Sonntag, 25. September 2022

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Wirtschaftskritik
Die Religion und der Kapitalismus

Als Papst Franziskus Ende vergangenen Jahres deutliche Kritik am weltweiten Kapitalismus äußerte, bekam er dafür viel Aufmerksamkeit. Die Forderung: Das System müsse das Wohl des Menschen stärker beachten. An der Uni Münster haben jetzt Fachleute unter anderem über die Soziallehre der Kirchen gesprochen.

Von Peter Leusch | 13.02.2014

    Papst Franziskus mit erhobener Hand beim traditionellen Segen Urbi et Orbi am ersten Weihnachtsfeiertag in Rom
    Papst Franziskus hat mit seiner Kapitalismus-Kritik auch Diskussionen in der Fachwelt angestoßen (dpa / Ettore Ferrari)
    "Ebenso wie das Gebot 'du sollst nicht töten' eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein 'Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen' sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht."
    Mit diesen scharfen Worten hat Papst Franziskus das kapitalistische Weltwirtschaftssystem angegriffen. In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium vom November vergangenen Jahres, einem 160seitigen programmatischen Text, protestiert Franziskus gegen die – wörtlich - "Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel." Franziskus spricht auch als Lateinamerikaner, seine Perspektive orientiert sich an den bitteren Erfahrungen der Menschen in der Dritten Welt.
    Forderung nach einer Neuordnung
    "Mich fasziniert, wie er da die Situation darstellt, und zwar von den am schlechtesten Gestellten her, von den am wenigsten Begünstigten her. Das ist also die Option für die Armen jetzt einmal wirklich ausbuchstabiert: Wenn es den Schwächeren in dieser Gesellschaft so miserabel geht, wie das gegenwärtig weltweit der Fall ist, dann ist irgendetwas an diesem System korrupt oder dann ist das ein System, das gleichsam die Vorstellung überhaupt einer Gerechtigkeit in der Welt gar nicht verwirklicht."
    Friedhelm Hengsbach, Jesuit, emeritierter Professor der philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt, ist ein führender Vertreter der katholischen Soziallehre. Hengsbach hat in den vergangenen Jahrzehnten die wechselnden Regierungen ebenso kritisiert wie den machtkonformen Kurs der Amtskirchen. Stimmen wie seine sind seit der Finanzkrise wieder lauter geworden. Sie fordern eine ethische Neuordnung der Wirtschaft, orientiert an sozialer Gerechtigkeit und berufen sich in der öffentlichen Diskussion auf die christliche Lehre.
    "Die Religion ist in ganz anderer Weise wieder auf die öffentliche Agenda gekommen als man sich das vor 20 Jahren hätte vorstellen können. Das hängt natürlich zusammen mit Globalisierungsfolgen, in anderen Gegenden der Welt ist es eben nicht so wie in der Bundesrepublik Deutschland, wo man nach wie vor von einer Entkirchlichung sprechen kann, die Leute treten nach wie vor sehr zahlreich aus den Kirchen aus, aber das heißt eben überhaupt nicht, dass die Religion nicht im Weltmaßstab eine ganz große politische Rolle spielt, immer gespielt hat, und jetzt eben auch in Deutschland deutlich wird, dass sie sie immer noch spielt."
    Religion in öffentlicher Diskussion zurück
    Barbara Stollberg-Rilinger ist Historikerin an der Universität Münster und zugleich Sprecherin des Exzellenzclusters Religion und Politik. Der Exzellenzcluster erforscht interdisziplinär von der Antike bis in die Gegenwart in zahlreichen Einzeluntersuchungen das Verhältnis von Religion und Politik. Das umfassende Forschungsunternehmen ist dem wissenschaftlichen Eingeständnis geschuldet, dass die Modernisierungstheorie an entscheidender Stelle falsch war. Denn sie ging davon aus, dass der Säkularisierungsprozess weltweit fortschreite und die Religion immer mehr an öffentlicher Bedeutung verliere und schließlich zur privaten Glaubenssache ins stille Kämmerlein verbannt werde. In Wahrheit jedoch ist die Religion in die öffentliche Diskussion zurückkehrt, wo es um soziale und auch um Wirtschaftsfragen geht.
    "Das hängt natürlich mit Migrationsphänomen zusammen, es hängt auch mit religiösen Funktionen zusammen, die in Zeiten der Finanzkrise wieder aktuell erscheinen, also religiöse Kapitalismuskritik, die wieder in neuer Weise hervorgeholt wird und wieder aktuell zu sein scheint, nachdem man das jahrzehntelang gar nicht mehr zur Kenntnis genommen hatte."
