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StartseiteInterview"Wir können ja die Leute nicht einmauern"01.06.2007

"Wir können ja die Leute nicht einmauern"

Ministerpräsident Böhmer zur Abwanderung aus Ostdeutschland

Nach Einschätzung Wolfgang Böhmers kann allein wirtschaftlicher Aufschwung die Abwanderung junger Menschen aus den neuen Ländern dauerhaft stoppen. Er könne nicht verlangen, "dass sie mir zur Liebe in Sachsen-Anhalt bleiben, wenn sie woanders bessere Lebenschancen haben", sagte der sachsen-anhaltische Ministerpräsident. Nach Worten des CDU-Politikers müssten deshalb zuvorderst zukunftsfähige Arbeitsplätze geschaffen werden.

Moderation: Silvia Engels

Wohnungsabriss in Dresden. (AP)
Wohnungsabriss in Dresden. (AP)
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Silvia Engels: Wohin wandern die Deutschen? Gerade erst berichtete das Statistische Bundesamt, dass zunehmend mehr Menschen Deutschland generell für immer den Rücken kehren. Daneben geht jedoch auch die Wanderung innerhalb des Landes weiter. Im vergangenen Jahr orientierten sich im Saldo 50.000 mehr Menschen von den neuen in die alten Bundesländer. Das Berlin-Institut für Bevölkerung hat sich zudem über Jahre hinweg die Struktur der Abwanderung angeschaut und schlägt in einer Studie Alarm. Denn es sind vor allem gut ausgebildete junge Frauen, die ihre ostdeutsche Heimat verlassen. Zwischen 1991 und 2005 gingen 400.000 junge Frauen, aber nur 270.000 junge Männer. In besonders strukturschwachen Regionen fehlten mittlerweile bis zu 25 Prozent der jungen Frauen, so die Studie. Zurück bleiben die Männer.

Am Telefon ist nun der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer (CDU). Guten Morgen, Herr Böhmer!

Wolfgang Böhmer: Guten Morgen, Frau Engels!

Engels: Beobachten Sie diese spezifische Frauenabwanderung auch in Sachsen-Anhalt?

Böhmer: Ja. Uns sind diese Daten nicht neu. Wir beobachten natürlich seit längerer Zeit schon die Wanderungsbilanz, die für uns leider noch negativ ist. Und wir wissen auch schon seit längerem, dass es mehr junge Frauen als junge Männer sind, die uns verlassen. Wir bedauern dies, denn es geht uns ein großer Teil einer zukünftigen Mütter-Generation dadurch verloren, und die demografischen Konsequenzen sind abschätzbar und vorherberechenbar.

Engels: Sie sprechen von demografischen Folgen. Welche Folgen hat das denn? Altert damit die Gesellschaft noch schneller, da zwangsläufig noch weniger Familien entstehen?

Böhmer: Natürlich! Der statistische Durchschnitt wird noch schneller ansteigen. Wir werden eine zunehmend alternde Gesellschaft, was die demografische Schichtung anbetrifft, und die Zahl der Kinder wird absinken, noch weiter absinken, weil uns die Mütter-Generation zu sehr abgesunken ist.

Engels: Die Autoren der Studie machen für diese geschlechterspezifisch unterschiedliche Abwanderung vor allem das Bildungsniveau verantwortlich. Junge Frauen hätten die besseren Möglichkeiten, woanders einen Job zu finden, denn sie hätten in der Regel bessere Schulabschlüsse. Trifft das auch in Sachsen-Anhalt zu?

Böhmer: Nach den mir vorliegenden Zahlen ja. Obwohl die Jungs die gleichen Angebote in der Schule bekommen wie die Mädchen, ist das Ergebnis bei den Mädchen deutlich besser nach den auch mir bekannten Zahlen. Das ist aber nicht ganz neu. Schon immer wissen wir, dass die Mädchen in diesem Lebensalter fleißiger sind als die Jungs. Bei manchen bessert sich das allerdings.

Engels: Müssten Sie da nicht konkret gegenhalten, und wie stellen Sie sich das vor?

Böhmer: Das ist nicht so ganz einfach. Wir können ja die Leute nicht einmauern und einsperren, sondern wir wollen natürlich den Leuten hier Chancen bieten, auch den jungen Leuten. Das heißt im Klartext Lebenschancen. Das heißt zukunftsfähige Arbeitsplätze zu gleich guter Bezahlung wie in anderen Gegenden Deutschlands. Nur wenn wir dies schaffen, werden wir auch die ganzen Nachfolgeprobleme lösen können. Ich kann von niemandem verlangen, dass sie mir zur Liebe in Sachsen-Anhalt bleiben, wenn sie woanders bessere Lebenschancen haben. Aber es muss unsere Aufgabe sein, die Lebenschancen hier zu verbessern.

