Freitag, 01. Juli 2022

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Wiederaufbau der Pilgerstadt Norcia
Die Rekonstruktion fragiler Schönheit

Am 30. Oktober 2016 zerstörte ein schweres Erdbeben das historische Zentrum der italienischen Stadt Norcia. Auch bedeutende Skulpturen und Kunstwerke der umbrischen Pilgerstadt wurden schwer beschädigt. Seitdem konnten viele der Kulturschätze der "verletzten Stadt" wieder rekonstruiert werden - unter größten Anstrengungen.

Von Cristiana Coletti | 31.12.2017

Feuerwehrleute stabilisieren den Rathausturm von Norcia
"Es war ein Schlag ins Herz": Feuerwehrleute stabilisieren den Rathausturm von Norcia (Italian Fire Brigade / Handout / picture alliance / dpa)
"C'era una volta", "Es war einmal" – so beginnen Märchen auch in Italien. Und so fängt auch meine Reise in eine der beeindruckendsten Gegenden meines Landes an: die Valnerina, das Tal des Flusses Nera, vor der hohen Bergkette der Monti Sibillini im Süden Umbriens. Grüne Hänge, tiefe Schluchten, rauschende Bäche und eine atemberaubende Hochebene ... über tausend Jahre alte Dörfer und kleine Städte liegen hier, wie Norcia, die Heimat des Hl. Benedikt, Schutzpatrons Europas.
Diese Schönheit scheint zeitlos zu sein, ist aber fragil. Die tektonischen Prozesse, die diese Landschaft einst entstehen liessen, sind zugleich Ursprung und Bedrohung ihrer Existenz.
Norcia im Epizentrum eines wütenden Erdbebens
"Epizentrum zwischen Marken und Umbrien, 10 km tief. Stärke 6,5, kräftiger als das Erdbeben in L'Aquila, in Friaul und im Belice-Tal in Sizilien. Norcia flüchtet vor der einstürzenden Kathedrale. Eine Nonne, von den Feuerwehrleuten gerettet, schlägt das Kreuz."
"Es gibt keine Todesopfer, keine Vermissten, aber die Zahl der eingestürzten historischen Gebäude und die Zahl der Evakuierten ist hoch."
"Die Basilika von San Benedetto ist eingestürzt, der Platz des Heiligen mit den anderen Kirchen ist kaum wiederzuerkennen, gäbe es nicht seine unversehrte Statue."
So die Meldungen der italienischen Nachrichten am 30. Oktober 2016, dem Tag des Erdbebens.
Marica Mercalli: "Die erste emotionale Reaktion war schrecklich. Ich erinnere mich an den Anruf des Bürgermeisters von Norcia am frühen Morgen des 30. Oktobers 2016. Er weinte und sagte: 'Kommt bitte schnell! Hier ist alles eingestürzt!' Und in der Tat: Das erste Bild war ein Bild der Zerstörung."
Marica Mercalli, Oberintendantin für Archäologie, schöne Künste und Landschaft der Region Umbrien, besuche ich in der Hauptstadt Perugia, meine Heimat.
Marica Mercalli: "Fast alle neun umbrischen Gemeinden der Valnerina wurden beschädigt, vor allem Norcia, wo das Epizentrum des Erdbebens lag. Wir haben uns zuerst darauf konzentriert - auch wegen der großen Bedeutung der Kirchen und historischen Gebäude. Norcia allein hat 14 wichtige Kirchen! Nach dem Erdbeben haben wir sofort mit der Sicherung von allem, was noch stand, angefangen."
"Ein starkes Zeichen der 'Wiederauferstehung'"
Wie die anderen kleinen Gemeinden im umbrischen Teil des Valnerina lebt Norcia vom Tourismus und von den zahlreichen Pilgern, die jedes Jahr zu Besuch kommen. Nach dem Erdbeben hat sich die Oberintendanz zusammen mit der Region Umbrien, dem Kulturministerium, den Feuerwehrleuten und dem Zivilschutz bemüht, das centro storico von Norcia, das insgesamt noch erhalten geblieben ist, wieder mit Leben zu füllen.
