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StartseiteWissenschaft im BrennpunktWir sind nicht allein: Vom Menschen und seinen Bewohnern (IV)11.07.2004

Wir sind nicht allein: Vom Menschen und seinen Bewohnern (IV)

Würmer - Meister der Tarnung und geniale Therapeuten

<strong>Es ist ziemlich eng und wimmelt nur so von aggressiven Enzymen - trotzdem fühlt sich ein Bandwurm im menschlichen Darm recht wohl, und das oft jahrelang. Eigentlich ein Wunder, dass der meterlange Wurm nicht genauso verdaut wird wie ein Schnitzel. Der Parasitologe Heinz Mehlhorn von der Universität Düsseldorf weiß warum: "Der Bandwurm hat seine Oberfläche genauso gestaltet wie unseren Darm, der trägt seinen Darm praktisch außen." Außerdem verfügt er über eine Schutzschicht, die ihn vor den Angriffen unseres Immunsystems schützt. Würmer sind Meister der Tarnung. Dass sie hierzulande im Lebensraum Mensch so gut wie ausgestorben sind liegt nur an den noch rafinierteren Strategien der Parasitologen. Und das ist für viele Menschen wahrscheinlich gar nicht so gut: "Unser Abwehr- und Immunsystem hat sich an die Tatsache gewöhnt, dass wir im Regelfall in unserem Körper Würmer beherbergen. Und da ist es eben irritiert, wenn keine Würmer da sind, und sucht sich andere Ziele." Das können bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn auch schon mal die eigenen Darmwände sein. Wurmmangel gilt heute als eine der Ursachen für diese chronische Erkrankung. Aber dieser Mangel lässt sich glücklicherweise beheben: mit Würmern natürlich, genauer gesagt mit Schweinespulwürmern. Deren Eier können sich im menschlichen Darm nicht festsetzen, bieten dem Immunsystem aber genug Angriffsfläche. Würmer als Therapeuten - da ist es nun wirklich an der Zeit, den Würmern in und auf uns, eine bisschen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. </strong>

Von Kristin Raabe

Arztpraxis (AP)
Arztpraxis (AP)

Antony van Leeuwenhoek: Ich beherbergte mehrere vornehme Damen in meinem Haus, die darauf versessen waren, die kleinen Älchen im Essig zu sehen. Einige von Ihnen waren derart angewidert von diesem Schauspiel, dass sie gelobten nie wieder Essig zu verwenden. Was möchte es nur für eine Wirkung haben, wollte man solcherlei Leuten erzählen, dass mehr lebendige Tierchen in dem Belag auf den Zähnen eines Menschen Leben als Leute im gesamten Königreich?

Der Ekel der vornehmen Damen ist kaum zu verstehen: Denn was der Tuchhändler Antony van Leeuwenhoek ihnen unter seinem selbstgebauten Mikroskop zeigte, waren nichts anderes als winzige Fadenwürmer. Und zu Leeuwenhoeks Zeiten, er lebte zwischen 1632 und 1723, litt beinah jeder Mensch unter dem ein oder anderen Wurm. Die Fadenwürmer, die Leeuwenhoek als "Älchen im Essig" bezeichnete sind dagegen völlig harmlose Gesellen, die jeder Mensch vermutlich schon zu tausenden verspeist hat. Allerdings findet ihr Leben im Menschen in der Regel spätestens in der sauren Umgebung des Magens ein jähes Ende. Werfen wir einen Blick auf die Würmer, die den Menschen zu ihrem eigentlichen Lebensraum auserkoren haben:

Plattwürmer und Fadenwürmer

Aussehen:
Zoologen sprechen von einem "bilateralsymmetrischen" Körperbau. Gemeint ist damit, dass sie ein "vorne" und ein "hinten" haben. Außerdem sind sie rechts und links symmetrisch. Die Plattwürmer haben einen abgeflachten, eher ovalen Körperbau und die Fadenwürmer sind eher rund und länglich, ähnlich einem Regenwurm, mit dem sie allerdings nicht verwandt sind.

Größe:
Eigentlich ist bei den Würmern eher die Länge entscheident. Sie richtet sich meistens nach dem Lebensraum. Im Darm eines Pottwals können es schon mal 100 Meter werden, es gibt aber auch mikroskopisch kleine Exemplare.

