Donnerstag, 02. Februar 2023

Archiv


"Wir können solche Dinge nicht im Dickicht lassen"

Die WAZ-Mediengruppe zieht sich aus Serbien zurück. Ihr Geschäftsführer Bodo Hombach ärgert sich über viele Ungereimtheiten - und hofft, dass dieser Schnitt am Ende die rechtsstaatlichen Kräfte in Serbien stärkt.

Bodo Hombach im Gespräch mit Gerwald Herter | 12.08.2010

    Gerwald Herter: Und nun zu den Folgen für ausländische und besonders für deutsche Investoren. Firmen wie Metro oder die österreichische Raiffeisenbank machen in Serbien ordentliche Geschäfte, die deutsche WAZ-Mediengruppe aber bald nicht mehr. Sie zieht sich aus Serbien zurück und will ihre Anteile an serbischen Zeitungen verkaufen.

    Bodo Hombach, früher Chef des Kanzleramts, dann EU-Balkan-Koordinator und seit einigen Jahren Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, ist höchst verärgert. Mit ihm habe ich über den Rückzug gesprochen.
    Herr Hombach, hinterher ist man klüger. Das sagen Sie jetzt über Ihre Beteiligungen in Serbien. Aber so weit ist es ja leider noch gar nicht. Glauben Sie, dass Sie Ihre Anteile an den Zeitungen Politika und Vecernje Novosti überhaupt noch zu einem angemessenen Preis los werden können?

    Bodo Hombach: Ja, davon gehe ich aus. Ich gehe auch davon aus, dass wir ein anderes Engagement in Serbien, nämlich eine stehende Vertriebsorganisation, die sehr gut arbeitet, mit einer Vielzahl von gut platzierten Kiosken, dass wir sie verkaufen können. Und das ist auch unser Ziel. Wir wollen aus diesem Gestrüpp, aus diesem Dickicht, mit vielen Mythen des Balkans verflochten, heraus, indem wir ganz klar machen, worum es uns geht. Wir wollen nämlich die Frage stellen, ob es in diesem Land möglich ist, dass ein Oligarch vertragsbrüchig ist, sich rechtswidrig verhält und das mit Unterstützung des Staates. Nur darum geht es! Den Kampf gegen Oligarchen bestehen wir selbst mithilfe unserer Anwälte. Wir haben auch ein Schiedsverfahren ausgelöst. Aber wir wollen sicherstellen, dass der Staat sich in dieser Frage rechtskonform und wenigstens neutral verhält. Und ich habe jetzt den Eindruck, dass unsere offene Kritik die Kräfte in Serbien gestärkt hat, die Rechtsstaatlichkeit wollen, die sich an europäischen Prinzipien orientieren. Es mehren sich die Zeichen, dass man erkennt, dass man hier Fehler gemacht hat auch im Bereich staatlicher Behörden, und da bin ich ganz hoffnungsvoll.

    Herter: Sie sind sich aber nicht ganz sicher, denn Sie machen Druck, müssen Druck machen offenbar. Sie haben den Ostausschuss der deutschen Wirtschaft eingeschaltet, einen Brief an den serbischen Präsidenten Tadic geschrieben und angekündigt, mit EU-Kommissaren zu sprechen. Warum ist das nötig?

    Hombach: Wissen Sie, wir wollen deutlich machen, dass wir uns bestimmte Dinge nicht mehr gefallen lassen. Vielen Opfern solcher Machenschaften im Gestrüpp zwischen staatlichen Stellen, einzelnen Akteuren und Oligarchen, denen ist ihre Niederlage peinlich. Im Geschäftsleben steckt man ungern eine Niederlage ein. Die schweigen deshalb. Oder andere haben sogar Angst vor Repressionen. Viele klopfen mir jetzt auf die Schulter und sagen, gut, dass sich endlich mal einer wehrt. Und ich finde, gerade wir als Medienhaus, wir können solche Dinge nicht im Dickicht lassen. Wir wollen sie transparent machen, eben um dem Land und denen zu dienen, die dieses Land demokratisieren, rechtsstaatlich aufstellen und nach Europa führen wollen.

    Herter: Ist es Ihnen peinlich, dass Sie 26 Millionen Euro an einen Strohmann überwiesen haben gegen Garantien, die nur auf dem Papier stehen?