Marica Mercalli: "Die Altstadt war monatelang komplett leer, aber wir haben sie relativ schnell wieder öffnen können, weil wir die Porta Romana, also die Eingangspforte, gesichert haben. Dadurch konnten auch die Kräne für die Sicherung der Basilika San Benedetto, des Doms Santa Maria Argentea, und des Auditoriums San Francesco hereinfahren. Zwei Monate später wurde die Altstadt wieder geöffnet. Das war ein starkes Zeichen der 'Wiederauferstehung' - auch für die Einwohner, weil wir damit das Gefühl vermitteln konnten, dass es weitergeht. Dass die Läden und Restaurants auf dem corso zwischen der Porta Romana und der Piazza San Benedetto wieder geöffnet werden können."
Schon als Kind bin ich oft durch die Porta Romana gelaufen. Norcia war im Winter wie im Sommer unser Lieblingsausflugsziel an Festtagen. Gleich am Eingang suche ich Zuflucht in einer Bar, um etwas Mut zu schöpfen. Ich betrete eine mir vertraute, aber heute sehr beschädigte, ja verletzte Stadt.
"Wir sind zäh wie ein alter Stiefel"
Damiano Brandimarte: "Es war sehr, sehr traurig, meine ganzen Erinnerungen lösten sich in einem einzigen Augenblick auf. Nach dem Erdbeben habe ich mich zuerst nach meinen Verwandten und Freunden erkundigt. Gott sei Dank ging es ihnen gut, ihre Häuser waren beschädigt, aber stehengeblieben. Erst danach haben wir wahrgenommen, was in der Altstadt passiert war. Und das war ein Schlag ins Herz."
Der 28-jährige Damiano Brandimarte stammt aus Norcia. Zusammen mit seinem Vetter Emiliano betreibt er auf der Hochebene von Castelluccio oberhalb von Norcia eine Pferdezucht. Nach dem Erdbeben ist Emiliano immer bei den Pferden geblieben, auch wenn alle Häuser in Castelluccio eingestürzt waren. Trotz der Straßensperrung brachten sie die Pferde ins Tal zurück und später wieder auf die Weideplätze. Im Sommer konnte die Familie Brandimarte den Touristen sogar wieder ihre Reitausflüge anbieten.
Damiano Brandimarte: "Ja, wir sind zäh wie ein alter Stiefel und haben hart geschuftet, um weiter zu machen. Aber wir vermissen Vieles. In die Altstadt von Norcia bin ich erst Monate später hineingegangen. Ich hatte nicht den Mut, den Platz so zu sehen. Irgendwann musste ich aus beruflichen Gründen dort hin. Wäre ich nicht gezwungen gewesen, hätte ich es wahrscheinlich bis heute nicht gewagt. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt, aber am Anfang war es schwierig."
Die Feuerwehr sichert den Rathausturm mit einem "Gürtel"
Es ist laut. Man hört Arbeitsgeräusche - Pressluftbohrer, Bagger, Kräne etc. - von den Feuerwehrleuten.
"Ich heiße Marco und bin ein Feuerwehrmann der Einsatzeinheit von Perugia. Wir arbeiten hier seit dem Erdbeben. Links von uns ist die Fassade der Basilika von San Benedetto. Ein breites Tragegerüst mit Gewichten schützt sie vor dem Umkippen. Das haben unsere Kollegen aus Alessandria mitten auf dem Platz gebaut und nicht direkt an der Fassade. Es wäre zu gefährlich wegen der Nachbeben. Später wurde das Tragegerüst mit speziellen Maschinen und einem riesigen Kran an der Fassade einmontiert."
Marco und seine Kollegen treffe ich bei der Arbeit auf der Piazza San Benedetto. Sie sind mit der Sicherung des Doms Santa Maria Argentea fast fertig. Bald wird der Platz für Besucher wieder komplett zugänglich sein.
Marco: "Als wir ankamen, hingen noch die Glocken im Rathausturm, der Turm hatte eine Drehung nach rechts erfahren, Richtung Porta Romana. Mithilfe von Bändern - einer Art Gürtel - haben wir ihn gesichert. An einigen Stellen wurde Zementmörtel aufgetragen. Diese Eindämmungsstruktur ermöglicht auch die künftige Arbeit einer Baufirma, die den Turm von oben nach unten abtragen wird. Dabei muss jeder Stein katalogisiert werden, damit der spätere Wiederaufbau gewährleistet werden kann. Wir Feuerwehrleute führen nur die Sicherung durch, aber sie ist notwendig, damit der Turm im Fall eines erneuten starken Bebens in sich zusammenstürzt und nicht nach außen fällt."
