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StartseiteHintergrundDas Ende der "Weißen Rose"18.02.2018

Widerstandsgruppe um Geschwister SchollDas Ende der "Weißen Rose"

Sie nannten sich die "Weiße Rose": die Geschwister Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf. Mitte 1942 gingen sie zum aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus über, prangerten Krieg und NS-Verbrechen in Flugblättern an - das letzte verteilten sie am 18. Februar 1943.

Von Otto Langels

Hans und Sophie Scholl, Gründer und Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" an der Münchner Universität (undatierte Fotos). (dpa / Fotoreport)
Hans und Sophie Scholl - erst Studenten, dann Widerstandskämpfer (dpa / Fotoreport)
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"In einem der Flugblätter steht: Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um Euer Herz gelegt. Entscheidet Euch, ehe es zu spät ist."

Inge Aicher-Scholl erinnerte nach dem Krieg unermüdlich an die Protestaktionen ihrer Geschwister Hans und Sophie. Diese gehörten zu der Gruppe junger Studenten, die unter dem Namen "Weiße Rose" zum Widerstand gegen das NS-Regime aufgerufen hatten. Hans und Sophie Scholl, 1918 beziehungsweise. 1921 geboren, stammten aus einem bürgerlich-liberalen Elternhaus und waren im "Dritten Reich" christlich erzogen worden.

"In dieser Zeit hat das Christentum eine so enorme Rolle gespielt. Da hat nicht mehr die Humanität und die Gerechtigkeit ausgereicht, um durchzuhalten. Da brauchte man einen ganz starken Glauben, das haben wir gebraucht."

"Es heißt aber natürlich nicht, dass die von allem Anfang an im Elternhause widerständiges Verhalten erlernt hätten."

 ... erklärt der Historiker Wolfgang Benz, langjähriger Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung.

"Sowohl Sofie wie Hans Scholl waren begeistert in der Hitlerjugend und im BDM aktiv. Und sie waren ganz normale, auch national begeisterte junge Leute, denen nur allmählich die Augen aufgingen. Das waren Kinder aus bestem Hause, das war Bildungsbürgertum, das waren wohlerzogene, hochgebildete junge Leute, die die Begabung zur sozialen Zuwendung an andere hatten."

Zunächst empfänglich für die Begriffe des NS-Regimes

Beide waren zunächst empfänglich für das Gerede von Volksgemeinschaft und Kameradschaft, wandten sich aber schon bald vom Nationalsozialismus ab. Hans Scholl gründete 1936 in Ulm eine eigene, am Wandervogel orientierte Jugendgruppe und kam kurzzeitig in Gestapohaft, weil er seine homosexuellen Neigungen mit einem jungen Freund ausgelebt hatte. Aber er hatte Glück, das Sondergericht wertete die Beziehung als "jugendliche Verirrung" und sprach ihn frei.

1939 begann er ein Medizinstudium an der Münchner Universität und lernte dort Alexander Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf kennen. Die vier jungen Medizinstudenten sowie Sophie Scholl, die nach einer Ausbildung zur Kindergärtnerin in München Biologie und Philosophie studierte, bildeten den Kern der "Weißen Rose". Hinzu kam der Hochschullehrer Kurt Huber, mit dem die Gruppe philosophische und politische Fragen diskutierte. Jürgen Wittenstein, Studienkollege von Alexander Schmorell, schloss sich später der "Weißen Rose"an.

Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v.l.n.r.) von der Münchner Widerstandsbewegung "Weiße Rose" (AP Archiv)Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst lernten sich an der Münchner Universität kennen (AP Archiv)

"Die 'Weiße Rose' war nichts als eine Gruppe von jungen Studenten mit den gleichen Interessen, hauptsächlich kulturell, Musik, Kunst, Literatur, Philosophie, die zusammenkamen und sich über diese Themen und Probleme unterhalten haben. Aber es war, bis der Krieg anfing, nichts als eine Freundesgruppe mit denselben Interessen."

Durch den Krieg zum Widerstand

Um die Gruppe entstand ein erweiterter Kreis von Mitwissern und Unterstützern, darunter 17-, 18-jährige Schüler. Manche waren langjährige Freunde. Dieses Umfeld, man würde sie heute als Sympathisanten bezeichnen, leistete logistische Hilfe. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs radikalisierte sich dann die Kritik der Gruppe am Nationalsozialismus. Wolfgang Benz:

"Verdichtet hat sich das dann von der oppositionellen Haltung zum Widerstand nach dem Dienst an der Ostfront von Hans Scholl und seinen Freunden als Sanitätssoldaten. Da wurde ihnen klar, wie dieser Krieg geführt wurde, und jetzt waren sie im Widerstand."

