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StartseiteInterview"Das Schuldenproblem ist mitnichten gelöst"27.12.2017

Wirtschaftswissenschaftler Max Otte"Das Schuldenproblem ist mitnichten gelöst"

Der Fondsmanager Max Otte hält auch die halbierten Neukäufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank für "direkte Staatsintervention", mit "sozialismusähnlichen Zügen". Im Dlf warnte er, diese Politik gehe "auf Kosten der deutschen Mittelschicht, die von negativen und Niedrigzinsen schleichend ein Stückchen ärmer gemacht" werde.

Max Otte im Gespräch mit Dirk Müller

Max Otte, Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler (dpa/Elsner)
Max Otte, Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler (dpa/Elsner)
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Dirk Müller: 2017, für viele Beobachter ein äußerst produktives, konstruktives Jahr für den Euro. Die gemeinsame europäische Währung hat sich demnach weiter stabilisiert, gegenüber dem Euro hat der Dollar sogar zugelegt. Auch die Krisenländer der Eurozone sind in ruhigeres Fahrwasser gekommen, dies soll selbst inzwischen für Griechenland gelten. Und auch die Europäische Zentralbank will weniger Milliarden in den Ankauf maroder Staatspapiere stecken. Der Euro und die Wirtschaft, das ist originär ein Thema mit dem Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler und dem Fondsmanager Professor Max Otte. Max Otte betrachtet den Euroraum, den Euro seit vielen Jahren äußerst kritisch und hat dies auch immer wieder in Interviews hier im Deutschlandfunk getan. Im Herbst hat er aber dann mit einem anderen Thema für ganz große Aufmerksamkeit gesorgt, weil er angekündigt hat, bei der Bundestagswahl die AfD zu wählen. Guten Morgen, Herr Otte!

Max Otte: Morgen, Herr Müller, schön, dass wir wieder sprechen!

Müller: Freut mich auch! Sind Sie jetzt gebrandmarkt?

Otte: Ja, natürlich. Das wusste ich aber vorher. Es gibt tatsächlich etliche, die nicht mehr mit mir sprechen. Es gibt einen privaten Fernsehsender, mit dem ich seit 15 Jahren zusammenarbeite, der alles abgesagt hat. Das war mir aber klar, dass man stigmatisiert und ausgegrenzt wird in gewisser Weise. Ich wollte trotzdem da ein Zeichen setzen. Und das Witzige ist ja, ich bin und bleibe CDU-Mitglied. Ich bin in der Werte-Union, ich arbeite mit anderen daran, dass Merkel endlich geht, dass die CDU sich wieder ändert und zu ihren Wurzeln zurückfindet. Es war eine einmalige Wahlentscheidung. Wer weiß, vielleicht hätte ich nach dem Jamaika-Aus auch Herrn Lindner gewählt. Aber nun habe ich mal so gewählt.

"Ich wusste ja, was auf mich zukommt"

Müller: Und von der CDU gab es da auch keine Bemerkungen, die gesagt haben, na ja, da kannst du ja gleich unsere Partei verlassen?

Otte: Nein, im Gegenteil. Es gibt ein paar Hundert Mitstreiter in der Werte-Union, die habe ich darüber kennengelernt. Das war ganz positiv, und natürlich schweigen die Offiziellen das eher tot, denn das ist ja peinlich für sie.

Müller: Bereuen Sie den Schritt?

Otte: Nein. Ich wusste ja, was auf mich zukommt, ich wusste, dass wir eine hoch emotionalisierte Debatte haben, dass bei Menschen zum Teil der Verstand aussetzt und dass sie gleich mit Schlagworten kommen, die ihnen eingetrichtert wurden. Von daher war ich mir über die Konsequenzen im Klaren, und ich bereue es nicht. Aber dadurch, dass der Herr Lindner sich jetzt profiliert hat, wäre auch eine andere Alternative vor der Wahl zur Verfügung gestanden. Diese CDU war es auf jeden Fall für mich nicht.

Müller: Inwieweit können Sie die Kritik denn nachvollziehen, Herr Otte? Wenn jemand sagt, Sie begeben sich dort in die Hände einer Partei - beziehungsweise es war ja eine Wahl, Sie sind ja nicht eingetreten in die AfD ...

