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StartseiteTag für TagWie sich Verschwörungstheorien und Esoterik überlappen29.05.2020

Wissenschaftliche UntersuchungWie sich Verschwörungstheorien und Esoterik überlappen

Die Esoterik biete vielen Menschen Halt in Krisensituationen, sie befeuere aber auch den Glauben an Verschwörungen, sagte die Sozialpsychologin Pia Lamberty im Dlf. Auch empirisch gebe es eine Überlappung von Verschwörungsglauben und esoterischen Annahmen.

Pia Lamberty im Gespräch mit Christiane Florin

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Deutschland, Baden-Württemberg, Stuttgart, 16.05.2020: 8. Mahnwache für das Grundgesetz. Mehrere Tausend Menschen demonstrieren in Stuttgart gegen Corona-Beschränkungen. Aufgerufen hatte die Initiative Querdenken711, die das Grundgesetz in Gefahr sieht (imago-images/Arnulf Hettrich)
Pia Lamberty: "Esoterik ist ein Motor für Verschwörunsgtheorien" (imago-images/Arnulf Hettrich)
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Pia Lamberty, Doktorandin im Fach Sozialpsychologie an der Universität Mainz, hat zusammen mit Katharina Nocun ein Buch veröffentlicht namens "Fake Facts". Die beiden Autorinnen zeigen, wie verführerisch und wie verbreitet Verschwörungserzählungen sind. Ein eigenes Kapitel haben sie der Esoterik und Heilerszene gewidmet und dabei empirisch untersucht, dass Verschwörungsglauben und esoterischen Annahmen eng beieinander liegen.

Christiane Florin Warum bezeichnen Sie die Esoterik als Motor für Verschwörunsgtheorien?

Pia Lamberty: Empirisch in Studien zeigt sich, dass ähnliche Faktoren den Glauben an esoterische Welterklärungsmodelle befeuern wie auch Verschwörungserzählungen. Das ist ganz oft so ein Kontrollverlust, also eine Situation, in der Menschen versuchen, Strukturen zu finden, beispielsweise nach Lebenskrisen, und da kann Esoterik scheinbar Halt bieten, genauso wie der Glaube an Verschwörungen. Man sieht ja auch empirisch eine Überlappung zwischen Verschwörungsglauben und esoterischen Annahmen.

Wir haben beispielsweise in einer Studienreihe mit Verschwörungsglauben und dessen Auswirkungen auf medizinische Ansätze, wie man die bewertet, auseinandergesetzt, und da zeigten sich extrem hohe Überlappungen, also dass Menschen, die sich von Medizin abwenden, sich Alternativen suchen, der Medizin misstrauen. Das erklärt sich einmal gegenüber so einem generalisierten Misstrauen gegenüber all denen, die als mächtig wahrgenommen werden, aber auch durch einen gewissen Denkstil. Also Menschen, die eher holistisch denken, also eher quasi das Ganze sehen, neigen auch eher dazu, esoterischen Welterklärungen zu folgen. Da sind dann die einzelnen Fakten gar nicht so relevant. Es braucht viel mehr Informationen, um das eigene Weltbild zu erschüttern, um da zu einer Änderung zu kommen.

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"Nicht jeder, der ein Horoskop liest, wittert Verschwörungen"

Florin: Nun kann ich mir vorstellen, wie Hörerinnen und Hörer reagieren, die Horoskope lesen, ab und an mal zum Hellseher gehen oder vielleicht sich für alles mögliche, was mit Heilung zusammenhängt, interessieren. Die werden sagen, ja, das ist aber doch jetzt ein Generalverdacht. Wie erkennen Sie, was eine Verschwörungserzählung ist im Zusammenhang mit Esoterik und was eher harmlose Spiritualität?

Lamberty: Also ich spreche natürlich hier von korrelativen Zusammenhängen. Das heißt, nicht jeder, der ein Horoskop liest, wittert auch überall Verschwörungen, aber trotzdem ist diese Tendenz sehr stark. Also es ist ein relativ starker Zusammenhang. Ich gucke mir in meiner Forschung vor allem die generelle Tendenz an, Verschwörungen zu wittern, also die Ideologie dahinter, und weniger jetzt eine konkrete Verschwörungserzählung. Problematisch wird es dann, A, wenn man sich selber oder auch vor allem andere gefährdet, und wenn das Ganze zu einem Welterklärungsmodell wird.