"Erst als wir dann erfuhren, was wirklich geschah, was mit den Juden passierte, was mit den Polen passierte, wie die Kriegsgefangenen behandelt wurden, wurde es immer klarer, dass diese Regierung beseitigt werden müsse."

...erinnert sich Jürgen Wittenstein. Im Sommer 1942 ging die Gruppe zum öffentlichen Protest über. Am 27. Juni erschien das erste Flugblatt, verfasst von Alexander Schmorell und Hans Scholl, vervielfältigt in geringer Auflage, per Post adressiert an Personen aus dem Bekanntenkreis.

"Nichts ist eines Volkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique 'regieren' zu lassen. Und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? Wir bitten Sie, dieses Blatt mit möglichst vielen Durchschlägen abzuschreiben und weiter zu verteilen!"

Jürgen Wittenstein: "Man konnte nicht ins Postamt gehen und 100 Briefmarken kaufen, warum braucht ein normaler Mensch 100 Briefmarken? Vervielfältigungsapparate zu bekommen war praktisch unmöglich, wenn man nicht irgendeine offizielle Funktion hatte. Und deswegen wurden die ersten Flugblätter auf der Schreibmaschine getippt, mit Durchschlagpapier, sechs bis sieben pro Seite."

Massenmord an den Juden schon früh erkannt

Die Flugblätter waren angereichert mit Bildungsgut, versehen mit Zitaten von Goethe und Schiller, appellierten an Anstand und sittliche Gefühle und riefen zum Widerstand gegen das Unrechtsregime auf. Der Historiker Wolfgang Benz:

"Die Auflagen waren winzig. Wenn man sich vorstellt, diese Flugblätter sind mit Wachsmatrizen hergestellt worden, die wurden in einen Hektografierapparat eingespannt und nach 100, 120 Exemplaren war die Matrize verbraucht. Die Auflagen waren klein, das war so in den Hunderten und nicht mehr."

"Flugblatt Nr. 2. Unterstrichen: '300.000 in diesem Land auf bestialische Art ermordet worden sind!'"

Franz Josef Müller, ein Bekannter und Unterstützer der Geschwister Scholl aus Ulm, zitierte Jahrzehnte nach dem Krieg aus den Texten der "Weißen Rose", um auf die Hellsichtigkeit der Gruppe hinzuweisen. Früher als andere Widerstandsgruppen habe die 'Weiße Rose'von der "Ausrottung von Menschen" gesprochen und namentlich den Massenmord an den Juden erwähnt.

"'Deutsche, wollt ihr und eure Kinder dasselbe Schicksal erleiden, das den Juden widerfahren ist?' Daraus wird dann abgeleitet, entscheidet euch jetzt sofort, zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, sonst wird es euch ans Leder gehen.'"

Zu den Ulmer Helfern gehörte - neben Franz Josef Müller - Susanne Hirzel:

"Die Sophie Scholl kannte ich von ihrem 14. Lebensjahr ab, wir waren befreundet bis zuletzt."

Franz Josef Müller: "Ich kannte die Sophie Scholl und den Hans Scholl vom Sehen. Hans Scholl kannte ich von früher als Hitlerjugend-Führer, aber einer, der eben anders war."

Susanne Hirzel: "Sie hat gesagt, ich muss etwas machen, sonst bin ich mitschuldig. Und sie hat mir erzählt, dass sie vorhaben, Flugblätter zu drucken, und diese Flugblätter wollten sie verteilen."

Franz Josef Müller: "Sophie Scholl hat meinem Schulkameraden Hans Hirzel die Flugblätter gebracht, und zwar eine ziemliche Menge, von München, und hat gefragt, ob er die verbreiten kann. Und der Hans fragte mich, ob ich da mitmachen wolle. Und da sage ich, ja wie, was?"

