Mittwoch, 15.08.2018
 
Seit 12:30 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarkt75 und ein bisschen weise12.08.2018

Wolf Wondratschek: "Selbstbild mit russischem Klavier"75 und ein bisschen weise

Wolf Wondratschek, der einstige Wilde mit der harten rechten Geraden hat sich seit vielen Jahren zum nahezu klassischen Feingeist gewandelt. Zu seinem Jubiläum hat er dafür einen formidablen Belege erbracht: den Roman "Selbstbild mit russischem Klavier".

Von Peter Henning

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Buchcover: Wolf Wondratschek: "Selbstbild mit russischem Klavier" (Buchcover: Ullstein Verlag, Foto: dpa  picture alliance  Horst Galuschka)
Geschichten über die Zeit nach den "besten Lebensjahren" (Buchcover: Ullstein Verlag, Foto: dpa picture alliance Horst Galuschka)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Exklusive Lesung des Autors "Selbstbild mit russischem Klavier" von Wolf Wondratschek

Neuer Roman von Wolf Wondratschek "Mir ist völlig egal, ob ich Leser habe"

"Ganz früh stellt man sich ein Schriftstellerleben verrückt vor, abenteuerlich, spannend oder sonst was. Bevor man dann enttäuscht wird und es trotzdem bis zum letzten verteidigt.

Für mich war ein Roman immer der Inbegriff allen Lebens. Heute sage ich, vielleicht soll er nur die Summe gemachter, gelebter, erlittener Erfahrung sein.

Schreiben ist nichts für Leute, die Angst haben! Zum Beispiel vor der Einsamkeit. Oder davor, einstecken zu müssen für ihre Ansichten. Eins auf die Fresse zu bekommen.

Ich für meinen Teil setze trotzdem oder vielleicht gerade deswegen von jeher aufs Einzelgängertum. Denn der Einzelgänger ist einer, der das totale Empfinden sucht. Für ihn scheint alles Kunst zu sein und alles fürchterliche Realität. Er benutzt seine Fähigkeiten. Er wurde nie etwas gefragt, er redet einfach. Er war auf keiner Universität. Er ist kein intellektueller. Er benutzt eine Kindersprache des Erstaunens, der Entschlossenheit und Bösartigkeit. Er hat einfach ein paar Träume und wird praktisch. Er will mit dem, was er tut, die Welt nicht retten und keine Gefolgschaft gründen. Er will noch ein paar Stories loswerden, vielleicht nur welche, die seine Lieblingsfilme übertreffen."

Überlegungen zum eigenen Berufsverständnis, die der Schriftsteller Wolf Wondratschek im Rahmen einer Vortragsreise äußerte, die ihn 1977 durch verschiedene amerikanische Städte führte, und die er wohl heute noch – vierzig Jahre später – da oder dort leicht modifiziert, so unterschreiben würde. Denn ein Wechselwähler, was die ihm über die Jahre und Jahrzehnte vom jeweils herrschenden Zeitgeist gemachten Angebote anging, war Wondratschek nie. Vielmehr beharrte dieser Schriftsteller alter Schule, der seine Manuskript noch lange auf mechanischen Schreibmaschinen tippte, stoisch auf den früh, im Alter von gerademal zwanzig Jahren festgelegten, und seither nicht mehr verhandelbaren Grundkoordinaten, was sein Schreiben und sein Verständnis von wirklicher Literatur betrifft.

Die Langeweile der literarischen Gegenwart

"Wenn Sie mich am Telefon fragen würden, was ist los mit der Literatur in Deutschland, würde ich antworten: nicht viel, eher langweilig. Und es wäre nicht mal gelogen. Denn irgendwie hat die Literatur in meinem Land eine Abscheu vor einfachen Dingen, überhaupt vor der Trivialität, dem Ordinären und Offenen. Es ist wie ein Widerwille gegen das gewöhnliche Leben. Es sei denn, man betrachtet es politisch oder man träumt über es hinweg. Für beide Techniken gibt es heute in meinem Land eine Unmenge Bücher. Eine Sintflut erbärmlich geschriebener Gebrauchsliteratur!"