Florin: Also die Welterklärung zum Beispiel, wir werden alle systematisch belogen, die wirklich dunklen Mächte, die werden natürlich nie ins Helle gezerrt, sowas.

Lamberty: Genau solche Dinge. Man kann ja auch Pharmafirmen zum Beispiel kritisieren. Das ist ja vollkommen legitim. Die haben ja jetzt auch nicht nur gute Absichten. Da geht es ja schon auch um Geld, aber eine kritische Haltung richtet sich generell gegenüber problematische Strukturen, und ich habe das Gefühl, dass das da oft nicht passiert. Also es wird oft so eine gute, sanfte Alternativmedizin der scheinbar niederträchtigen Pharmafirmen oder Medizin gegenübergestellt, und da ist natürlich so eine kritische Auseinandersetzung dann schwierig.

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Krisenerlebnisse als Auslöser

Florin: Was macht Menschen empfänglich für solche Botschaften? Sie haben vorhin Krisenerlebnisse angesprochen, Verunsicherungen.

Lamberty: Genau, also eine Situation, in der man das Gefühl hat, man hat keine Kontrolle. Das kann sowas sein wie Corona-Pandemie, in der wir ja alle nicht wissen, wie geht es weiter. Man ist mit so vielen Informationen konfrontiert, man sitzt viel zu Hause, weiß nicht, wann öffnen Schulen, kommt es zu einer zweiten Welle, aber auch private Situationen, Verlust des Berufes, eine Partnerschaft, die endet, Krankheiten. Das sind genau die Faktoren, in denen Menschen versuchen, Muster zu sehen, Strukturen herzustellen und in denen es einfacher für sie ist, einen mächtigen Akteur anzunehmen und den hinter allem zu vermuten, als mit dieser eher Unsicherheit umzugehen.

Florin: Hängt es auch damit zusammen, dass man keine guten Erfahrungen hat mit der Medizin, mit der Wissenschaft, aber auch mit staatlichen Autoritäten? Also könnten die mehr tun, um Menschen davon abzuhalten, diesen Verschwörungserzählungen zu glauben?

Lamberty: Der Glaube an Verschwörung ist ja eine Vorurteilsstruktur gegenüber all denen, die als mächtig erlebt werden. Wir haben uns das in der Studienreihe auch angeschaut oder beziehungsweise es gibt verschiedene Erklärungen, warum Menschen sich dieser Szene zuwenden. Eine Argumentation ist natürlich auch Unzufriedenheit mit dem Medizinsystem zum Beispiel. Tatsächlich spielt das eher eine untergeordnete Rolle, sondern diese Feindbilder, die geschaffen werden, sind da das relevante ideologische Fundament. Ich denke schon, dass es trotzdem aber auch wichtig ist, zu reflektieren, wie gerecht ist ein Gesundheitssystem, wird auf den Menschen gut genug eingegangen, und muss man da nicht vielleicht doch auch Dinge ändern. Ob das aber den Verschwörungsglauben auflöst, ist natürlich noch mal eine andere Frage.

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Fragwürdige Esoterikevents

Florin: Sie beschreiben in dem Kapitel über Esoterik und auch die Heilerszene einerseits ja so eine Parallelwelt, von der man gar nicht so viel mitbekommt, wenn man nicht selber dran glaubt, aber andererseits ist es ja eine Welt, die nicht völlig im Verborgenen ist. Also es gibt große Esoterikevents, große Messen. Wünschen Sie sich mehr Kontrolle dessen, was da passiert?

Lamberty: So weit weg ist diese Welt natürlich nicht. Also als ich jünger war, waren die ganzen sogenannten Mädchenzeitschriften voll von esoterischem Inhalt. Da wurde einem Tischerücken erklärt, es gab irgendwelche magischen Amulette. Ich glaube, gerade als junge Frau kommt man schnell mit diesen Inhalten in Kontakt, und diese Messen gibt es ja zum Beispiel auch überall. Staatliche Kontrolle, also ich denke, es ist schon wichtig, zu schauen, gerade dann, wenn Ansätze gefährlich werden, wie man damit umgeht. Wenn auf diesen Messen auf einmal Edelsteine gegen Krebs verkauft werden, ist das grob fahrlässig. Wenn Ärzte auf diesen Messen sprechen und nicht nur gegen Impfen wettern, sondern das auch noch mit homophoben und rassistischen Inhalten aufladen, ist das gefährlich. Die WHO hat ja nicht ohne Grund gesagt, dass Impfskeptiker oder Menschen, die Impfen ablehnen, eine globale Bedrohung darstellen. Hier muss man schon überlegen, wie man reguliert und an welcher Stelle man auch reguliert.

