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World-Vision-AffäreEin Mann wird zum Politikum

Für den Vater von Muhammad Halabi steht fest: Sein Sohn hat keine Verbindungen zur Hamas. Doch Israel wirft dem Chef der Hilfsorganisation World Vision im Gazastreifen vor, Millionen Dollar an die Hamas geleitet zu haben. Und die israelische Regierung geht jetzt erst richtig in die Offensive - nicht nur gegen World Vision.

06.08.2016

Der Projektmanager von World Vision im Gazastreifen, Muhammad Halabi (links im Bild).
Der Projektmanager von World Vision im Gazastreifen, Muhammad Halabi (links im Bild). (AFP / Dudu Grunshpan)
Khalifa Halabi versteht die Welt nicht mehr. Mitte Juli war es, da rief ihn sein Sohn Mohammad an, als der gerade in Erez stand, am Grenzübergang zwischen Israel und dem Gazastreifen. Die Israelis hätten ein paar Fragen an ihn, sagte der Sohn, deshalb könne er noch nicht nach Gaza einreisen. Dann verschwand Mohammad für Wochen in israelischer Haft.
Und nun werfe ihm Israel vor, sagt sein Vater fassungslos, als Chef der Hilfsorganisation World Vision im Gazastreifen Millionen US-Dollar an Spendengeldern in die dunklen Kanäle der Hamas geleitet zu haben. Völlig ausgeschlossen, dass die Vorwürfe zutreffen, sagt Khalifa Halabi. Und mit der Hamas habe sein Sohn schon gar nichts zu schaffen:
"Muhammad hat keinerlei Verbindung zur Hamas, wie sie behaupten. Und auch nicht zu den Kassam-Brigaden. Er ist ein Shisha-Raucher! Wie kann man einen Shisha-Raucher mit der Hamas in Verbindung bringen? Das ist unmöglich!"
Reihenweise Kassam-Brigadisten zu Bauern umdeklariert?
Solche Argumente allein dürften das israelische Gericht, vor dem sich sein Sohn verantworten muss, kaum von dessen Unschuld überzeugen. Schließlich behaupten die Ermittler, detailliert belegen zu können, wie Mohammad El Halabi vorgegangen sein soll. Mal sollen die Hamas und ihr militärischer Arm, die Kassam-Brigaden Bargeld erhalten haben, mal soll er hilfsbedürftige Familien erfunden haben, um Hilfen an Hamas-Kämpfer auszahlen zu können.
Und zudem soll er reihenweise Kassam-Brigadisten zu Bauern umdeklariert haben, damit er ihnen Hilfsgelder auszahlen konnte. All das aber hält Akram Abu Khosa für ausgeschlossen. Er ist Bauer, und bewirtschaftet 15 Dunam Land, umgerechnet anderthalb Hektar. Von den Erträgen leben mehr als 30 Menschen. Ohne die Hilfe von World Vision, sagt der Bauer, wäre er nach dem Krieg nicht wieder auf die Beine gekommen:
"Nach dem Krieg war unser Land völlig verwüstet. Dann ist World Vision mit Bulldozern gekommen und hat es wieder hergerichtet. Und dann haben sie uns geholfen, ein Bewässerungssystem und Zäune aufzubauen. Und schließlich haben sie für uns ein Becken ausgehoben, in dem wir das Regenwasser sammeln können."
Nein, dass Muhammad El Halabi krumme Sachen gemacht haben könnte, das will der Bauer nicht glauben. Ebenso wenig wie die Hilfsorganisation selbst. Sie verlangt von Israel, Beweise vorzulegen.
Diplomatische Offensive
Unterdessen nutzt die israelische Regierung die World-Vision-Affäre zu einer diplomatischen Offensive. Das Außenministerium hat alle Botschaften angewiesen, weltweit Medien und Regierungsstellen auf die von Israel erhobenen Vorwürfe hinzuweisen.
Außerdem sollen die Diplomaten auf zivilgesellschaftliche Gruppen aus dem kirchlichen Bereich und aus der Entwicklungshilfe zugehen, die bislang die Hilfsorganisation World Vision unterstützt haben. Dafür hat das Außenministerium in Jerusalem seine Mitarbeiter mit Argumentationshilfen und Sprechzetteln ausgestattet. Die Botschaft dürfte dem gleichen, was Regierungssprecher David Keyes in Jerusalem mitteilte:
"Die Israelis werden ab jetzt wegen des Zynismus und der Grausamkeit der Hamas allen Hilfsorganisationen gegenüber skeptisch sein. Schließlich hat es die Hamas vermocht, Geld, das für Bedürftige gedacht war, umzuleiten in eine Kriegsmaschine, die Israelis angreift."
Damit hat die israelische Regierung im Verlauf der Affäre mittlerweile ihren Fokus deutlich verschoben. Vorgestern noch hatte sie darauf hingewiesen, dass die israelischen Behörden nicht gegen die Hilfsorganisation World Vision vorgehe, sondern ausschließlich gegen die Hamas.
Angespanntes Verhältnis zu Hilfsorganisationen
Jetzt aber nehmen israelische Regierungsstellen sehr wohl Hilfsorganisationen mit ins Visier. Das Außenministerium weist zum Beispiel darauf hin, dass auch andere Personen aus den Reihen von NGOs, die im Gazastreifen arbeiten, ins Blickfeld der Ermittler geraten sind, allerdings ohne Einzelheiten zu nennen.
Das Verhältnis der israelischen Regierung zu den in Gaza engagierten Hilfsorganisationen ist ohnehin angespannt. Einerseits sind die NGOs auf die Kooperation mit israelischen Stellen angewiesen, weil ohne deren Zustimmung keinerlei Hilfsgüter in das Palästinensergebiet gelangen können.
Andererseits haben erst vor wenigen Wochen dutzende international tätiger Hilfsorganisationen, darunter Oxfam, die Caritas, Terre des Hommes und auch World Vision Israel vorgeworfen, mit der Gaza-Blockade den Wideraufbau des kriegszerstörten Gebiets völkerrechtswidrig zu verhindern.