Kleidung:
Manche Würmer schmücken sich mit fremden Federn - oder vielmehr fremden Proteinen. Die klauen sie einfach ihrem Wirt und nutzen sie zur Tarnung. Andere haben eine regelrechte Rüstung angelegt. Die schützt sie beispielsweise vor gefährlichen Verdauungsenzymen.

Vermehrung:
Viele Plattwürmer sind Zwitter. Manchmal sind Weibchen und Männchen aber ihr gesamtes Leben miteinander verbunden. Sie leben in einer gemeinsamen Höhle, die sie von ihrem Wirt abgrenzt.

Essgewohnheiten:
Bandwürmer essen alles was wir essen. Andere Arten bevorzugen eher unser Blut.

Lebensraum:
Innerhalb ihres Wirts können Würmer praktisch in sämtliche Organe gelangen - bevorzugt in den Darm, in die Lymphgefäße, in die Blase und in die Blutbahn.

Besondere Merkmale:
Sie haben Organe und sind uns Menschen damit gar nicht so unähnlich.

Als Wissenschaftler 1998 das Genom des Fadenwurms Caenorhabditis elegans entzifferten, waren Sie überrascht wie ähnlich der Wurm dem Menschen ist. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir schon so lange zusammenleben. Würmer und Menschen. Das Würmer nach wie vor so erfolgreich sind, haben sie vor allem einer Eigenschaft zu verdanken.

Die Parasiten produzieren wie die Wilden. Ein Wurmweibchen, ein Spulwurm, produziert 200 000 Eier am Tag, davon kommt vielleicht eins bei einem neuen Wirt, der Rest pfff Pech gehabt. Weil es gibt das Individuum Karl den Wurm oder Emmi der Wurm nicht. Sondern, die machen auf Masse, und es kommt nur einer durch, und auch nur dann, wenn der zufällig die Fähigkeiten hat, die an dieser Stelle gebraucht werden, zum Beispiel jetzt im Winter, dass er gegen Kälte gefeit wird, und gegen Austrocknung gefeit ist, und das Glück hat, dass demnächst auch ein passender Wirt vorbeikommt, der ihn nicht direkt verdaut. Solche Dinge haben sich über Jahrmillion entwickelt. Und dann arbeiten die eben über Masse an Produktion und eben die Fähigkeit, die sie entwickelt haben, eben sich zu tarnen, Widrigkeiten zu überleben, das hat sie eben so perfekt gemacht.

Heinz Mehlhorn ist Parasitologe an der Universität Düsseldorf. Die Perfektion der Parasiten fasziniert den Wissenschaftler immer wieder aufs neue:

Überlegen sie mal ein Bandwurm im Darm, zwei drei vier Meter lang. Wenn sie ein Schnitzel essen, das kommt nach vier Stunden fein gelöst hinten wieder raus. Ein Bandwurm lebt zwei drei Jahre da drin. Das heißt der hat eine Schutzschicht entwickelt, die verhindert, dass er verdaut wird. Alles was in unserem Darm kommt wird verdaut. Aber der Bandwurm im Gegenteil, der hat seine Oberfläche genauso gestaltet wie unser Darm, das heißt der lutscht das was wir lutschen. Wir bereiten für den das Essen und der macht tscht über seine Oberfläche, der hat keinen Mund, über seine Oberfläche saugt er das auf, genau wie unsere Darmzellen auch, das ist das gleiche System, das ist eine tolle Anpassung, das heißt der Bandwurm trägt seinen Darm außen, überlegen sie mal sie würden ihren Darm außen tragen, das heißt der Bandwurm nimmt hundertprozent seiner Nahrung über die Oberfläche auf und die sieht genauso aus, wie die Oberfläche unseres Darms innen. Das ist eine fantastische Anpassung.