Franz Josef Müller, damals 18 Jahre jung, besorgte Briefumschläge aus dem Büro seines Vaters. Anschließend suchten er und Hans Hirzel, der Bruder Susanne Hirzels, Sohn eines Ulmer Pfarrers, nach einem geeigneten Ort, um ungestört die Flugblätter eintüten zu können:  

"Und dann sagte er, das könnten wir hinter der Orgel der Martin-Luther-Kirche machen. Und da hatten wir auch eine alte Schreibmaschine, und er schrieb, und ich diktierte. Und da hat dann die Susi Hirzel, die auch mitgemacht hat, hat ein Adressbuch aus Stuttgart geholt. Wie viele Briefe es waren, wissen wir nicht. Es waren auf jeden Fall, ich will es mal vorsichtig sagen, Hunderte."

"Flugblatt Nr. 4. Wer hat die Toten gezählt, Hitler oder Goebbels - wohl keiner von beiden. Täglich fallen in Russland Tausende. Es ist die Zeit der Ernte, und der Schnitter fährt mit vollem Zug in die reife Saat. Die Trauer kehrt ein in die Hütten der Heimat, und niemand ist da, der die Tränen der Mütter trocknet."

"Um die Zeit von Stalingrad kamen wir dann alle zu einer Entscheidung."

Jürgen Wittenstein, Mitglied der "Weißen Rose":

"Einer inneren Entscheidung, die wir dann natürlich auch miteinander besprachen, dass die einzige Art und Weise, wie Deutschland als Land gerettet werden kann, ist, indem es den Krieg verliert. Das war eine furchtbare Entscheidung. Das ist nicht leicht, sich dazu durchzuringen."

"Flugblatt Nr. 5. Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir!"

Appelle fanden keine Resonanz

Was sich die Gruppe von ihren eindringlichen Appellen erhoffte, trat jedoch nicht ein: Die Deutschen erhoben sich nicht gegen Hitler und das NS-Regime, sie jubelten "dem Führer" weiterhin zu. Wolfgang Benz:

"Sie haben unmittelbar keine Gefolgschaft gefunden. Es hat keine Resonanz gegeben, und es sprang nicht der Funke über, den die "Weiße Rose" gerne in die Herzen der Kommilitonen und aller vernünftig denkenden Deutschen gesenkt hätte."

Um den Aktionsradius zu erweitern, malten die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter nachts mit Teerfarbe Parolen an die Münchner Häuserwände, vor allem in der Umgebung der Universität.

"Nieder mit Hitler! Hitler Massenmörder! Freiheit!"

Es sollte eine der letzten öffentlichen Aktionen sein. Anfang Februar 1943 druckte die 'Weiße Rose' das sechste und letzte, von Kurt Huber verfasste Flugblatt in einer Auflage von 2.000 Exemplaren.

"Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigen Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest der deutschen Jugend anvertrauen? Nimmermehr."

Verhängnisvolle Flugblattaktion

Am 18. Februar verteilten Hans und Sophie Scholl die letzten Kopien im Hauptgebäude der Münchener Universität. Wolfgang Benz:

"Zum Verhängnis wurde ihnen die letzte Flugblattaktion, als sie Flugblätter in und vor den Hörsälen auslegten und Sofie Scholl im jugendlichen Übermut auf die Idee kam, vom zweiten Stock aus den Rest der mitgeführten Flugblätter noch direkt in den Lichthof zu werfen, was es dem übereifrigen Hauspersonal leicht machte, sie zu schnappen. Es wurden einfach nach diesem Vorfall sämtliche Türen der Universität geschlossen. Die Pedelle nahmen die beiden jugendlichen Delinquenten fest, übergaben sie der Gestapo."

Blick in den Lichthof der Münchner Universität (undatiert). Hier liessen Hans und Sophie Scholl am 18.02.1943 Flugblätter gegen das Nazi-Regime flattern. Der Hausmeister alarmierte die Gestapo und am 22.02.1943 wurden die Geschwister, Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose, nach einem Schuldspruch durch den gefürchteten Volksgerichtshof in München-Stadelheim hingerichtet. Die Orgel (rechts) erklang erstmalig zum 20. Todestag der Geschwister Scholl und ist allen Widerstandskämpfern gewidmet. (dpa / Klaus Heirler)Lichthof der Münchner Universität: Hier ließen Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 Flugblätter gegen das Nazi-Regime flattern (dpa / Klaus Heirler)

Da die Gestapo bei Hans Scholl einen von Christoph Probst verfassten Entwurf eines Flugblatts fand, wurde auch dieser verhaftet. Nach langen Verhören gestanden sie ihre Widerstandsaktionen. Adolf Hitler ordnete einen Prozess vor dem Volksgerichtshof an. Der Präsident Roland Freisler reiste eigens aus Berlin an, um am 22. Februar in München die Verhandlung zu eröffnen. Die Anklage lautete: "landesverräterische Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung". Unter den Zuschauern saßen die Eltern der Geschwister, wie Inge Aicher-Scholl nach dem Krieg berichtete.

