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StartseiteCampus & Karriere"Es gibt Leitlinien für gute Wissenschafts-PR"17.04.2020

Wissenschaftskommunikation"Es gibt Leitlinien für gute Wissenschafts-PR"

Dass Wissenschaft PR betreibe, sei nichts Verwerfliches, sagte Julia Wandt vom Bundesverband Hochschulkommunikation im Dlf. Kritisch sei aber, wie die Heinsberg-Studie präsentiert wurde. Man merke, dass der Agentur Storymachine der wissenschaftliche Hintergrund gefehlt habe.

Julia Wandt im Gespräch mit Brigitta Baetz

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Bei einer Pressekonferenz sind Mikrofone auf einem Tisch platziert und Kameras aufgebaut. (dpa/Jens Büttner)
Wissenschaft könne nur die Basis für politische Entscheidungen legen, sagte Julia Wandt im Dlf (dpa/Jens Büttner)

Julia Wandt ist Vorsitzende des Bundesverbandes Hochschulkommunikation und Pressesprecherin der Uni Konstanz. Im Interview mit dem Dlf beschreibt sie das Selbstverständnis von Wissenschaftskommunikation und warum Wissenschaft nur als Basis für politische Entscheidung dienen und nicht selbst Entscheidungen treffen sollte.


Brigitte Baetz: Stehen wir in Sachen Wissenschaftsvermittlung vor einem Paradigmenwechsel?

Julia Wandt: Ich würde diese beiden Elemente der Frage gerne voneinander trennen. Den ersten Teil, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Öffentlichkeit stehen und jetzt in Zeiten wie der Coronakrise es auch verstärkt tun, das finde ich gut und richtig. Und das ist auch wichtig, um zu zeigen und zu verdeutlichen, welchen Wert Wissenschaft für die Gesellschaft hat. Ich finde, gerade in Krisenzeiten wird immer wieder deutlich und besonders dann, dass Wissenschaft gebraucht wird, dass wissenschaftliche Daten gebraucht werden und dass wissenschaftliche Fakten ganz wichtig sind, um politische Entscheidungen vorzubereiten. Auf welche Art und Weise man das macht, das muss man sehr gut überlegen und da muss man auch hohe Qualitätsstandards ansetzen.

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Wissenschaftliche Einrichtungen können nichts anderes machen oder machen nichts anderes als PR, weil Journalismus kann nur von Medienvertretern gemacht werden. Das wurde ja auch mal - sie haben die Heinsberg-Studie angesprochen -, dort am Anfang seitens der Wissenschaftler gesagt, dass sie einen journalistischen Ansatz verfolgen in ihrer Kommunikation. Das können sie aus meiner Sicht gar nicht, weil sie keine Journalistinnen und Journalisten sind und Medienvertreter für einen guten Journalismus zuständig sind. Wenn wissenschaftliche Einrichtungen, also Universitäten oder andere außeruniversitäre Einrichtungen kommunizieren und PR machen, dann ist das an sich nichts Verwerfliches, aber sie müssen sich an Qualitätskriterien halten. Es gibt zum Beispiel die Leitlinien für gute Wissenschafts-PR von Bundesverband Hochschulkommunikation und von Wissenschaft im Dialog, wo ganz klar festgelegt wird, welche Werte es für Wissenschafts-PR geben muss und welche Qualitätskriterien es für Wissenschafts-PR geben muss.

Baetz: Welche Werte wären das denn zum Beispiel?

Wandt: Werte wären zum Beispiel, dass man transparent kommunizieren muss, dass man wahrhaftig und glaubwürdig kommunizieren muss, dass man seine Daten offenlegen muss, dass man auch zur Selbstkritik bereit ist. Ganz wichtig ist, dass man unabhängig ist. Wissenschaft muss immer unabhängig sein. Da gab es auch aus meiner Sicht bei dem von Ihnen genannten Beispiel ein Vorgehen, wo einige dieser Werte nicht eingehalten wurden. Und ich glaube, das ist der Punkt, über den auch gerade diskutiert wird.

