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StartseiteCampus & Karriere"Wir brauchen auch mehr Professuren"05.02.2015

Wissenschaftsnachwuchs"Wir brauchen auch mehr Professuren"

Viele Studierende entscheiden sich bewusst gegen eine Karriere im Hochschulbetrieb, denn Professuren sind rar oder mit befristeten Verträgen verbunden. Um den wissenschaftlichen Nachwuchs an den Unis zu halten, müsse die Personalentwicklung verbessert werden, erklärte Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, im DLF.

Manfred Prenzel im Gespräch mit Benedikt Schulz

Weiterführende Information

Unis und Gewerkschaften - Gute Arbeit - miese Bedingungen?
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 05.02.2015)

Hochschul-Finanzierung - "Es werden keine neuen Professoren eingestellt"
(Deutschlandfunk, Interview, 20.12.2014)

Präsident der Hochschulrektorenkonferenz - Doktoranden nicht mit Dauerverträgen ausstatten
(Deutschlandradio Kultur, Interview mit Horst Hippler, 14.11.2014)

Schleswig-Holstein - Fachhochschulen sollen Doktoranden betreuen
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 18.11.2013)

Benedikt Schulz: Ebenfalls bei der Veranstaltung in Berlin heute anwesend ist Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Er wird am Nachmittag dort präsentieren, was der Rat zur Beschäftigung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an deutschen Hochschulen empfiehlt. Und jetzt ist er am Telefon, ich grüße Sie!

Manfred Prenzel: Ich grüße Sie, Herr Schulz!

Schulz: Die Bundesregierung hat ja schon vor einer Weile eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes angekündigt – Zeit, sich jetzt noch mal in Stellung zu bringen: Wie muss das Ganze Ihrer Meinung nach aussehen?

Prenzel: Also das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ist ja ein Instrument, um die Situation für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu verbessern. Da geht es ja vor allem darum, dass die Vertragslaufzeiten zum Beispiel der Qualifizierungsphase entsprechen oder eben auch den Drittmittelprojekten. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass eben auch Aktivitäten erforderlich sind, die dazu beitragen, dass insgesamt die Betreuung, die Personalentwicklung für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für den Nachwuchs sich an den Universitäten verbessert, und wir brauchen auch mehr Professuren. Das ist das, was der Wissenschaftsrat ja vor einem halben Jahr ja in seinen Empfehlungen gefordert hat.

Wir haben "ein Problem mit der Grundfinanzierung"

Schulz: Es wird aber auch immer wieder über ein, ich nenne es jetzt einmal Abschmelzen des Kegels diskutiert, oder konkret: Man muss oben bei den Professoren Geld abziehen und dafür den akademischen Mittelbau stärken. Wäre das nicht die Lösung? Es muss ja nicht jeder an der Hochschule Professor sein, ist ja auch heute schon nicht so.

Prenzel: Ja gut, wenn wir die letzten 10, 15 Jahre anschauen, dann ist die Anzahl der Professorinnen und Professoren gleich geblieben.
Wir haben auf der anderen Seite eine deutliche Zunahme von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Drittmittelstellen. Das heißt, wir haben derzeit im Hochschulsystem eine Verschiebung, dass die Chance für Studierende zum Beispiel, Lehre von einem Professor oder einer Professorin zu kommen, relativ klein geworden ist.

Also wir sind auf der anderen Seite eben auch in der Situation, dass wir dazu beitragen müssen, dass die Balance wieder besser stimmt zwischen den Anteilen an Professorinnen und Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, auch auf Dauerstellen, und solchen, die eben in der Qualifikationsphase sich befinden und damit eben auch befristete Stellen haben.

Deswegen würden wir eben gerne zum einen die Anzahl der Professuren ausbauen, zum anderen aber eben auch anregen, dass über die verschiedenen Ebenen, also auf den Universitäten, in den Fakultäten geklärt wird, welche Stellen tatsächlich Daueraufgaben haben, die sind dann eben auch mit Dauerstellen zu versehen, und welche mit gutem Grund befristet werden können.

Auf der anderen Seite haben wir aber eben auch ein Problem mit der Grundfinanzierung. Der Wissenschaftsrat hat auch sichtbar gemacht, dass eine Erhöhung der Grundmittel wichtig wäre, um eben diese Veränderungen der Stellensituation überhaupt auf den Weg zu bringen.

Das wird eben nicht ohne Geld gehen, da wird man mit Gesetzesänderungen alleine nicht für den wissenschaftlichen Nachwuchs die Situation signifikant verbessern können, sondern da muss die Frage gestellt werden, wie kann die Grundausstattung verbessert werden, und um das zu verbinden möglicherweise mit der Auflage, dass eben die Anteile von Professorinnen und Professoren ausgebaut und verstärkt werden müssen.

Schulz: Reden wir über Geld.

Prenzel: Und über Anreize, ja.

Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs wäre "eine sinnvolle Lösung"

Schulz: Ja. Es gibt ja jetzt den Hochschulpakt Exzellenzinitiative Qualitätspakt Lehre. Brauchen wir denn vielleicht auch den Pakt zum wissenschaftlichen Nachwuchs?

Prenzel: Es gibt ja Überlegungen dazu, dass es tatsächlich so was wie einen Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs geben sollte, und das schien mir eigentlich eine sehr sinnvolle Lösung zu sein, das eben zu verbinden: Veränderungen im Wissenschaftszeitvertragsgesetz, gleichzeitig aber mit einer ganzen Reihe von Anreizen, die dazu beitragen, dass die Universitäten, die Hochschulen Personalentwicklungskonzepte entwickeln, dass sie die Stellenstruktur so verändern, dass sie funktional wird für das Hochschulsystem, und dass sie damit eben auch in gewisser Weise veranlasst werden, sich umzustellen auf neue Modelle wie ein Tenure-Track-Modell.
Das kann man nicht mit Hausmitteln aus der Situation heraus von heute auf morgen entwickeln, da braucht es eine Unterfütterung, die eben dazu beiträgt, dass diese neuen Konzepte wirklich umgesetzt werden.

"Wichtig scheint mir, dass wir so eine Art Talentmanagement haben"

Schulz: Gesetze und Konzepte sind das eine, das andere ist ja auch die mangelnde Attraktivität für diejenigen, die es dann betrifft, nämlich die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Viele entscheiden sich ja, bevor sie ihre Promotion abgeschlossen haben, schon gegen eine wissenschaftliche Karriere. Wie kann man oder wie muss man die deutsche Hochschullandschaft für diese Zielgruppe, nenne ich das mal, attraktiver machen?

Prenzel: Also für uns ist natürlich wichtig, dass wir die Besten für die Wissenschaft gewinnen, aber wichtig scheint mir, dass wir so eine Art Talentmanagement haben, also das Erkennen der Stärken, der Potenziale, und unterstützen, dass eben die Leute, die die besten Voraussetzungen für die Wissenschaft mitbringen, dann eben auch im Wissenschaftssystem verbleiben.

Schulz: Fassen wir es mal konkreter, was die Attraktivität angeht: Zum Beispiel Familienplanung ist für viele immer noch ein Widerspruch. Die Wirtschaft ist da wesentlich flexibler. Warum ist das in der Wissenschaft so schwierig?

Prenzel: Wir müssen, glaube ich, unterscheiden zwischen der Ebene bis zur Promotion, in der Ebene ist, glaube ich, kein Problem, zu sagen, hier sind befristete Stellen sinnvoll.

Das Zweite, was wir machen müssen, ist, dass die Entscheidungen darüber, gehe ich in die Wissenschaft oder gehe ich in andere Bereiche, früher getroffen wird. Das ist auch Teil der Wissenschaftsratsempfehlungen. Eben nicht erst mit 40, sondern mit 30 muss eigentlich möglicherweise schon die Klarheit da sein: Wo soll es denn hingehen? Und wenn wir dann solche Situationen haben, dann können wir eben auch über zum Beispiel Tenure-Track-Angebote eine längerfristige Planbarkeit...

Das schafft aus meiner Sicht schon ein ganzes Stück mehr an Transparenz, Planbarkeit und eben auch Sicherheit, dass man auch zum Beispiel mit Familie eine Entwicklung für die nächsten Jahre beziehungsweise sogar über seine ganze Biografie vorhersagen kann.

Schulz: Letzte Frage: Das Kooperationsverbot ist ja nun per Gesetz gelockert worden. Wir warten noch auf die Konsequenzen. Welche Konsequenzen wird es, aus Ihrer Sicht, für die Beschäftigungsbedingungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland haben, was glauben Sie?

Prenzel: Also ich glaube, wir sind im Moment in der Situation, dass es noch sehr offen ist, wie die neuen Möglichkeiten der Grundgesetzänderung genutzt werden. Aber natürlich gibt es auch hier denkbare Varianten, dass eben, wenn Sie eben das Stichwort Nachwuchspakt ansprechen, auch eine gemeinsame Initiative von Bund und Ländern auf den Weg gebracht werden könnte, um die Nachwuchssituation zu verbessern. Also das ist sicherlich denkbar.

Nur ich denke, dass es jetzt um Prioritätensetzungen geht: Was ist vordringlich? Und es geht vor allem aber auch um die Frage, wie viele Mittel denn überhaupt zur Verfügung bleiben oder zur Verfügung stehen, um hier neue Initiativen im Rahmen des veränderten Grundgesetzes in den nächsten Jahren auf den Weg zu bringen.

Schulz: Sagt Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Wir haben ihn auf der Tagung in Berlin erreicht. Ich danke Ihnen ganz herzlich!

Prenzel: Vielen Dank, Herr Schulz, danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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