Florin: Sie waren selber auf einer solchen Messe. Haben Sie da widersprochen oder waren Sie stille Beobachterin?

Lamberty: Wir waren als stille Beobachter da. Wir wollten sehen, wie die Messen funktionieren, und wir haben auch nachgefragt, was da angeboten wird. Also es war mehr eine Art Undercover-Recherche in dem Moment.

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Angriff auf die Identität

Florin: Was, meinen Sie, wäre passiert, wenn Sie das gut hörbar angezweifelt hätten, was da als Heilmittel zum Beispiel gegen Krebs verkauft wird?

Lamberty: Also wenn ich jetzt zum Beispiel diese Situation nehme mit dem Arzt, der diese rassistischen Thesen verbreitet hat, über Impfen gewettert hat, da gab es schon im Saal eine sehr große Zustimmung. Da hatte ich jetzt nicht das Gefühl, dass irgendwer sagt, okay, hier ist eine Grenze überschritten. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht so positiv angekommen wäre, eine kritische Auseinandersetzung, muss ich sagen. Also es ist ja oft schon quasi religiös, der Glaube an gewisse Heilmethoden oder Ansätze, und Menschen verteidigen das ja auch intensiv.

Man greift ja nicht nur den Ansatz an, sondern ganz oft auch die Identität und was das für sie bedeutet. Für viele Menschen, auch mit schweren Erkrankungen, bietet die Esoterik ja oft Heilsversprechen. Eine Chemotherapie zum Beispiel im Fall von Krebs ist was, was extrem bedrohlich und beängstigend ist, was Einschränkungen bringt für eine lange Zeit. Wenn man dann das Gefühl hat, man kann dem auch mit einem Edelstein begegnen, ist das für viele Menschen ja auch erst mal scheinbar eine Erleichterung, und genau das wird ja da immer aufgegriffen bei diesen Veranstaltungen.

Überlappungen von Verschwörungsglauben und der Religion

Florin: Sie haben ein wichtiges Stichwort jetzt genannt, nämlich das Religiöse. Wie sehen Sie die großen Religionen, die Weltreligionen? Ist da auch eine Anfälligkeit für Verschwörungserzählungen? Denn da gibt es natürlich in bestimmten Ecken, in eher fundamentalistischen Ecken, Papiere, Erklärungen, die sagen, wir werden alle von dunklen Mächten regiert.

Lamberty: Das ist tatsächlich eine sehr spannende Frage, und ich muss zugeben, das wurde in der Wissenschaft noch gar nicht so genau sich angeschaut. Es gibt auf jeden Fall Überlappungen, auch vom Verschwörungsglauben und der Religion. Also es gibt einen mächtigen Akteur, auf den man Dinge projiziert, aber natürlich gibt es auch große Unterschiede in der Funktion. Mein Eindruck ist eigentlich, dass der Glaube an Verschwörungen unabhängig ist von Religion. Also der spielt da eine Rolle, der spielt aber auch bei Menschen eine Rolle, die nicht religiös sind. Ich sehe, soweit ich die Daten gerade kenne, nicht unbedingt einen Unterschied zwischen Ländern, die stark religiös sind und eher atheistischen Ländern oder weniger stark religiös geprägten Ländern in der Verbreitung von Verschwörungsglauben.

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Florin: Aber der Zusammenhang mit Esoterik ist deutlicher? Das habe ich jetzt richtig verstanden.

Lamberty: Genau. Also bei der Esoterik ist das eindeutiger. Bei Religion ist das natürlich auch immer so ein bisschen schwieriger zu sagen, weil da ja ganz viele Faktoren zusammenkommen. Also das ist ja nicht nur Religion, sondern vielleicht auch, wie konservativ ist ein Land, wie sieht die staatliche Einflussnahme aus. Also da kommen so viele Faktoren zusammen, dass es schwieriger ist, die Religion quasi als Faktor zu extrahieren. Die Studie, die ich kenne, von Deutschland, da gibt es keinen Zusammenhang mit Religiosität, aber durchaus schon mit Esoterik, Zuwendung zu alternativen Heilmethoden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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