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StartseiteTag für TagWilliam James und die innere Seite der Religion07.01.2013

William James und die innere Seite der Religion

Die Anfänge der Religionspsychologie - Teil 1

William James (1842-1910), Harvard-Professor für Psychologie und Philosophie, gilt als einer der Pioniere der Religionspsychologie. Für James ist die Religion ein zutiefst subjektives Phänomen und nicht die Anerkennung theologischer Lehren.

Von Alexander Grau

Zeitgenössische Aufnahme des amerikanischen Psychologen und Philosophen William James. (picture alliance / dpa / B0173_Belga)
Zeitgenössische Aufnahme des amerikanischen Psychologen und Philosophen William James. (picture alliance / dpa / B0173_Belga)

"Während ich mich, was meine Zukunft betraf, in allgemeiner Niedergeschlagenheit befand, überfiel mich plötzlich eine entsetzliche Existenzangst. Vor meinem geistigen Auge erschien das Bild eines Epileptikers, den ich in der Anstalt gesehen hatte."

berichtet der Psychologe William James während einer Vorlesung an der schottischen Universität in Edinburgh.

"Ich empfand eine solche Abscheu und fühlte gleichzeitig mein augenblickliches Anderssein so deutlich, als schwände etwas bis dahin Festes in mir dahin, und aus mir wurde ein bibbernder Angsthaufen. Nach diesem Erlebnis war das Universum für mich völlig verändert."

William James gilt zu diesem Zeitpunkt, 1901, als der bedeutendste Psychologe seiner Zeit. 1890 hatte er mit seinem umfangreichen Werk, den "Principles of Psychology", die Grundlagen der modernen, wissenschaftlichen Psychologie gelegt.

Seine Vorlesungen in Edinburgh trugen den Titel "Über die Vielfalt religiöser Erfahrung". James selbst war kein besonders religiöser Mensch. 1904 schreibt er in einem Brief:

"Ich habe keine lebendige Empfindung eines Verkehrs mit Gott. Ich beneide die, die eine solche haben, da ich weiß, dass sie mir unendlich helfen würde. Das Göttliche ist für mein aktives Leben auf abstrakte Begriffe beschränkt, die mich als Ideale interessieren und beeinflussen, aber sie tun es nur schwach im Vergleich mit einem Gottesgefühl, wenn ich ein solches hätte."

William James wird 1842 in New York geboren. Sein Großvater, ein orthodoxer Presbyterianer, war 1789 aus Irland in die Vereinigten Staaten eingewandert und durch Immobiliengeschäfte reich geworden. Aller wirtschaftlichen Sorgen enthoben, sorgte Williams Vater dafür, dass seine Kinder eine erstrangige internationale Ausbildung erhielten. William und sein jüngerer Bruder Henry, der spätere berühmte Romanschriftsteller, besuchen Schulen in London, Paris, Bozen und Bonn.

Ab 1864 studiert William James Medizin in Harvard. Bei einem Aufenthalt in Deutschland 1867 besuchte er Vorlesungen bei dem berühmten Physiker und Physiologen Hermann von Helmholtz in Berlin. Ab 1872 lehrte James dann selbst in Harvard, zunächst Physiologie, später Psychologie und Philosophie.

Zusammen mit dem Logiker und Philosophen Charles Sanders Peirce gilt William James als der Begründer des Pragmatismus. Darunter versteht man eine Philosophie, für die Wahrheit nicht in der Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit besteht. Wahrheit bedeutet aus pragmatischer Sicht, dass ein Gedanke oder eine Aussage wahr ist, wenn sie nützlich für das menschliche Handeln ist. Wahr aus Sicht des Pragmatismus ist, was funktioniert.
William James:

" ‘Das Wahre’ ist, um es kurz zu sagen, nichts anderes als das, was uns auf dem Wege des Denkens vorwärts bringt."

Und für die Religion bedeutet das:

"Der Pragmatismus erweitert das Gebiet, auf dem man Gott suchen kann. ... Der Pragmatismus ist zu allem bereit, er folgt der Logik oder den Sinnen und lässt auch die bescheidenste und persönlichste Erfahrung gelten. Er würde auch mystische Erfahrungen gelten lassen, wenn sie praktische Folgen hätten."

Es überrascht daher nicht, dass es James in seinen Vorlesungen über die Vielfalt religiöser Erfahrung nicht um Glaubenssätze geht. James sucht vielmehr nach einem gemeinsamen Muster, das religiösen Erfahrungen zugrunde liegt – unabhängig von den jeweiligen religiösen Überzeugungen. Religion ist für James das, was als Emotion im einzelnen Menschen übrig bleibt, wenn man von den äußerlichen Lehrsätzen und Ritualen der Religion absieht.

"Religion bedeutet die Gefühle, Handlungen und Erfahrungen von einzelnen Menschen, die von sich selbst glauben, dass sie in Beziehung zum Göttlichen stehen."

Diese Vorstellung von Religion als einem privaten, inneren Ereignis, ist stark von der protestantischen Frömmigkeitskultur geprägt, in der James aufwuchs. Zudem trifft er eine folgenreiche methodische Entscheidung, die ihm insbesondere von Kollegen starke Kritik eingebracht hat:
In seinen Untersuchungen konzentriert er sich auf religiöse Genies, wie James sie nennt. Darunter versteht er Menschen mit ungewöhnlich intensiven religiösen Erfahrungen.

