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WM in RusslandDie Euphorie geht an der Basis vorbei

Der Deutsche Fußball-Bund ist straff organisiert, bis in die unterste Ebene in 21 Landesverbänden und rund 26.000 Vereinen. Durch die heimische Weltmeisterschaft 2006 und der WM-Titel 2014 ist auch der Amateurfußball gewachsen. In Russland geht die WM-Euphorie bislang an der Basis vorbei.

Von Ronny Blaschke | 05.07.2018

Kinder in Wolgograd beim Fußballspielen am 23. Juni 2018
Kinder in Wolgograd beim Fußballspielen (imago sportfotodienst)
Der Moskauer Verein "Girl Power" ist in der Nähe des Luschniki-Stadions zu Hause. An jedem Werktag wechseln sich Trainingseinheiten von Mädchen und Frauen ab, umgeben von einer Tartanbahn und kleineren Kunstrasenplätzen. Der Gründer und Leiter von "Girl Power" ist der IT-Entwickler Vladimir Dolgy-Rapoport. Immer wieder musste er bei Behörden nach einem Rasenplatz fragen, die wenigen Großfelder in Moskau sind sehr begehrt.
"Wir finden kaum Sponsoren, auch die Lokalpolitik leistet wenig Unterstützung. Unser Verein lebt von Mitgliedsbeiträgen, doch viele Familien können sich die nicht leisten. Wir müssen weiter auf potenzielle Mitglieder zugehen. Und den Fußball vielleicht mit anderen Freizeitaktivitäten verbinden, in Parks oder auf Schulfesten."

Zuletzt sind an der russischen Fußballbasis auch kritische Stimmen laut geworden. Über mangelnde Trainingsmöglichkeiten, "unwürdige" Umkleidekabinen, schlechte Beleuchtungen. Der Sportjournalist Anton Mischaschenok schrieb, dass es in Moskau für Amateurkicker nur vier große Trainingsplätze gebe, die ganzjährig bespielbar seien. Und er fügte hinzu, dass der Umbau des Luschniki-Stadions so teuer gewesen sei wie 200 neue Trainingsplätze.
Vladimir Dolgy-Rapoport kritisiert die Bedinungen für Fußball in Russland
Vladimir Dolgy-Rapoport kritisiert die Bedinungen für Fußball in Russland (Deutschlandradio/Ronny Blaschke)
Strukturen in Dorfvereinen eher schlecht
Der Osteuropa-Experte Ingo Petz hat sich in der Initiative "Fankurve Ost" intensiv mit dem russischen Fußball beschäftigt. "Da spielen zwar Leute Fußball in ganz unterklassigen Klubs. Aber das darf man sich nicht wie in Deutschland vorstellen, wo Menschen für Menschen Fußball organisieren", sagt Petz.
"Wenn man Talent hat, ob man in einem Dorfverein wirklich fündig wird, und die geeigneten Strukturen findet, um besser zu werden, ist fraglich. Man muss eigentlich, wenn man irgendwo in Sibirien ist und wirklich Talent hat, eigentlich nach Moskau oder nach St. Petersburg. Oder zumindest an einen der großen Fußballstandorte, wo auch die großen Fußballakademien sind. Ich habe eher die Befürchtung, dass es in dieser Euphorie um die russische Sbornaja, dass das Geld erst mal wieder in diese großen Klubs fließen wird. Und dass man diese strukturelle Reform nach der WM wahrscheinlich wieder vergessen wird."
Positive Auswirkungen der WM erst in Jahren erkennbar
Das russische Nationalteam, die Sbornaja, steht bei der WM überraschend im Viertelfinale. Schon jetzt haben viele Kinder und Jugendliche den Fußball neu für sich entdeckt. Aber noch immer ist die Talentförderung zentralisiert. Noch immer gibt es jenen Städten mehr Amateurteams, wo große Industriebetriebe existieren. Ob die WM das Fußballfundament erweitert, wird wohl erst in einigen Jahren zu erkennen sein.