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StartseiteCampus & KarriereWickeln statt Diktat11.08.2011

Wickeln statt Diktat

Familiäre Qualifikationen in der Schule erlernen

Der Familienforscher Wasilios Fthenakis unterstützt eine Pädagogik, die auf die Interaktion der Kinder untereinander und die Interaktion der Kinder zu den Erwachsenen setzt. Er vertritt die Auffassung, dass familiäre Kompetenzen in Austausch mit anderen erlernt werden.

Wasilios Fthenakis im Gespräch mit Manfred Götzke

Ein Vater wickelt seinen zweijährigen Sohn Michel auf einer Wiese in Erfurt. (AP)
Ein Vater wickelt seinen zweijährigen Sohn Michel auf einer Wiese in Erfurt. (AP)
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Manfred Götzke: Wollen die Deutschen aussterben? Schaut man sich die Geburtenstatistiken an, ist die Frage gar nicht mal so abwegig: In keinem anderen Land in Europa kommen so wenig Kinder zur Welt wie hier. Das ist schon seit Jahren so, und auch so moderne Elternsubventionen wie das Elterngeld und die Vätermonate ändern daran so gut wie gar nichts. Der Familienforscher Wasilios Fthenakis sagt deshalb, man muss ganz woanders ansetzen, um die Kinderfreundlichkeit der Deutschen zu fördern: im Bildungssystem nämlich. Herr Fthenakis, Sie fordern, dass Kinder familiäre Qualifikation in der Schule erwerben. Was meinen Sie damit, Wickelkurs im Sozialkundeunterricht?

Wasilios Fthenakis: Also ich muss voraussetzen, dass wir während der letzten Jahrzehnte eine Verschiebung der Koordinaten im Familiensystem beobachten. War nach dem Krieg die Eltern-Kind-Beziehung die zentrale Dimension des Familiensystems, so ist es gegenwärtig die Qualität der Partnerschaft. Das verändert natürlich eine Menge und vor allem den Wunsch nach Kindern, denn bei dem alten Modell des 20. Jahrhunderts war das Kind die Hauptmotivation, um eine Beziehung und eine Ehe einzugehen. Heute ist das die Maximierung des individuellen Glücks in der Beziehung, und das Kind kann kommen, muss aber nicht. Wenn wir jetzt hier etwas ändern möchten, müssen wir genau das stabilisieren, worauf die Menschen setzen, nämlich die Qualität der Partnerschaft. Denn wir wissen zum Beispiel aus der Forschung, dass die Einstellung des Mannes zu einem weiteren Kind wesentlich mit der Qualität der Partnerschaft zusammenhängt. Und hier sehe ich im Grunde genommen nur einen Weg: das Bildungssystem zu reformieren, so, dass es nicht nur für die berufliche Laufbahn des Kindes, unsere Schüler vorbereitet, sondern für das gesamte Leben.

Götzke: Wie könnte das denn konkret aussehen im Unterricht?

Fthenakis: Sehen Sie, wenn Sie Kinder erziehen, dann ist es sehr wichtig, mit ihnen früh die metaemotionale Kompetenz zu entwickeln. Diese Kompetenz etabliert sich in den ersten fünf, sechs Jahren, und sie besagt etwas über unsere Fähigkeit, die emotionale Situation eines anderen angemessen wahrzunehmen, um auch darauf zu reagieren. Wenn wir diesen Schwerpunkt nicht haben, bereiten wir die Jungen und Mädchen nicht angemessen vor, die Qualität der Partnerschaft entsprechend auch zu gestalten.

Götzke: Das klingt nach purer Psychologie, Herr Fthenakis. Wie kann das denn im Unterricht umgesetzt werden?

Fthenakis: Das ist nicht eine Frage des Unterrichts, das ist eine Frage der Neuorganisation der Bildungsprozesse. Wir wissen, dass es im Kindergarten und in der Grundschule - für die Bereiche habe ich gearbeitet - wunderbar geht. Also wir müssen nicht auf den Stoff, sondern auf die Qualität der Beziehung der Kinder mit den Fachkräften setzen.

Götzke: Wie kann das denn verändert werden? Das sind ja sehr, sehr hohe ideelle Ansprüche, die Sie da vorschlagen.

Fthenakis: Nein, das sind keine ideellen Ansprüche, das ist Bestandteil der internationalen Bildungspläne. Andere Länder haben das bereits schon längst im System etabliert. Wir müssen hier nachholen. Und wie gesagt, das ist bereits erprobt. Es gilt eben, konsequent diesen Weg zu gehen.

Götzke: Wie soll oder wie kann diese neue Pädagogik aussehen, die Sie vorschlagen?

Fthenakis: Die Pädagogik, die wir vorschlagen, ist eine Pädagogik nicht des Einzelkindes, sondern Pädagogik, die auf die Interaktion der Kinder untereinander und die Interaktion der Kinder zu den Erwachsenen setzt. Wir vertreten die Auffassung, dass diese Kompetenzen nicht individuell entwickelt werden, sondern in Interaktion, in Dialog, in Austausch mit anderen. Und hier kann man diesen Dialog so gestalten, dass die Kinder gestärkt da rauskommen.

Götzke: Sie haben es vorhin schon gesagt: Kinder sind heute nur noch eine Option unter vielen. Liegt das denn tatsächlich nur am Bildungssystem oder an der Veränderung in der Gesellschaft insgesamt?

Fthenakis: Nein, wir wissen, dass der Kinderwunsch und das generative Verhalten ein multifaktorielles Verhalten ist. Insofern kann das nicht allein über ein System geregelt werden. Das haben auch die bisherigen Maßnahmen deutlich gezeigt. Wenn man einseitig an dieses Phänomen herangeht, kann man nicht erwarten, dass sich viel bewegt. Aber das Bildungssystem spielt gegenwärtig eine entscheidende Rolle, und das haben wir bislang nicht angemessen gewürdigt und nicht angemessen berücksichtigt.

Götzke: In Deutschland, vor allem im Westen Deutschlands, muss man sich ja heute oft entscheiden, zumindest eines der Elternteile: Entweder Kinder oder Karriere, meine beruflichen Perspektiven weiterentwickeln, weil es immer noch so gut wie keine Ganztagsbetreuung gibt. Könnte man das Problem ganz praktisch nicht mit richtigen Ganztagskitas lösen?

Fthenakis: Also wir müssen wissen, dass auf diese Maßnahmen die Kinder sehr unterschiedlich reagieren. Es gibt Kinder, die sehr gerne dort hingehen und davon profitieren, es gibt Kinder, die, wenn sie veranlasst werden, den ganzen Tag außerhalb der Familie zu verbringen, möglicherweise auch ihre Probleme bekommen. Hier müssen individuelle Entscheidungen getroffen werden. Aber generell muss eine Politik entwickelt werden, die diese Rahmenbedingungen für die Familie optimiert und dann der Familie überlässt, ob sie davon Gebrauch machen kann.

Götzke: Herr Fthenakis, herzlichen Dank für das Interview!

Fthenakis: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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