Ein Bandwurm kann einen Menschen zwanzig Jahre lang begleiten. Dabei ist er gar nicht so gefährlich. Wir würden diesen harmlosen Begleiter gar nicht bemerken, wenn seine weißen Glieder sich nicht so auffällig in unserem Stuhl bewegen würden. Die Mehrzahl der Würmer, die den Menschen bewohnt ist harmlos. Über die Hälfte der Menschheit ist mit Würmern besiedelt und viele wissen nichts davon. Selbst die blutsaugenden Hakenwürmer, die im menschlichen Darm sitzen bedeuten nur dann eine ernsthafte Bedrohung für Leib und Leben, wenn sie in Massen auftreten. Dann kann der Blutverlust allerdings tödlich enden. Der menschliche Körper hat den Würmern wenig entgegenzusetzten. Und das liegt vor allem an ihrer guten Tarnung:

Ein Pärchenegel, die Weibchen leben in der Bauchfalte des Männchen eingebettet, das sind ganz treue Gesellen, die Männer tragen ihre Weibchen 25 Jahre, Politikerehen halten deutlich kürzer. Die leben zum Beispiel in den Blutgefäßen des Darmes oder der Blase. Diese Würmer würden ja jetzt attackiert werden von unseren Antikörpern von unserem Immunsystem, wenn sie nicht in einer Höhle um sich rum, in eine Membran wirtseigene Proteine, einbauen würden, so dass das eigene Immunsystem, dieses ein Zentimeter große Würmchen, überhaupt nicht erkennt. Das heißt die Tarnen sich mit einem Mäntelchen von wirtseigenen Stoffen, und sind so in der Lage eben die Attacken überhaupt zu vermeiden, die brauchen überhaupt gar keine Attacken auszuhalten, weil das Immunsystem gar nicht erkennt.

Aber Würmer haben noch andere Möglichkeiten dem Verteidigungssystem ihres Wirtes zu entgehen: Sie sind auch geschickte Manipulatoren.

Eine Trichinenlarve dringt in eine Muskelzelle ein und dann tut sie etwas pragmatisches. Sie führt durch Ausscheidungen dazu, dass aus dieser Muskelzelle eine Plasmazelle wird. Das heißt also das Innere der Muskelzelle wird umgebaut, die kerne wachsen stark heran und die Muskelzelle produziert wie der Teufel Fraßstoffe für die Larve, damit sie in dieser Zelle eventuell jahrelang überlebt. Das heißt da hat der Wurm die Kontrolle über seine Wirtszelle übernommen. Ja der steuert sie.

Der Wurm steuert die Zelle - zum Glück nicht den ganzen Menschen. Aus einer Muskelzelle eine Plasmazelle zu machen - davon können Molekularbiologen zur Zeit nur träumen. Allerdings haben sie inzwischen schon angefangen die Tricks der Würmer zu durchschauen. Achim Hörauf von der Universität Bonn:

Es gibt zum Beispiel ein ganz konkretes Molekül, ein Cytokine das an der Herabregelung der Immunantwort beteiligt ist. Das nennt sich Transforming Growth-Faktor-Beta oder TGF beta. Das hat man zunächst im Kulturüberstand von Tumoren gefunden und ganz interessanterweise, ist dieses Molekül induziert von Würmern, das heißt um Würmer herum induzieren die Abwehrzellen des Körpers, der eigentlicht den Wurm angreifen würde, die produzieren dieses Cytokine und legen sich selber lahm. Und das geschieht durch irgendwelche Botenstoffe des Wurmes, die genau diese Signalkaskade auslösen und darüber hinaus gibt es sogar noch das Kuriosum, dass der Wurm selber Moleküle produziert die diesem TGF beta sehr ähnlich sind.

Das TGF beta blockiert die Immunzellen des Körpers und der Wurm kann ungestört weiterleben. Molekularbiologen haben diese Substanzen erst in den letzten Jahren entdeckt. Die Fadenwürmer, bei denen das TGF beta entdeckt wurde, kennen sie schon seit Millionen von Jahren - genauso lange, wie sie bereits mit uns Menschen leben. Heinz Mehlhorn:

