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StartseiteInterview"Wir wollen sorgenfrei einkaufen"13.01.2011

"Wir wollen sorgenfrei einkaufen"

Verbraucherschützer fordert einheitliches Vorgehen der Bundesländer bei Lebensmittelkontrollen

Der Staat habe sich zu sehr auf Eigenkontrollen verlassen, sagt der Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband, Gerd Billen, und fordert eine bessere Überwachung der Futtermittelbetriebe. Die Überwachung der Lebensmittel müsse zentral gesteuert und koordiniert werden.

Gerd Billen im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Gerd Billen, Vorstand Bundesverband Verbraucherzentrale (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Gerd Billen, Vorstand Bundesverband Verbraucherzentrale (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Tobias Armbrüster: Der Dioxin-Skandal bleibt eines der beherrschenden Themen in diesen Tagen. Millionen von Verbrauchern sind verunsichert über das, was sie in den letzten Tagen über Lebensmittel in Deutschland erfahren haben. Was kann man eigentlich noch essen? Das ist eine der Fragen, die in diesen Tagen millionenfach gestellt wird. Zuerst war es nur Dioxin in Hühnereiern, das diesen Skandal ins Rollen gebracht hat. Seit gestern wird auch geprüft, ob dioxinverseuchtes Schweinefleisch in den Handel gekommen ist. In die Kritik gerät in diesem Skandal immer stärker vor allem eine Frau: Ilse Aigner, die Verbraucherschutzministerin.

Am Telefon begrüße ich jetzt Gerd Billen, er ist der Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Schönen guten Morgen, Herr Billen.

Gerd Billen: Guten Morgen, Herr Armbrüster.

Armbrüster: Herr Billen, nach Dioxin-Funden in Hühnereiern jetzt möglicherweise auch im Schweinefleisch und möglicherweise ist dieses Schweinefleisch auch in den Handel gekommen. Wie sicher sind Lebensmittel in Deutschland noch?

Billen: Lebensmittel werden in Deutschland eigentlich in hohem Maße überwacht und kontrolliert. Von daher haben wir eine relativ gute Situation. Im vorliegenden Fall haben wir es mit einer Besonderheit zu tun, dass nämlich nach jetzigem Augenschein jemand auch mit krimineller Energie Dioxin in Futtermittel eingemischt hat, und es ist für Verbraucher mehr als ärgerlich, dass wir auch zwei Wochen nach Beginn des Skandals nicht wissen, ob wir die Eier, das Geflügelfleisch oder jetzt auch das Schweinefleisch kaufen können. Deswegen, meine ich, muss es jetzt vor allem darum gehen, dass die Handelsunternehmen ihre Sortimente durchforsten und all das rausnehmen, von dem man vermuten kann, dass es mit Dioxin belastet ist.

Armbrüster: Welche Rolle spielen denn die Einzelhandelskonzerne in diesem Skandal?

Billen: Sie sind in erster Linie Opfer. Ich meine, weder die Handelsunternehmen, noch die Bauern, noch die großen Hersteller von Mischfutter haben hier ein Interesse daran, diese vergifteten Dinge in den Handel zu bringen. Der Handel hat gefordert und das ist auch etwas, was wir gefordert haben, es muss schneller durch die Behörden informiert werden, welche Betriebe betroffen sind, damit der Handel in seiner Rolle eben diese Produkte auch aus den Regalen nehmen kann.

Armbrüster: Nun hört man immer wieder das Argument, die Lebensmittel in Deutschland seien zu billig, die Verbraucher seien zu sehr an billige Lebensmittel gewöhnt, das setze ein Preisdumping in Gang und da sei es dann kein Wunder, dass es zu Panschereien kommt, bei denen auch mal Dioxin in Hühnereiern landet. Ist dieses Argument stimmig?

Billen: Also mich überzeugt das Argument nicht. Es ist so: Wir haben einen hohen Preisdruck. Wir haben aber gleichzeitig – und das zeigen viele Untersuchungen der Stiftung Warentest – in weiten Teilen eine hohe Lebensmittelqualität. Der Preisdruck, der da ist, macht sich bemerkbar. Wir haben im letzten Jahr Diskussionen gehabt über Analogkäse, also Unternehmen, die versuchen, Milch durch anderes zu ersetzen, und ich glaube, es gibt auch Anreize, dass man vor allem über die Futtermittel – das ist eben die Achillesferse dieses Systems – immer versucht, entweder gefährliche Dinge, oder minderwertige Dinge, Abfallstoffe in die Futtermittel reinzupacken. Das würde sich aber auch bei höheren Preisen überhaupt nicht ändern.

Armbrüster: Aber, Herr Billen, Sie haben jetzt die Schlagworte genannt. Wir hatten im vergangenen Jahr die Debatte um Analogkäse, dann jetzt der Dioxin-Skandal, der möglicherweise erst nach Monaten herausgekommen ist. Kann man da wirklich noch von hoher Lebensmittelqualität sprechen?

