Donnerstag, 01. Dezember 2022

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"Wir brauchen eine intelligente Steuerung von Angebot und Nachfrage"

Gestern berieten Spitzenvertreter der Strom- und Gaswirtschaft mit der Bundesregierung die nächsten Schritte bei der Umsetzung der Energiewende. Zunächst müssten alle Potenziale zur Verbesserung des Systems geprüft werden, meint Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Claudia Kemfert im Gespräch mit Tobias Armbrüster | 03.05.2012

    Tobias Armbrüster: Es war ein eindrucksvoller Beleg für die Wendefähigkeit von Politikern: die Energiewende, die die schwarz-gelbe Koalition vor etwa einem Jahr eingeläutet hat. In den kommenden zehn Jahren sollen alle Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden, die Bundesrepublik soll langfristig umsteigen auf erneuerbare Energien, vor allem auf die Windenergie. Das klang alles sehr ambitioniert vor einem Jahr, aber wie genau dieser Umstieg gelingen soll, das lässt sich immer noch nicht so genau absehen. Angela Merkel hat deshalb gestern wieder einmal zu einem Energiegipfel geladen, unter anderem mit Vertretern der großen Energieversorger, und dabei traten erneut einige Probleme zu Tage.
    Am Telefon ist Claudia Kemfert, sie ist zuständig für Energiefragen beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Und auch das sollte man in diesen Tagen erwähnen: Sie ist vorgesehen für den möglichen Posten als Energieministerin im Schattenkabinett von Norbert Röttgen in Nordrhein-Westfalen. Schönen guten Morgen, Frau Kemfert.

    Claudia Kemfert: Guten Morgen, Herr Armbrüster.

    Armbrüster: Frau Kemfert, muss die Bundesregierung den Kraftwerksbauern jetzt Geld in die Hand drücken, damit die uns weiter mit Strom versorgen?

    Kemfert: Ich wäre auch der Meinung, dass man hier jetzt nicht vorschnell Instrumente empfehlen sollte. Auch die Forderung nach Subventionen ist völlig verfrüht. Richtig ist ja, dass wir neue Kraftwerke benötigen – einerseits, gerade weil im Süden ja auch Atomkraftwerke vom Netz gehen, andererseits, weil auch Kohlekraftwerke alt sind und wir besser neue effiziente Kraftwerke brauchen als alte ineffiziente. Und da fehlen im Moment die wirtschaftlichen Anreize, und hier ist es richtig, sich erst mal auszutauschen, was brauchen wir eigentlich, wo muss die Reise hingehen und welche notwendigen Schritte sind jetzt wirklich auch sinnvoll.

    Armbrüster: Aber Geld muss dann fließen in Richtung der Kassen der Kraftwerksbetreiber?

    Kemfert: So würde ich das jetzt nicht unmittelbar sehen. Wichtig ist ja vor allen Dingen, dass man auch die Netze ausbaut. Das System insgesamt ist ja sehr komplex. Die Netze sind sehr wichtig, wir brauchen eine intelligente Steuerung von Angebot und Nachfrage, die Nachfrageseite wird häufig völlig außen vor gelassen. Hier hat man viele, viele Potenziale und auch, wenn man berücksichtigt – und das zeigen ja auch die ersten Studien, die in Auftrag gegeben wurden, eben zur Untersuchung solcher Subventionen -, dass man das nicht allein in Deutschland anschauen soll, sondern dass man auch das europäische Ausland mit im Blick haben muss. Wenn man all das mit berücksichtigt, kann man durchaus auch Lösungen finden, die intelligente Nachfragesteuerung heißen, die auch eine optimierte Angebotssteuerung heißen und eben halt auch Netzausbau, und in der Summe wir gar nicht diesen Kraftwerksausbau benötigen, der manchmal vorgesehen wird.

    Armbrüster: Das heißt, wenn ich das jetzt mal so übersetzen darf, Frau Kemfert: Die Kraftwerksbetreiber und –bauer sagen nicht ganz die Wahrheit, wenn sie sagen, der Strom in Deutschland ist zu billig?

    Kemfert: Ich denke, sie sagen schon die Wahrheit, weil sie ja aus ihrer Sicht entsprechend auch die Dinge sehen müssen, denn sie brauchen ja wirtschaftliche Anreize, um eben neue Kraftwerke zu bauen, und insbesondere Gaskraftwerke rechnen sich in erster Linie, wenn der Strompreis sehr hoch ist.

    Armbrüster: Wie könnten denn dann wirtschaftliche Anreize aussehen?

    Kemfert: Die wirtschaftlichen Anreize können eben so aussehen, dass man entsprechend eine Optimierung des Systems hat, dass man ja weiß, es kommen immer mehr erneuerbare Energien ins System, die sind volatil, da brauchen wir den Netzausbau, auch eine intelligente Steuerung und Reservekapazitäten, wie man dann gegebenenfalls – und das muss man sehr genau prüfen, auch mit vielen Studien, Untersuchungen, auch mit Ausschreibungsverfahren – entsprechend Anreize geben kann, diese auch zu bauen, oder eben halt auch andere Systeme, wenn es wirklich notwendig ist. Also hier würde ich auch jetzt vor vorschnellen Instrumentenempfehlungen erst mal warnen, sondern die Studien abwarten, die wir brauchen, um zu sehen, wo tatsächlich auch der Bedarf ist.

    Armbrüster: Machen die Subventionen für Wind und Solar den Strom in Deutschland denn zu billig?

