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WM 2014
"Der Fußball ist in der Hand von alten Männern"

Bei der Fußball-WM in Brasilien schwinge mehr denn je die Wut und Enttäuschung der Fans über die Kommerzialisierung des Fußballs mit, sagte die Grünen-Politikerin Claudia Roth im Deutschlandfunk. Bei der FIFA könne es so nicht weitergehen. Als bekennender Fan freue sie sich aber auf das Fußballfest.

Claudia Roth im Gespräch mit Friedbert Meurer | 16.06.2014
    Claudia Roth, stellvertretende Parlamentspräsidentin des Bundestages
    Claudia Roth (B90/Grüne) ist seit 2013 stellvertretende Bundestagspräsidentin. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
    Das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Brasilien will die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) im Haus der Kulturen in Berlin sehen. Sie werde kein Trikot und keine Hasenöhrchen in Schwarzrotgold tragen, sei aber bekennender Fußballfan und halte der deutschen Mannschaft die Daumen, sagte sie im DLF.
    Die FIFA kritisierte sie hingegen scharf. Man könne sich über gute Spiele freuen, dürfe aber nicht vergessen, was da am Rande passiere. Die FIFA trete als "vordemokratischer Verein" auf und zwinge den Ländern Knebelverträge auf. Das müsse sich ändern, sagte Roth.

    Das Interview in voller Länge:
    Friedbert Meurer: In Brasilien findet die 20. Fußball-Weltmeisterschaft statt, und wenn der Fußball nicht so populär wäre, vielleicht würde es der WM ergehen wie den Olympischen Winterspielen in Sotschi, oder der Tour de France. Gerade der Fußball ist nicht zuletzt Dank des Verbands FIFA fest in der Hand von Kommerz und Sponsorentum. In Brasilien gibt es seit einem Jahr Proteste und Demonstrationen, weil die Armen nicht so viel von der teuren Fußball-Weltmeisterschaft hätten.
    Aber da gibt es eben auch die andere Seite: Das Gemeinschaftsgefühl beim Public Viewing, die Begeisterung für das Team von Jogi Löw, der lockere und unverkrampfte Umgang mit schwarz-rot-goldenen Fahnen, T-Shirts und Hüten, wie er seit der Weltmeisterschaft 2006 jedes Mal bei einem großen Tournier wieder zu beobachten ist.
    Claudia Roth ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, von Bündnis 90/Die Grünen und bekennende Fußballfrau. Guten Morgen, Frau Roth!
    Claudia Roth: Schönen guten Morgen, Herr Meurer.
    Meurer: Hat Sie das Fußballfieber schon gepackt?
    Roth: Ja, mich hat es gepackt. Ich habe, so gut es ging, schon geguckt, ganz weit weg von Deutschland. Ich habe zum Beispiel das Eröffnungsspiel mir angeschaut in der Demokratischen Republik Kongo. Ich war dann bei einer sehr schwierigen Reise in Ruanda und habe auch dort das Fußballfieber auf der einen Seite erlebt, aber natürlich schwingt vielleicht mehr denn je dabei mit auch die Wut oder die Enttäuschung von den Fußballfans, dass der Fußball in der Hand ist von alten Männern, denen es vor allem offensichtlich um Geld geht, die Knebelverträge machen. Und wenn selbst in Brasilien, dem fußballverrücktesten Land vielleicht auf der ganzen Welt, die Mehrheit von solchen Spielen gar nicht mehr viel hält, dann, glaube ich, ist das eine Warnung.
    Meurer: Sie waren, wie Sie gerade sagten, im Kongo und in Ruanda. Wie sieht denn da die Fußballbegeisterung aus, von der Sie gerade gesprochen haben?
    Roth: Die haben natürlich gesagt, sie setzen darauf oder glauben, dass Brasilien gewinnen wird. Sie sagen, dass Deutschland ganz weit vorne liegt, und sie halten die Daumen dann im Zweifelsfall aber auch für die afrikanischen Mannschaften. Und ich habe natürlich bei allen Gesprächen eine empirische Umfrage gestartet, welche ist denn die beste afrikanische Mannschaft, und ehrlich gesagt, da kommt was auf uns zu. Meine Gesprächspartner – und das waren viele, die ich getroffen habe -, haben allesamt gesagt, dass man Ghana sehr ernst nehmen muss.
    Meurer: Um noch über die positiven Seiten des Fußballs zu reden, Frau Roth. Wäre das eine positive Seite, dass die ganze Welt, von Afrika, von Ruanda bis Brasilien, Deutschland bis Japan, Anteil nimmt an einem gemeinsamen Ereignis?
    Roth: Fußball hat eine "unglaubliche gesellschaftspolitische Kraft"
    Roth: Ich glaube, dass der Fußball wirklich die Fähigkeit hat, Menschen zusammenzubringen, dass die Freude an dem Spiel, der Ausdruck an einer wunderbaren Kreativität, einer Leichtigkeit, einem sportlichen Wettbewerb eine unglaublich gesellschaftspolitische Kraft hat, die Leute zusammenzubringen, und deswegen ist es ja nicht ein Ausdruck von patriotischem Nationalstolz, wenn Leute mit Fähnchen herumrennen. Und in Berlin, wo ich heute Abend sein werde, im Haus der Kulturen der Welt, ist es wirklich eine wunderbare Stimmung. Da ist es knallbunt, da ist das bunte Berlin zu Gast und wer Fahnen trägt, trägt dann auf der einen Seite die portugiesische, auf der anderen Seite die deutsche. Aber es wird zum Beispiel keinen Zwang geben, die Nationalhymne mitzusingen.
    Meurer: Werden Sie die Nationalhymne singen, ein Deutschland-Trikot tragen?
    Roth: Nein. Ich ziehe weder ein Deutschland-Trikot an, noch setze ich mir Hasenöhrchen in Schwarz-Rot-Gold auf. Ich singe dann, wenn ich will. Ich hoffe und ich zittere mit, ich fiebere mit, dass gut gespielt wird. Aber diese Debatte um den Singzwang, die finde ich wirklich verrückt. Unsere Jungs, die sollen gut spielen, und ich bin dabei, ob ich nun die Nationalhymne singe oder nicht.
    Meurer: Man könnte ja jetzt sagen, Frau Roth, die Grünen sind so bürgerlich geworden, warum gehen Sie nicht den letzten Meter auch noch und singen die Nationalhymne.
    Roth: Weil das meine Sache ist. Ich bin nicht dadurch loyal, indem ich die Nationalhymne singe. Es gibt schon Gründe, warum Leute Probleme haben mit der Nationalhymne. Aber ich freue mich, wenn die deutsche Mannschaft heute gut spielt. Ich hoffe, dass sie gut spielt, und dann halte ich natürlich auch der deutschen Mannschaft die Daumen und nicht dem Gegner oder dem vermeintlich Schwächeren. Vorsicht: nicht arrogant sein gegenüber dem vermeintlichen Gegner.
    Meurer: Gibt es irgendwas dagegen zu sagen, wenn Hunderttausende heute Abend in Berlin auf der Fanmeile in Schwarz-Rot-Gold auflaufen?
    "Das hat nichts mit nationalem Stolz zu tun"
    Roth: Nein, solange das nicht ausartet in "wir sind die Besten und erheben uns über andere", und das war in Berlin einfach immer auch 2006, glaube ich, das wichtige Ereignis, dass alle die, die gedacht haben, so, jetzt ist Deutschland wieder ganz vorne und jetzt ist das der Ausdruck des großen Patriotismus. So habe ich es eben nicht erlebt, sondern ich habe es immer erlebt als etwas, eine große Leichtigkeit und eine Freude am Sport. Gehen Sie zum Beispiel nicht nur ins Haus der Kulturen der Welt, gehen Sie ins Hauptquartier der "Elf Freunde", einer wunderbaren Fußball-Zeitschrift, da sind alle zuhause und da ist der Fußball insgesamt das Dach, unter dem sich alle versammeln, und das hat nichts mit nationalem Stolz zu tun, die einen gegen die anderen, und ich hoffe, dass die mediale Begleitmusik das genauso auch weiter unterstützt.
    Meurer: In Brasilien selbst, Frau Roth, werden Demonstranten von der Polizei verprügelt. Einer wurde festgehalten. Das konnte man jetzt übers Wochenende sehen, wie ihm ein Polizist Pfefferspray in die Augen gesprüht hat. Ist dies das Brasilien, was Ihnen und anderen Grünen einmal so sympathisch gewesen ist?
    Roth: Nein, das ist es eindeutig nicht. Das hat aber natürlich auch was mit den Verträgen zu tun, mit Knebelverträgen. Das hat etwas damit zu tun, dass es in eine völlig falsche Richtung läuft, dass wir als Fußballfans diesen Sport uns von den Funktionären nicht kaputt machen lassen dürfen. Und wenn 94 Prozent der Menschen in Deutschland, die bekennende Fußballfans sind, Verständnis haben für die Demonstrationen, für den Protest, der sich ausdrückt, weil man gesagt hat, diese WM sollte 900 Millionen kosten, jetzt liegt man bei elf Milliarden, aber die gehen nicht ins Erziehungssystem, die fehlen im Gesundheitssystem, die fehlen in der Infrastruktur, und man fragt sich in Brasilien natürlich auch, man sieht ja auch durchaus nicht voll besetzte Stadien, für wen ist diese WM eigentlich, kann da jeder und jede hingehen ins Stadion, kann man sich das überhaupt noch leisten, oder ist das ein Ereignis für die Wohlhabenden, für die Reichen, und die richtigen Fußballfans, die bleiben draußen vor. So geht es nicht!
