Abschießen oder schützen?
Am Wolf scheiden sich die Geister

Die Wolfspopulation in Deutschland nimmt zu – und damit auch die Anzahl der Wolfsangriffe auf Schafe und Ziegen. Bundesumweltministerin Steffi Lemke hat nun Vorschläge gemacht, um den Abschuss von Wölfen zu erleichtern.

12.10.2023
    Ein Wolf steht im Gehege im Wisentgehege Springe. Man sieht sein Gesicht in Nahaufnahme
    Beim Thema Wolf gehen die Meinungen auseinander. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
    Der Wolf ist zurück – und das schon länger. Für die einen, vor allem Umweltschützer und Naturfreunde, ist das ein Erfolg des Artenschutzes. Für andere, vor allem Landwirte, ein Alarmsignal. In der Politik ist der Wolf zu einem Reizthema geworden, Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hat nun Vorschläge vorgelegt, die Tötungen leichter möglich machen sollen.
    Auch die EU-Kommission will den Schutzstatus von Wölfen mithilfe aktueller Daten prüfen und eventuell lockern. "Die Konzentration von Wolfsrudeln in einigen europäischen Regionen ist zu einer echten Gefahr für Nutztiere und potenziell auch für den Menschen geworden", sagt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

    Inhaltsverzeichnis

    Wie viele Wölfe gibt es in Deutschland und Europa und wo leben sie?

    Lange Zeit war der Wolf aus Deutschland verschwunden. So verlieren sich die letzten Hinweise auf Wolfsrudel bereits im Jahr 1850. Lediglich vereinzelt gab es immer wieder Nachweise von Tieren, die nach Deutschland einwanderten. Der Wolf wurde dann im Jahr 1990 bundesweit unter gesetzlichen Schutz gestellt. Seitdem ist die Population stark angewachsen.
    Eine grafische Darstellung der Wolfspopulation in Deutschland von 2019/20 bis 2021/21
    Die Wolfspopulation in Deutschland wächst (Statista)
    In Deutschland gab es im "Wolfsjahr" 2022/23 laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) Nachweise für 94 Rudel, zehn Paare und 15 territoriale Einzeltiere. Im Messjahr zuvor waren es allerdings noch mehr: 161 Rudel, 43 Wolfspaare und 21 sesshafte Einzelwölfe. Ein sogenanntes Wolfsjahr umfasst den Zeitabschnitt von der Geburt der Welpen Ende April bis zum Ende ihres ersten Lebensjahres Anfang Mai.
    Hierzulande leben die meisten Wölfe in Brandenburg. Wie viele es insgesamt sind, da gehen die Angaben allerdings weit auseinander: Je nachdem, ob man nur erwachsene Wölfe zählt oder auch Jungwölfe und je nachdem, ob man Wolfgegner oder Wolfbefürworter fragt, schwankt die Zahl zwischen 400 und 3000.
    Eine Grafik zur Verteilung von Wölfen in Deutschland
    Verteilung von Wölfen in Deutschland (Nabu)
    Experten schätzen, dass in den europäischen Mitgliedsländern insgesamt bis zu 19.000 Wölfe leben - in Bulgarien, Griechenland, Italien, Polen, Rumänien und Spanien jeweils mehr als 1000. Ihre Zahl hat in den vergangenen zehn Jahren um schätzungsweise 25 Prozent zugenommen.

    Wie gefährlich sind Wölfe?

    Weltweit gab es in den vergangenen 20 Jahren knapp 500 Wolfsangriffe auf Menschen, davon 26 tödliche, der größte Teil allerdings in Zusammenhang mit Tollwut. In Deutschland kam es zu keinen Angriffen auf Menschen. Laut Bundesumweltministerium gab es in der Vergangenheit nur wenige Fälle, in denen gesunde Wölfe einen Menschen angegriffen oder gar getötet haben. Wolfsangriffe auf Menschen lassen sich demnach vor allem auf drei Ursachen zurückführen: Tollwut, Provokation und "Futterkonditionierung".
    Der Wolf jagt in der Regel das, was er am leichtesten bekommt: Rehe und Frischlinge, aber eben auch Schafe, Ziegen und Kälber. Ganz selten werden auch Pferde angegriffen. Ein Wolfsrudel besteht in der Regel aus fünf bis zwölf Tieren, die strategisch und arbeitsteilig jagen. Wenn Schafe auf der Weide nicht wegrennen, kann ein Rudel Wölfe bis zu 40 von ihnen reißen.

    Welchen Schutz genießen Wölfe bisher in Deutschland?

    Der Wolf ist in Europa streng geschützt. 1979 wurde er in die Berner Konvention aufgenommen, eine Naturschutzvereinbarung der europäischen Staaten. Hinzu kommt die europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie von 1992, die in Deutschland im Bundesnaturschutzgesetz umgesetzt wird. Demnach ist das Schießen eines Wolfes ein Straftatbestand.
    Der vorsätzliche Abschuss eines Wolfes wird in Deutschland mit Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet. Für den versehentlichen Abschuss kann es eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten geben.
    Der Abschuss eines Wolfes ist laut Umweltministerium nur in Ausnahmefällen möglich – etwa wenn der Wolf sich auffällig gegenüber Menschen verhält. Das gilt auch für Wölfe, die wiederholt empfohlene Herdenschutzmaßnahmen überwunden haben.