    Kemfert: Ja sie führen in erster Linie dazu, dass wir an der Börse niedrigere Preise haben. Das ist einerseits gut, auch für Industriekunden, die ja Sorge haben, dass die Strompreise explodieren. Andererseits bieten sie eben halt dann auch nicht ausreichend Anreize, um neue Kraftwerke zu bauen – insbesondere auch deshalb, weil man eben halt gerade bei dem Bau von Gaskraftwerken hohe Strompreise benötigt -, und hier muss man in der Tat sehen, wie man dieses lösen kann, wie man entsprechend auch die Anreize schaffen kann. Insbesondere Bayern oder auch Baden-Württemberg will ja viele Gaskraftwerke bauen und da muss man Wege finden, wie man das auch entsprechend finanziell umsetzen kann.

    Armbrüster: Das heißt, für die Gaskraftwerke würden Sie auch sagen, da könnten Subventionen fließen?

    Kemfert: Ich würde jetzt nicht unmittelbar sofort immer sagen, wir brauchen Subventionen für alle möglichen Kraftwerke. Hier ist das System insgesamt gefordert, und wenn neue erneuerbare Energien hinzukommen, wo man Reservekapazitäten dann auch benötigt, kann man eben halt auch über bestimmte Ausschreibungsverfahren solche Kraftwerke in den Markt bekommen. Aber es gibt eben halt auch die Möglichkeit der sogenannten Kapazitätsmärkte, die ja gestern besprochen wurden, die man aber erst noch sehr genau anschauen muss, ob das wirklich Sinn macht, was aber auch nicht bedeutet, dass man jetzt automatisch eine Subvention hat. Also da muss man jetzt auch aufpassen, dass man nicht vorschnell jetzt alles Mögliche durcheinanderbringt.

    Armbrüster: Es war ja gestern im Kanzleramt vor allem ein Treffen der Kanzlerin mit den Vertretern der großen Energieversorger. Haben Sie den Eindruck, dass die bei dieser Energiewende zu sehr auf die Bremse treten?

    Kemfert: Nein, den Eindruck habe ich nicht. Sie sind natürlich für viele Bereiche zuständig, insbesondere beim Ausbau von großen Projekten wie Windanlagen oder eben halt auch teilweise die Netze, die ausgebaut werden müssen, und sie haben eben halt auch die Verantwortung, bestimmte Kraftwerkskapazitäten noch vorzuhalten, die sie ja heute schon haben und die sie auch teilweise neu bauen müssen, und insofern macht es ja auch Sinn, sich da zusammenzusetzen und zu überlegen, wie man das vernünftig regeln kann und wie auch entsprechend die Wege sind, um eben halt dann auch die Atomkraftwerke abzuschalten und dann auch genügend Anreize zu haben, in neue Kraftwerke zu investieren.

    Armbrüster: Es ging bei diesen Gesprächen wieder auch mal um die Schwierigkeiten beim Bau von Windkraftanlagen in der Nordsee. Sie haben sie gerade erwähnt. Was genau ist da das Problem?

    Kemfert: Ja es scheint in erster Linie ein Problem eines Netzanbieters zu sein, der die Netze nicht ausreichend ausbaut im Nordwesten Deutschlands und das nicht schnell genug schafft und man hier die Hoffnung hatte, dass es sehr schnell funktioniert, und hier muss man in der Tat schauen, wo ist das Problem. Es funktioniert ja in vielen anderen Ländern der Welt ganz vorzüglich. Hier gibt es auch dann lokale Probleme, die man auch lokal eingrenzen kann, und hier wäre es wichtig, dass man sich das Problem anschaut, dann auch Wege findet, damit hier der Netzausbau rasch vonstattengeht.

    Armbrüster: Das heißt, die Windräder stehen sozusagen im Meer, aber sie werden nicht richtig an das Stromnetz angeschlossen.

    Kemfert: Ja man ist im Zeitplan, was den Bau der Offshore-Windanlagen angeht. Da hat man ja sich auch viel vorgenommen. Aber die Unternehmen haben ausreichend investiert, sie haben auch ausreichend Genehmigungen bekommen und die Anlagen stehen teilweise schon im Meer oder warten vor der Küste, gebaut zu werden. Nur scheint das Problem hier zu sein, dass ein Netzanbieter eben halt nicht in der Lage ist, so schnell wie es notwendig war die Netze ausreichend auszubauen, und da muss man Wege finden, dass das rasch passiert.

    Armbrüster: Gerät der Zeitplan für die Energiewende – zehn Jahre sind noch Zeit – dadurch in Gefahr?

    Kemfert: Nein. Ich würde nicht sehen, dass es in Gefahr ist. Es sind ja auch nicht zehn Jahre, sondern man hat sich ja 40 Jahre vorgenommen, um wirklich die erneuerbaren Energien dann auch flächendeckend auszubauen, und in den nächsten zehn Jahren gehen die Atomkraftwerke vom Netz, die man aber leicht ersetzen kann, eben teilweise durch Kraftwerke, die man heute schon hat oder die jetzt gebaut werden, und vor allen Dingen durch den Zubau von erneuerbaren Energien. Also, da ist man bis 2020 erst mal auf der sicheren Seite. Wichtig ist ja, dass man danach dann den Umbau der Energieversorgung schafft, dass man bis 2050 dann auch wirklich 100 Prozent erneuerbare Energien hat, und da gehört dann ein Netzausbau hinzu, die Speicherfähigkeit, die optimierte Nachfrage- und Angebotssteuerung und eben halt das komplexe System auf die neuen Anforderungen umzustellen.

    Armbrüster: …, sagt Professor Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Vielen Dank, Frau Kemfert, und auf Wiederhören nach Berlin.

    Kemfert: Ich danke Ihnen. Danke schön!

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.