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StartseiteBüchermarkt"Man merkt, dass es Whitman nicht ganz ernst war mit diesem Buch"15.06.2017

Wiederentdecktes Werk "Man merkt, dass es Whitman nicht ganz ernst war mit diesem Buch"

Die Wiederentdeckung eines frühen Romans des amerikanischen Dichters Walt Whitman war eine echte Überraschung. Dass der amerikanische Nationaldichter dieses Werk später lieber vergessen wollte, sei aus biografischer Sicht verständlich, sagte der Übersetzer Jürgen Brôcan im Dlf. Betrachte man das Buch unabhängig davon, seien die Skrupel eigentlich unverständlich.

Jürgen Brôcan im Gespräch mit Tanya Lieske

Cover Walt Whitman "Jack Engles Leben und Abenteuer", im Hintergrund der Autor selbst (Manesse / imago / UPI Photo / Collage: Deutschlandradio)
Cover Walt Whitman "Jack Engles Leben und Abenteuer", im Hintergrund der Autor selbst (Manesse / imago / UPI Photo / Collage: Deutschlandradio)
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Tanya Lieske: Nach 165 Jahren wieder gefunden: "Jack Engles Leben und Abenteuer" ist ein früher Roman des amerikanischen Nationaldichters Walt Whitman. Whitman beschreibt hier den amerikanischen Traum schlechthin: Ein Waisenjunge wird zum Millionär. "Jack Engle" ist 1852 als Fortsetzungsroman im "Sunday Dispatch" erschienen, doch Whitman wollte diesen Roman lieber vergessen. Der Whitman-Übersetzer Jürgen Brocan im Gespräch mit Tanya Lieske.

Jürgen Brocan: Die Skrupel sind aus seiner Biografie sicherlich verständlich, und auch wenn man seine literarische Entwicklung betrachtet. Betrachtet man das Werk selbst aber unabhängig davon, sind diese Skrupel eigentlich nicht verständlich.

"Es ist nicht das Jahrhundertwerk"

Lieske: Das heißt, es ist ein früh gereiftes literarisches Werk?

Brocan: Also ich denke, man kann sagen, es ist nicht das Jahrhundertwerk, auf das man gewartet hat und das nun aus der Verschollenheit aufgetaucht ist, aber es handelt sich um einen durchaus sehr interessanten kleinen Roman, der von einem Autor von Weltrang geschrieben wurde.

Lieske: "Jack Engle" ist erschienen zwischen März und April 1852 als Fortsetzungsroman in der New Yorker Zeitung "Sunday Dispatch". In aller Kürze, Herr Brocan, worum geht es denn?

Brocan: Man kann das sicherlich in wenigen Sätzen sagen, denn das Interessante an diesem Roman ist eigentlich gar nicht die Handlung. Es geht um einen New Yorker Anwalt, der es auf die Erbschaft seines Mündels Martha abgesehen hat, und der 20-jährige junge Titelheld Jack Engle hilft ihr dabei, zu diesem Erbe zu kommen.

Lieske: Der Titelheld Jack Engle ist 20 Jahre alt, Sie sagen es, und unter seinem Namen erscheint es auch. Also wir haben es mit einer Autorenfiktion zu tun. Warum, meinen Sie, hat Walt Whitman denn diesen Weg gewählt?

"Whitman hat Dickens als Romanschriftsteller verehrt"

Brocan: Na ja, einerseits ist natürlich der Name relativ symbolisch. Einmal ist Jack natürlich ein Allerweltsname, ein Name, der einfach ganz typisch ist für das New York, das er schildert, und dann wiederum tritt Jack der Engel sozusagen als rettender Engel für Martha auf.

Lieske: Genau, Martha, die von dem Anwalt Covert übers Ohr gehauen werden soll. Jack Engle wird eingeführt als Waisenkind, wir erleben so ein New-York-Tableau, uns werden die Straßen geschildert, uns wird auch die Armut geschildert, und dieser Jack Engle ist am Anfang acht Jahre alt, und er klopft an die Tür eines Milchmanns und sagt, ich habe Hunger, und der Milchmann nimmt ihn auf in seine Familie. Er hat sich selbst eine neue Familie gesucht und gefunden. Dieses Waisenthema, auch das Unterkommen, auch die Mildtätigkeit dieses Mannes, das erinnert vielleicht auch ein bisschen an Charles Dickens, der selber ein Meister der Fortsetzungsromane war. Würden Sie sagen, dass "Jack Engle" ein Dickens'scher Roman ist?