"Als mein Vater hörte, dass der Pflichtverteidiger völlig versagte und eher dem Volksgerichtshof Recht gab, ist er aufgestanden und hat versucht, seine Kinder selber zu verteidigen. Und da haben sie ihm das Wort abgeschnitten und haben meine Eltern beide hinaus gewiesen aus dem Saal."

Das Urteil stand schon fest: Tod durch Fallbeil

Wolfgang Benz: "Die Verurteilung, die Ahndung der Missetat der 'Weißen Rose' erfolgte in wenigen Stunden. Der Volksgerichtshof trat zusammen, die Anklageschrift wurde verlesen, die Angeklagten wurden kurz und klein gebrüllt, beschimpft und beleidigt. Das war ganz buchstäblich kurzer Prozess, der gemacht wurde. Das Urteil stand natürlich auch schon fest, das wurde unmittelbar nach der Urteilsverkündung vollstreckt. Als die Eltern Scholl an einem Gnadengesuch arbeiteten am Abend des Verhandlungstages, wussten sie nicht, dass ihre Kinder schon hingerichtet worden sind."

Der Sitzungssaal 216 (heute 253) im Justizpalast in der Prielmayerstrasse 7 in München (Bayern), aufgenommen am 21.12.2017. In dem nahezu vollständig erhaltenen Raum mit dem Titel "Weiße Rose Saal" fand am 19. April 1943 der zweite Prozess gegen 14 Angeklagte der Widerstandsgruppe Weiße Rose statt. (dpa / Peter Kneffe)Sitzungssaal im Justizpalast in München: Hier fand am 19. April 1943 der zweite Prozess gegen 14 Angeklagte der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" statt (dpa / Peter Kneffe)

Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst starben durch das Fallbeil im Strafgefängnis München-Stadelheim. Sie wurden 21, 23 und 24 Jahre alt. Dass Roland Freisler, der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofes, den Prozess geführt hatte, zeigt, wie ernst die nationalsozialistische Regierung die 'Weiße Rose' nahm. Das NS-Regime fürchtete, die Proteste der Widerstandsgruppe könnten Anklang vor allem unter Studenten finden. Eine unnötige Sorge, wie sich schnell herausstellte. Wolfgang Benz:

"Nach dem Urteilsspruch gab es dann auch eine Veranstaltung in der Münchner Universität, bei der der Hausmeister, der die Geschwister Scholl verhaftet und der Gestapo übergeben hatte, als Held gefeiert wurde und mit erhobenem Arm das studentische Publikum begrüßt hat. Und die Studenten haben auftragsgemäß ihren Abscheu vor den ehemaligen Kommilitonen ausgestoßen, also sie waren keine Studenten mehr, als sie verurteilt wurden, ebenso wie ihr Mentor, Professor Kurt Huber, seines Doktortitels und seiner Professorenwürde unmittelbar entkleidet wurde."

Alliierte und BBC berichteten über Widerstand

Kurt Huber, Alexander Schmorell und Willi Graf wurden im April 1943 in einem zweiten Prozess vor dem Volksgerichtshof abgeurteilt und ebenfalls hingerichtet. In diesem Verfahren saßen auch Franz Josef Müller, Hans und Susanne Hirzel auf der Anklagebank. Susanne Hirzel:

"Ich bin in Ulm verhaftet worden, im Zusammenhang mit meinem Bruder Hans, und dann von Ulm aus sind wir zusammen nach Stuttgart transportiert worden in einem Mercedes, in Stuttgart im Gestapo-Haus verhört worden. Und dann sind wir nach München transportiert worden, und dann war ich in der selben Zelle wie die Sophie Scholl."

