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StartseiteInterviewJa zum Wolfsabschuss in Extremfällen04.03.2019

Wildtierökologe vom NabuJa zum Wolfsabschuss in Extremfällen

Wenn ein Wolf wiederholt Probleme macht, muss man ihn dann auch abschießen dürfen? "Ja", sagte Ralf Schulte, Wildtierökologe beim Naturschutzbund Nabu, im Dlf. Auch wenn dieses Ja seinem Verband schwerfalle.

Ralf Schulte im Gespräch mit Sandra Schulz

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Ein Wolf läuft durch ein Gehege in einem Wildpark in Niedersachsen. (picture alliance / Lino Mirgeler)
"Sie sind wilde Tiere, sie müssen wilde Tiere bleiben und sie müssen wilde Tiere nutzen, um sich zu ernähren", sagt Nabu-Wildtierökologe Ralf Schulte über die sich in Europa wieder ausbreitenden Wölfe (picture alliance / Lino Mirgeler)
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"Wir befinden uns in einer Dilemmasituation", sagte der Wildtierökologe Ralf Schulte vom Naturschutzbund Nabu. Die Akzeptanz des Wolfs in Deutschland sei laut seinem Verband nur dann zu sichern, wenn man die Konflikte löse zwischen "dem Beuteerwerb des Wolfes und der Haltung von Ziegen, Schafen, Rindern draußen in der Landschaft, die wir als Naturschützer auch sehr befürworten".

Deswegen befürwortet sein Verband schweren Herzens den Vorschlag von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), die den Abschuss eines Wolfs erlauben will, wenn dieser auffällig wird, etwa mehrfach Schutzmaßnahmen überwunden hat. Diese Einschränkung ist Schulte wichtig. Er wies darauf hin, dass das Umweltministerin sich dafür stark mache, dass wirtschaftlichen Tierhaltern 100 Prozent der Aufwendungen für Herdenschutz wie Elektrozäune oder Herdenschutzhunde ersetzt werden.

Es müsse ein "absolutes Primat der Vorbeugung" gelten, sagt Schulte. Wichtig sei "dass [der Wolf] weiß, dass der Gang zur Schaf- oder Ziegenherde nicht wie ein Gang zum Schnellimbiss ist". Schulte erklärt: "Sie sind wilde Tiere, sie müssen wilde Tiere bleiben und sie müssen wilde Tiere nutzen, um sich zu ernähren." Eine "Entnahme" des Wolfs als Mittel  der letzten Wahl, "diese Kröte sind wir dann gegebenenfalls bereit, mit zu schlucken." Allerdings dürfe es nicht passieren, "dass diese Lex Wolf dann auch zu einer Lex Biber wird, zu einer Lex Fischotter".

Wölfe als "Generalisten und Opportunisten"

Wölfe können zum Problem für Tierzüchter werden, seien aber keine "Problemwölfe", betont Schulte. "Wölfe machen das, was Wölfe tun." Als "Generalisten und Opportunisten" nutzten sie "jede sich bietende Gelegenheit, um das zu gewährleisten, was sie brauchen am Ende des Tages, nämlich einen vollen Bauch". In einigen europäischen Ländern gingen die pragmatischen und sehr neugierigen Tiere auch an Mülltonnen. "Das hat aber natürlich zur Konsequenz, dass diese Wölfe ein Stückchen weit ihre Distanz zum Menschen verlieren."

Ein Fütterverbot sei deswegen sehr wichtig. Man dürfe es den von Natur aus neugierigen Tieren nicht leicht machen, die Nähe von Menschen zu suchen. Füttere man sie, lernten sie, "dass der Mensch in ihrem Alltagsleben, in ihrer Ernährung eine gewisse Rolle spielt, nämlich als Futterzuträger". "Wir müssen alles tun, das ist auch unsere Botschaft als Naturschutzbund, dass wir Wölfe in Deutschland wild halten und dass sie sich nicht als Kulturfolger entwickeln."


Das komplette Interview im Wortlaut:

Sandra Schulz: Im Märchen wird dem Wolf ja kurzer Prozess gemacht: Als die Geiß ihn schlafend antrifft, schneidet sie ihm den Bauch auf, befreit ihre Geißlein und ersetzt sie durch Wackersteine, der Wolf findet dann ein unschönes Ende beim Sturz in den Brunnen. Bei den Gebrüdern Grimm ist der Wolf ja ganz klar auf die Rolle des Bösewichts gebucht. In der Realität des 21. Jahrhunderts gilt der als schützenswerte Kreatur; weil er in Deutschland vom Aussterben bedroht ist, steht er unter Naturschutz.

Jahrelang war das einfach so, weil der Wolf jetzt aber vermehrt auch in Deutschland wieder auftaucht, ist die Frage, wie weit kann der Schutz gehen. Und seit gestern ist klar, auf welcher Seite Umweltministerin Schulze in diesem Streit steht: In der "Bild am Sonntag" kündigte sie an, dass der Abschuss von Wölfen erleichtert werden soll.