Der Parasitologe, der versucht Medikamente zu entwickeln, muss versuchen die an irgendeiner Schwachstelle zu packen. Manche Würmer zum Beispiel machen für vier bis fünf Stunden, wenn sie merken da kommt ein Medikament, die machen den Mund einfach zu, und da natürlich die Darmpassage bei Fleischfressern relativ schnell ist, beim Hund vier bis fünf Stunden, ist das Medikament hinten wieder draußen, dann macht der seinen Mund wieder auf und sagt, so jetzt kann ich wohl wieder saugen. Und den muss man dann erschlagen indem man das Medikament alle vier Stunden gibt, bis er dann sagt, so jetzt muss ich mal was wieder was aufnehmen. Das heißt man muss versuchen, die Schwachstelle dieses Übeltäters, der Millionen Jahre Zeit hatte sich zu stärken und zu schützen, an irgendeiner Stelle zu packen ihn zu erwischen und das ist ein sehr interessanter Kampf, den man dann macht, wo man mit Spitzfindigkeiten sich gegenseitig ärgert.

Es lässt sich mit einem paradiesischen glücklichen Leben schwerlich reimen, dass Adam und Eva derley Bandwürmer sowie Spul- und Nadelwürmer zugleich in sich gehabt haben müssen, womit ihre Nachkommen beschweret sind.

Der Arzt Peter Simon Pallas war sich 1781 ganz sicher, das die Würmer erst nach Adam und Evas noch nicht geplagt haben sondern erst viel später durch Urzeugung entstanden sind. Ganz anderer Meinung war dagegen der italienische Arzt Antonio Valisnieri.

Die Würmer haben weder Adam noch Eva geschadet. Sie sorgten lediglich für einen Ausgleich des Säfteverhältnisses in deren Körpern, in dem sie überflüssige Säfte beseitigten. Erst nach dem Sündenfall wurden sie zu Parasiten.

Sogar aus heutiger Sicht ist ein Kern Wahrheit in der Ansicht von Antonio Valisnieri. Die Würmer tun dem menschlichen Körper auch etwas gutes - und das gilt nicht nur für Adam und Eva. Schmerzlich spüren heute viele Menschen, was es bedeutet nie einen Wurm gehabt zu haben. Achim Hörauf kennt das Problem.

Unser Abwehr- und Immunsystem hat sich an die Tatsache gewöhnt, dass wir im Regelfall, wie alle anderen Säugetiere auch in unserem Körper Würmer beherbergen, vor allem in unserem Verdauungstrakt und jetzt muss man sagen, ist unser Immunsystem wohl in vielen Fällen irritiert, dass die Würmer auf einmal fehlen und so sucht es sich andere Ziele und ein Weg, wie das läuft kann sein, das unser Immunsystem auf ganz harmlose Bestandteile aus unserer Umwelt reagiert im Sinne einer Allergie. Also der Heuschnupfen ist eine Reaktion des Immunsystems auf ein ganz ungefährliches Pollenprotein, dass vielleicht manche Charakteristika hat wie Wurmproteine und eben dann das Immunsystem, weil es eigentlich darauf wartet einen solchen Organismus zu treffen, auf den falschen reagiert.

Bei Fadenwürmern haben Forscher Eiweiße entdeckt, die ähnliche gebaut sind wie die Substanzen, die die Allergie gegen den Stich einer Biene auslösen. Auffällig ist: Überall dort, wo die Würmer im Menschen immer seltener werden, nehmen Allergien und Autoimmunerkrankungen zu. So auch die entzündliche Darmerkrankung "Morbus Crohn". Ihr wollen amerikanische Ärzte nun beikommen, indem sie die Würmer im Menschen wieder beleben. Sie gaben den Morbus Crohn-Patienten Wurmeier vom Schweinespulwurm. Dieser Wurm ist so spezialisiert auf das Schwein, dass er sich im Menschen nicht festsetzten kann. Er bleibt aber ausreichend lange im Körper, um das Immunsystem zu aktivieren. Die Entzündungen im Darm gehen nach der "Wurmkur" zurück. Ein altbewährter Therapeut ist auch der Blutegel. Hirudo Medicinalis heißt er offiziell. Ihm haben wir die blutverdünnende Substanz Hirudin zu verdanken. Es gibt sie inzwischen in Salben. Ihre letzten Geheimnisse behalten die Blutegel allerdings für sich. Deswegen wollen Ärzte auch heute noch nicht auf sie verzichten. Bei Fingergliedern, die Chirurgen wieder angenäht haben, lösen sie gefährliche Blutergüsse auf. Dabei bohren sie sich mit ihren 80 Kalkzähnchen in das Blutgefäß und schicken neben dem Hirudin auch noch entzündungshemmende Substanzen hinterher. Allerdings sollte ein medizinischer Blutegel nur einmal verwendet werden: Er ist nämlich eine lebende Blutkonserve, die auch Viren und andere Krankheitserreger bestens konserviert. - Würmer als Therapeuten - das kommt Menschen in tropischen Ländern wahrscheinlich ziemlich absurd vor.

