
Die Hilfsorganisation Medico International zeigt sich weiterhin besorgt über die Lage im Nordosten Syriens. Man müsse befürchten, dass das Abkommen nicht halte, sagte Medico International-Referentin Starosta im Deutschlandfunk. Sie verwies darauf, dass die Kurden zwei bisher von ihnen verwalteten Provinzen an die Zentralregierung übergeben müssten. In diesem Prozess könne es immer wieder zu Gewalt und Vertreibung kommen. Diese Erfahrung habe man bereits in der Vergangenheit gemacht. Der Syrien-Experte Heiko Wimmen von der Nicht-Regierungsorganisation Internationale Crisis Group erklärte, die kurdische Selbstverwaltung stehe angesichts des Abkommens vor der Auflösung.
Bei ihrer Offensive im Norden und Osten des Landes hatten syrische Regierungstruppen in den vergangenen Tagen kurdische Kämpfer aus mehreren bisher von ihnen beherrschten Gebieten vertrieben, auch aus der nordsyrischen Großstadt Aleppo. Al-Scharaa kündigte an, in einem Gespräch mit dem Anführer der SDF-Miliz, Abdi, alle noch offenen Fragen klären zu wollen.
14-Punkte-Plan veröffentlicht
Das syrische Präsidialamt veröffentlichte den Text des vereinbarten 14-Punkte-Plans, der demnach auch vorsieht, die mehrheitlich kurdischen SDF-Kämpfer sowie kurdische Sicherheitskräfte dem syrischen Verteidigungs- und Innenministerium zu unterstellen. Die Kurden müssen zudem die bisher von ihnen verwalteten Provinzen Deir Essor und Raka an die Zentralregierung übergeben. Damaskus übernimmt demnach auch die Verantwortung für Kämpfer der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) und deren Familien, die in bisher von Kurden kontrollierten Gefängnissen und Lagern festgehalten werden.
Der US-Gesandte Barrack, der vor seinem Treffen mit al-Scharaa in Damaskus am Samstag in Erbil im Nordirak mit Abdi zusammengekommen war, begrüßte das Abkommen und die Einigung auf eine Waffenruhe. Er sprach im Onlinedienst X von einem "entscheidenden Wendepunkt". Die Konfliktparteien hätten gegen eine Spaltung und für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit entschieden.
Die ARD-Korrespondentin Anna Osius erläutert, das Abkommen lese sich, als habe sich die Regierung in wesentlichen Punkten durchgesetzt. Nach der Blitzoffensive mit maximalen Geländegewinnen habe die Regierung auch das Kräftemessen am Verhandlungstisch gewonnen.
Trotz Absage von Besuch al-Scharaas: Großdemonstration in Berlin geplant
Bei seinem zweitägigen Besuch in Deutschland sollte al-Scharaa eigentlich von Bundeskanzler Merz und Bundespräsident Steinmeier empfangen werden. Zu den Hauptthemen sollten die Rückführung syrischer Flüchtlinge in ihre Heimat und der Wiederaufbau des arabischen Landes nach fast 14 Jahren Bürgerkrieg zählen. Kurdische und alawitische Gemeinden in Deutschland werfen der syrischen Regierung gewaltsame Unterdrückung ethnischer und religiöser Minderheiten vor. Trotz der Verschiebung des Besuchs soll heute eine Großdemonstration gegen die Politik al-Scharaas und gegen die Haltung des Westens dazu in Berlin stattfinden.
Ende 2024 wurde Syriens langjähriger Machthaber al-Assad durch die von al-Scharaa angeführte Islamistenmiliz HTS gestürzt. Al-Scharaa wurde im Januar vergangenen Jahres zum Übergangspräsidenten ernannt und steuert das Land seitdem hin zu einer Öffnung und Annäherung an den Westen. Seit dem Umbruch ist es bereits mehrfach zu Gewaltwellen gegen Minderheiten in Syrien gekommen.
Diese Nachricht wurde am 19.01.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.






