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Wirtschaftsnobelpreis
Die Welt des Jean Tirole

Für seine wegweisenden Analysen zur Macht der Märkte und ihrer Regulierung ist der Franzose Jean Tirole mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet worden. Er gilt als bescheiden, höchst effizient und von den Arbeitsgebieten her breit aufgestellt. Und als einer, der nicht für den Elfenbeinturm schreibt.

Von Michael Braun | 13.10.2014

    Jean Tirole steht, die Arme verschränkt, vor einer Mauer.
    Neuer Träger des Wirtschaftsnobelpreises: Der Franzose Jean Tirole (AFP / Eric Cabanis)
    Die schwedische Akademie der Wissenschaften hat vor allem Jean Tiroles Arbeiten zur Macht der Märkte und ihrer Regulierung interessiert. Tirole befasst sich dabei zum Beispiel mit einem Autohersteller, der einen Zulieferer exklusiv an sich bindet. Wenn Juristen sagen, das sei rechtens, weist Tirole nach: Diese Exklusivität sei schlecht für den Konsumenten. Denn sie mindere den Wettbewerb unter den Autoherstellern. Ähnlich ist Tirole Telekommunikationsanbieter angegangen. Auch die Deutsche Telekom hatte Pläne, Datenmengen wie etwa Filme aus dem hauseigenen Fernsehangebot nicht auf pauschal abgerechnete Datenpakete anzurechnen. Das diskriminiere Daten anderer Anbieter und sei letztlich schlecht für den Konsumenten.
    "Universalgelehrter der Ökonomie"
    Tirole sei jemand, der allerhöchste theoretische Intelligenz mit Anwendungsfähigkeit verbindet, wird der Franzose gelobt, etwa von Kollegen aus den Universitäten Frankfurt und Mannheim.
    Tirole gilt als bescheiden, höchst effizient und wegen der Breite seiner Arbeitsgebiete als "Universalgelehrter der Ökonomie". Schon früh hat er spieltheorethische Modelle auf die Organisation von Produktmärkten angewandt. Und so herausgearbeitet, wie sich Unternehmen auf nicht perfekt organisierten Märkten verhalten, auf Märkten also mit nur wenigen Anbietern und nur wenig Wettbewerb. Auch auf Märkten, die als natürliche Monopole gelten, weil kein Land sich zum Beispiel zwei oder gar drei konkurrierende Schienen- oder Wasserversorgungsnetze leisten kann. Wie dort die Preise so hochhalten, dass Investitionen möglich sind, zugleich aber so niedrig, dass der Konsument nicht übervorteilt wird? Das hat Jean Tirole beschäftigt. Er hat damit Regulierungs- und Wettbewerbsbehörden beeinflusst.
    Schreiben nicht für den Elfenbeinturm
    Tirole schreibt nach Auskunft aus der Wissenschaft nicht für den Elfenbeinturm. So hat er etwa mit dem Belgier Mathias De-watripont zur Bankenregulierung nach der Lehman-Pleite 2008 gearbeitet. De-watripont sei danach in die belgische Nationalbank gewechselt sei und habe von dort aus auch die europäische Bankenregulierung mit beeinflusst. Tiroles Einfluss sei groß, sein "Reach immens", formulierte ein Frankfurter Kollege des Nobelpreisträgers. Zuletzt habe er sich auch dem Internet zugewandt und untersucht, wie Plattformen für Konsumenten interessanter und auch gefährlicher werden können.