Ein munteres Lieder über eine ernste Erkrankung. Es handelt von der sogenannten Filariasis. Eine Erkrankung, die von Filarien, Fadenwürmern, hervorgerufen wird. In Indonesien soll das Lied über die Filariasis die Menschen aufklären. Auch darüber, wie man einer Infektion am besten entgeht. Filarien haben für Würmer nämlich einen ausgesprochen ungewöhnlichen Weg in ihren Wirt gefunden:

Die Würmer werden von Mücken übertragen, wenn sie sozusagen abends von der Arbeit nach Hause kommen, und am Haus oder auch im Haus sitzen, dann kommt diese Anophelesmücke, die auch Malaria übertragen kann, und dann entwickeln sich dort die Larven innerhalb weniger Monate zu den adulten Würmern im Menschen und die adulten Würmern sitzen dann in den Lympfgefäßen und entlassen dann über mehrere Jahre. Also Brugia Timori lebt sechs bis 8 Jahre, über diesen Zeitraum entlassen die weiblichen Würmer dann diese Mikrofilarien, die dann im Blut zirkulieren. Und zwar erstaunlicherweise sind diese Mikrofilarien nur nachts im Blut und tagsüber in Gefäßen der Lunge. Es scheint aber so zu sein, dass es keine großartigen pathologischen Erscheinungen gibt, dadurch dass die Mikrofilarien in der Lunge sitzt.

Peter Fischer vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg ist oft in Indonesien, um die Filariasis und ihre Erreger, die Fadenwürmer, zu erforschen. Bekannter ist die Tropenkrankheit übrigens unter dem Namen Elefantiasis. Die Würmer sorgen nämlich für einen Stau von Lymphe und das führt teilweise zu erheblichen Schwellungen. Bei Männern sind häufig die Hoden betroffen. Es können aber auch Arme oder Beine sein. Erstaunlicherweise sind die Würmer bei der Filariose gar nicht das größte Problem. Durch Lymphstau ist das Schmerzempfinden herabgesetzt und es entstehen schneller kleine Verletzungen. Dort siedeln sich Bakterien und Pilze an, die die Krankheit erheblich verschlimmern.

Das sind also sozusagen Bilder aus Indonesien von Brugia Timor, dass sind also Bilder von Lymphödemen, da kann man sich also vorstellen, wie es hier im Prinzip Eingangspforten gibt für Bakterien, die eine Superinfektion machen und die betroffenen Personen müssen natürlich trotzdem in ihren Reisfeldern weiter arbeiten. Und da diese Läsionen natürlich auch wehtun waschen, die ihre Beine nicht. Und das gibt dann immer mehr Sekundärinfektionen und wenn man dann behandelt, das ist natürlich abhängig von der Mikrofilariendichte, also von der Anzahl der Larven im Blut, dann gibt es Nebenwirkungen und diese Nebenwirkungen können hier zu solchen Abszessen führen und da ist es natürlich wichtig den Leuten zu sagen, also sie haben erst keine großarten pathologischen Veränderungen und wenn sie behandelt werden, dann sind sie erstmal ein, zwei Tage krank. Und das ist natürlich ganz wichtig, eine entsprechende Aufklärung dazuzugeben. Und zu sagen, es ist gut, wenn ihr krank werdet. Und zu sagen, das die Würmer alle absterben.

Beim Absterben der kleinen Fadenwürmer bekommen die Patienten oft Fieber. Für manche das erste und letzte Zeichen der Wurmerkrankung.

