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StartseiteForschung aktuellUni Tübingen bestätigt Verdacht gegen Hirnforscher06.06.2019

Wissenschaftliches FehlverhaltenUni Tübingen bestätigt Verdacht gegen Hirnforscher

Das Urteil einer Untersuchungskommission der Universität Tübingen kratzt am Image des renommierten Hirnforschers Niels Birbaumer. Bei einer viel beachteten Studie mit Locked-In-Patienten hat er offenbar Daten frisiert. Uni-Rektor Bernd Engler sagte im Dlf-Interview, man werde Konsequenzen ziehen.

Bernd Engler im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Der Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer steht wegen des möglicherweise fehlerhaften Umgangs mit Untersuchungsdaten zu einer viel beachteten Studie in der Kritik
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Lennart Pyritz: Niels Birbaumer ist einer der renommiertesten Hirnforscher Deutschlands. Vor einigen Jahren berichtete das Team des Tübinger Professors im Fachblatt PLOS Biology, man habe einen Weg gefunden, mit Hilfe einer Hirnkappe mit vollständig gelähmten Patienten zu kommunizieren. 2018 waren Zweifel an der Studie laut geworden. Nun bescheinigt eine Untersuchungskommission Niels Birbaumer und einem seiner Kollegen wissenschaftliches Fehlverhalten. Ich habe kurz vor der Sendung mit Bernd Engler telefoniert, Rektor der Universität Tübingen, die jetzt über die weiteren Schritte in dem Fall entscheiden muss. Meine erste Frage war, was im Einzelnen die Ergebnisse der Untersuchungskommission sind?

Bernd Engler: Die Ergebnisse beziehen sich auf vier zentrale Punkte der Studie. Erstens: Bei der Auswahl der Ergebnisse für die Publikation in PLOS Biology gab es eine hochselektive Datenauswahl - zum Teil aufgrund persönlicher Entscheidung von Herrn Birbaumer, ob diese Daten geeignet sind für die Auswertung oder nicht. Zweitens: Die fehlende Offenlegung von Daten und der Skripte, mit denen sie per Computerprogramm ausgewertet wurden.

Letztendlich wurden in der Publikation Dinge angesprochen, für die uns keine Daten vorgelegt werden konnten. Also es fehlten beispielsweise Daten von Elektroenzephalogrammen, die sehr wichtig waren für die Feststellung, dass Kontakt zu den Patienten hergestellt werden konnte. Und vor allem ging es dann auch darum, dass Daten möglicherweise falsch analysiert wurden. Das liegt daran, dass viele Prozesse, die für die Datenanalyse entscheidend sind, nicht mit weiteren Daten hinterlegt werden konnten.

Wissenschaftliche Standards wurden nicht eingehalten

Pyritz: Die Untersuchungskommission hat dem Rektorat der Universität Tübingen nun eine Reihe von Konsequenzen vorgeschlagen. Welche sind das? Und wie gehen sie jetzt damit um?

Engler:  Zum einen wurde vorgeschlagen, die Publikation zurückzuziehen und die Zeitschrift PLOS Biology zu informieren, die geeigneten Schritte zu einer Korrektur dieser Publikation vorzunehmen. Wir werden natürlich auch die Förderinstitutionen, die die Studien über viele Jahre mitfinanziert haben, informieren müssen, damit die geeignete Schritte überlegen können, wie sie mit eventuellen Rückforderungen umzugehen haben. Wir werden die Krankenkassen informieren müssen, über die viele der Behandlungsschritte abgerechnet wurden.

Darüberhinaus werden wir zu prüfen haben, wie die Universität Tübingen sich dem Wissenschaftler gegenüber in Zukunft verhält. Niels Birbaumer ist momentan Senior-Professor an der Universität und wir müssen prüfen, ob die Grundlagen für die Aufrechterhaltung dieses Status noch gegeben sind. Das ist noch zu leisten. Aber für uns war zunächst mal der erste wichtige Schritt festzustellen, ob die Voraussetzungen für gute wissenschaftliche Praxis gegeben sind. Und wir müssen zu unserem großen Bedauern feststellen, dass dem leider nicht so ist.

Bei den Angehörigen wurden falsche Hoffnungen geweckt

Pyritz: Gibt es schon Vorschläge, wie jetzt mit den Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen umgegangen wird, bei denen durch diese Studie eventuell Hoffnungen geweckt wurden, die jetzt gegebenenfalls ein Stück weit revidiert werden müssen?

Engler:  In der Tat sind ja viele Angehörige davon ausgegangen, dass tatsächlich der Kontakt zu diesen vollständig gelähmten Locked-In-Patienten hergestellt werden könnte. Viele Hoffnungen haben sich auf dieses Verfahren gerichtet. Wir werden den betroffenen Patienten und ihren Angehörigen ein Angebot machen, sie zu beraten, wie sie mit den Einschränkungen der bisher erhobenen Ergebnisse und den Erwartungen, die sie in diese Ergebnisse gesetzt haben, umzugehen haben. Wir werden auch psychologische Beratung anbieten, sofern das notwendig sein sollte. Denn wir haben natürlich auch eine Bringschuld diesen Patienten gegenüber.

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