Billen: Ich bleibe dabei. Wir haben, wenn ich mir die Hunderttausende von Produkte angucke, eine hohe Qualität. Ich finde, man muss die Diskussion ein Stück jetzt nüchtern betrachten. Hier ist was geschehen, das muss genau untersucht werden, und es zeichnet sich ab, dass wir Lücken haben. Wir haben Lücken in der Lebensmittelkontrolle. Zum Beispiel müssen die Unternehmen, die Rohstoffe für die Futtermittelindustrie liefern, viel besser kontrolliert werden. Wir haben Lücken in der staatlichen Lebensmittelüberwachung, auch das ist deutlich geworden. Der Staat hat sich zu sehr auf Eigenkontrollen verlassen, er hat sich zu sehr darauf verlassen, dass die Unternehmen schon auch schlechte Untersuchungsergebnisse melden werden. Das tun sie nicht und von daher, meine ich, muss man hier die Lebensmittelüberwachung ganz deutlich auf den Prüfstand stellen und man muss dafür sorgen, dass im Futtermittel wirklich nur Rohstoffe eingearbeitet werden, die sauber sind, die in Ordnung sind und die nicht mit Abfällen und Giften belastet sind. Das ist sozusagen der Handlungsbedarf, der sich aus diesem konkreten Dioxin-Skandal ergibt.

Armbrüster: Was braucht man denn, um diese Kontrollen zu verbessern, mehr Personal, oder einen völlig neuen Ansatz?

Billen: Es wird mehr Geld kosten. Das kann bedeuten mehr Personal. Es geht vor allem aber darum, dass wir eine stärkere Koordination der Lebensmittelüberwachung durch den Bund brauchen, als das jetzt der Fall war. Wir haben 16 Bundesländer, die das nach bestem Gewissen, aber eben unterschiedlich machen, und wir selbst haben festgestellt, dass es zu wenig Lebensmittelkontrolleure gibt, die wirklich in die Betriebe reingehen, die Proben machen, die sich nicht darauf verlassen, ob irgendein Zertifikat auf irgendeinem Futtermittelsack ist, die sich nicht darauf verlassen, dass alles schön auf dem Papier steht, sondern wirkliche Proben machen bei Lebensmitteln und bei Futtermitteln, und wir sind ja auch noch nicht am Ende dieses Skandals. Deswegen glaube ich, dass man die Zahl der Dioxin-Untersuchungen bei Lebensmitteln selbst erhöhen muss. Das ist für mich die große Frage, denn das, was in Schleswig-Holstein geschehen ist, ist ja nicht nur vermutlich jetzt im Dezember geschehen, sondern über viele Monate, vielleicht sogar noch länger. Wie konnte das so lange unentdeckt bleiben?

Armbrüster: Muss die Kontrolle möglicherweise auf Bundesebene verlagert werden?

Billen: Sie muss jedenfalls von Bundesebene koordiniert werden. Wir brauchen ein einheitliches Vorgehen aller Bundesländer, und dafür muss der Bund auch die Kompetenzen und die Möglichkeiten haben. Wir leben in einem globalen Markt und die Lebensmittelüberwachung findet teilweise bei uns von den Kommunen statt oder den Landkreisen statt, und das hat sich jetzt gezeigt: Es dauert zu lange, es ist uneinheitlich. Die Behörden waren wirklich teilweise überfordert, sich die Informationen zu beschaffen. Das ist nicht mehr auf dem Stand der Zeit.

Armbrüster: Das heißt, dass Lebensmittelkontrolle Ländersache ist, war ein falscher Weg?

Billen: Die Lebensmittelkontrolle ist ja etwas sehr altes, was schon seit vielen Jahrzehnten gemacht wird. Ich will nun nicht sagen, es war ein falscher Weg. Sie muss aber jetzt darauf sich einstellen, dass wir in einem globalen, in einem europäischen Markt leben. Deswegen kann vieles in den Ländern gemacht werden, aber es muss zentral sozusagen gesteuert und auch organisiert werden.

Armbrüster: Herr Billen, in die Kritik geraten ist vor allem die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner. Ihr wird vorgeworfen, sie greife nicht hart genug durch. Was sagen Sie? Hat sie richtig gehandelt in diesem Skandal?

Billen: Sie hat in der ersten Phase des Skandals das gemacht, was sie machen musste. Sie hat die Informationen eingefordert, sie hat auch die Akteure zusammengebracht. Was jetzt notwendig ist, sind Entscheidungen und sind Veränderungen. Den Verbrauchern nutzt es nichts, wenn jetzt im politischen Bereich lange und groß gestritten wird. Das Problem ist im Moment nicht Frau Aigner, sondern das Problem ist die Verunsicherung der Verbraucher und die muss gelöst werden. Wir wollen sorgenfrei einkaufen, wir wollen kein Gift im Essen kaufen, und da muss sie sich tatkräftig darum kümmern, dass das möglichst schnell wieder der Fall ist.

Armbrüster: ... , sagt Gerd Billen, der Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, hier bei uns in den "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Vielen Dank, Herr Billen, für das Gespräch und einen schönen Tag noch.

Billen: Ja, auf Wiederhören.

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