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StartseiteInterview"Wir müssen unser Agrarsystem wetterfest machen"15.08.2012

"Wir müssen unser Agrarsystem wetterfest machen"

Weltweit steigende Lebensmittelpreise

Der Agrarjournalist Wilfried Bommert sagt, dass sich die Landwirtschaft den klimatischen Bedingungen anpassen müsse. In regenarmen Gebieten sollte man künftig trockenheitsresistente oder auch salzresistente Pflanzen anbauen. Ferner sollte die Biospritproduktion gesenkt werden, damit Ackerflächen für die Nahrungsmittelproduktion bestehen bleiben.

Wilfried Bommert im Gespräch mit Peter Kapern

Die Dürre in den USA wirkt sich weltweit auf die Lebensmittelpreise aus. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Die Dürre in den USA wirkt sich weltweit auf die Lebensmittelpreise aus. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Peter Kapern: Es war im Jahr 2008, damals verdreifachte sich der Preis für Reis binnen kürzester Zeit. In der Folge kam es zu Hungerrevolten, in Tunesien bewachte die Armee Reislager, in Haiti starben Menschen bei diesen Hungeraufständen. Zwei Jahre später wiederholte sich das Drama, explosionsartig steigende Lebensmittelpreise und anschließende Aufstände. Und wenn die Zeichen nicht trügen, dann bahnt sich nun wieder Ähnliches an: In Indien fällt der Monsunregen weit schwächer als gewöhnlich aus, es wird mit einer deutlich zurückgehenden Ernte gerechnet, und das gilt erst recht für die USA, die von der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten heimgesucht werden.
Was also rollt da auf uns zu? Eine Welle neuer Hungerrevolten? Das habe ich vor der Sendung Wilfried Bommert gefragt. Er ist ein Kollege vom Westdeutschen Rundfunk und Autor mehrerer Fachbücher über das Welternährungssystem.

Wilfried Bommert: Es rollt eine neue Welternährungskrise zu, denn Amerika ist der größte Exporteur von Lebensmitteln, wenn man es so will, also von Getreide auf dem Weltmarkt. Und was wir jetzt gerade in Amerika sehen: Im Corn Belt, das heißt, in der Kornkammer Amerikas, ist eine absolute Trockenheit und sie wird auch noch bis November voraussichtlich anhalten. Das heißt, es wird dort wesentlich weniger an Mais und an Soja geerntet werden, und man sieht jetzt schon, wie die Preise hoch gehen. Der Sojapreis ist schon um 40 Prozent gestiegen, der Maispreis um 50 Prozent und der Weizenpreis steigt mit. Das hat also alles Konsequenzen nachher auch für den Weltmarkt, für die Länder, die amerikanische Agrarprodukte importieren.

Kapern: Kann man das andernorts kompensieren, diese Ernteausfälle, die sich da anbahnen?

Bommert: Leider nicht, es sieht nicht so aus. Die anderen großen Exporteure, ein großer Exporteur ist Russland zum Beispiel, macht seine Ernteprognosen auch nicht sehr rosig. Die Ukraine hat auch ihre Ernteprognosen nach unten abgestuft. Wie Südamerika sich verhält, weiß man noch nicht, da ist ja gerade erst sozusagen der Saattermin, das ist dann einige Monate später mit der Ernte. Aber insgesamt sieht es jetzt für die nächsten sechs Monate erst mal dürre aus und es sieht erst mal schlecht aus. Die Weltmarktpreise könnten also durchaus massiv steigen. Und das hat Auswirkungen für alle Länder. Natürlich, die Industrieländer werden es besser wegstecken, aber die armen Industrieländer werden auch zu spüren bekommen, dass die Brotpreise und die Fleischpreise am Ende steigen und die Butterpreise auch. Aber besonders werden es natürlich die Länder spüren, wo die Leute mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Ernährung ausgeben.

Kapern: Welche Länder sind das, was genau muss man da erwarten?

Bommert: Also, nehmen wir mal nur Amerika, Mittelamerika, sehr von den Maisexporten des nördlichen Amerika abhängig. Dann können wir sagen, Westafrika und Ostafrika sind auch maisexportabhängig. Der ganze Bereich ums Mittelmeer, also das nördliche Afrika, ist sehr stark von Weizenimporten abhängig. Die kommen zwar vor allen Dingen aus Russland, aber wenn die Preise hochgehen, gehen sie auch in Russland hoch. Das heißt, in den Ländern, in denen eigentlich schon die Strukturen nicht mehr fest sind, in denen die politische Unsicherheit groß ist, in die kommt jetzt noch zusätzlicher Stress durch höhere Lebensmittelpreise rein. Und das hat, wie wir 2008 schon gesehen haben, zu massiven Demonstrationen, politischen Rebellionen und auch Regierungsumstürzen geführt.

