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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Wie es zu Deutschlands Teilung kam"25.06.2018

Wolfgang Benz"Wie es zu Deutschlands Teilung kam"

Nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur 1945 entstanden unter der Herrschaft der Besatzungsmächte zwei politisch völlig unterschiedliche deutsche Staaten: die Bundesrepublik und die DDR. Der Historiker Wolfgang Benz beschreibt diese Entwicklung, an deren Beginn ganz andere Beteuerungen standen.

Von Otto Langels

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Das Buchcover von Wolfgang Benz: "Wie es zu Deutschlands Teilung kam". Im Hintergrund der ehemalige Grenz-Kontrollposten Marienborn, heute eine Gedenkstätte der deutschen Teilung. (dpa/Peter Gercke & dtv)
Buchcover: Wolfgang Benz: "Wie es zu Deutschlands Teilung kam". Im Hintergrund der ehemalige Grenz-Kontrollposten Marienborn, heute eine Gedenkstätte der deutschen Teilung. (dpa/Peter Gercke & dtv)
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Warum schreibt ein Historiker ein Buch über ein Thema, zu dem, wie er selbst anmerkt, kaum neue Forschungsergebnisse und keine neuen Erkenntnisse vorliegen?

Der Autor Wolfgang Benz über seine Darstellung zur Teilung Deutschlands in den Jahren 1945 bis '49:

"Das ist eine Zeit, die ist von Legenden und Mythen überwuchert, die Währungsreform, der Sieg des Antifaschismus auf der anderen Seite. Das ist alles zu Formeln erstarrt, was diese sagenhaften Gestalten Walter Ulbricht oder Konrad Adenauer zustande gebracht oder versäumt haben."

Wolfgang Benz, renommierter Zeithistoriker und langjähriger Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, gelingt es, in einer klar strukturierten und verständlich gehaltenen Darstellung die Nachkriegsjahre aller Mythen und Formeln zu entkleiden.

Interessen der Alliierten

Der Autor hält sich an die Fakten, er folgt der Chronologie der Ereignisse und konzentriert sich auf die maßgeblichen politischen Prozesse. Und er greift zu Vergleichen, um die Besonderheit der historischen Situation hervorzuheben:

"Der Erste Weltkrieg war durch den Frieden von Versailles beendet worden. Der Friedensvertrag trug die Unterschrift von Vertretern des Deutschen Reiches auf der Verliererseite gegenüber 27 Siegerstaaten. Der Friedensschluss erfolgte im Juni 1919 ein halbes Jahr nach Beginn der Friedenskonferenz und acht Monate nach dem Ende der Kampfhandlungen. Das war ein wesentlicher Unterschied zur provisorischen Nachkriegsordnung der deutschen Angelegenheiten in Potsdam, die niemals durch eine Friedenskonferenz und durch einen Friedensvertrag feierlich bekräftigt wurde."

Im Grunde, so die Einschätzung des Autors, war bereits auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 der fehlende Wille zur Kooperation und die mangelnde Bereitschaft zum politischen Konsens zwischen den Westmächten und der Sowjetunion erkennbar.

"Beschlossen war das Unglück und das Chaos in Potsdam im Juli/August 1945, als sich die Großmächte nicht auf ein Konzept für Deutschland einigen konnten. Jeder Versuch, die Einheit aufrechtzuerhalten, war mit ungeheuren Mühen und mit ständigen Rückschlägen verbunden. Entweder übten die Franzosen im Kontrollrat, dem Lenkungsgremium für Deutschland, Obstruktion, oder die sowjetische Seite - bis zum Zerbrechen dieses Kontrollinstrumentes."

Was folgte, war ein rasantes Auseinanderdriften der Westzonen von der Sowjetischen Besatzungszone vor dem Hintergrund des Kalten Krieges.

Zerfall der Kriegskoalition

Im Buch heißt es dazu: "Ende 1945/Anfang 1946 waren die Verhältnisse in den Zonen schon so verschieden, dass die Potsdamer Absichtserklärung, Deutschland wenigstens in wirtschaftlicher, technischer oder administrativer Hinsicht als Ganzes zu behandeln, illusionär geworden war."

Eigentlich sollten die vier großen "D" - Demilitarisierung, Denazifizierung, Demontage und Demokratisierung - das Leben und die politische Haltung der Deutschen bestimmen. Doch über Weg und Inhalt gingen die Ansichten der drei Westmächte und der Sowjetunion schon bald diametral auseinander.

Die alliierte Kriegskoalition zerfiel, die Konfrontation der Großmächte nahm im Kalten Krieg zu und beschleunigte den Prozess, der zur Gründung zweier deutscher Staaten im Jahr 1949 führte.

Gesicherte historische Fakten

Die Deutschen waren daran nur weitgehend passiv beteiligt, bewiesen aber eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an das jeweilige System, so Wolfgang Benz:

"Die Spaltung ging vom Westen aus, auch wenn der Osten alles dazu getan hat, dass man ihm dieses Odium zuschreiben konnte. Die treibenden Kräfte saßen im Westen."

Wolfgang Benz hebt die entscheidenden Weichenstellungen und Beschlüsse hervor, die die deutsche Teilung zementierten, er beschränkt sich dabei aber auf die bekannten Fakten und resümiert gesicherte historische Erkenntnisse.

Ungewöhnliche Sichtweisen in den Raum zu stellen oder provozierende Thesen zu formulieren, ist seine Sache nicht. An manchen Stellen vermisst der Leser eine wünschenswerte Position des Autors.

"Diskreditiert war die Entnazifizierung, als sie ab 1948 hastig zu Ende gebracht wurde, auf jeden Fall. Ob sie wirkungslos war, ist eine andere Frage."

Die Frage aber lässt der Autor offen. Er bewegt sich auf gesichertem historischem Terrain und vermeidet Widerspruch erregende Ansichten.

Wie es zur Spaltung kam

Wolfgang Benz' Darstellung endet etwas überraschend mit einer zwanzigseitigen Biografie Walter Ulbrichts:

"Ulbricht ist der Gründer der Deutschen Demokratischen Republik. Ohne eine ausführliche Würdigung der Figur Ulbricht ist die Entstehung der Deutschen Demokratischen Republik nicht zu verstehen."

Warum dann aber keine entsprechende Würdigung Konrad Adenauers? Das politische Porträt Ulbrichts steht als Epilog wie ein Solitär am Ende des Buches. Was der Leser nicht erfährt: Weitere biografische Skizzen fielen der begrenzten Seitenzahl des Werkes zum Opfer.

Gleichwohl hat Wolfgang Benz eine fundierte Darstellung der Gründungszeit der beiden deutschen Staaten vorgelegt. Ein Buch, das im Kern auf zwei früher von ihm verfasste Bände zurückgeht: "Potsdam 1945" und "Die Gründung der Bundesrepublik".

Knapp drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer und der Einheit Deutschlands ist es verdienstvoll, erneut daran zu erinnern, wie es nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus zur Spaltung Deutschlands kommen konnte.

Wolfgang Benz: "Wie es zu Deutschlands Teilung kam. Vom Zusammenbruch zur Gründung der beiden deutschen Staaten"
dtv, 416 Seiten, 26 Euro.

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