Noch so ein Beispiel aus Wondratscheks gern und im Laufe seiner nunmehr ein halbes Jahrhundert währenden Schriftstellerei lustvoll bedienten Rubrik "Attacke".

Passend dazu finden sich in seiner 1987 erschienenen Reportage-und Story-Sammlung "Menschen Orte Fäuste" Fotografien, die den Faustkampf-Fan gemeinsam mit den ehemaligen Box-Weltmeistern Max Schmeling, Rocky Graziano und Pinklon Thomas zeigen.

Schon immer suchte Wondratschek die Nähe zu den Größten – im Boxen wie im Schreiben. Denn von Anfang an steht dieser Autor, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, für eine andere - und wie er sie nach wie vor etwas pathetisch nennt – wirkliche Literatur. Genauer: für ein Schreiben, wie er es einst in den Büchern von Malcolm Lowry, Henry Miller oder Ezra Pound für sich fand: hart, lebensnah, poetisch-realistisch – und in der Regel so schwer zu bekommen wie die Lorbeerkränze, für die seine Boxring-Helden Muhammad Ali und Ken Norton sich in ungezählten Schlachten die Gesichter blau und grün schlugen ließen. Denn genau darin liegt für ihn bis heute der Reiz, wenn er sich nachts an die Maschine setzt und in die Tasten greift: Im Kampf um die treffende Formulierung - und mag er auch über 12 Runden gehen! 

Schreiben heißt für Wondratschek: keine Tricks, kein Firlefanz, höchstes Risiko - alles auf Rot. Sieg oder Niederlage! Kein Dahindümpeln im lauen Bad der Sätze. Hitze- oder Kälteschock. So oder gar nicht! Das klingt pathetisch. Doch so war er immer. Bis heute.

Seine ersten Texte veröffentlichte Wondratschek, nachdem er in Göttingen, Frankfurt und Heidelberg Philosophie und Soziologie studiert hatte, 1965 in den "Lyrischen Heften". Und von Anfang an war da dieser eigene Ton: hochgestimmt, cool und poetisch.

"Wir waren ruhig / hockten in den alten Autos / drehten am Radio / und suchten die Straße nach Süden/ denn man möchte leben können vom Atmen / den alten Filmen/ vom Rock'n Roll".

Direkt und ungekünstelt

Mit Zeilen wie diesen lockte der 1943 in Rudolstadt geborene Poet eine ganze Generation Lyrikmüder hinterm Ofen hervor. Denn da sprach plötzlich einer eine neue, ungekünstelte Sprache, die nach Bukowski klang - und nicht mehr nach Ingeborg Bachmann oder Gottfried Benn. Lyrik aus der Feder Wondratscheks war Pop – und im Bestfall so berauschend wie ein Joint oder ein Glas Gin.

1969 dann erschien sein erster längerer Prosaband "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde". Und als er fünf Jahre später den Lyrikband "Chucks Zimmer" nachlegte, machten ihn die darin versammelten, stark alltagsbezogenen Gedichte nicht nur endgültig zum Sprachrohr seiner Generation – sondern darüberhinaus zum ersten deutschen Lyrik-Star.

Es folgten die Gedichtbände "Männer und Frauen", "Das leise Lachen am Ohr eines anderen" und "Letzte Gedichte" – und was der Mann lyrisch in Worte packte, klang wie der Songtext zu einem Amon Düül-Stück,- Münchens damals angesagtester Krautrockband.

Der Band "Chucks Zimmer", dessen Titel auf James Baldwins Roman "Giovannis Zimmer" anspielte, einen von Wondratscheks Hausautoren, ging übrigens mehr als 300 Tausend Mal über die Ladentische – und hält damit wahrscheinlich bis heute einen einsamen Rekord, was die Verkaufszahlen zeitgenössischer deutscher Lyrik betrifft.