In Afrika wird eine gefährliche Augenerkrankung ebenfalls durch einen Fadenwurm hervorgerufen. Er heißt Onchocerka volvulus. Kriebelmücken übertragen den Erreger der gefährlichen Flussblindheit auf den Menschen.

Das sind so genannte Fadenwürmer also sehr lange aber sehr dünne Würmer, die den wissenschaftlichen Namen. Onchozerca volvulus tragen. Die werden übertragen durch den Stich einer Kriebelmücke, dass sind sehr kleine Mücken und entsprechend klein ist auch der Wurm ist auch der Wurm in diesem Stadium, weniger als ein Millimter, das heißt man kann ihn gar nicht sehen. Wenn er dann durch die Blutmahlzeit übertragen wird, so ähnlich wie das ja bei der Malaria, bei der Anopheles Mücke auch passiert, dann wächst er heran zu einem Wurm der eine Größe bis zu 70 Zentimetern haben kann, also ein unglaubliches Wachstum und das geht bei den Fadenwürmern ganz zielgerichtet, bis auf die Zelle genau sind die ja vorherbestimmt. Und dann leben die im Körper bis zu 14 Jahren. Es kommt zur Paarung von Männchen und Weibchen und danach zur Freisetzung von Millionen von kleinen Larven, die dann ja wieder in die Kriebelmücke einwandern müssen. Bei einer Blutmahlzeit und deswegen sitzten sie ja auch an der Oberfläche der Haut und können dann, wenn die Mücke sticht, aktiv zur Mücke die letzten Millimeter hinwandern und dann in die Mücke eindringen. Es kann aber auch passieren, dass die kleinen Wurmlarven bei ihrer Wanderung in die Nähe des Auges kommen und dann zu chronischen Hornhautentzündungen führen, die dann letztenendes zur Erblindung führen. Und das hat der Krankheit ja auch ihren Namen gegeben.

Der Teil "Fluss" im Namen der "Flussblindheit" geht auf die Kriebelmücken zurück, die Überträger der Würmer, sie brauchen fließende Gewässer für ihre Larven. In Afrika sind besonders arme Menschen von der Erkrankung betroffen. Sie haben während ihrer harten Feldarbeit keine Möglichkeit die lästigen Mücken zu vertreiben. Wer häufig gestochen wird, bekommt dann irgendwann auch die Flussblindheit. Zum Glück hat Achim Hörauf den wunden Punkt der Fadenwürmer entdeckt:

Die Würmer sind nicht nur abhängig vom Menschen sondern ganz entscheidend auch von kleinen Bakterien, die in den Zellen der Würmer leben. Man kann sich das vorstellen vielleicht wie kleine Kraftwerke. Offensichtlich entscheidend Prozesse innerhalb der Zelle mitgestalten. Das führt dazu, dass wenn sie diese Bakterien zum Beispiel durch ein Antibiotikum wie das Doxicyklin eliminieren, dass der Wurm dann steril wird und wie wir mittlerweile auch wissen bei einigen Formen der Filariose als erwachsener Wurm auch abstirbt, das trifft vor allem bei der lymphatischen Filariose zu, wo wir im Verlaufe der letzten Jahre herausgefunden haben, dass die erwachsenen Würmer nicht mehr nachweisbar sind.

Eine vierwöchige Therapie mit dem preisgünstigen Antibiotikum Doxicyclin reicht aus, um den Würmern den Garaus zu machen. Bei der Flussblindheit sterben vor allem die kleinen Larven, die Mikrofilarien ab. Sie sind es schließlich auch, die die gefährliche Augenerkrankung auslösen. Die erwachsenen Würmer scheinen allerdings am Leben zu bleiben, produzieren aber keine weiteren Wurmlarven mehr.

Gefährliche tropische Würmer leben auch an der Universität Bielefeld.

Jetzt gehen wir hier in die Tropen. Das ist eine Klimakammer in der 28 Grad herrscht, das ist so eine Durchschnittstemperatur wie man sie in den Tropen so hat im Schnitt. Das Licht simuliert auch den tropischen Tag, abends 6 geht sozusagen die Sonne unter und morgens um 6 geht sie wieder auf. Also wir sind jetzt sozusagen am Nachmittag in einem tropischen Land und hier sind jetzt in den Aquarien, die so ein bisschen schmutzig aussehen, das ist bewusst so, hier befinden sich Schnecken, die Bilharziose übertragen. Und diesen Schnecken benötigen so ein typisches Flusswasser, so mit Algen und so, die werden mit Salat gefüttert und kriegen dann Mohrrüben und alles so dabei. Und darin können die sich gut vermehren.

