Donnerstag, 18. April 2024

Ex-Chef Markus Braun vor Gericht
Worum es im Wirecard-Prozess geht

Es ist einer der größten Finanzskandale der Bundesrepublik: 2020 meldete der Zahlungsdienstleister Wirecard Insolvenz an. Milliarden fehlten in der Kasse. Im Strafprozess steht der frühere Firmenchef Markus Braun im Fokus. Der Verdächtige Jan Marsalek fehlt.

06.04.2023
    Markus Braun steht in einem schwarzen Anzug im Gerichtssaal und zupft sein Sakko zurecht.
    Markus Braun, Ex-Vorstandsvorsitzender von Wirecard und Hauptangeklagter, sagte am 13.02.2023 vor Gericht aus (imago / Sven Simon)
    Wer ist für den Wirecard-Skandal verantwortlich? Nach der Pleite des DAX-Unternehmens 2020 standen neben der Finanzaufsichtsbehörde Bafin und den Wirtschaftsprüfern, die nicht Alarm geschlagen hatten, die Manager der Firma in der Kritik: Vor allem Jan Marsalek, der seit 2020 untergetauchte ehemalige Asien-Vorstand von Wirecard, und der frühere Firmenchef Markus Braun, der seit Mitte 2020 in Untersuchungshaft sitzt. Während nach Marsalek bisher ohne Erfolg gefahndet wird, ist Braun Hauptangeklagter in einem laufenden Strafprozess am Landgericht München.

    Was war 2020 mit Wirecard passiert?

    Lange galt Wirecard als Erfolgsstory. Der Dax-Konzern machte als Zahlungsabwickler gute Geschäfte: Für bargeldlose Online-Zahlungen stellte Wirecard gegen Gebühren die Technik. Doch 2020 platzte die Blase. Wirecard hatte mitgeteilt, dass 1,9 Milliarden angeblich auf Treuhandkonten verbuchte Euro nicht mehr aufzufinden seien. Die Wirecard-Bilanzen sollen gefälscht und kreditgebende Banken um 3,1 Milliarden Euro geprellt worden sein.
    Grafik des Aktienverlaufs der Wirecard AG vom 1. bis 25. Juni.
    Die Aktie des DAX-Unternehmens stürzte 2020 ins Bodenlose (Statista / Yahoo Finance)
    Die Wirecard-Aktien waren plötzlich fast nichts mehr wert. Auch viele Kleinanleger verloren Geld. Durch die Pleite soll ein Vermögen in Höhe von mehr als 20 Milliarden Euro vernichtet worden sein. Auf der Suche nach den Schuldigen gerieten nicht nur Firmenmanager ins Visier, auch Finanzkontrolleuren und -aufsichten wurde Versagen vorgeworfen - mit Folgen für die gesamte Finanzbranche.

    Wie ist der aktuelle Stand im Prozess um den Wirecard-Skandal?

    Seit dem 8. Dezember 2022 läuft in dem Strafverfahren die Hauptverhandlung in München, im Keller der Justizvollzugsanstalt Stadelheim, wo zwei der drei Angeklagten einsitzen. Pro Woche sollen laut Gerichtsangaben zwei Sitzungen stattfinden. Angeklagt sind der ehemalige Vorstandsvorsitzende Markus Braun, der frühere Chefbuchhalter Stephan von Erffa und Oliver Bellenhaus, ehemaliger Geschäftsführer einer Wirecard-Tochtergesellschaft in Dubai.
    Am Landgericht München I sind nach eigenen Angaben bislang gut 2.200 Klagen eingegangen, die den Komplex Wirecard betreffen. Allein 400 davon richten sich gegen den Ex-Wirecard-Boss Braun.
    Die Staatsanwaltschaft wirft den drei Angeklagten Bilanzfälschung, Marktmanipulation, Untreue und Bandenbetrug vor. Die Anklageschrift umfasst über 400 Seiten. Die Verteidiger Brauns und von Erffas haben die Vorwürfe zurückgewiesen. Bellenhaus hat eine Tatbeteiligung eingeräumt. Er gilt als Kronzeuge in dem Verfahren.
    Bis Ende 2023 sind bisher 100 Prozesstage anberaumt. Angesichts der Vielzahl von noch erwarteten Zeugen könnte sich das Verfahren aber bis 2024 hinziehen.
    Das Strafverfahren ist allerdings nicht die einzige Aufarbeitung des Skandals. Auch die Wirtschaftsprüfer sind im Blickfeld. So das Unternehmen Ernst & Young (EY), das über Jahre die mutmaßlich gefälschten Bilanzen des früheren DAX-Konzerns geprüft hat. Anfang April 2023 hat die Abschlussprüferaufsicht Apas Sanktionen gegen EY ausgesprochen.
    Prüfer des Unternehmens hätten bei der Kontrolle der Abschlüsse des ehemaligen Zahlungsdienstleisters in den Jahren 2016 bis 2018 ihre Berufspflichten verletzt. EY muss laut Apas eine Geldbuße von 500.000 Euro zahlen. Zudem dürfe EY bei Unternehmen von öffentlichem Interesse zwei Jahre lang keine gesetzlichen Abschlussprüfungen durchführen.