Am Telefon ist Ralf Schulte, Wildtierökologe, Fachbereichsleiter Naturschutz und Umweltpolitik beim Naturschutzbund Deutschland Nabu. Schönen guten Morgen!

Ralf Schulte: Schönen guten Morgen, Frau Schulz!

Schulz: Die Ministerin sagt, wenn Wölfe mehrfach Schutzzäune überwinden oder Menschen zu nahe kommen, dann muss man sie auch abschießen dürfen. Finden Sie das auch?

Schulte: Ja, auch wenn dieses Ja ein wenig schwerfällt, aber wir befinden uns in einer Dilemmasituation, denn wir gehen davon aus, dass die Akzeptanz des Wolfes dauerhaft in Deutschland nur dann gesichert werden kann, auch politisch gesichert werden kann, wenn es uns gelingt, diese, ich sag mal, Konfliktfelder, die gerade auch aus dem Beuteerwerb des Wolfes und der Haltung von Ziegen, Schafen, Rindern draußen in der Landschaft – was wir als Naturschützer auch dringlich sehr befürworten, in der Regel zumindest –, wenn diese Konflikte gelöst werden.

Deshalb finde ich, ist die Verkürzung der Aussage der Ministerin, sie will jetzt Wölfe letztendlich erleichtert entnehmen, so nicht ganz richtig interpretiert, denn sie hat eins vorher gesagt, nämlich: wenn sie denn Schutzmaßnahmen überwunden haben. Und das ist, glaube ich, die zentrale Botschaft, die man voranstellen muss, dass das Bundesumweltministerium sich in den letzten Wochen und Monaten sehr intensiv dafür stark gemacht hat, auch bei der EU, dass hundert Prozent aller Aufwendungen, die wirtschaftliche Halter von Tieren haben – also Berufsschäfer, Landwirte und so weiter –, dass hundert Prozent der Aufwendungen, die sie haben, um Herdenschutz zu betreiben – das bedeutet einen Elektrozaun, das bedeutet einen Herdenschutzhund –, dass hundert Prozent dieser Aufwendungen auch letztendlich ersetzt werden. Und erst, wenn es den Wölfen gelingt, diesen Schutz, diesen Mindestschutz mehrfach zu überwinden, dann soll die Entnahme erleichtert werden.

"Die Entnahme ist das Mittel der letzten Wahl"

Also absolutes Primat quasi der Vorbeugung und der Prophylaxe, und die Entnahme ist das Mittel der letzten Wahl. Und diese Kröte, die sind wir dann gegebenenfalls bereit mitzuschlucken, wenn es denn…

Schulz: Herr Schulte, lassen Sie mich das kurz verstehen, das heißt, Ihre Botschaft heute Morgen auch an alle Wolfsfreunde, an alle, die ganz erbittert auch Jäger kritisieren, die Wölfe schießen, diese Aufregung ist übertrieben.

Schulte: Wir würden uns dafür stark machen, dass unsere Sichtweise – erstens Prophylaxe, zweitens Abschuss nur im absoluten Ausnahmefall, wenn es Wölfe gibt, die mehrfach diesen Herdenschutz überwunden haben und die gelernt haben, letztendlich schnelle Beute zu machen –, dass das auch weiterhin gilt. Und es darf nicht passieren, dass diese Lex Wolf dann auch zu einer Lex Biber wird, zu einer Lex Fischotter, indem man sagt, okay, das, was beim Wolf gilt – ernsthaft statt erheblich –, das soll dann halt für die anderen auch gelten.

Schulz: Woran erkennt man denn eigentlich, wenn jetzt ein Wolf sich nähert, dass das ein – ich sag's jetzt mal polemisch –, dass das ein sogenannter Problemwolf ist?

Schulte: Wölfe sind eigentlich keine Problemwölfe. Wölfe machen das, was Wölfe tun, und Wölfe sind in der Lage, als Generalisten und Opportunisten sich durchs Leben zu schlagen. Das heißt, sie nutzen jede sich bietende Gelegenheit, um möglichst letztendlich das, was sie brauchen am Ende des Tages, nämlich einen vollen Bauch, dieses zu gewährleisten. Dazu gehen sie durchaus auch – aus Italien wissen wir das – auf Müllkippen, da gehen die in Rumänien in die Stadtränder und holen sich da auch mal Futter aus irgendwelchen Müllbehältern. Das hat aber natürlich zur Konsequenz, dass diese Wölfe ein Stückchen weit ihre Distanz zum Menschen verlieren.

Schulz: Ist es denn da richtig, jetzt das Füttern von Wölfen zu verbieten?

Schulte: Absolut. Wir müssen alles tun – das ist auch unsere Botschaft sozusagen als Naturschutzbund –, dass wir Wölfe in Deutschland wild halten und dass sie letztendlich nicht sich als Kulturfolger entwickeln, letztendlich menschliche Nahrungsangebote, und dazu gehört im weiteren Sinne dann natürlich auch eine ungeschützte Ziege oder ein ungeschütztes Schaf, dass sie lernen, damit sozusagen zurechtzukommen. Sie sind wilde Tiere, sie müssen wilde Tiere bleiben, und sie müssen wilde Tiere nutzen, um sich zu ernähren.