    Im Rahmen des Exzellenzclusters leitet Karl Gabriel, Seniorprofessor für christliche Sozialwissenschaften ein spezielles Forschungsprojekt, das die religiösen und konfessionellen Einflüsse auf die Entwicklung des Wohlfahrtstaates in verschiedenen europäischen Ländern herausarbeitet. Zu den Wurzeln des deutschen Sozialstaats, so Gabriels These, gehören sozialethische Vorstellungen beider Konfessionen in einer spezifischen Mischung.
    Staat für soziale Lage verantwortlich
    "Die protestantische Seite: Dort ist es die Verantwortung des Staates, gerade die lutherische Tradition, dass der Staat eine Gesamtverantwortung für die Menschen hat, und dass er in diese Verantwortung für die soziale Lage der Menschen auch gerufen werden kann und gerufen werden soll, das ist der lutherische Protestantismus, weshalb er auch immer staatsnah gewesen ist, manche sagen, eine paternalistische Tradition begründet hat. Im Katholizismus sind es wohl am stärksten die beiden Begriffe Solidarität und Subsidiarität, also auf der einen Seite Solidarität, die Verflechtungen in der modernen Gesellschaft sind so groß, dass die Menschen wechselseitig füreinander Verantwortung übernehmen müssen, und das müssen dann auch die größeren Einheiten und der Staat leisten."
    Was das zweite Prinzip, also die Subsidiarität angeht, so gibt es immer wieder Streit: Wie ist die Selbsthilfe und die Eigenverantwortung von Gruppen und von jedem Einzelnen zu verstehen. Konkret gesagt: Hat sich jemand ausreichend genug um Arbeit bemüht, bevor er staatliche Unterstützung genießt? Gerard Schröder erklärte, es gebe kein Recht auf Faulheit. Dafür erntete er viel Beifall, zumal seine Devise scheinbar übereinstimmte mit dem populären Paulus-Wort: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Friedhelm Hengsbach erhebt Einwände:
    "Im Thessalonicher-Brief sagt Paulus: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Und das klingt auch halbwegs vernünftig. Aber ist die Situation derer, die als Arbeitssuchende registriert werden, identisch mit denen, die nicht arbeiten wollen? Dieses Schandmal, das man den Leuten, die arbeitslos sind, aufdrückt, als seien sie persönlich für die Massenarbeitslosigkeit verantwortlich, das ist blamabel für eine Gesellschaft, die erst einmal so reich ist und zweitens mit dieser Lüge sich gleichsam die Hände recht wäscht."
    Spaltung der Gesellschaft
    Hengsbach befürchtet, dass die gegenwärtige Wirtschaftspolitik die soziale Spaltung der Gesellschaft vertieft. Seit ihren Anfängen hat die christliche Sozialethik kritisiert, dass das herrschende Wirtschaftssystem ungerecht sei, weil es eine Minderheit, die Kapitaleigner begünstige und die Mehrheit, die Arbeitnehmer benachteilige.
    Im Gegensatz zum Marxismus hat diese christliche Kapitalismuskritik allerdings die Marktwirtschaft, also das Prinzip des ökonomischen Wettbewerbs stets bejaht und die Idee einer sozialistischen Planwirtschaft abgelehnt. Die christliche Sozialethik kritisiert vielmehr das Machtverhältnis, das mit dem Kapitalismus verbunden ist, und ihre bekanntesten Vordenker auf katholischer Seite, Oswald von Nell-Breuning und der ehemalige Kölner Kardinal Joseph Höffner setzen an diesem Punkt mit ihren Reformvorschlägen an. Karl Gabriel:
    "Bei Joseph Höffner haben wir immer den Versuch über Vermögensbildung, die Arbeitnehmer in eine Situation zu bringen, in der sie aus dieser ungleichen Lage herauskommen und beide haben schon in den Fünfzigerjahren die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland, in der Bundesrepublik, scharf kritisiert. Aber Nell-Breuning würde weitergehen in der Antwort, wie man damit umgehen kann: Er würde sagen, es bedarf einer breiten Mitbestimmung innerhalb der Betriebe wie in der Gesellschaft, die den Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit neu organisiert, bisher sei eben der Kapitalismus doch etwas wie eine Veranstaltung, die zugunsten einer kleinen Minderheit, auch in der Welt, organisiert wird. Dies muss aber organisiert werden im Interesse aller."