Brocan: Eigentlich nicht. Es ist richtig, dass Whitman Dickens als Romanschriftsteller verehrt hat, was sich auch daran zeigt, dass also der Titel "Life and Adventures" auf beispielsweise "Life and Adventures of Nicholas Nickleby" von Dickens anspielt.

Lieske: Genau.

"Eine leicht ironisierte Darstellung von Romanen wie Dickens sie geschrieben hat"

Brocan: Die Figurenkonstellation, auch vielleicht das leicht klischeehafte, erinnern auch an Dickens und vielleicht auch die Handlung selber, die wir ja nur ganz kurz umrissen haben. Aber ich denke, es ist letzten Endes kein Dickens'scher Roman, es ist aber auch keine Parodie auf einen Dickens'schen Roman. Vielmehr ist es vielleicht eine leicht ironisierte Darstellung von Romanen wie Dickens sie geschrieben hat und wie sie auch in dieser Zeit beliebt waren.

Lieske: Und da spielt er durchaus auch mit dem Genre, in dem er sich bewegt, mit dem Fortsetzungsroman, denn der hatte ja auch bestimmte Gesetze. Es gibt eine kleine Ansprache des Lesers, es gibt einen kleinen Vorausblick, man versucht, so einen Cliffhanger einzuführen, man versucht, den Leser immer wieder ins Boot zu holen. Wie würden Sie denn diese Tonlage beschreiben, die da entstanden ist?

Brocan: Also zum einen muss man natürlich bedenken, dass der Roman in Zeitschriften erschienen ist und es daher immer auch Cliffhanger eigentlich geben muss, um den Leser für die nächste Ausgabe dann vorzubereiten. Nichtsdestotrotz denke ich, dass man in diesem Roman auch an diesem Stilmittel sieht, dass es sich eigentlich um ein Kompendium, könnte man sagen, der seinerzeit beliebten Literaturformen handelt, die auf subtile Weise auch ironisch gebrochen werden.

Lieske: Auf welche Literaturformen spielen Sie an, Herr Brocan?

"Ein Kompendium der seinerzeit beliebten Literaturformen"

Brocan: Ja, zum Beispiel findet man Elemente des Familienromans, des Kriminalromans, der Liebesgeschichte, und daneben wiederum gibt es also auch sehr lyrische Beschreibungen zum Beispiel einer Flussfahrt oder einen geradezu dokumentarisch anmutenden Friedhofsbesuch, und dann natürlich immer wieder die vielen kleinen, sehr vitalen Schnappschüsse aus der lebendigen Stadt New York.

Lieske: 1852 erschienen, wenige Jahre später die ersten zwölf Gedichte aus seiner Sammlung "Leaves of Grass". Wir könnten also davon ausgehen, dass er daran schon zeitgleich gearbeitet hat. Herr Brocan, hören Sie den Lyriker schon in diesem Fortsetzungsroman "Jack Engle"?

Brocan: In der Tat ist es so, dass es einige Passagen gibt, die, ich sage mal: auf den Lyriker der "Leaves of Grass" vorausdeuten. Man muss natürlich auch sagen, dass Whitman eine sehr langsame literarische Entwicklung genommen hat, und zu dem Zeitpunkt, als dieser Roman entstanden ist, war er 32, und es war noch nicht ganz sicher, in welche Richtung er sich eigentlich bewegen würde – würde er lieber Romanschriftsteller oder Prosaautor werden oder doch eher Lyriker. Wir stehen also gewissermaßen als Leser so an einem Scheideweg, an dem sich der Autor befindet, und man findet eben diese lyrischen Elemente, für die er sich dann später in der "Leaves of Grass" entschieden hat, und man muss allerdings auch sagen, die "Leaves of Grass" selber, die also drei Jahre später erschienen sind, haben zu der Zeit nicht die Form gehabt, in der man sie dann in den späteren Ausgaben liest.

Lieske: Eines der am öftesten überarbeiteten Werke der Weltgeschichte wahrscheinlich. Er war Anfang 30, gut ein Jahrzehnt älter seine Hauptfigur Jack Engle, gibt es denn auch autobiografische Momente in diesem Fortsetzungsroman?