    Was plant Bundesumweltministerin Steffi Lemke zum Abschuss von Wölfen?

    Bundesumweltministerin Steffi Lemke hat am 12.10.2023 Vorschläge vorgelegt, um schnellere Abschüsse von Wölfen zu ermöglichen. Tötungen sollen in bestimmten Regionen dann möglich sein, wenn ein Wolf ein Weidetier gerissen und Schutzvorkehrungen wie einen Zaun überwunden hat. Dann solle per Ausnahmegenehmigung 21 Tage lang auf den Wolf geschossen werden dürfen, ohne dass wie bisher erst eine DNA-Analyse abgewartet werden müsse, so Lemke. Dieser Weg sei praktikabel und ohne nationale oder europäische Gesetzesänderungen umsetzbar.
    Lemke sagte, der Prozess bis zu einer Abschussgenehmigung habe bisher zu lange gedauert. Ziel sei eine schnelle Regelung für die Tierhalter, da mit wachsenden Wolfspopulationen zunehmend Risse zu verzeichnen seien. Dies habe dazu geführt, dass die Frustration groß und die Akzeptanz des geschützten Wolfes in Gefahr sei. Über die Pläne soll bei der Umweltministerkonferenz im November 2023 mit den Ländern gesprochen werden. Ziel sei, dass die Regelungen zum Beginn der nächsten Weidetiersaison angewandt werden können.
    Seit Jahren ist der Umgang mit Wölfen ein Dauerthema. FDP, CDU und auch Teile der SPD haben immer wieder gefordert, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen und die Population durch Jäger kontrollieren zu lassen.
    Auch die EU-Kommission will den Schutzstatus von Wölfen prüfen und eventuell lockern. Sie rief Kommunen, Wissenschaft und alle am Thema Interessierten auf, ihr Zahlen über die wachsenden Wolfspopulationen und die Folgen zu melden. Anhand dieser Daten sollen die Schutzbestimmungen angepasst werden. Auf Grundlage der bisher gesammelten Daten lasse sich noch kein vollständiges Lagebild erstellen, hieß es.

    Wie argumentieren Abschuss-Gegner?

    Der Naturschutzbund NABU ruft zu mehr Sachlichkeit in der Debatte um den Umgang mit Wölfen auf. Der Abschuss von Wölfen bedeute nicht automatisch mehr Sicherheit für Weidetiere. „Fakt ist, dass die Anzahl an Wölfen nicht zwangsläufig mit der Anzahl an Rissen wächst: 2021 sind die Risse in Deutschland trotz Wachstum des Wolfsbestandes um 15 Prozent zurückgegangen", sagte NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger. Der einzig wirksame Weg, um Weidetiere vor Wolfsrissen zu schützen, seien wirksame Herdenschutzmaßnahmen.
    Moritz Klose vom WWF verweist darauf, dass es bereits Spielräume gebe, die aber kaum ausgenutzt würden. Wenn man nachweisen könne, dass mildere Mittel nicht helfen, könne man nach EU-Recht auch Wölfe töten. Insgesamt ginge es darum, wie man Schafe und Ziegen schütze. Eine Quotenregelung, nach der eine bestimmte Anzahl von Wölfen jedes Jahr "wahllos" getötet oder gefangen werde, helfe auch nicht weiter, so Klose. Dadurch seien die Tiere nicht besser geschützt.
    Ilse Storch, die an der Universität Freiburg eine Professur für Wildtierökologie innehat, verweist auf die Bedeutung des Wolfes für das Ökosystem: „Die Rückkehr des Wolfes ist ein wichtiger Schritt zum Erreichen natürlicher, voll funktionsfähiger Ökosysteme mit einem vollständigen Arteninventar, ihren vielfältigen Wechselwirkungen und natürlichen Prozessen."

    Wie argumentieren Abschuss-Befürworter? 

    Der einflussreiche Deutsche Bauernverband (DBV) fordert eine Herabstufung des Schutzstatus' des Wolfes im EU-Recht. Der Wolf sei keine akut gefährdete Art mehr. Hinzu komme, dass das Ausmaß der Wolfsrisse bei Schafen und anderen Weidetieren „unerträglich“ geworden sei, schreibt der Verband auf seiner Homepage.
    Ein vom Wolf gerissenes und getötetes Schaf liegt auf einer Wiese.
    Ein vom Wolf gerissenes und getötetes Schaf, fotografiert von seinem Schäfer, Martin Just. (Martin Just)
    Die EU-Staaten müssten deshalb die Anzahl der Wölfe begrenzen können. Deshalb spricht sich der DBV auch für eine „Entnahmequote“ aus. Ohne eine Regulierung des Wolfsbestandes könne weder die Zukunft der Weidetierhaltung gesichert, noch die Akzeptanz für den Wolf erhalten werden. Der sogenannte Herdenschutz von Wildtieren – etwa durch Elektrozäune und speziell ausgebildete Hunde – reiche nicht aus. Eine Koexistenz von Wolf und Weidetieren nur über den Herdenschutz sei nicht erreichbar, so Bernhard Krüsken Generalsekretär des DBV.

    Afp, dpa, nm, pto