"Der Wiederaufbau ist für die ganze Welt von Bedeutung"
Architekten und Ingenieure haben jedes Detail der Sicherung genau entworfen. Die Feuerwehrleute wiederum sind geschult für solche Einsätze. Aber nicht nur Technik und Fachkompetenz spielen dabei eine Rolle.
"Es ist sehr traurig, auch weil wir in Umbrien wissen, wie wichtig San Benedetto wie auch San Francesco nicht nur für uns, sondern auch für die Pilger sind", sagt Marco. "Aber wir lassen uns nicht entmutigen! Uns gefallen natürlich die Kirchen, aber wir sprechen auch den Menschen hier gerne ein Trostwort zu. Ein einziges Wort reicht oft, weil sie nur dieses Wort brauchen. Und wir tun unsere Arbeit gern: San Benedetto ist wichtig für die ganze Welt, und man schafft hier einen winzigen Teil des Wiederaufbaus, der für die Menschen auf der ganzen Welt von Bedeutung ist."
Wegen des Erdbebens wurden Tausende von Kunstwerken beschädigt. Man organisierte eine Nothilfe-Station für die Kunstwerke - in Zusammenarbeit mit der Region, der Oberintendanz Umbriens und dem "Opificio delle Pietre dure di Firenze", dem Institut für Konservierung und Restaurierung des Kulturministeriums. Heute befinden sich im Restaurierungsdepot der Region Umbrien in Santo Chiodo bei Spoleto über 5.000 gerettete Kunstwerke. Die Restauratoren Antonella Casaccia, Paolo Pettinari und Martina Panuccio öffnen mir die Tür zu diesem riesigen, von einer Alarmanlage beschützten Gebäude.
Den fortschreitenden Verfall der Kunstwerke verhindern
"Unsere Arbeit besteht nicht darin, die Kunstwerke zu restaurieren, sondern sie zu sichern, das heißt, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, die den Zustand der Werke stabilisieren", sagt Martina Panuccio. "Damit vermeiden wir einen möglichen fortschreitenden Verfall, bis die Werke dann richtig restauriert werden können. Das ist unser Auftrag.
Martina Panuccio ist Textilrestauratorin. Sie zeigt mir eine Madonna mit Kind aus der Kirche von Sant'Andrea in Campi Alto, einer Ortschaft bei Norcia.
"Das ist eine Marien-Statue aus Holz vom Ende des 18. Jahrhunderts. Ihr weißes Kleid stammt wahrscheinlich aus der Schenkung einer Braut an ihre Kirche. Um die Risse zu sichern, habe ich Tüll an den beschädigten Stellen verwendet. Das verhindert, dass die Risse sich ausweiten - und darauf muss ich mich beschränken. Es handelt sich um eine sehr zierliche, 1,30 Meter hohe weibliche Figur. Ihr Kleid ist wunderbar dekoriert, und auf dem blauen Mantel glänzen viele Sterne und bestickte bunte Blumen. Ein sehr schönes Stück!"
Die bemalten Gesichter der Madonna und des Kindes hat Martina Panuccio mit ihren Kollegen stabilisiert. Antonella und Paolo sind Restauratoren für Gemälde. Sie führen mich in den sogenannten Saal B des Depots.
Die Rekonstruktion - eine Sisyphusarbeit
Hier werden die gerade angekommenen Werke vorübergehend deponiert. Oft haben sie sich vom Rahmen gelöst, sie sind schwer beschädigt und weisen riesige Risse und Verformungen auf, deswegen liegen sie zunächst auf dem Boden. Man wundert sich, dass solche Kunstwerke doch noch restauriert werden können.
"So sehen die Werke vor unserem Einsatz aus", erklärt Paolo Pettinari. "Wir arbeiten zuerst an den Stücken, die unserer Meinung nach einen dringenden Eingriff benötigen. Das entscheiden wir zusammen mit Tiziana Biganti, Beauftragte der Oberintendanz der Region Umbrien."
Manche Kunstwerke sind monatelang unter den Trümmern geblieben, in der Kälte, in Schnee und Regen. Die erste Aufgabe der Restauratoren besteht darin, den Zustand eines Gemäldes zu analysieren und die Farbschichten auf der Leinwand zu stabilisieren.