Rolf Mannesmann hat die Bilharziose studiert - und das nicht nur in seinem Labor in Bielefeld. Oft war er vor Ort in Afrika um neue Proben von Würmern und Schnecken zu sammeln. Der Erreger der Bilharziose ist Schistosoma, ein Saugwurm. Solange er allerdings in der Schnecke oder im Flusswasser lebt, hat er mit einem Wurm zumindest äußerlich nicht viel gemeinsam. Rolf Mannesmann fasziniert immer wieder, wie die Würmer, ihren Wirt bzw. ihren Zwischenwirt finden.

Sie haben ein sehr sehr hoch entwickeltes Wirtsfindevermögen. Das machen die natürlich mit chemischen Stoffen, die von der Schnecke ausgehen, und dort schwimmen die gezielt dorthin und "wissen" sage ich mal in Anführungsstrichen, dort können sie die Schnecke finden und dringen dann dort ein. Das sind Larvenstadien, die nennt man hier in diesen Fall die Miracidien, ...die sehen so aus wie kleine Einzeller, sind natürlich keine, aber die haben ein sehr vehemtes Schwimmvermögen und können gezielt zu der Schnecke hinschwimmen. Die haben einen Nahrungsvorrat von rund einem Tag. 24 Stunden pi mal Daumen. Und müssen innerhalb dieser Zeit wie so eine Rakete, sonst haben sie ihren Treibstoff verbraucht, müssen in dieser Zeit ihren Wirt gefunden haben.

Erstaunlich, dass das immer wieder klappt. Wenn man bedenkt, wie groß ein Fluss ist, wie winzig ein Miracidium und ihr Ziel, die Schnecke, ist schließlich auch nur einen Zentimeter groß.

Einige Laborräume weiter, wird es richtig gefährlich: Dann verlassen die Wurmlarven die Schnecke wieder. Sie haben sich inzwischen regelrecht vertausendfacht. Nun heißen die Larven allerdings nicht mehr Miracidien sondern Cerkarien.

Was sie jetzt hier drunter sehen sind infizierte Albinoschnecken, die jetzt mittels besonderem Lichtreiz sind die Cerkarien zum Schlüpfen animiert worden. Das ist auch so, dass die Cerkarien, dass weiß man, in so einem tropische Land dann am meisten Schlüpfen wenn die Sonne am höchsten Stand ist um die Mittagszeit. Und das provozieren wir jetzt hier mit den Lampen, so dass die dann aus den Schnecken herauskommen und sie sehen jetzt so ganz kleine Stadien mit so einem gespaltenen Schwanz, die sehen völlig harmlos ausm zappeln hier so rum. Können aber 24 Stunden so leben und die brauchen nur eine ganz kurze Zeit um eine benetzte Hautstelle eines Menschen zu erreichen und die sind in rasender Geschwindigkeit in wenigen Sekunden schon können die eindringen. Sie werfen den Schwanz ab und beginnen ihr Leben als Parasit im Menschen. Wandern dann zu den Baugefäßen insbesondere und setzen sich dann dort fest und werden zu den Würmern, zu den eigentlichen Schistosoma Würmern.

Die Schistosoma Würmer sind erstaunlicherweise gar kein Problem. Gefährlich ist ihr Nachwuchs:

Die Eier sind eigentlich die besonders krankmachenden Stadien des gesamten Kreislaufs, denn die Eier zeigen so eine Tendenz zum wandern, denn sie müssen eigentlich um erfolgreich zu sein in den Darm gelangen oder bei der anderen Bilharziose, in die Blase. Sie müssen sich das wie so einen Schrotschuss vorstellen, die Eier wandern, und die meisten kommen schon dahin wo sie hinwollen, aber viele wandern wo anders hin und gelangen dann in alle Bereiche des Körpers und richten dann enorm viel Unheil an, allein durch die Abkapselung an den Stellen, so dass es sogar vorkommen kann, dass die ins Gehirn gelangen und anders wohin. ...Ja ein sehr schlimmes Problem.