"Wir brauchen eine Distanz zu den Wölfen"

Schulz: Und warum ist das so? Wenn sie nicht gefüttert werden, dann ist doch die Gefahr, dass sie Beute machen und dass sie Nutztiere reißen, ist die dann nicht noch viel höher?

Schulte: Das würde ich so nicht unterschreiben, weil wenn sie gefüttert werden, dann lernen sie, dass der Mensch in ihrem Leben, in ihrem Alltagsleben, in ihrer Ernährung eine gewisse Rolle spielt, nämlich als Futterzuträger. Und diese Erfahrung sollten Wölfe idealerweise nicht machen, denn Wölfe sind natürlich – und das sehen wir ja auch an anderen Hunden – durchaus in der Lage… Gerade bei Hunden wissen wir es ja, wie viel Unfälle es mit Hunden gibt, die zu schweren Bissverletzungen führen, das kann ein Wolf natürlich auch machen. Und genau diese Situation, dass es zu einer Unfallsituation kommt, die ja Gott sei Dank bislang auch nicht eingetreten ist, die müssen wir zwingend verhindern, und das heißt, wir brauchen eine Distanz zu den Wölfen. Und die unterbinden wir, wenn wir sie beginnen zu füttern, sei es direkt oder indirekt.

Schulz: Ist es überhaupt möglich, diese Distanz bei den ja doch vergleichsweise engen Räumen, die wir inzwischen haben in Deutschland?

Schulte: Ach, es gibt andere Tiere auch in Deutschland, die sehr stark auf Distanz zum Menschen gehen, und entsprechend hohe Fluchtdistanzen haben. Da kommen sie auf 400 oder 500 Meter gar nicht ran, dann sind die schon weg. Beim Wolf ist es ein bisschen anders, weil Wölfe eines noch haben – eine Fähigkeit, außer dass sie Opportunisten und Generalisten sind: Sie sind extremst neugierig und erkunden sehr genau, was in ihrer Umwelt passiert. Das zeigen auch diese Bilder, wo es Nahbegegnungen mit Wölfen gibt. Wenn man die Tiere sich anguckt, die sind alle irgendwie ein bisschen neugierig, verunsichert, wissen nicht so richtig, was sie zu tun haben. Das heißt, der Wolf hat schon ein Potenzial in der Hinsicht, dass er die Nähe zum Menschen vielleicht auch sucht, aber wir sollten ihm das nicht leicht machen.

"Gang zur Ziegenherde ist nicht wie ein Gang zum Schnellimbis"

Schulz: Ich muss jetzt noch mal verstehen, warum Sie das so wichtig finden, dass die Wölfe wild leben. Wenn wir jetzt in einer Region leben würden, in der es Tiger und Löwen gibt, würden wir das dann auch anstreben, dass die dort wild leben und wir mittenmang oder zusammen?

Schulte: Wir müssen zusammenleben, wir müssen friedlich zusammenleben, auch mit Tigern und Löwen oder Ähnlichem, aber friedliches Zusammenleben bedeutet an der Stelle auch, dass man sich gegenseitig respektiert. Das heißt, dass auch ein Löwe und ein Tiger weiß, dass er nicht Menschen als leichte Beute betrachtet, das bedeutet aber auch hier in Europa beim Wolf, dass er weiß, dass der Gang zur Schaf- oder zur Ziegenherde nicht wie ein Gang zum Schnellimbiss ist.

Schulz: Wie geht es dem Wolf in Deutschland im 21. Jahrhundert, jetzt aktuell?

Schulte: Dem Wolf geht es wieder gut, denn in den letzten gut 30 Jahren – nachdem insbesondere auch die Bejagung in Osteuropa aufgegeben wurde, nachdem die Grenzen wieder offen sind, dass sie nicht mehr an Metallgitterzäunen letztendlich gehindert werden – hat er sich wieder auf den Weg gemacht, nach Westen zu wandern, und es geht ihm, glaube ich, relativ gut. Und er belegt auch, dass er in der Kulturlandschaft, wie wir sie ihm hier bieten können, doch vergleichsweise gut klarkommt, wenn er denn entsprechend gute Räume hat, die letztendlich auch hinreichend Rückzugsmöglichkeiten bieten, wo er in aller Ruhe seine Jungen aufziehen kann. Und angesichts der Wildbestände, die wir haben, mangelt es ihm, glaube ich, auch nicht an wildem Futter hier.

Schulz: Sagt Ralf Schulte, Wildtierökologe, Fachbereichsleiter Naturschutz und Umweltpolitik beim NABU und heute Morgen hier bei uns im Deutschlandfunk. Vielen Dank Ihnen!

Schulte: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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