Die drei Angeklagten kamen mit dem Leben davon. Hans Hirzel und Franz Müller wurden zu jeweils fünf Jahren Haft verurteilt, Susanne Hirzel zu sechs Monaten. Die Prozesse vor dem Volksgerichtshof, die brutalen Urteile sowie Gerüchte über die Flugblätter sorgten für "beträchtliche Unruhe" unter der Bevölkerung, wie der Sicherheitsdienst der SS im Frühjahr 1943 registrierte. Die Alliierten und ausländische Medien, darunter die New York Times und die britische BBC, berichteten über die Widerstandsaktionen der "Weißen Rose". Wolfgang Benz:

"Die britische Luftwaffe hat die Flugblätter der 'Weißen Rose' über dem Ruhrgebiet, über anderen reichlich bevölkerten Gebieten des Deutschen Reichs abgeworfen, ohne aber damit den Effekt zu erreichen, dass sich das Volk in Massen gegen Hitler noch erhoben hätte. Die Kunde drang natürlich nach außen, die Urteile des Volksgerichtshofes waren ja publik, Thomas Mann hat dann diese 'herrlichen jungen Leute', das waren seine Worte, in diesen Rundfunksendungen an die deutschen Hörer gepriesen und das deutsche Volk beschworen, ihrem Vorbild zu folgen."

Die Pädagogin und Publizistin Inge Aicher-Scholl vor dem Geschwister-Scholl-Gymnasium in Waldkirch (Krs. Emmendingen, Baden-Württemberg) am 14. Februar 1982. Sie ist die Schwester von Hans und Sophie Scholl, die bei einer Flugblattaktion der Organisation "Weiße Rose" gegen das Naziregime am 18. Februar 1943 an der Münchener Universität verhaftet und vier Tage später vom Volksgerichtshof verurteilt und hingerichtet worden sind. (dpa / Rolf Haid)Die Pädagogin und Publizistin Inge Aicher-Scholl, Schwester von Hans und Sophie Scholl (dpa / Rolf Haid)

Doch die Resonanz blieb, wie gesagt, aus. Der Protest der "Weißen Rose"war ein Fanal ohne Folgen. Wolfgang Benz:

"Warum haben fünf Studenten und ein Professor an der Münchener Universität erkannt, was alle Welt nicht erkennen wollte? Und die Leute der 'Weißen Rose' wollten ja aufrütteln, sie waren überzeugt davon, dass mit ihren sehr schön stilisierten Flugblättern jedermann die Augen aufgingen, aber sie waren, wenn man den äußeren Erfolg nimmt, vollkommen gescheitert. Die Kommilitonen wollten davon nichts wissen. Das ist das Alleinstellungsmerkmal der 'Weißen Rose', dass sie etwas erkannt haben und konsequent danach gehandelt, was andere nicht erkennen wollten."

Nach dem Krieg: Symbole eines besseren Deutschland

Nach dem Untergang des NS-Regimes wurde die "Weiße Rose" in der frühen Bundesrepublik schnell zur bekanntesten Widerstandsgruppe des Dritten Reiches und zum Sinnbild eines anderen, besseren Deutschlands, während vor allem kommunistische und sozialistische Hitlergegner an den Rand gedrängt und diskreditiert wurden. Was Thomas Mann im Juni 1943 in seiner BBC-Rede versichert hatte: "Ihr sollt nicht umsonst gestorben sein, sollt nicht vergessen sein," bewahrheitete sich in den folgenden Jahrzehnten. Wolfgang Benz:

"In Westdeutschland waren die Geschwister Scholl, also die 'Weiße Rose', und mit etwas mehr Schwierigkeiten die Männer des 20. Juli die Symbole und Heroen des Widerstandes überhaupt. Die 'Weiße Rose'und insbesondere die Geschwister Hans und Sophie Scholl kamen sehr früh zum Ruhm. Das unterscheidet sie von so ziemlich allen anderen Widerstandsgruppen. Ihr Schicksal unter einer barbarischen und entarteten NS-Justiz war herzeigbar. Das waren die idealen Kinder aus gutem Hause. Und es gab eine ältere Schwester, Inge Aicher-Scholl, die ihren Ruhm verkündet hat." Inge Aicher-Scholl:

"Sie wollten weder Märtyrer noch Helden sein, sie wollten etwas tun, was sie einfach für notwendig gefunden haben. Das haben sie empfunden, dass einer anfangen muss und dass einer zeigen muss, dass nicht alle diesem Volksbetörer nachlaufen."

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