Otte: Das ist immer dieses debt by association, also Schuld durch Dazugesellen, die man immer so gern hat. Natürlich gibt es da ein paar Leute, die man beobachten muss, das habe ich auch immer wieder gesagt. Und wenn die anfangen, gegen das Grundgesetz zu verstoßen, dann müssen die rausgeworfen werden. Wir haben in Deutschland mit die strengsten Gesetze gegen Volksverhetzung. Das muss man beobachten, das ist in jeder neuen Partei so.

Aber das invalidiert für mich nicht das Basisargument, dass es mit dieser CDU nicht geht und dass eine große Koalition Gift für unser Land ist. Das sehen übrigens auch die Menschen so. In der "Zeit" gab es eine Onlineumfrage vor ein paar Wochen direkt nach der Wahl, wo also mit 80 Prozent oder so, überwiegend von 100.000 Leuten, die abgestimmt haben, auf keinen Fall große Koalition. Also, man führt dieses technokratische Merkel-Regime weiter. Natürlich kann man das demokratisch legitimieren, aber ich glaube nicht, dass die Wähler das wirklich gewollt haben.

"Ich habe im AfD-Programm jetzt geringe, sagen wir mal, Abweichungen vom Grundgesetz festgestellt"

Müller: Jetzt haben Sie die AfD gewählt, jetzt kriegen Sie sie trotzdem, die große Koalition, die von Ihnen so ungeliebt ist.

Otte: Ja nun, es ist eben diese Abwehrhaltung, diese Ausgrenzungshaltung. Es wäre ja auch eine Minderheitsregierung möglich gewesen mit FDP/CDU mit Tolerierung. Aber solange diese Frau Merkel da ist, die aus meiner Sicht alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann, so ungefähr wie der Jürgen Schrempp bei Daimler, solange wird sie versuchen, sich mit allen Mitteln an der Macht zu halten, und auch mit der großen Koalition. Von daher war das auch durchaus absehbar.

Müller: Sie haben gesagt, ein paar Stimmen in der AfD, die wollen wir jetzt nicht einzeln zusammentragen, das stört Sie schon gewaltig. Björn Höcke, André Poggenburg zum Beispiel wollen wir nicht weiter thematisieren inhaltlich. Aber das hat Sie jedenfalls nicht davon abhalten können zu sagen, so weit gehe ich jetzt nicht, die AfD zu wählen. Warum nicht?

Otte: Richtig. Weil für mich im Moment die CDU unter Merkel die Rechtsbrüche begeht. Ich habe im AfD-Programm jetzt geringe, sagen wir mal, Abweichungen vom Grundgesetz festgestellt, die gibt es zum Teil auch. Wenn es um die Kirchen des Islam geht, da schießt man vielleicht übers Ziel hinaus. Aber solche verheerende Rechtsbrüche wie unter Merkel sehe ich nicht im Programm der AfD.

Müller: Was meinen Sie? Flüchtlingspolitik?

Otte: Ja, gut, wenn man sagt, man will die Grenzen schützen, das ist der Frau von Storch ja sehr negativ ausgelegt worden, das ist zunächst einmal die Pflicht und das Recht jedes Staates, Sozialstaat und offene Grenzen schließen einander aus, Hajek - also da gibt es ja doch viele Themen, wo ich durchaus sage, das muss man etwas weniger emotional diskutieren.

"Überwiegend hat mein Umfeld positiv reagiert"

Müller: Sie haben eben gesagt, es gab wirtschaftliche Nachteile zum Teil, also für Medien, mit denen Sie zusammengearbeitet haben. Ich darf das sagen, also N-TV, da haben wir Sie häufiger gesehen, da sind Sie aufgetreten. Das funktioniert jetzt offenbar nicht mehr. Wie hat Ihr Umfeld, Ihre Bekannten, wie haben die reagiert?

Otte: Sagen wir mal, im engsten Familienkreis war man etwas besorgt, was jetzt passieren würde. Das verstehe ich auch. Also manche mit wenig Verständnis, aber meine näheren Bekannten, auch die so mittelgut Bekannten die meisten mit Verständnis, viele auch. Ich habe viele Glückwünsche und viel Zuspruch bekommen. "Danke für Ihren Mut", "das ist mutig" und so weiter. Natürlich habe ich auch das Gegenteil bekommen, also "wie kann man nur" und so weiter und so fort. Das war sehr gemischt. Es würde polarisieren. Aber überwiegend hat mein Umfeld positiv reagiert.