Kapern: Wenn der Regen ausbleibt, Herr Bommert, dann kann man eben nichts machen, dann werden die Lebensmittel nun mal knapper und teurer. Oder hängt doch nicht alles von den Launen der Natur ab, was wir da gerade erleben?

Bommert: Nein, die entscheidende Frage ist, wie wir was anbauen. Wir werden in Zukunft damit rechnen müssen, dass in viel mehr Regionen der Welt viel weniger Regen fällt, aber in anderen Regionen dafür viel mehr Regen. Und wir müssen das, was wir anbauen, darauf hin anpassen. Wir müssen also trockenheitsresistente Pflanzen dort anbauen, wo es trockener wird, und wir müssen feuchtigkeitsresistente Pflanzen dort anbauen, wo es viel feuchter wird. Und am Ende werden wir auch salzresistente Pflanzen anbauen müssen da, wo es viel salziger wird. Sei es, weil der Meeresspiegel steigt, oder sei es, weil das Salz durch die Bewässerung nach oben gebracht wird. Wir müssen grundsätzlich unser Agrarsystem im Prinzip wetterfest machen. Da sind wir heute weit von entfernt.

Kapern: Nun haben Sie ja die Hungerkrise des Jahres 2008 schon angesprochen. Welche Lehren sind denn in dieser Hinsicht daraus gezogen worden?

Bommert: Keine. Eine Lehre hätte gezogen werden müssen, nämlich: Die Vorräte, die wir haben, die Weltgetreidevorräte, hätten dramatisch aufgestockt werden müssen, sind sie aber nicht. Sie sind nur zum Teil aufgestockt worden, eine Dürre wie jetzt in Amerika wird damit kaum abgepuffert werden können. Und wenn Russland und die Ukraine mit dazukommen, wird dieser Puffer dahinschmelzen und die Preise werden rasant steigen. Man hätte ja auch sagen können gut, die Preissteigerung verhindern wir, indem wir die Spekulation - die hat ja 2008 schon maßgeblich dazu beigetragen, dass die Preise steigen -, indem wir diese Spekulation verhindern. Ist nicht verhindert worden, die Kontrakte, die heute geschlossen werden an den Weltgetreidebörsen, die übersteigen weit das, was wirklich an Korn gehandelt wird. Und das Dritte, was man ja auch 2008 schon wusste, ist, dass die Biospritkonzepte der Industrieländer und jetzt mittlerweile auch der Entwicklungsländer dazu führen, dass immer mehr Ackerfläche am Ende in die Spritproduktion und nicht in die Nahrungsmittelproduktion geht. Das alles hätte man schon anfangen können, hat es aber nicht, weil man wichtigere Sachen angeblich zu tun hatte, nämlich erst mal die Welt vor der Finanzkrise retten.

Kapern: Wird diese politische Untätigkeit andauern, ist es einfach nicht im Fokus der Politik, dieses Problem, das ja eigentlich schon zurückgedrängt schien?

Bommert: Ja, ich glaube, es wirkt noch nach, dass wir bis 2008 gedacht haben: Welternährung ist kein Problem, das regelt sich von selbst. Das hat sich in die politischen Köpfe eingebrannt und jetzt muss sich das neu einbrennen, das geht nicht von alleine! Aber es wird wahrscheinlich so sein wie in Fukushima: Erst muss mal die Katastrophe kommen und dann kommt das Umlenken. Politik will in diesem Bereich auch Retter sein, also brauchen wir eine Katastrophe.

Kapern: Wird der Hunger wieder zum Dauerbegleiter der Menschheit?

Bommert: Ich denke, wenn die Politik sich in dieser Frage nicht dreht, wenn die Biospritproduktion nicht auf Null zurückgefahren wird, wenn wir unsere Agrarstandorte nicht wetterstabil machen, wenn wir nach wie vor in unserer Nahrungskette mehr als 50 Prozent verschwenden - das müssen wir auch mal sehen -, wenn wir also so umgehen mit unserer Welternährung, dann kommen wir todsicher in die nächste Krise. Aber sie muss nicht sein!

Kapern: Wilfried Bommert, Journalist, Buchautor und Gründer des Instituts für Welternährung. Das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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