Indem James sich dabei auf Persönlichkeiten wie Martin Luther, Ignatius von Loyola, Theresa von Avila oder John Wesley, dem Begründer des Methodismus, beschränkt, engt er das Bild religiöser Erfahrung ein. Abgeleitet aus den Biografien dieser sogenannten religiösen Genies, hängen religiöse Erfahrungen für James daher immer mit intensiven Erfahrungen von Krisen, einer existenziellen seelischen Notlage zusammen, die das bisherige Leben radikal in Frage stellt.

Damit blendet James alle positiven oder unspektakulären Formen religiöser Erfahrung aus – etwa das Gefühl tiefer Geborgenheit oder eine selbstbewusste, in religiösen Traditionen wurzelnde Frömmigkeit.

Eine Ursache für diesen einseitigen methodischen Zugang ist die amerikanische Glaubenskultur. Die, wie etwa bei dem früheren Präsidenten George W. Bush deutlich wurde, stark von der Idee eines "born again", einer Wiedergeburt, geprägt ist. Also der Vorstellung, durch eine persönliche Krise zum Glauben und zu Gott zu finden und so auch zu einer geistlichen und moralischen Erneuerung.

Religiöse Erfahrung bedarf keiner Institutionen und keiner theologischen Lehren. Im Gegenteil. Organisationen und Glaubenstraditionen höhlen für James das religiöse Empfinden aus und lassen es leer und abstrakt werden. Dazu der Tübinger Theologe und James-Herausgeber Eilert Herms:

"In der ‘religiösen Erfahrung’ zeigt sich das, was an der Religion das Ursprüngliche ist: nämlich ein Geschehen in der intimsten Schicht des personalen Selbstbewusstseins, ein Geschehen, das die Unmittelbarkeit des Selbstgefühls betrifft."

Wie schon der protestantische Theologe Friedrich Schleiermacher verortet auch William James die Religion im Gefühl. Gefühle jedoch sind privat und individuell. Das entscheidende Merkmal der Religion ist somit für James das religiöse Empfinden des Individuums und nicht die Anerkennung heiliger Schriften und theologischer Lehrmeinungen.

"Wenn wir die Gesamtheit der Religion überblicken, entdecken wir eine große Vielfalt der jeweils vorherrschenden Gedanken; aber die Gefühle auf der einen Seite und das Verhalten auf der anderen sind fast immer dieselben; denn stoische, christliche und buddhistische Heilige sind in ihrer Lebensführung praktisch nicht zu unterscheiden."

Dementsprechend markieren für ihn mystische Erfahrungen den Kern religiösen Empfindens. Denn solche Erfahrungen zeichnen sich, so James, durch die Überwindung aller gewöhnlichen Barrieren zwischen dem Einzelnen und dem Absoluten aus. Der Mystiker fühlt sich eins mit dem Absoluten, zugleich aber ist er sich dieses Zustandes bewusst.
Damit eröffnet die mystische Erfahrung den Zugang zu einem unterbewussten Selbst.

Das unterbewusste Selbst, James bezeichnet es auch als "weiteres Selbst", ist nicht mit Sigmund Freuds Unbewussten zu verwechseln, das vor allem ein System verdrängter und abgewehrter Triebinhalte darstellt. Für James umfasst das Unterbewusste alle uns nicht bewussten geistigen Vorgänge, seien sie Ergebnisse unserer persönlichen Entwicklung oder unserer körperlichen Verfassung. Eilert Herms:

"Das individuelle Selbst verdankt sich vorbewussten Lebensprozessen, die es aus dem weiteren Selbst ausgrenzen. ... Dieses Ausgeliefertsein des individuellen Selbst an vorbewusste Lebensprozesse ist grundlegend und absolut."

Das Vorbewusste ist für James die Bedingung religiöser Erfahrung. Erst das erweiterte Selbst setzt die Energien frei, die religiösen Erfahrungen des bewussten Selbst zu ermöglichen. Insbesondere bei den großen Gestalten der Religionsgeschichte wie Buddha, Paulus oder Mohammed war die Grenze zwischen bewusstem und vorbewusstem Selbst äußerst durchlässig. Erst diese Durchlässigkeit ermöglichte die Offenbarungen, Visionen und Erleuchtungen, die sie zu charismatischen Religionsstiftern machte.
William James:

"Nach allem, was wir gesehen haben, komme ich zu dem Ergebnis, dass bei tiefreligiösen Menschen das Tor zu dieser Region ungewöhnlich weit offen zu stehen scheint; auf jeden Fall haben Erfahrungen, die durch diese Tor gekommen sind, die Religionsgeschichte nachträglich geprägt."

Da Religion für James ausschließlich durch individuelle, private Erfahrungen geprägt ist, kann sie niemals falsch sein oder auf wenige Aspekte reduziert werden. Sowohl offizielle Kirchenvertreter als auch prominente Religionskritiker arbeiten deshalb für James mit einem falschen Religionsbegriff.

Nur wenige Wochen nachdem James seine Vorlesungen in Edinburgh abgeschlossen hatte, erschienen sie als Buch und hatten einen durchschlagenden Erfolg. Allein bis zu James’ Todesjahr 1910 erschienen 18 Auflagen.

Die erste deutsche Ausgabe war 1907 erschienen. Zur gleichen Zeit entstanden in Deutschland aber auch eigenständige religionspsychologische Ansätze, bei denen man methodisch anders vorging als William James.

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