In rascher Folge erschienen nun Romane, Erzählungen, Hörspiele, Songtexte und vielbeachtete Box-Reportagen für die großen deutschen Boulevardblätter jener Jahre. Wondratschek war angesagt - und kultivierte das Bild vom elitären Münchner Dachstubendichter, der mit seinen Sätzen den Damen Löcher in die Herzen brennt, niemals schläft und seine Sätze mit Vorliebe aus der Hüfte abfeuert. Bis den Münchner Pop-Rimbaud Mitte der Neunzigerjahre der Überdruss am bis zum Geht-nicht-mehr reproduzierten Selbstbild packte, an seiner Aktionsbasis München, und deren bloß noch hohl tönender Selbstverliebtheit, und er – wie er später in einem von dem Fotografen und Filmer Jim Rakete gedrehten Kurzfilm offen bekannte - dringend einen Image- und Tapetenwechsels brauchte:

"Ich hatte die Schnauze voll von meinem Leben in München. Ich hatte die Schnauze voll von mir selber. In München. Und ich habe mir gesagt, ich will von der Bildfläche einfach verschwinden. Ich war mehr oder weniger nur noch der Darsteller von Wolf Wondratschek. Ich habe Wolf Wondratschek dargestellt, weil alle mich für den gehalten haben. Und so konnte ich verschwinden."

Wondratschek übersiedelte 1998 nach Wien – und das Erscheinen seiner noch in München geschriebenen "Kelly-Briefe" erlebte er bereits dort. Und tatsächlich stellte sich alsbald das ein, was er heute im Rückblick "Die Große Beruhigung" nennt: ein Rollen- und Standortwechsel, der ihm neue schreiberische Möglichkeiten eröffnete. Wondratschek zog sich zudem aus der medialen Öffentlichkeit zurück, machte sich rar. 

Plötzlich ein gediegener Erzählton

Es erschienen die Erzählbände "Die große Beleidigung" und "Saint Tropez" gefolgt von der Satire "Mozarts Friseur" und dem Lyrik-Zyklus "Tabori in Fuschl". Und wo bis dato ein lässiger Pop-Poeten-Gestus die Texte beherrscht hatte, vernahm man plötzlich einen gediegenen, geradezu klassisch anmutenden Erzählton. Das Abstreifen der alten Haut war ihm geglückt – Wondratschek hatte sich neu erfunden. Denn ersann der einst von Hemingways sogenannter "Linkshänder-Romantik" bewegte Zeilen-Pistolero seine Texte früher zu Klängen der Rolling Stones, Canned Heat oder Iron Butterfly, so waren es nun Brahms, Schubert und Bach, die bei ihm den Ton abgeben.

Nun wird Wondratschek 75 - und pünktlich dazu hat er ein neues Buch vorgelegt. Es trägt den Titel "Selbstbild mit russischem Klavier" – und zeigt ihn als einen Schriftsteller, der endgültig losgelöst scheint von jeder Strenge, altersluzide geworden ist - und im Ausdruck geradezu schlafwandlerisch genau.

Zwar findet sich als Gattungsbezeichnung im Untertitel auf dem Schmutztitel der Begriff ROMAN; tatsächlich aber erschiene "Gedankenaustausch für zwei Stimmen" ungleich treffender. Denn das Ganze besticht weniger durch ein Geflecht raumgreifender, romanhafter Spielhandlung als vielmehr durch seinen Ton, der dem einer intimen Beichte gleicht. 

Zwei Männer – der eine Schriftsteller, der andere ein ehemaliger, vom Alter bereits erkennbar angenagter Pianist namens Suvorin – sitzen in einem Wiener Kaffeehaus beisammen, reden und legen ihre Erinnerungen vor einander aus, wie zwei betagte Witwen ihre Patiencen. Darüber verengt sich das Café zu einem Hall – und Echo-Raum für viele derer, die einst tragende Rollen spielten im Lebensschauspiel der beiden Offenbarungskünstler.

"Im Kaffeehaus. Alle Tische besetzt. Alle Witze erzählt. Alles Zeitungen gelesen. Die Kellner tanzen. Die Luft eine brennende Zigarre. An meinem Tisch ein Russe, ein Klavierspieler in jungen Jahren, eine vergessen Berühmtheit.

Er hat sich abgefunden. Moskau, London, Wien. Alle Entfernungen zusammengefasst in der Zeile eines Gedichts, alles Räume eingeschmolzen zu einem Rätsel.