Ein Kind, dass sich mit 5 Jahren mit Schistosomen infiziert, wird nie wirklich erwachsen. Seine Entwicklung verzögert sich erheblich durch die vielen Schäden in seinen Organen. Irgendwann, manchmal erst nach 15 Jahren, ist die Erkrankung dann tödlich. Nach Schätzungen der WHO sind weltweit rund 200 Millionen Menschen an Bilharziose erkrankt. 500 bis 600 Millionen Menschen leben in 74 Ländern mit dem Risiko einer Infektion. Das ist ein Zehntel der Weltbevölkerung. Dabei ließe sich die Krankheit ganz einfach vermeiden, wenn die Menschen den infizierten Gewässern fernblieben.

Das sieht man überall. Man findet sogar überall in Afrika Warnschilder. Laufend steht drauf: "Be aware of Bilharzia". Und die Kinder ignorieren das, obwohl sie das zum Teil aus der Schule kennen. Ich habe das schon erlebt, dann rufen sie einem nach: Bilharzia, Bilharzia und wundern sich, wenn dann so ein Europäer kommt, mit Handschuhen und großen Stiefeln und geht dann ins Wasser und hüpfen neben einem ins Wasser und finden das ganz komisch was wir da tun. Also die haben im Grunde genommen, die Botschaft in der Schule gar nicht gelernt.

Aufklärungsarbeit, die Bekämpfung der Schnecken und die Behandlung der kranken Menschen, dass alles ist sehr teuer. Nur wenige der vielen von Bilharziose betroffenen Länder können sich das leisten. Hierzulande sind nur Tropenreisende von den gefährlichen Schistosoma-Würmern ernsthaft bedroht. Obwohl ihre Verwandten auch deutsche Gewässer unsicher machen:

Wir haben hier die so genannten Vogelschistosomen, da schwimmen die Cerkarien von diesen in Baggerlöchern herum und wenn jetzt Menschen im Sommer da hinein gehen, dann verwechseln die unseren Rücken mit einem schmucken Vogelbein. Und dringen in unseren Rücken ein und stellen dann aber fest, dass sie einer Armada von Abwehrzellen gegenüberstehen und sterben dann. Und dieses Absterben dieser Cerkarien führt zu Pusteln und auch noch zu allergischen Reaktionen, so dass also sehr viele Leute klagen, dass sie ausschauen wie mit Streuselkuchen, bloß weil sie in so einem Baggerloch gebadet haben, dass sind also nichts weiter als absterbende Cerkarien von solchen Vogelschistosomen. Das sind also bestimmte Würmer, die also normalerweise in den Blutgefäßen von Vögeln leben aber aus Versehen uns mit einem Vogelbein verwechseln.

Würmer und Menschen - das ist manchmal eben eine gefährliche Verbindung.

Pieter war von Klein auf streitbar, wie ja ein Räuber sein muss; er war ein sehr unartiger Junge, aber das kam davon, sagte die Mutter, dass er an Würmern litt; unartige Kinder haben immer Würmer, das ist Schlamm im Leib.

Als Hans Christian Andersen das Märchen "Pieter, Peter und Per" schrieb, hatte fast jedes Kind irgendwann einmal einen Wurmbefall. Schon damals wussten Menschen, wie er sich bekämpfen lässt. Die alten Kräuterfrauen kannten beispielsweise den Wurmfarn. Eine uralte Methode den so genannten Guineawurm zu behandeln ist relativ schmerzhaft, aber immer noch die einzige verfügbare Therapie . Der Wurm lebt unter der Haut und durchbricht sie manchmal. Dann lässt er sich nach und nach auf ein Stück Holz aufrollen. Diese Behandlungsmethode kannte schon Hippokrates. Das Aufrollen des Guineawurms auf einen Holzstab - diese Bild hat Weltruhm erlang. Es prangt an beinah jeder Apotheke und an vielen Arztpraxen. Ein Stab mit einem aufgerollten Wurm: Nichts anderes ist der Aesculapstab - das Symbol für die Heilkunst.

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