    Hombach: Diese Garantien stehen Gott sei Dank nicht nur auf dem Papier, sondern das sind reale Grundstücke, die wir uns sichern können. Das war nicht in diesem Sinne ein Strohmann, sondern wir haben uns an einen Geschäftsmann gewandt, der von dem damaligen ganz umstrittenen, von mir hoch geschätzten, zwischenzeitlich dann schrecklicherweise ermordeten Soran Djindjic empfohlen wurde, mit der Bitte, hilfreich zu sein. Der war das auch. Gegen ihn wurden aber dann später aus Serbien Ermittlungsverfahren eingeleitet, die uns dazu geführt haben, dass wir uns von ihm getrennt haben. An seine Stelle ist ein anderer gerückt und der weigert sich schlicht, unsere Anteile zu übertragen. Das könnten wir austragen. Aber es gibt einen eigenartigen Vorgang, der mich auf die Palme bringt, nämlich seit zwei Jahren verweigert uns die Kartellbehörde rechtswidrig eine Auskunft, ob wir die Kartellgenehmigung bekommen. Und das ist die Voraussetzung, dass wir von dem Oligarchen die Anteile übertragen bekommen. Und durch die Verweigerung der Behörde, uns eine klare Auskunft zu geben, was mit dem Kartellantrag ist, wird der in einen Rechtsstatus gerückt, dass er, der quasi Treuhänder ist, agieren kann, als gehöre es ihm. Da liegt der Hase im Pfeffer.

    Herter: Herr Hombach, haben Sie zu sehr auf persönliche Kontakte gesetzt? Wäre all das passiert, wenn Ihr Freund, der frühere serbische Regierungschef, später ermordet, Soran Djindjic, noch leben würde?

    Hombach: Ich glaube, dass Soran Djindjic demokratische und rechtsstaatliche Verhältnisse in sein Land getragen hätte und dass er Zeit genug gehabt hätte, das durchzusetzen. Insofern kann ich Ihre Frage natürlich nur spekulativ dahingehend beantworten: nein, ich glaube nicht, dass das passiert wäre.
    Aber wir haben nicht nur auf persönliche Kontakte gesetzt – das wäre ja absurd -, sondern auf Verträge, die von internationalen Anwaltskanzleien gestaltet wurden.

    Herter: Und da haben Sie 50 Prozent an Politika erworben, nicht die Mehrheit, sondern 50 Prozent. War das nicht ein Fehler?

    Hombach: 50 Prozent an Politika wurde vor meiner Zeit erworben. Das entsprach den Prinzipien des Hauses. Viele Beteiligungen der WAZ-Mediengruppe sind in der Vergangenheit auf dieser Basis erworben worden. Man hatte das Prinzip, sich um verlegerische Angelegenheiten zu kümmern, um verlagstechnische Angelegenheiten, Vertrieb, Logistik, Verwaltung und weniger um Inhalte. Ich muss heute sagen, in Südosteuropa ist ein solches Prinzip nicht aufrecht zu erhalten.

    Herter: Und in Österreich auch nicht. Da haben Sie jede Menge Ärger bekommen mit der auflagenstarken Kronen-Zeitung. Wollen Sie die Zustände in Serbien und Österreich etwa vergleichen?

    Hombach: Nein. Sie tun das, ich tue das nicht. Tatsächlich haben wir da auch nur ein 50-Prozent-Verhältnis, das ist konfliktgeladen. Aber wir würden den schlimmen Verhältnissen in Serbien nicht gerecht, wenn wir das alles in einen Topf werfen würden. Aber auch gleichzeitig würden wir den anderen Unrecht tun, wenn wir sie mit Serbien vergleichen. Das ist eine Sondersituation.

    Herter: Sie beklagen die Wettbewerbsbedingungen in Serbien und einigen Balkanstaaten. In Kroatien hatte die WAZ-Mediengruppe zeitweise 80 Prozent des Vertriebs in der Hand, in Mazedonien haben Sie drei Tageszeitungen auf einen Schlag erworben. Ist denn so etwas im Interesse eines fairen Wettbewerbs?

    Hombach: Wir sind – und das kann man in den Ländern jederzeit nachfragen, auch bei kritischen Journalistenverbänden – ein Verlag, der den Journalisten größtmögliche Freiheit einräumt, und zwar in einem unvergleichlichen Umfang. Wir leisten einen ganz wichtigen Beitrag zur Entwicklung unabhängiger Medien und von Qualitätsmedien. Und Sie wissen, dass wir mit dem Weltverband der Journalisten eng zusammenarbeiten. Wir legen Wert darauf, dass da, wo wir tätig sind, der Qualitätsjournalismus gefördert wird.

    Herter: Herr Hombach, Sie haben durch riskantes Management sicher aber auch Geld verloren. Wie erklären Sie jetzt Ihren Redaktionen in Deutschland, dass die knallhart sparen sollen?

    Hombach: Die These ist nicht richtig. Wir haben in Südosteuropa bislang einen wichtigen Beitrag zum Gesamtergebnis erwirtschaftet. Das, was wir in Deutschland tun, die Sparmaßnahmen wie in allen anderen Verlagen auch, hat nur was mit dem deutschen Markt, seiner Entwicklung zu tun, dem Rückgang der Auflage, die alle Medienhäuser im Printbereich leider zu verzeichnen haben, und der Situation am Anzeigenmarkt.

    Herter: Das war Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Dieses Interview haben wir aufgezeichnet.