Ich habe es versucht, Verklärung bei klarem Verstand, bin aber gescheitert. Am Ende sind es Hotelzimmer, an die man sich erinnert, mehr als an Konzerte. Schöne Frauen, die anklopfen und sich, weil sie sich getäuscht haben, entschuldigen. Ein Koffer mit kaputtem Schloss. Der Eiffelturm im Nebel, da war zwei Tage lang nichts zu sehen. Und natürlich hat man es gewusst: Die Kunst kann nichts dafür, dass sie nichts kann.

Unbegreiflich, wie nutzlos ein Mensch werden kann, ein Mensch wie ich, der am Ende in eine Gedächtnislücke passt, ohne Schuhe, ohne Traum."

Sich Luft machen

So gibt ein Wort das andere, man kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen – und aus dem Faust'schen "Verweile doch: "Du bist so schön" wird ein sehnsüchtiges Suvorin'sches: "Komm wieder, ich denke an dich!" 

Vom Alter, dem Alkohol und seinen keine Ruhe gebenden Erinnerungen geplagt - will der ehemalige Pianist nur noch eins: Sich Luft machen, ein letztes Mal erinnern, ehe es ans Großes Reinemachen geht, an die finale Inventur - und es für immer finster um ihn wird.

So breitet Suvorin vor dem Schriftsteller sein Leben aus, erzählt vom Unfalltod seiner Frau - der Liebe seines Lebens - oder vom letzten Sehnsuchtsort San Remo. Und weshalb er am Ende nur noch spielen konnte, wenn das Applaudieren verboten war. Suvorin spielt dem Schriftsteller ein letztes wehmütiges Adagio – und wir Leser sind hingerissen von so viel lebenskluger Offenbarungslust.

"Durch die Scheibe sah Suvorin wie ein alter Bettler aus. Er rauchte, war müde. Obwohl ihm Kaffee zu sich nehmen verboten war, bestellte er einen, was ihn munter machte.

Die Übertretung eines Verbots war schon immer eine seine Lebensgeister stimulierende Aktion.

Mein Herz liebt Dummheiten. Noch immer schlägt es, ohne auszusetzen, seinen Takt. Manchmal, das ist wahr, droht es stillzustehen. Was soll man davon halten? Dürfen wir nicht leben?"

"Selbstbild mit Klavier" entrollt noch einmal die Legende vom gefallenen Künstler, den nach der Liebe auch die Inspiration verlassen hat.

Ein großer Verlorener ist dieser alte Russe, der ins Innere, in die Dunkelheit emigrierte. Im Zwiegespräch mit dem Schriftsteller aber, der ihm sowohl Zuhörer als auch Stichwortgeber ist wagt er sich ein letztes Mal ans Licht. Das Café wird für ihn zum Verhörraum, zum Traumkissen, zum Umschlagplatz seiner Erinnerungen. Und auch zum Durchgangsort. Denn Größen wie Glenn Gould, Clara Haskill oder Heinrich Schiff treten mit ihrer Geschichte kurz ein, erfüllen den Raum mit Leben und treten wieder ab - als Zeugen und Beglaubiger der Suvorin`schen Existenz. So wird das Kaffeehaus am Ende zu einem Ort der Meditation und des Wartens auf eine Liebe, die nie wiederkehren wird. Und auf die Rückkehr an den letzten, nie gesehenen Sehnsuchtsort: San Remo.

"Suvorin seufzte wie einer, der damals nicht nur die Koffer gepackt, sondern tatsächlich in San Remo aus dem Zug gestiegen war, der seinen Traum wahrgemacht hatte, der viele Sommer und ebenso viele Winter lang in den Hotelbars dort unten als Pianist sein Geld verdient hatte, gutes Geld, der sich gegen seinen Willen an Champagner gewöhnt, seine Frau verwöhnt und sein leben genossen hatte und sich mit Wehmut an die Lieblichkeit so manches Zimmermädchens erinnert.

Seine Frau erzählte ihm, wenn er niedergeschlagen war, von San Remo, von blühenden Blumen und, soviel Humor hatte sie, von blühenden Frauen."

Kurz kehrt das Glück zu Suvorin zurück, wenn auch nur in der Erinnerung oder wie geträumt.

