Sonntag, 03. März 2024

Arbeiten in der Wissenschaft
Wie der Forschernachwuchs durch Befristungen ausgebremst wird

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung will die Arbeits- und Karrieremöglichkeiten von Nachwuchswissenschaftlern verbessern und deshalb das Wissenschaftszeitvertragsgesetz reformieren. Doch auch der zweite Referentenentwurf stößt auf Kritik.

08.06.2023
    Illustration mehrerer Student*innen, die in einer Miniaturwelt auf Büchern sitzen, auf Tablets sitzen und miteinander interagieren.
    Sie leisten Maximales für ihre wissenschaftliche Arbeit - bei minimaler Sicherheit: Nachwuchswissenschaftler hangeln sich oft prekär von Arbeitsvertrag zu Arbeitsvertrag. (Getty Images / iStockphoto / elenabs)
    Wer in der Wissenschaft Karriere machen und eine Professur ergattern will, braucht viel innere Motivation, Ausdauer und eine hohe Frustrationstoleranz. Laut dem Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) hangeln sich 92 Prozent der Wissenschaftlichen Mitarbeitenden diesseits der Professur an Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen prekär von einem befristeten Zeitvertrag zum nächsten – ohne sichere Aussicht auf eine dauerhafte Anstellung als Forscherin und Forscher.
    Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung deswegen angekündigt, die Planbarkeit von wissenschaftlichen Karrieren verbessern zu wollen. Im März 2023 präsentierte sie Eckpunkte zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Diese wurden in den sozialen Medien derart zerrissen, dass das federführende Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) seine Reformideen nach nur wenigen Tagen zurückzog. Knapp drei Monate später legte Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) am 6. Juni 2023 dann einen überarbeiteten Referentenentwurf vor.

    Was ist das Wissenschaftszeitvertragsgesetz?

    Das derzeit gültige Wissenschaftszeitvertragsgesetz regelt seit dem Jahr 2007, wie die Arbeitsverträge für das wissenschaftliche und künstlerische Personal an staatlichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen zeitlich befristet werden können, welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen und wo die Grenzen der Befristung sind.
    Mit dem Gesetz ist unter anderem die Absicht verbunden, durch höhere Mitarbeiterfluktuation in der Forschung das Innovationspotenzial des Wissenschaftsstandortes Deutschland zu erhöhen – und zu verhindern, dass Stellen durch Dauerbeschäftigungen blockiert werden.

    Die Kritik am Wissenschaftszeitvertragsgesetz

    Gelingen kann dies nach Meinung von Initiativen wie dem Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) oder der Jungen Akademie mit einem solchen Befristungsgesetz aber nicht – zumal es noch immer zu wenige alternative Arbeitsmöglichkeiten, etwa an Hochschulen, für talentierte Forscher gibt, die nicht unbedingt eine Professur anstreben, sondern einfach weiter in der Wissenschaft arbeiten wollen.
    Aktuell dürfen Nachwuchswissenschaftler inklusive ihrer Qualifizierungsstelle für die Promotion und ihrer anschließenden Postdoc-Zeit insgesamt zwölf Jahre lang befristet angestellt sein – sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion. Meistens jeweils verteilt auf Ein-, Zwei- oder auch Drei-Jahresverträge. Gelingt es ihnen innerhalb dieser Zeit nicht, sich für eine Professur zu qualifizieren, dürfen sie nicht weiter von Hochschule oder Forschungsinstitut beschäftigt werden – und stehen damit oft vor dem Aus ihrer Tätigkeit in der Wissenschaft. Aus diesem Grund wird eine Karriere in der Wissenschaft für viele Hochschulabsolventen immer unattraktiver.

    Was will das Bundesforschungsministerium ändern?

    Das BMBF will unter anderem verbindliche Mindestlaufzeiten schaffen: "Zum ersten Mal sollen Mindestvertragslaufzeiten für alle Phasen der wissenschaftlichen Karriere im WissZeitVG vorgeschrieben werden: Drei Jahre Mindestvertragslaufzeit für den Erstvertrag in der Phase vor der Promotion und zwei Jahre nach der Promotion, sowie ein Jahr Mindestvertragslaufzeit für die studienbegleitende Beschäftigung." 
    Zugleich soll die befristete Beschäftigung von Postdocs begrenzt werden: "Die Höchstbefristungsdauer in der Qualifizierungsphase nach der Promotion soll von sechs auf vier Jahre reduziert werden. Dieser Zeitraum verlängert sich wie bisher um nicht benötigte Befristungszeiten aus der Phase vor der Promotion sowie Verlängerungen um jeweils zwei Jahre wegen Betreuung minderjähriger Kinder sowie wegen Behinderung oder schwerwiegender chronischer Erkrankung." Im ersten Entwurf war an dieser Stelle noch von einer Höchstbefristungsdauer von maximal drei Jahren die Rede gewesen.
    Möglichst frühzeitig, aber in der Regel spätestens nach vier Jahren soll sich dann entscheiden, ob Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Perspektive auf eine dauerhafte Beschäftigung in der Wissenschaft haben, beispielsweise auf eine Professur oder auf eine andere dauerhafte Stelle. 
    Anschließend könnten noch einmal eine zweijähriger Vertrag folgen, aber nur, wenn es eine Zusage für eine Weiterbeschäftigung gibt. Gedacht ist das als eine Art Brücke von der Postdoc-Phase hin zu einer Juniorprofessur beispielsweise.
    Das soll auch für jene Qualifizierungsstellen gelten, die aus Drittmitteln finanziert werden. So will man mehr Rücksicht auf die Lebensphase nehmen, in der sich viele junge Forschende um die 30 befinden, die Gründung einer Familie zum Beispiel.

