Energie in Europa
Worum es beim Nordsee-Gipfel geht

Beim Nordsee-Gipfel in Hamburg wollen Deutschland und andere Anrainerstaaten den Ausbau von Windkraftanlagen vor den Küsten weiter vorantreiben - und damit Europa unabhängiger von Energieimporten machen. Auch die maritime Sicherheit ist Thema. Ein Überblick.

    Der Offshore-Windpark Dolwin Alpha
    Ein Offshore-Windpark in der Nordsee (Sina Schuldt/dpa)

    Warum gibt es diese Nordsee-Gipfel überhaupt?

    Als Reaktion auf den Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine fand 2022 in Esbjerg in Dänemark der erste Nordsee-Gipfel mit zunächst nur vier Staats- und Regierungschefs statt. Es ging vor allem darum, Gas- und Öl-Lieferungen aus Russland so schnell wie möglich mit Hilfe erneuerbarer Energien zu ersetzen. Zum zweiten Nordsee-Gipfel im belgischen Ostende kamen 2023 insgesamt acht Staats- und Regierungschefs.

    Wer ist diesmal dabei?

    In Hamburg werden es neben Bundeskanzler Merz nur noch fünf weitere Staats- und Regierungschefs sein: Mette Frederiksen (Dänemark), Bart De Wever (Belgien), Dick Schoof (Niederlande), Jonas Gahr Støre (Norwegen) und Luc Frieden aus Luxemburg, das zwar keine Küste hat, aber dennoch vertreten ist. Die Energieminister haben ihre Beratungen schon gestern Abend begonnen. Auch rund 100 Firmen und Verbände sind auf dem Gipfel vertreten.

    Was ist das Ziel beim Ausbau der Windenergie?

    Beim Nordsee-Gipfel 2023 wurde beschlossen, die Nordsee zum "grünen Kraftwerk für Europa" auszubauen. Ziel ist es, bis 2050 gemeinsam bis zu 300 Gigawatt (GW) Leistung in der Nordsee zu installieren. Davon ist man aber noch weit entfernt. Stand Oktober 2025 haben die Staaten ungefähr 35 GW Leistung installiert, wie das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie mitteilte. Das entspricht rund einem Zehntel des Ausbauziels. Die größte Kapazität hat Großbritannien mit rund 15 GW Leistung. Auf Deutschland entfallen 7,3 GW und auf die Niederlande 4,5 GW. 

    Was soll in Hamburg konkret erreicht werden?

    Die Kooperation der Teilnehmerstaaten im Energiebereich soll durch insgesamt sechs Abkommen ausgebaut werden. Vor allem sollen bessere Investitionsbedingungen für die Offshore-Windenergie geschaffen werden. Außerdem soll es um eine grenzüberschreitende Planung und Finanzierung von Windparks auf See und den dazugehörigen Stromnetzen gehen. 
    Entstehen sollen sogenannte "hybride Interkonnektoren": Sie verbinden nicht nur zwei Länder direkt miteinander, sondern vernetzen zusätzlich auch nationale Offshore-Windparks. Windenergie soll so besser in das europäische Stromsystem integriert und die Kapazitäten für den internationalen Stromtransport sollen erhöht werden. 
    "Konkret haben sich die Nordsee-Staaten darauf geeinigt, bis zu 100 GW Erzeugungsleistung grenzüberschreitend zu vernetzen", erklärte das Bundeswirtschaftsministerium nach dem Treffen der Energieminister am Vormittag. Demnach unterzeichneten Nordsee-Staaten, Offshore-Windindustrie und Übertragungsnetzbetreiber zudem einen Investitionspakt, um den Nordseeraum zum "weltweit größten Hub für saubere Energie" zu machen.

    Welche Bedenken gibt es?

    Umweltverbände fordern, der Ausbau der Windkraft dürfe nicht zulasten der Natur gehen. "Einige Akteure haben beim Ausbau der Windenergie auf See das Maß verloren", sagte der Meeresexperte des Naturschutzbundes (NABU), Detloff. "Ökologische Auswirkungen von massiven Lebensraumverlusten vieler Seevögel bis zu irreversiblen Veränderungen des Ökosystems Nordsee drohen unbeherrschbar zu werden." Das Narrativ des "Kraftwerks Nordsee" sei fatal.

    Warum geht es auch um Sicherheitspolitik? 

    Der Nordsee-Gipfel in Hamburg soll nach den Worten von Bundeswirtschaftsministerin Reiche ein Signal der europäischen Zusammenarbeit bei der Sicherung der Infrastruktur senden. Die CDU-Politikerin sagte zu Beginn des Treffens, man sehe hier zunehmende Angriffe: Attackiert würden Stromnetze, Pipelines sowie wichtige Datenkabel, die für die digitale Souveränität des Kontinents von entscheidender Bedeutung seien. Europa stehe hier aber zusammen.
    Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft forderte die teilnehmenden Staats- und Regierungschefs auf, die Sicherheit der Infrastruktur stärker in den Blick zu nehmen. Die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, Andreae, sagte im Deutschlandfunk, Gefahrenabwehr bleibe grundsätzlich eine staatliche Aufgabe. Die Unternehmen könnten etwa Offshore-Windparks nicht allein absichern. Ebenso müsse das geplante Dachgesetz zur Resilienz kritischer Einrichtungen rasch verabschiedet werden.
    Henrik Schilling vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK) sagte, mögliche hybride Angriffe auf die Energieinfrastruktur in der Nordsee hätten vermutlich nicht einzelne Windräder zum Ziel, "sondern die Kabelverbindungen zwischen einem gesamten Windpark und dem Land, die Konverterstationen oder Trafos oder die Anlandestationen an der Küste". Schilling forderte eine gemeinsame und umfassende Strategie der Anrainerstaaten als Abschreckung und zur Abwehr möglicher Angriffe. Auch sollten die Reparaturkapazitäten ausgebaut und private Akteure besser mit den staatlichen Stellen vernetzt werden.

    Wie positionieren sich die Arbeitnehmer?

    Die IG Metall verlangte von der Bundesregierung ein substanzielles Bekenntnis zu Windparks auf dem Meer. Sie solle auf der Konferenz nicht nur schöne Worte finden, sondern konkrete Aufträge an die Unternehmen liefern, sagte der Chef der IG Metall Küste, Friedrich, der dpa. Deutschland drohe ansonsten den Anschluss zu verlieren.

    Weiterführende Informationen

    Wirtschaftsgespräch: Warum stockt der Ausbau von Offshore-Windparks? (Audio)
    Diese Nachricht wurde am 26.01.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.