"Ja, es gibt viele Risse und Brüche, Verfärbungen und Oxidationen vor allem des Lacks", erklärt Paolo Pettinari. "Oft weisen die Gemälde Schimmelpilze auf, weil die Materialien früherer Restaurierungen von natürlichen Stoffen stammen und von Pilzen infiziert werden können."
Schmutz und Pilze werden mit speziellen Staubsaugern entfernt, bevor die Sicherung der Risse stattfinden kann. Dieser Prozess dauert manchmal Wochen, weil erst alles trocknen muss.
Paolo Pettinari: "Wenn wir die Verformung und Unebenheit der Leinwand behoben haben, stabilisieren wir die Risse mit einer Art Pflaster aus Japanpapier und anderen Materialien. Man braucht sie, um zu vermeiden, dass die Risse sich weiterentwickeln. Diese Brücken aus Papierstreifen werden sowohl auf der Vorderseite wie auch der Rückseite eingesetzt. Auf der Rückseite sind sie eher stärker, auf der Vorderseite hauchdünn."
Die Bewohner lieben die Kunstwerke "ein ein Familienmitglied"
Jedes gerettete Werk bekommt eine Karteikarte, in der die Arbeit der Restauratoren und die Stoffe, die sie benutzt haben, genau notiert werden. Das ist eine vorgeschriebene Maßnahme für die künftige Restaurierung des Werkes. In diesem Fall geht es aber um viel mehr als nur um die korrekte Abwicklung einer delikaten Arbeit.
Antonella Casaccia: "Es ist immer sehr bewegend, an diesen Werken zu arbeiten, die leider so schwer beschädigt bei uns ankommen. Jedes Mal, wenn wir an einem Gemälde arbeiten, ist es ein ganz neues Gefühl. Uns hat sehr berührt, vor allem mit den Menschen zu reden, die viele Anekdoten über ihre Kirchenschätze erzählen. Kunstwerke sind Teil der Identität einer Bevölkerung."
Anfangs bekamen die Behörden sogar Feindseligkeit zu spüren. Die Einwohner der Dörfer wehrten sich, ihnen die Kunstwerke anzuvertrauen, aus Angst, sie nie mehr wiederzusehen.
"Diese Leute waren erschrocken", so schildert es Martina Panuccio. "Deswegen wurden für sie Führungen im Depot organisiert. So konnten sie verstehen, dass die Werke hier sind, um gerettet zu werden. Es geht um die persönliche Beziehung der Menschen zu einem Bild, einer Statue oder einem Gewand, um ihre Erinnerungen. Es handelt sich um die Liebe dieser Menschen zu den Werken, die sie in ihren Kirchen immer wieder gesehen haben. Heute sind diese Kirchen zerstört, und wenn sie von den Werken sprechen, reden sie so, als ob es sich um ein Familienmitglied handeln würde."
"In diesem Haus möchte ich leben"
Wie sehr sie sich mit ihren Kunstwerken verbunden fühlen, zeigt die Geschichte eines Gemäldes der Mater dolorosa, der Schmerzensmutter. Nach diesem wie nach drei früheren Erdbeben blieb es unversehrt, was die Einwohner von Norcia als Wunder feierten. In einer langen Prozession wurde die Madonna Addolorata durch die Altstadt von Norcia getragen, um ihre Hilfe gegen die Gewalt der Natur zu erbitten.
Marica Mercalli, die Oberintendantin der Region Umbrien: "Mein Wunsch ist, dass der Wiederaufbau schnell voran geht, dass die Leidenschaft, die Solidarität, diese Teamarbeit uns nach der ersten Phase erhalten bleibt und uns Schwung für die längere und schwierigere Phase des Wiederaufbaus gibt, in der wir aber nicht vergessen dürfen, was passiert ist."
"C'era una volta", es war einmal ... – so könnte die Geschichte von Norcia enden, gäbe es nicht sie, die Einwohner, die trotz aller Zerstörungen geblieben sind.
"Ich möchte ein Haus, es soll schön sein. Ein Haus voller Licht, wie ein Stern. Ich möchte ein Haus, solid und voller Menschen. Voller Musik und Poesie. In diesem Haus möchte ich leben."