    Was sagt der Hauptangeklagte Markus Braun – etwa zu Jan Marsalek?

    Hauptangeklagter ist Markus Braun, der ehemalige Vorstandschef von Wirecard. Er trat früher als Technologievisionär der Firma auf. Am 13. Prozesstag am 13.02.2023 sagte der 53-jährige Österreicher erstmals seit Prozessbeginn aus. Er beteuerte seine Unschuld und wies alle Vorwürfe der Anklage zurück. Er habe keinerlei Kenntnisse von Fälschungen oder Veruntreuungen gehabt. Er sei auch nicht Teil einer Bande gewesen, wie es die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft. Zudem habe er sich auf eine ordnungsgemäße Buchführung und -prüfung verlassen – auch beim Drittpartnergeschäft in Asien, bei dem allein 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz gefehlt hatten. Der Wirecard-Kollaps sei für ihn „Schock“ gewesen. Der flüchtige Marsalek habe ihn hintergangen.

    Was sagt der Kronzeuge Oliver Bellenhaus?

    Damit widerspricht Braun Oliver Bellenhaus, dem ehemaligen Manager der Wirecard-Tochterfirma Cardsystems Middle East in Dubai. Die beiden früheren Kollegen treten im Prozess als Gegner auf. Denn während Braun behauptet, von nichts gewusst zu haben, hat sich Bellenhaus zum Kronzeugen der Staatsanwaltschaft gemacht, der Markus Braun im bisherigen Prozessverlauf schwer beschuldigt hat. Er sieht Braun als Täter.
    „Wirecard war ein Krebsgeschwür“, sagte der frühere Statthalter von Wirecard in Dubai am 19.12.2022 im Prozess. Es habe ein System des organisierten Betrugs gegeben, indem Braun sei ein „absolutistischer CEO“ gewesen sei, so Bellenhaus über seinen alten Chef. Im Januar sagte er weiter aus, dass Wirecard-Manager Dokumente regelmäßig passgenau zur Täuschung der Wirtschaftsprüfer gefälscht hätten.
    Bellenhaus hatte sich kurz nach der Wirecard-Insolvenz im Sommer 2020 der Münchner Staatsanwaltschaft gestellt und dort umfassend ausgesagt. Er wurde von den Verteidigern seiner Mitangeklagten bereits als „professioneller Lügner“ bezeichnet. Sowohl Brauns Anwälte als auch die Verteidigerin des ehemaligen Chefbuchhalters warfen Bellenhaus vor, in großem Umfang Daten wie E-Mails, Messengernachrichten und Firmendaten gelöscht oder anderweitig vernichtet zu haben.

    Wie wird der Wirecard-Prozess bewertet?

    Da das Vertrauen in den deutschen Finanzstandort massiv erschüttert wurde, steht der Prozess unter besonderer Beobachtung. Das Gericht muss aufklären, wie derartige Vorgänge wie in der Anklageschrift beschrieben, möglich waren in einem DAX-Unternehmen. Die Richter müssen viel Puzzle- und Detailarbeit bei der Bewertung von Bilanzen und Umsätzen leisten. Gutachter, Zeugen und ein psychiatrischer Sachverständiger sollen dabei helfen.
    Es geht auch um Deutungshoheit in diesem Prozess. Die Angeklagten präsentieren sehr gegensätzliche Deutungen und Interpretationen der Ereignisse. Braun, der bei seiner Zeugenaussage sehr selbstsicher auftrat, versucht, die Verantwortung Marsalek abzuschieben – wohl wissend, dass dieser wohl nie vor dem Landgericht München aussagen wird. Bellenhaus, dessen direkter Vorgesetzter Marsalek war, hingegen schiebt die Schuld Braun zu.
    Noch ist offen, welcher Sichtweise das Gericht folgen wird. Laut Prozessbeobachtern ließ das Gericht bei manchen Braun-Aussagen bereits Zweifel erkennen. Bellenhaus hingegen soll einiges von dem was er behauptet, mit Mails belegen können.
    Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger geht davon aus, dass Braun "zu einer hohen Haftstrafe verurteilt wird – wahrscheinlich sogar über zehn Jahre“. Die Strategie, Marsalek zum „Sündenbock“ zu machen, werde aus seiner Sicht nicht aufgehen. Auch zivilrechtliche Konsequenzen drohen dem Hauptangeklagten Braun. Die mündliche Verhandlung soll laut Gericht aber nicht vor Herbst 2023 beginnen.
    Quellen: Michael Watzke, Rigobert Kaiser, Tobias Brunner, Reuters, dpa, Onlineredaktion, BR, Tagesschau, ikl, tei