Müller: Haben Sie Freunde verloren?

Otte: Echte Freunde würde ich nicht sagen. Wenn die aufgrund einer Wahlentscheidung in einer Demokratie bei einer demokratischen Partei gehen, dann hätte ich dafür kein Verständnis. Aber es gibt Geschäftsbeziehungen, die gewackelt haben, und ein, zwei, die auch geendet haben.

Müller: Also negativ für Sie.

Otte: Die direkten Konsequenzen negativ. Das wusste ich vorher. Ich weiß ja, wie die Atmosphäre ist. Aber das hat mich nicht davon abhalten können.

"Windelweiche Ankündigungen"

Müller: Machen wir hier eine Zäsur, einen Strich, Max Otte. Euro, das war unser originäres Thema. Wollen wir die letzten zwei Minuten zumindest noch drauf schauen. Auch immer noch negativ, Ihre Einstellung gegenüber der positiven Entwicklung des Euros in diesem Jahr?

Otte: Was heißt positiv? Dass er mal im Wert steigt, das ist bei Währungen so. Mal geht es rauf, mal geht es runter. Das Schuldenproblem ist mitnichten gelöst. Draghi geht zu härtesten zwangspolitischen Maßnahmen, wenn er jetzt sagt, er will die Neukäufe von Staatsanleihen, was ja direkte Staatsintervention ist, was ja schon sozialismus-ähnliche Züge hat, wenn er also diese Neukäufe von 60 auf 30 Milliarden pro Monat reduzieren will, dann ist das eine nette Ankündigung. Ich habe ihn noch erlebt im November in Frankfurt. Aber er sagt dann auch, wir schauen mal, vielleicht, wenn es ganz dringend ist, machen wir es auch nicht. Also das sind windelweiche Ankündigungen ...

Müller: Es waren immerhin ja mal 80 Milliarden.

Otte: Ja, gut. Aber ich meine, was heißt immerhin. Es war von Anfang an ein Rechtsbruch, es war von Anfang an falsch, und es sieht so aus, als ob das Zahlungsbilanzdefizit einiger Länder wie Griechenland beziehungsweise der Primärhaushalt jetzt wieder in die Gänge kommt. Aber deswegen haben wir trotzdem das Leid in diesen Ländern, wir haben die Arbeitslosigkeit, wir haben die unglaublichen Härten. Und wir haben vor allem einen Bankensektor in Italien, anderen Ländern, der weiter hoch krisengefährdet ist, wo jetzt die faulen Schulden liegen. Da tickt wirklich die nächste Zeitbombe. Gelöst haben wir das Problem nicht.

Müller: Aber immerhin hat Mario Draghi doch offenbar erreicht, dass sich alles ein bisschen beruhigt hat und dass Politik jetzt wieder gestalten kann.

Otte: Aber zu welchen Kosten? Auf Kosten der deutschen Mittelschicht, die von negativen und Niedrigzinsen schleichend ein Stückchen ärmer gemacht werden. Auf Kosten großer Verwerfungen im Euroraum, auf Kosten der Arbeitslosigkeit im Süden. Da hätte es eben andere Wege gegeben, wie den selektiven Austritt einzelner Länder. Aber das darf in dieser EU nicht sein, genauso wie Regionen anscheinend nicht austreten können. Nehmen wir Katalonien. Wenn in Jugoslawien neue Staaten entstehen, dann ist das okay, aber wenn eine Region sich für die Autonomie ausspricht, dann geht das anscheinend nicht in dieser EU. Das ist mir alles viel zu sehr von oben. Ich saß in einer Podiumsdiskussion mit Christopher Clarke noch vor ein, zwei Monaten. Das ZDF hat mich übrigens lobenswerterweise auch wieder eingeladen. Also, wir sind uns alle einig, dass wir Europa haben wollen, aber dieses Europa, technokratisch von oben, das ist es nicht, das führt uns in die falsche Richtung.

Müller: Bei uns heute Morgen live im Deutschlandfunk der Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler Professor Max Otte. Danke, dass Sie wieder Zeit für uns gefunden haben. Ihnen noch schöne Tage und einen guten Rutsch!

Otte: Gleichfalls! Guten Tag!

Müller: Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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