gibt viele Spekulationen, aber keine handfesten wissenschaftlichen Ergebnisse. Die wahrscheinlichste und plausibelste Erklärung ist sicherlich die, dass Zugvögel, die wir noch nicht identifiziert haben, den Erreger gegenwärtig mit sich tragen und dann solche Indikatortiere wie Schwäne oder Habichte dann davon betroffen werden, die sehen wir dann, aber was da im Hintergrund abläuft bei den Zugvögeln, das ist noch ungewiss. Entscheidend ist, und deswegen ist es auch wichtig, dass die Forschung weiter läuft, und das Institut wie das Institut Riems und andere unterstützt werden, ist, dass man, wenn man die Wildvögel raus hält aus den Haustierbeständen, sicherlich den entscheidenden Schritt tut. Deswegen macht die Stallpflicht sicherlich Sinn und macht es auch Sinn, dass Leute halt sich fern halten von Wildvögeln, dann ist das Risiko weiterhin ganz minimal.

Heinlein: Was ist denn die richtige Vorsorge, Herr Stöhr, damit die Infektion von Nutztieren, also von Hühnern, Gänsen und Enten tatsächlich verhindert werden kann. Genügt da allein die Stallpflicht?

Stöhr: Ja, viel mehr haben wir ja eigentlich nicht. Man muss hier ja auch objektiv sein. In das Geschehen bei Wildtieren einzugreifen ist außerordentlich kompliziert. Wir haben auch noch ein unvollständiges Wissen, was eigentlich nun bei den Wildtieren abläuft. Welche Tierarten hier eine Rolle spielen, wann ziehen die, warum ist die Infektion jetzt schon da, eigentlich hat die Zugvogelsaison noch gar nicht eingesetzt. Aber letztendlich ist das Instrument was wir haben, das Unterbrechen der Infektkette, das kann man erreichen, indem man die Wildvögel von den Haustieren fern hält, gute Labordiagnostiken, aufmerksame Bevölkerung und sicherlich auch ein bisschen kühles Blut, ist hier jetzt ganz wichtig.

Heinlein: Also, wenn ich Sie richtig verstehe, hat die Geschwindigkeit der Ausbreitung von Ost nach West, also hier jetzt nach Deutschland, auch Sie überrascht.

Stöhr: Ich glaube, das hat wohl alle überrascht. Wir wussten ja im Prinzip bis vor einem Jahr überhaupt noch nicht, dass Wildvögel überhaupt nicht nur betroffen sein können, sondern auch den Erreger auf die eine oder andere Art auch länger in dieser Wildtierpopulation halten können und dann über diese großen Entfernungen transportieren. Der Erreger hat in den letzten zehn Jahren schon einige Überraschungen für uns parat gehabt und da wird sicherlich auch noch einiges auf uns zukommen.

Wichtig ist jetzt, diese zwei Dinge auseinander zu halten, wir haben es mit einer Tierseuche zu tun, die kann man, selbst wenn sie in die Haustierbestände kommt, auch bekämpfen. Das kostet viel Geld, viel Aufwand, man hat es geschafft in Deutschland, auch in den Niederlanden, Italien, als die Seuche da war, vor einigen Jahren, oder Jahrzehnten, dreißig Millionen Stück Geflügel mussten geschlachtet werden in den Niederlanden, aber man kann damit fertig werden. Es kostet halt nur viel Geld und wirklich unheimlichen Aufwand. Und das zweite, was wichtig ist, sich auf eine Pandemie vorzubereiten, falls das Virus, was es ja glücklicherweise noch nicht hat, sich verändert, dann muss man vorbereitet sein, dass man die Menschen ausreichend schützen kann.

Heinlein: Wie gut ist man denn vorbereitet in Deutschland, auf eine mögliche Pandemie?

Stöhr: Solche Influenzapandemien sind schwer vorhersagbare weltweite Ausbrüche von neuen Influenzaviren. Ja, man kann sich auf so was nur langfristig vorbereiten und sicherlich wird das nie ideal sein. Man wird sich immer da nur annähern können. Wichtig ist, dass Medikamente bevorratet werden, dass man sicherlich über Impfstoffe nachdenkt und dass vor allen Dingen die Krankenhäuser in er Lage sind, mit der großen Anzahl der Patienten, die dann mit Atemwegserkrankungen kommen, auch, dass man die behandeln kann.

Deutschland ist sicher in einer weltweit in einer vorzüglichen Situation. Zweihundertfünfzig Länder und Territorien gibt es und von denen haben weniger als fünfzig überhaupt Pandemiepläne. Deutschland hat sich über die Bevorratung von Medikamenten Gedanken gemacht, hier ist einiges im Gange, was Impfstoffe betrifft ist Deutschland vielleicht sogar in der besten Situation weltweit. Man hat hier Verträge in der Bearbeitung, dass Impfstoffe innerhalb von einigen Monaten zu Verfügung stehen, davon können andere Leute, andere Länder nur träumen. Und sicherlich auch die Pandemieplanung insgesamt in den Ländern geht voran.

Heinlein: Herr Stöhr, aus Asien hieß es immer es gibt eine engen Zusammenhang zwischen Armut, Unwissenheit und mangelnder Hygiene, die die Ausbreitung der Vogelgrippe in diesen Ländern, in Asien, befördern. Hier in Deutschland sind die Umstände ja ganz anders, ist das ein gutes Zeichen, dass die Ausbreitung in Deutschland tatsächlich verlangsamt oder gar verhindert werden kann?

Stöhr: Ja, wir spekulieren natürlich viel. Aber die Infrastruktur ist viel besser. Seuchenerkennung, Seuchenüberwachung hängt viel von der Aufmerksamkeit in der Bevölkerung mit zusammen. Natürlich auch die Ressourcen innerhalb der Tierproduktion sind ganz anders, also man kann hier optimistisch sein, vorsichtig optimistisch, selbst wenn die Seuche einbricht, wird man sicherlich damit fertig werden. Aber das wird sehr teurer werden, auf jeden Fall und wird einige Zeit dauern. Wichtig ist jetzt auch den kühlen Kopf zu bewahren, Lebensmittelsicherheit ist gewährleistet. Es ist gegenwärtig noch eine Tierseuche. Man muss jetzt verhindern, dass sie auf die Haustierbestände überspringt und natürlich sich langfristig auf eine Pandemie vorbereiten.

Heinlein: Der Leiter des Influenzaprogramms der WHO, Klaus Stöhr, heute morgen hier im Deutschlandfunk.

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