    Welche Kritik gibt es am neuen Referentenentwurf?

    Auf zentrale Forderungen der Kritiker des ersten Eckpunktepapiers wurde auch im zweiten Entwurf nicht eingegangen, namentlich mehr Sicherheit, mehr Dauerstellen, kürzere Befristungen.
    Amrei Bahr, Juniorprofessorin für Philosophie der Technik & Information an der Universität Stuttgart und eine der Frauen hinter der Bewegung #IchbinHanna, kritisiert, dass es neben einer Anschlusszusage für auf maximal zwei Jahre befristete Stellen eine Befristungshöchstquote geben müsse, um bessere Arbeitsbedingungen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu schaffen. Nur so könne erreicht werden, weniger Post-Docs zu befristen. Unter dem Hashtag #IchbinHanna hattem Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler erstmals im Juni 2021 auf ihre pekären Arbeitsbedingungen aufmerksam gemacht.
    Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert mehr Dauerstellen und höheren Druck von Seiten der Bundesregierung auf die Länder. Denn Bildung und damit auch die Universitätsbetrieb ist Ländersache. Aus dem FDP-geführten Bundesministerium heißt es entsprechend, die Bundesregierung kann nur den arbeitsrechtlichen Rahmen setzen und weder zusätzliche unbefristete Stellen schaffen, noch die Bundesländer zu solchen zwingen.
    Kritik gibt es auch, weil Promovierende häufig mehr Zeit als drei Jahre für die Fertigstellung ihrer Dissertation brauchen – das ergab unter anderem eine Studie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Eine garantierte Laufzeit der Promotionsstelle von lediglich drei Jahren würde demnach etliche Nachwuchsforscher vor dem Abschluss ihrer Dissertation ins Leere laufen lassen.

    Neuer Koalitionsstreit bahnt sich an 

    Der neue Entwurf dürfte zudem neuen Ärger innerhalb der Ampel-Koalition hervorrufen. Grüne und SPD haben sich bereits von ihm distanziert, nun gilt er als reiner Ministeriumsentwurf mit Handschrift der FDP. Der Entwurf geht jetzt in die Ressortabstimmung, dann werden die Länder und Interessenvertreter gehört. Am Ende dieses Gesetzgebungsverfahrens soll – zumindest laut Plan des Bildungsministeriums – ein Beschluss im Frühjahr des kommenden Jahres stehen.

    Die Kritik des Wissensachaftsnachwuchs an der Lage

    Das WissZeitVG steht schon länger in der Kritik, weil die Betroffenen nach zwölf Jahren häufig vor dem Nichts stehen, es sei denn, sie haben sich beizeiten um berufliche Alternativen gekümmert. 2021 begehrten Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler öffentlichkeitswirksam unter dem Hashtag #IchbinHanna in den sozialen Medien gegen diese Situation auf. Zahlreiche in der Wissenschaft Arbeitende berichteten dort von ihrer prekären Situation und der Aussicht, sich künftig durch Arbeitslosengeld finanzieren zu müssen.

    Erschwerte Familienplanung

    Einen weiteren wichtigen Aspekt des Themas dokumentiert Matthias Kuhnt vom Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) in einer repräsentativen Umfrage: Viele der Betroffenen seien zwischen 30 und 40 Jahren alt – also, mitten in der Rush Hour of Life. In dieser Zeit geht es nicht nur um die Karriere, sondern für viele auch darum, eine Familie zu gründen. Doch ausgerechnet in dieser Phase erleben sie durch befristete Arbeitsverträge die maximale Planungsunsicherheit. Viele fühlen sich schlicht vom System verheizt.
    Das NGAWiss hat, parallel zum BMBF, eine eigene Evaluation des WissZeitVG durchgeführt. Dafür wurden mehr als 4.500 Wissenschaftliche Mitarbeitende von 23 Universitäten zu ihrer Situation befragt. 82 Prozent der Befragten arbeiteten in ihrem zwölften Jahr der Beschäftigung noch immer auf befristeten Verträgen, die im Schnitt jeweils auf 1,5 Jahre begrenzt waren.
    Das Video „Zwei Minuten im Forschungswunderland“ illustriert und fasst anschaulich zusammen, worum es dem NGAWiss geht:

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    Quellen: Deutschlandradio, NGAWiss, BMBF, www.jmwiarda.de, mkn, ckr