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StartseiteInterview"Physiker setzen auf schöne Theorien"10.06.2019

Wissenschaft und Ästhetik "Physiker setzen auf schöne Theorien"

Ob ein physikalisches Ergebnis als richtig empfunden wird, hängt auch mit der Ästethik zusammen. "Bei der Beurteilung ihrer Arbeitsergebnisse stützen sich Physiker auf ihren Schönheitssinn", sagte Philosoph Olaf Müller im Dlf. Physiker nutzten das als ein Kriterium für die Glaubwürdigkeit.

Olaf Müller im Gespräch mit Michael Köhler

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Lichtstrahlen brechen an einem Prisma zu Farbstrahlen - Diese Entdeckung machte der Physiker Sir Isaac Newton und konnte so die Entstehung eines Regenbogens erklären. (imago images / Ikon Images)
Die Schönheit der Physik zeigt sich auch in der Farbenlehre nach Sir Isaac Newton (imago images / Ikon Images)
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Olaf Müller ist Professor für Wissenschaftstheorie an der Humboldt-Universität zu Berlin und hat ein Buch über Ästhetik in der Naturwissenschaft geschrieben. Im Deuschlandfunk sagte er: "Physikerinnen und Physiker stützen sich bei der Beurteilung ihrer Arbeitsergebnisse exzessiv auf ihren Schönheitssinn. Sogar so weit, dass sie Ergebnisse, die hässlich sind, verwerfen. Sie feilen mit Blick auf die Ästethik der Ergebnisse so lange weiter, bis sie doch ihren Schönheitssinn befriedigen können."

Eigentlich seien Physiker ja auf den ersten Blick so etwas wie Nerds, die ihre Formeln rechnen und die Wirklichkeit abbilden. Aber der Sinn für Ästethik spiele bei dieser Aktivität eine sehr große Rolle. Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeige, dass das ganz stark so sei.

Vom Schmutz zur modernen Optik

In der Physik beschäftige man sich aber auch mit dem Gegenteil von Schönheit – dem Schmutz. Newton zum Beispiel sah die verschmutzten Ränder der Bilder von Teleskopen, die die Himmelskörper zeigten, als die Hauptsache. "Er rackert sich ab, bis er diese Farben so sehr verstärkt, bis er sein Newton-Spektrum vorzeigen kann. Er richtet wie in der Nachkriegskunst die Aufmerksamkeit auf den Schmutz und rückt ihn ins Zentrum des Interesses. Das war der Beginn der modernen Optik."

Die Begeisterung über Gemälde oder Architektur sei vergleichbar mit der Begeisterung der Physiker über schöne Ergebnisse. Symmetrien etwa seien sehr wichtig. "Wir suchen – gerade wenn wir uns fragen, was die Welt im Innersten zusammenhält – nach Strukturen, die ganz streng symmetrisch aufgebaut sind. Physiker gehen nach diesen Prinzipien, das ist ein zentrales Motiv in der Physik und in der Mathematik." Das sei in der Kunst nicht so wichtig, aber ähnlich. "In den Bereichen Physik und den Künsten urteilen wir auf ähnliche Weise."

"Wenn wir eine schöne Theorie haben – selbst, wenn sie am Anfang noch gar nicht so gut zu den Daten passt, das ist oft so – haben wir guten Grund, trotzdem auf diese Theorie zu setzen, weil sie so schön ist. Ich glaube, dass Physiker das als ein Kriterium für die Glaubwürdigkeit nutzen."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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