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Wie ist die Stimmung unter den Parlamentariern?

    Engels: In den USA, aber auch in Europa und weltweit ist das übrige politische Geschehen abseits des Attentats fast zum Erliegen gekommen. Alle Akteure der politischen Bühne scheinen, den Atem anzuhalten und in die Vereinigten Staaten zu blicken. Auch in Deutschland ist die politische Agenda umgeworfen worden. Die ursprünglich für heute angesetzte zweite Runde der Haushaltsdebatte im Bundestag ist abgesagt worden; statt dessen eine Regierungserklärung des Bundeskanzlers. Am Telefon ist nun der stellvertretende SPD-Fraktionschef und außenpolitische Sprecher seiner Fraktion, Gernot Erler. Guten Morgen!

    Erler: Guten Morgen Frau Engels.

    Engels: Herr Erler, Sie haben gestern sicherlich noch mit Abgeordneten Ihrer Fraktion gesprochen, auch mit anderen Abgeordneten. Wie ist die Stimmung unter den Parlamentariern?

    Erler: Es gibt einen typischen Reflex in einer solchen Situation. Man möchte miteinander reden. Man sucht den Kontakt mit anderen, um ein bisschen das Unfassbare zu verarbeiten. Ich habe das Gefühl, das gilt weltweit. Es ist das erwartbare passiert. Der US-Präsident hat angekündigt, die Täter zu vernichten, die Bevölkerung besser zu schützen. Wir als Freunde von Amerika haben unser Mitgefühl, unsere Solidarität zum Ausdruck gebracht, und die Medien zeigen die Bilder so oft, bis das Unfassbare vertraut wird und sich scheinbar einordnet in unsere Erfahrungswelt. Das ist das erwartbare, um mit einem Schock fertig zu werden, und das ist das eingeübte und das rituelle, was auch hilft in einem Schock. Die Frage ist nur, was danach kommt.

    Engels: Haben Sie möglicherweise auch zu Kontakt zu Parlamentariern in den USA knüpfen können? Haben Sie dort weitere Informationen?

    Erler: Wir haben das gestern versucht. Wir haben viele Abgeordnete, die Freunde, Kollegen in Amerika haben. Aber es war nicht möglich, telefonische Verbindungen herzustellen. Wir haben gestern eine Art E-Mail-Aktion vorbereitet, weil wir hoffen, auf diese Weise doch Botschaften an unsere Freunde und Kollegen richten zu können, und wir werden die heute in einer großen Gruppe von Abgeordneten, die solche Kontakte haben, versuchen abzusetzen.

    Engels: Sie haben es eben angedeutet: Wenn der Schock einmal abgeklungen sein mag, dann stellt sich die Frage was passiert. Wie wird der gestrige Angriff - so muss man es ja nennen - auf die USA, die Außenpolitik und das Alltagsleben dort verändern?

    Erler: Ich möchte es einmal so sagen: Was wir jetzt brauchen ist so etwas wie die Nutzung politischer Dolmetscher, die in der Lage sind, die Zeichen, die wir dort gesehen haben, sehr blutige Zeichen, zu lesen. Was bedeutet eigentlich das, was wir da erfahren haben? Ist das vielleicht eine Krankheit unserer Weltordnung? Schließlich ist es ja gelungen, das wirtschaftliche und militärische Herz der einzig verbliebenen Weltmacht, der Vereinigten Staaten zu verletzen. Das bedeutet aber, jeder und alles auf dieser Welt scheint verletzbar zu sein. Wenn das stimmt, dass es hier durch einen solchen allgegenwärtigen potenziellen Terrorismus um eine Deformation der Weltordnung geht, dann muss man natürlich über das Rituelle, was jetzt hilft, eine andere Antwort finden. Dann geht es um so eine Frage wie die Durchsetzbarkeit politischer Ordnungsvorstellungen oder Konfliktlösung auf der Basis von einseitiger politischer oder militärischer Überlegenheit, denn davon ist schon unsere Weltordnung im Moment geprägt. Dann stellt sich mittelfristig die Frage, ob wir nicht andere ausgleichende Konfliktlösungen brauchen, die terroristische Antworten erst gar nicht entstehen, im Keim gar nicht erst entstehen lassen. Aber das sind natürlich Dinge, die weit über die Tagesagenda hinausgehen, die im Schock nicht zu beantworten sind, sondern erst in der Phase danach.

    Engels: Sie sprechen es an, dass die militärische Überlegenheit der USA es wohl allein nicht sein kann. Könnte nicht eine andere Antwort lauten: ein Ende der multilateralen Zusammenarbeit seitens der USA, dass sich das Land niemandem mehr öffnet, dass man sich versucht, noch weiter abzuschotten?

    Erler: Das wäre meines Erachtens höchstens eine durch den Schock erklärbare Kurzschlussreaktion. Eigentlich müsste es genau anders sein. Irgendwie kam mir gestern der Gedanke, wir sind alle Amerikaner. Das ist nicht etwas, das uns nicht passiert, sondern im Augenblick passiert es allen. Der Bundeskanzler hat finde ich zurecht den Begriff "Angriff auf die zivilisierte Welt" eingeführt, zu der wir uns ja zählen. Eigentlich müsste man jetzt näher zusammenrücken, verhindern, dass Amerika sich alleine fühlt in dieser Situation, und eben genau das Gegenteil tun als sich einzuigeln, sondern im ganzen Feld der zivilisierten Welt nach dem Schock zu versuchen, genau diese Fragen zu beantworten, die ich eben genannt habe.

    Engels: Halten Sie denn eine Strategie der Abschottung für wahrscheinlich?

    Erler: Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt, und ich glaube auch nicht, dass es dazu kommt, weil ein kleiner Trost besteht ja: Die Geschichte hat gezeigt, dass die amerikanische Nation eigentlich immer dann, wenn sie existenziell herausgefordert wird, zu einer unerwarteten Kraft, auch einer inneren Kraft findet, dass dann auch dieses Land in erstaunlicher Weise zusammensteht und zusammenarbeitet, dass dann auch die Tageskonflikte zurückstehen. Wenn das passiert, dann könnte das auch zu einer anderen politischen Kultur weltweit führen, die von Amerika ausgeht, wenn dieser Schock verarbeitet wird. Das ist aber eine Gewissheit, die ich nur ziehe aus der Geschichte und aus der Zeitgeschichte, für die es natürlich jetzt, so wenige Stunden nach dem ziemlich unfassbaren Geschehen, noch keine Anzeichen gibt.

    Engels: Vielen Dank! - Das war Gernot Erler, stellvertretender SPD-Fraktionschef und der außenpolitische Sprecher der SPD im Bundestag.

    Link: Interview als RealAudio