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StartseiteInterview"Wir können die Entscheidung nicht nachvollziehen"20.04.2010

"Wir können die Entscheidung nicht nachvollziehen"

Cockpit-Vorstandsmitglied kritisiert teilweise Freigabe des Luftraums

Für Jörg Handwerg, Vorstandsmitglied der Vereinigung Cockpit, ist die teilweise Freigabe des Luftraums nicht verständlich. Es habe sich an der wissenschaftlichen Erkenntnis über die Gefährlichkeit der Aschewolke bisher nichts geändert.

Jörg Handwerg im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Der Ausbruch des isländischen Eyjafjallajökull: An der Gefährlichkeit der Wolke für Flugzeuge habe sich nichts geändert, sagt Jörg Handwerg.  (AP)
Der Ausbruch des isländischen Eyjafjallajökull: An der Gefährlichkeit der Wolke für Flugzeuge habe sich nichts geändert, sagt Jörg Handwerg. (AP)

Dirk-Oliver Heckmann: Mitgehört hat Jörg Handwerg, Vorstandsmitglied der Vereinigung Cockpit. Herr Handwerg, wie bewerten Sie denn die Entscheidung gestern aus Brüssel für die teilweise Freigabe des Luftraums?

Jörg Handwerg: Wir können die Entscheidung nicht nachvollziehen, weil man ja vor zwei Tagen noch gesagt hat, Wirtschaftsinteressen kommen hinter Sicherheitsinteressen. Es hat sich aber an der wissenschaftlichen Erkenntnis über die Gefährlichkeit der Aschewolke bisher nichts geändert. Wir haben keinen Wissenschaftler, der gesagt hat, wir haben hier den Beweis geführt, das ist ungefährlich. Insofern hat man nur eine juristische Winkelkonstruktion jetzt gesucht, um die Flugzeuge in die Luft zu bringen. An der Sicherheit hat sich aus unserer Sicht nichts geändert.

Heckmann: Das heißt, die Politik macht Abstriche bei der Sicherheit? Kann man das so sagen?

Handwerg: Den Schluss muss man leider ziehen, wenn man die Vorgehensweise sieht.

Heckmann: Ich habe gerade eben schon erwähnt, es wurden gestern Aschepartikel an Militärflugzeugen festgestellt. Herr Hunold sagte gerade, das könne man nicht vergleichen. Wie sehen Sie das? Ist es vergleichbar?

Handwerg: Herr Hunold hat nicht ganz Unrecht. Es wurde in der Tat durch die Wolke geflogen bei diesem Vorfall und das war ja auch Absicht. Man wollte eben Erkenntnisse sammeln. Allerdings wurden ja nicht nur Glasteilchen gefunden, sondern die Triebwerke sind schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Allerdings muss ich insofern Herrn Hunold auch noch mal widersprechen, weil diese Glasteilchen eben nicht sichtbar sind. Der Pilot kann eben nicht unterscheiden, ist es jetzt ungefährlich, oder wird es jetzt gefährlich, und das ist aus unserer Sicht ein großes Problem.

Heckmann: Können die Piloten eigentlich dazu verpflichtet werden, solche Flüge jetzt durchzuführen?

Handwerg: Ja. Das ist ja auch eine Geschichte, die man ganz deutlich mal sagen muss. Die Verantwortung wird jetzt auf die Piloten abgewälzt, was aus unserer Sicht eben nicht vertretbar ist, denn der Pilot hat zwar juristisch gesehen die Möglichkeit zu sagen, ich führe diesen Flug nicht durch, weil ich ihn nicht für sicher halte, aber er ist auch in einem Arbeitsverhältnis und das würde dann einer Arbeitsverweigerung gleichen, denn juristisch ist es ja legal, die Vorgehensweise ist ja legalisiert worden, und das heißt letzten Endes, er würde wohl um seinen Arbeitsplatz bangen müssen, und in einem Klima der Angst um den Arbeitsplatz werden nicht unbedingt die Entscheidungen gefällt, die aus Sicherheitsgründen notwendig sein könnten.

Heckmann: Die europäischen Verkehrsminister haben sich auf eine Lockerung des Flugverbots verständigt. Wie groß schätzen Sie den Druck der Flugunternehmen ein, die darauf hingewirkt haben könnten?

Handwerg: Man hat es auch in Deutschland gesehen: der Druck ist immens. Es ist auch nicht ganz unverständlich. Natürlich sind hier Riesen Summen im Spiel, die nicht nur der Airline-Industrie verloren gehen. Wir haben natürlich auch ein Problem, dass wir, wie ich gelesen habe, 150.000 Gäste irgendwo im Ausland stehen haben, die dort auch teilweise schon leiden. Aber man muss sehen, dass das Problem eigentlich im System bedingt ist. Wie Herr Hunold schon gesagt hatte, da gebe ich ihm Recht, wir hatten keine vernünftige Vorbereitung. Das heißt, keiner war so richtig darauf eingestellt. Wir haben nicht mal richtige Messgeräte hier an unseren Ballons dran, die etwas mit Partikeln anfangen können. Wir sind hier wirklich kalt erwischt worden. Leider hat es relativ lange gedauert, bis man das erkannt hat und bis jetzt der erste Messflug durchgeführt wurde, wobei man das sicherlich nicht dem DLR anlasten kann.

Heckmann: Zur Debatte um das Flugverbot über Europa war das Jörg Handwerg, Vorstandsmitglied der Vereinigung Cockpit. Auch Ihnen herzlichen Dank, Herr Handwerg, und einen schönen Tag.

Handwerg: Danke, gleichfalls.

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