"Man merkt, dass Whitman auch zu der Zeit als Journalist gearbeitet hat"

Brocan: Die gibt es sicherlich und vielleicht gar nicht einmal so auf ganz unversteckte Weise. Die Aversion gegen den Rechtsanwalt, denke ich, ist sehr deutlich sichtbar. Er hatte seinerzeit in Familienangelegenheiten, um es salopp zu sagen, großen Ärger mit einem Rechtsanwalt gehabt, und gewisse Reflexionen darüber kommen einfach in diesem Roman vor. Und dann merkt man natürlich auch wiederum, gerade in den Beschreibungen der Stadt, dass Whitman auch zu der Zeit als Journalist gearbeitet hat und über viele Menschen, Personen, Orte New Yorks geschrieben hat, die dann auf gewisse Weise irgendwie auch in diesem Roman wiederkehren.

Lieske: Es gibt fast so was wie ein Sittenbild Amerikas, die Quäker, die Religionsgemeinschaft der Quäker kommt recht gut weg. Er beschreibt aber auch eine Erweckungsversammlung – das scheint so was Charismatisches gewesen zu sein – und ist da deutlich weniger beeindruckt, auch dem Alkohol spricht er nicht so sehr das Wort. Wie moralisch ist denn dieses Werk?

Brocan: Whitman ist sicherlich in vielem ein moralischer Schriftsteller, aber kein Moralinsaurer oder jemand, der also mit dem berühmten erhobenen Zeigefinger rumläuft. Man merkt natürlich schon, dass er gewisse Aversionen gegen bestimmte Dinge hat, aber letzten Endes kann man eigentlich nicht sagen, dass dieses Buch ein moralisches Buch ist, auch wenn es in einer Zeit geschrieben wurde, in der auf Moral sehr, sehr viel Wert gelegt wurde.

Lieske: Der Fund dieses Romans 165 Jahre nach Erscheinen ist durchaus eine Sensation. Wir verdanken das auch dem Internet. Der junge, sehr findige Literaturwissenschaftler Zachary Turpin hat sich darangemacht, Namen aus dem Notizbuch Walt Whitmans auszuwerten, hat die dann in die richtige Suchmaschine eingegeben und eine Anzeige gefunden, die auf diesen Fortsetzungsroman verweist. Nun ist auch die Übersetzungsgeschichte durchaus beachtlich – er erscheint ja zeitgleich in Amerika, in der Schweiz, in Deutschland, wir haben also schon zwei deutsche Übersetzungen. Sie arbeiten an einer dritten, erzählen Sie uns kurz, Herr Brocan, wie das alles miteinander zusammenhängt.

"Die Suche nach dem richtigen Wort braucht Zeit"

Brocan: Meine Übersetzung soll in keiner Weise mit den vorhandenen Übersetzungen konkurrieren. Ich habe den Auftrag bekommen, kurz nachdem das Erscheinen dieses Romans in Amerika bekannt geworden ist, und ich lasse mir einfach die Zeit, die ich dafür brauche, weil ich auch zurzeit mit anderen Arbeiten noch befasst bin. Das Buch wird also fristgerecht erscheinen.

Lieske: Übersetzen ist nun mal was, was manchmal tatsächlich auch Zeit braucht. Worauf werden Sie denn, Herr Brocan, besonderen Wert legen in Ihrer Übertragung?

Brocan: Ja, Sie haben natürlich recht, Frau Lieske, Sorgfalt braucht ihre Zeit, aber auch die Suche nach dem richtigen Wort, dem richtigen Ausdruck braucht ja auch Zeit. Ich werde also versuchen, in meiner Übersetzung den richtigen Stil zu treffen, der ja eigentlich ein bisschen, wie ich schon angedeutet habe, ein bisschen ironisch ist, mit gewissen Elementen spielt, die Sprache der Quäker kommt ein bisschen rein, wir haben auch die lyrischen Elemente, und ich denke, das muss alles so ein bisschen ausgewogen werden, damit das also wirklich diesen subtilen Witz hat. Und das braucht alles einfach einen bestimmten Stil, bei dem man merkt, dass es dem Whitman nicht ganz ernst war mit diesem Buch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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