"Ich war wieder am Leben. Ich atmete wieder. Ich hörte Trillerpfeifen, nicht Beifall.

Suvorin strahlte übers ganze Gesicht. Rettung in letzter Minute!"

Das Leben schreiben

Es ist Suvorins finale Lebensmutprobe, zu deren Zeuge Wondratschek uns macht. Und sie bietet ihm die Möglichkeit der Neuinterpretation des Gelebten. Es sei denn, man hielte sein Sich- mit-allem-und-jedem-Befassen für einen Akt der Verzweiflung? Aber nein: es ist ein letztes Haschen mit Worten nach dem Vergangenen; der erfolglose Versuch, den Strom der Zeit kurz anzuhalten.

Ähnlich wie der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon, der seine besondere Form des autobiographischen Erzählens "das Leben schreiben" nennt, zielt auch Wondratschek in seinem "Selbstbild mit russischem Klavier" mit seinen Worten genau darauf ab: Er schreibt das Leben, indem er uns am Beispiel seines gefallenen Helden noch einmal die uralte Dialektik von Liebe und Hass, Nähe und Distanz, Sieg und Niederlage, Leben und Tod offenbart. Der Rest erweist sich als die Banalität des Alters, wenn es abschließend von Suvorin heißt:

"Ich finde nichts mehr. Meine Brille nicht. Die Schlüssel nicht. Die Briefe, die ich noch nicht einmal alle geöffnet habe.

Am ärgerlichsten ist es natürlich mit den Rezepten, die, wenn ich sie dann schließlich doch finde, so mit Butter-und Kaffeeflecken verschmiert habe dass sie kaum noch zu entziffern und deshalb unbenutzbar sind.

Auch wenn, wie ich vermute, nicht alles der Wahrheit entsprach, die Frage, wie er so seine Tage zubrachte, erübrigte sich. Ganz sicher bewegte er sich durch einen Irrgarten, den seiner Wohnung, den der Stadt, den seiner Wanderschaft durch ein Leben, das viele andere zur Kapitulation, wenn nicht in den Selbstmord getrieben hätte.

Und auch durch Träume war er geirrt, Träume, da bin ich mir sicher, die nicht nett zu ihm waren. Die Jahre sprangen hinter ihm her, die schlechten hatten es eilig, die guten weniger. Was sich ihm da offenbarte, wenn er, mehr und mehr von eigenen Ausdünstungen durchnässt, eingeschlafener war, war das Elend einer gedemütigten Existenz."

Mit seinem "Selbstbild mit Klavier" hat sich Wolf Wondratscheks bislang vorliegendes Werk stimmig gerundet. Ätherisches findet sich darin neben Erdenschwerem geborgen - Bekanntes neben Allerintimstem. Denn unverändert gilt für ihn:

"Literatur spricht aus, was Scham geheim hält. Es ist wahr, die Kunst ist eine stumpfe Waffe geworden. Die Welt hat alle Surrealismen real werden lassen. Aber es ist dennoch so: Könige fallen vom Thron, dem Hofnarren zu Füßen!

Diese Umkehrung von Dauer leistet die Kunst. Und die Kunst ist nichts anderes als eine bedingungslose Lebensanstrengung. Es ist ein harter Job, bei Verstand zu bleiben. Welche eine Stärke braucht es, die Seele zu retten?"

Lange schon beginnt der "Tag" für Wolf Wondratschek nicht mehr mit einer "Schusswunde". "Das Leise Lachen am Ohr eines Anderen" ist vor Jahrzehnten verklungen. "Chuck's Zimmer" bloß noch Legende. Und der gelbe "Omnibus" sicher längst Schrott. "Carmen" auf und davon - und das "Arschloch der Achtzigerjahre" wahrscheinlich irgendwo in Mexiko im Mescal ersoffen.

Und nun, mit 75, hat der Wolf es nochmal allen gezeigt: mit einem Künstlerroman nach Art des Testaments. Einem Buch, um dessentwillen dieser Autor möglicherweise seit nunmehr fünfzig Jahren schreibt und schreibt.

Wolf Wondratschek: "Selbstbild mit russischem Klavier"
Ullstein Verlag, Berlin. 272 Seiten, 22 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk