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StartseiteKultur heuteStein für Stein17.04.2019

Wiederaufbau von Notre-DameStein für Stein

Innerhalb von fünf Jahren soll Notre-Dame wiederaufgebaut sein. Die Restauratoren müssen den Schaden Stein für Stein prüfen, sagte der Kunsthistoriker Stephan Albrecht im Dlf. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man noch in diesem Jahr anfangen wird zu rekonstruieren."

Stephan Albrecht im Gespräch mit Mascha Drost

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Der Altar in der vom Feuer zerstörten Kathedrale Notre-Dame in Paris, Frankreich, 16.04.2019 (AFP / Ludovic Marin)
Der Altar in der vom Feuer zerstörten Kathedrale Notre-Dame in Paris, Frankreich, 16.04.2019 (AFP / Ludovic Marin)
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Mascha Drost: Es gibt Dinge, die kann man selbst mit Abermillionen Euro von Spendengeldern nicht ersetzen - etwa mehrere Hektar mittelalterlichen Waldes, genauer 1300 Eichenstämme, die die Baumeister der Gotik für den Dachstuhl von Notre-Dame verwendet haben. Dieser Dachstuhl war ein architektonisches Meisterwerk, aber auch ein Grund, dass sich der Brand vor zwei Tagen binnen kürzester Zeit geradezu in ein Dämonsfeuer verwandelte. Innerhalb von fünf Jahren soll die Kirche wiederaufgebaut sein - schöner als zuvor, Zitat Emmanuel Macron - aber wie soll das gehen?
Stephan Albrecht ist Professor für mittelalterliche Kunstgeschichte an der Universität Bamberg und hat sich in seiner Forschung intensiv mit der Bauweise von Notre-Dame beschäftigt. Vor welchen Herausforderungen stehen die Restauratoren jetzt und in den nächsten Jahren?

Stephan Albrecht: Die erste große Aufgabe wird sein, erst mal eine Befundanalyse zu machen, eine Schadensanalyse, und ich hoffe, man nimmt sich da ausreichend Zeit, also man lässt sich nicht unter Druck setzen. Man muss sehen, was jetzt eigentlich geschädigt ist, wie stark das Mauerwerk überhaupt betroffen ist, inwieweit zum Beispiel die Eisenklammern, die in den Steinen ja sich drin befinden, sich ausgedehnt haben und dann den Stein möglicherweise gesprengt haben. Das heißt, die ganze Traglast muss erst mal geprüft werden, und das muss man Stein für Stein machen. Das wird relativ lange dauern. Es wäre allen zu wünschen, wenn man jetzt nichts überstürzt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man noch in diesem Jahr anfangen wird zu rekonstruieren.

Dann muss man sich überlegen, wie man vorgeht, ob man einen Dachstuhl rekonstruiert aus Holz, was ich mir nicht vorstellen kann, weil man gar nicht genau weiß, wie der alte ausgesehen hat, oder ob man vielleicht etwas Synthetisches sich ausdenkt aus Eisen. Es gibt ja eine Reihe von Eisen- und Stahldachstühlen, zum Beispiel im Kölner Dom oder im Wiener Stephansdom. Also erst mal das eine und dann muss man sich zusammensetzen und darüber nachdenken, inwiefern eine Rekonstruktion sinnvoll ist. 

Originalgetreue Rekonstruktion: "Illusorisch"

Drost: Eine solche originalgetreue Rekonstruktion, ist die überhaupt möglich? Sie haben gerade gesagt, man weiß gar nicht, wie der Dachstuhl genau aufgebaut war. So etwas wie Baupläne existieren gar nicht?

Albrecht: Es existieren natürlich keine Baupläne aus mittelalterlicher Zeit. Es gibt Teilbauaufnahmen aus dem 19. Jahrhundert von Viollet-le-Duc, dem großen Restaurator, der die Pariser Kathedrale gerettet hat im Grunde. Nur diese Pläne sind jetzt nicht so genau. Ich war öfter selber im Dachstuhl und habe mir das angesehen und habe gemerkt, dass das ein Konglomerat ist. Über dem Langhaus war ein Dachstuhl aus dem 13. Jahrhundert, immerhin einer der ganz seltenen, die noch sehr gut erhalten waren. Dann haben wir uns die Hölzer angeguckt und gesehen: Oh ja, da stecken aber noch Hölzer aus dem 12. Jahrhundert drin! Das hätten wir gar nicht gedacht. Und die Gefüge, die verändern sich fast von Gebinde zu Gebinde. Das heißt, das ist ausgesprochen komplex, was man da vor sich hatte. Und selbst wenn es einen Grundriss gibt, dann wird man noch lange nicht jeden einzelnen Balken rekonstruieren können. Ich halte das für ziemlich illusorisch.

Dachstuhl war ein "seltenes Zeugnis"

Drost: Wie sinnvoll ist es denn überhaupt? Denn das verbaute Holz und auch das Blei, das war ja auch ein Grund dafür, dass sich das Feuer so rasant ausbreiten konnte.

Albrecht: Ich fand, die Kathedrale von Paris hatte einen ganz tollen Dachstuhl, einen traumhaften Dachstuhl. Wie gesagt, ein seltenes Zeugnis für so einen riesigen Dachstuhl des Mittelalters. Man muss aber jetzt sagen, der ist abgebrannt, der ist weg, und was zerstört ist, ist zerstört. Und man sieht ihn ja normalerweise auch nicht und ich denke, in dem Fall wäre es wenig sinnvoll, etwas zu rekonstruieren, von dem man nicht genau weiß, wie es ausgesehen hat und das für heutige Ansprüche vielleicht auch Mängel hat. Da wäre es meiner Meinung nach sinnvoller, sich jetzt zu überlegen, wie man leichtere Dachstühle, die größeren Feuerschutz bieten, wie man so was konstruieren kann.

Beitrag des 21. Jahrhunderts zum Wiederaufbau

Drost: Und die würden sich dann auch mit der alten Architektur der sonstigen Kirche, des Fundaments vertragen?

Albrecht: Man müsste ja sowieso sehen, wie jetzt die Traglast überhaupt noch ist, wieweit die Wände noch tragen und wie das Zugverhältnis und Schubverhältnis ist. Wir haben ja eine Reihe von Beispielen. Ich hatte schon genannt den Stephansdom in Wien oder den Kölner Dom. Es gibt ja eine Reihe von Beispielen, wo so was schon gemacht wurde. In Frankreich gibt es auch Beispiele. Zum Beispiel die Kathedrale von Noyon hat sogar einen Beton-Dachstuhl. So was geht schon und insgesamt wäre der leichter, und ich kann mir vorstellen – ich bin jetzt kein Ingenieur, aber ich kann mir vorstellen, dass es insgesamt auch viel sinnvoller wäre, so was zu machen. Das bindet auch jetzt nicht so viele Handwerker, sondern das ist wie gesagt etwas, was man ohnehin nicht sieht, und es ist vielleicht auch gut so, dass man dem Notre-Dame in Paris sozusagen seine Geschichte lässt und sagt, das ist jetzt eben der Wiederaufbau, das ist der Beitrag des 21. Jahrhunderts bei Notre-Dame de Paris.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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