Storymachine: "Ich bin kritisch gegenüber dem Vorgehen"

Baetz: Wenn wir jetzt bei dieser Heinsberg-Studie bleiben. Hinter der Agentur Storymachine stehen unter anderem Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und der Sportmanager Michael Mronz. Die sind ja von sich aus auf Hendrik Streeck zugegangen, den Bonner Virologen. Die haben das pro bono gemacht, haben eine eigene Facebookseite und einen eigenen Twitteraccount eingerichtet. Das ist ja schon mehr als Pressearbeit, da werden Journalisten oder wird Journalismus ja umgangen. Für Storymachine war das zusätzliche Werbung, aber darf sich denn die Wissenschaft solcher Methoden bedienen?

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Wandt: Ich bin kritisch gegenüber dem Vorgehen, was im Bezug auf die Kommunikation der Heinsberg-Studie gewählt wurde, ganz klar, und zwar nicht aus den Gründen, dass nicht nur über den Journalismus kommuniziert wurde. Es ist vollkommen legitim, dass man über Social Media kommuniziert, über Facebook kommuniziert, wie das in dem Fall gemacht wurde, im Gegenteil, das muss man heutzutage machen. Das ist alles vollkommen in Ordnung, aber wie es gemacht wurde und vor allem auch wer es gemacht hat, da ist für mich ein großer Knackpunkt. Und aus meiner Sicht hätte eine Kommunikation, die von entweder Journalistinnen und Journalisten oder von Kommunikatorinnen und Kommunikatoren, die einen Bezug zur Wissenschaft haben, die sich in Wissenschaftskommunikation und in den Spielregeln der Wissenschaft auskennen, die hätten Herrn Streeck und seine Kolleginnen und Kollegen in dieser Studie auch schützen können.

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Ich finde, man merkt, dass die Agentur Storymachine, dass dort jeder wissenschaftliche Hintergrund fehlt. Weil ich mir sicher bin, dass jetzt Kommunikationsexperten von Hochschulen oder anderen wissenschaftlichen Einrichtungen Herrn Streeck im Vorfeld auf andere Dinge hingewiesen hätten oder auch andere Fragen gestellt hätten als die Vertreter der PR-Agentur es jetzt gemacht hätten. Es ging ja um solche Kritikpunkte wie wann kommuniziert man, kommuniziert man schnell oder wartet man, bis das Paper, was auch peerreviewed wurde oder sein sollte, dann vorliegt. Und da bin ich mir sehr sicher, dass einiges an der Kritik, die begonnen hat mit der Kommunikation, jetzt aber auch die Inhalte der Studie kritisiert. Da hätte man einiges im Vorfeld abfangen können und dadurch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihre wissenschaftliche Arbeit an sich auch schützen können.

"Wissenschaft nur die Basis für politische Entscheidungen geben"

Baetz: Was ziehen Sie denn jetzt aus dieser Coronakrise für Lehren für die Wissenschaftskommunikation, für Ihre Arbeit auch selbst als Frau, die Pressesprecherin der Uni Konstanz ist?

Wandt: Ich ziehe daraus, dass es wichtig ist, zu kommunizieren, das heißt, der Gesellschaft, den Medienvertretern die wissenschaftliche Expertise, die jetzt gerade dringend benötigt wird, auch zur Verfügung zu stellen. Wissenschaft soll politische Entscheidungen vorbereiten, das ist vollkommen richtig. Sie darf sie aber nicht selber treffen. Die Wissenschaft darf nur die Basis für politische Entscheidungen geben. Leider wird die Wissenschaft häufig instrumentalisiert – und das merkt man gerade auch aktuell in dieser Coronazeit. Da müssen wissenschaftliche Einrichtungen in der Kommunikation einfach sehr achtsam sein und aufpassen, welche Rolle sie haben und dass sie diese Rolle auch nicht verlassen.

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