    Und die Sonderverträge, die die FIFA sozusagen den Veranstaltern aufdrückt, Bannmeilen rund um die Fußballstadien, wo traditionelle Budenbesitzer kaputt gehen, die auch zum Fußball gehören in Brasilien, wie bei uns die Currywurst zum Beispiel, das geht einfach nicht. Und die Einsätze von der Polizei –ich habe das Bild auch gesehen -, wo drei Polizisten einen Fan festhalten und ihm dann der vierte das Spray ins Gesicht bläst, das geht nicht und da muss man ran. Auf der einen Seite freue ich mich über das Fußballfest, aber auf der anderen Seite kann es so nicht weitergehen. Und vielleicht ist Brasilien ...
    Meurer: Man kann sich aber fragen – Entschuldigung, Frau Roth -, kann man sich über die Fußball-Weltmeisterschaft dann freuen, wenn so was passiert und die soziale Ungerechtigkeit noch verstärkt wird durch die Weltmeisterschaft?
    Roth: FIFA mangelt es an demokratischen Strukturen
    Roth: Nein! Ich glaube, man kann sich freuen über gute Spiele, aber man darf eben nicht vergessen, was da am Rande läuft. Man durfte auch nicht in Sotschi vergessen, was das für eine Propagandaschau für Herrn Putin ist, der gleichzeitig die Krim annektiert hat. Ich glaube, auf jeden Fall darf es nicht so weitergehen wie bisher. Es muss ein Schnitt sein. Gerade Brasilien hilft vielleicht, ein Land, das so fußballbegeistert ist, wo niemand sagt, das sind jetzt Spaßbremsen, wenn es um Sport geht. Nein, ganz im Gegenteil! Aber so geht es nicht weiter. Es braucht ökologische, soziale, kulturelle Kriterien. Die FIFA kann nicht auftreten wie ein vordemokratischer Verein, der sich in der Schweiz die Gemeinnützigkeit geben lässt, der keine Steuern bezahlt - die einzigen, die kassieren werden, ist die FIFA -, und eine Organisation, die völlig diskreditiert ist in ihrer Intransparenz und in ihrem Mangel an demokratischen Strukturen.
    Meurer: An der FIFA beteiligt ist und vor allen Dingen war die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer. Haben Sie, Frau Roth, eine Meinung zu dem, was man jetzt über Beckenbauer hört und wie er die Fragen der FIFA-Ethikkommission zunächst nicht beantworten wollte?
    In Katar gibt es "moderne Lohnsklaverei"
    Roth: Erst mal ist es gut, dass es überhaupt diese Ethikkommission gibt. Da hat Theo Zwanziger, glaube ich, auch sehr sich dafür eingesetzt und darauf gedrängt. Und dann muss man natürlich Fragen beantworten und auch ein Franz Beckenbauer muss Fragen beantworten. Und wenn die in Englisch gestellt sind, dann hat er sicher ein Umfeld, das ihm da helfen kann bei der Übersetzung. Gut, dass jetzt eingelenkt wird und dass gesagt wird, selbstverständlich beantworte ich die Fragen. Viele müssen sich die Fragen gefallen lassen, warum um alles in der Welt kann man für eine Fußball-Weltmeisterschaft in Katar gestimmt haben. Das geht schon mal gar nicht wegen der Hitze, das hat keine Verantwortung gegenüber den Fußballern und den Fans, das geht nicht wegen der Arbeitsbedingungen dort, das ist moderne Lohnsklaverei.
    Das geht übrigens auch nicht, was jetzt sich ja herausstellt, dass es 2010 auch eine Untersuchung über die Sicherheit der Kandidaten gab, wo drohen möglicherweise Terrorangriffe, und da war im Gegensatz zu den anderen Kandidaten Katar ganz vorne.
    Und es geht gar nicht, wenn offensichtlich Millionen an Mittel auch an Korruption unterwegs waren, und deswegen muss Beckenbauer ganz vorne sagen, ja, ich war dabei, ich war der deutsche Vertreter, und ich hätte mir gewünscht, dass er Fragen beantwortet, bevor man sie ihm überhaupt gestellt hätte.
    Meurer: Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Claudia Roth, kritisiert die FIFA, freut sich aber auf die Fußball-Weltmeisterschaft. Frau Roth, viel Spaß beim Spiel heute Abend. Danke und auf Wiederhören!
    Roth: Danke schön, Ihnen auch. Tschüss, Herr Meurer.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.