Engels: Die Autoren kritisieren in ihrer Studie aber unter anderem, dass beispielsweise der extrem hohe Anteil weiblicher Grundschullehrer dazu beitragen könnte, dass gerade den Jungen die Ansprechpartner fehlen und sie nicht adäquat motiviert würden und folglich auch schlechtere Leistungen liefern würden. Kann da was dran sein?

Böhmer: Da bin ich sehr skeptisch. Ich kann mich noch an meine Schulzeit erinnern. Da gab es Lehrer, von denen wir nicht viel hielten, und Lehrerinnen, vor denen wir Respekt hatten. Das muss also nicht nur geschlechtsgebunden sein. Dass natürlich Jungs zu ihrem Erwachsenwerden auch Väter oder Lehrer brauchen, das will ich ja gar nicht in Abrede stellen. Aber dass man nun alles damit erklären kann, das erscheint mir etwas gekünstelt.

Engels: Vielleicht nicht alles, aber wollen Sie etwas am Bildungssystem ändern, um Jungen und junge Männer spezifisch stärker zu fördern?

Böhmer: Ja. Wir geben uns schon Mühe zu fördern und wollen natürlich Jungen und Mädchen gleichermaßen fördern, sofern sie förderbedürftig sind. Dass wir jetzt spezielle Jungen-Förderprogramme machen, das leuchtet mir nicht ein. Jungen haben jetzt die gleichen Chancen wie Mädchen. Sie müssen nur sich auf den Hosenboden setzen und den Ernst der Situation erkennen. Das werden sie bei Zeiten mitbekommen, wenn sie merken, welche Konsequenzen das hat, wenn man sich im Leben dann nicht mehr zurechtfindet. Wir geben uns Mühe, durchaus den Schulunterricht so zu gestalten, dass er möglichst lebensnah gestaltet wird, weil das zum Lernen auch für die Schüler motiviert, aber das trifft auf Jungen und Mädchen in gleicher Weise zu. Demzufolge bin ich der Meinung, dass wir diese Geschlechtsunterschiede allein mit gezielten schulischen Veranstaltungen nicht werden ausbügeln können.

Engels: Sie sagen, die Jungs müssen den Ernst des Lebens begreifen und sich auf den Hosenboden setzen. Was aber tun, wenn sie nach anderen, vermeintlich einfacheren Lösungen suchen, denn es wird auch in der Studie zumindest der Zusammenhang nahegelegt, dass diese jungen Männer, wo dann auch noch Frauenmangel herrscht, besonders anfällig seien für rechtsradikales Gedankengut? Diese These ist nicht neu. Ist sie für Sie schlüssig?

Böhmer: Da bin ich nicht so ganz sicher. Es hat rechtsradikales Gedankengut und Einzug von rechtsradikalen Parteien in Landtagen schon anderswo gegeben, wo es keinen Frauenmangel gegeben hat. Also aus einer bestimmten statistischen Parallelität sofort eine Kausalität zu machen, ich denke, da muss man ein bisschen vorsichtig sein. In einer Aussage würde ich aber auf alle Fälle zustimmen: Orientierungslose junge Männer sind leichter verführbar. Insofern trifft das natürlich zu. Aber das ist ein sehr grundsätzliches Problem.

Engels: Unter dem Strich heißt das aber, aus der Studie, wie sie jetzt vorgestellt worden ist, ziehen Sie in Sachsen-Anhalt keine konkreten Folgen?

Böhmer: Das heißt keine neuen konkreten Folgen, da uns das Phänomen ja nicht neu ist. Es ist ja nicht so, dass wir bisher gegenüber diesen Tatsachen blind gewesen wären und dass wir erst auf eine Studie angewiesen wären, um die Tatsachen und die reale Entwicklung im Lande zu erkennen. Wir beobachten das schon seit einiger Zeit mit Sorge und versuchen, schon seit längerer Zeit darauf auch zu reagieren.

Engels: Wie konkret oder was machen Sie denn dann, um zu reagieren?

Böhmer: Da gibt es eine ganze Reihe von Modellen, dankenswerter Weise auch mit Unterstützung zum Beispiel der "Zeit"-Stiftung, wo gerade mit leistungsschwachen Kindern, Jungen und Mädchen, dabei sind die Jungs statistisch häufiger; das wissen wir, mit Sonderprogrammen ein lebensnaher Unterricht organisiert wird, auch mit Tagen in der Produktion, das heißt in Fabriken, damit sie wissen, wofür sie lernen. Ich beobachte, dass diese ganzen Projekte doch relativ gut angenommen werden und offensichtlich auch erfolgreich sein werden.

Engels: Wolfgang Böhmer, der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt. Ich bedanke mich für das Gespräch.

Böhmer: Bitte schön.

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