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StartseiteSport am WochenendeDie Bayern Japans wurden überholt28.11.2020

Yomiuri GiantsDie Bayern Japans wurden überholt

Baseball ist der traditionell beliebteste Sport in Japan. Jahrzehntelang war dort eine Mannschaft das Maß der Dinge: die Yomiuri Giants aus Tokio, die nicht nur mit viel Geld, sondern auch großer Medienmacht das Spiel dominiert haben. Doch das alte Konzept funktioniert nicht mehr.

Von Felix Lill

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Baseball-Spieler Naoki Yoshikawa von den Yomiuri Giants mit einem missglückten Wurf. (Kyodo)
Baseball-Spieler Naoki Yoshikawa von den Yomiuri Giants mit einem missglückten Wurf. (Kyodo)
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So hört es sich an, wenn ein Gigant in die Knie gezwungen wird. Am Mittwochabend gewinnen die Fukuoka Softbank Hawks ihr viertes Spiel gegen die Yomiuri Giants aus Tokio und damit die Meisterschaft. Die einst übermächtigen Giganten aus Japans Hauptstadt werden wieder einmal ihrer Favoritenrolle nicht gerecht. Zum mittlerweile achten Mal in Folge.

Japans überdeutlicher Rekordmeister im Baseball siegt nicht mehr. Fast schon routiniert triumphal wirken dagegen die Hawks aus Fukuoka. Für sie ist es die vierte Meisterschaft in Folge.

Es ist Teil einer Zeitenwende, sagt Jun Ikushima, Sportjournalist für TBS, einem der führenden TV- und Radio-Sender Japans: "In den 1970er Jahren haben die Giants neunmal in Folge die Meisterschaft gewonnen. Sie waren das immer reichste Team, haben die besten Spieler auf ihre Seite gezogen und so den Sport über Jahrzehnte dominiert. Aber mittlerweile sind die Softbank Hawks einfach ein anderes Level. Ich glaube, es wird sehr schwer für die Giants, jemals wieder an das alte Niveau heranzukommen."

Die Bayern Japans nur noch als Herausforderer

Zum Vergleich, es wäre ähnlich wäre Rekordmeister Bayern München in der Fußball-Bundesliga neuerdings nur noch Herausforderer. Ähnlich wie die Bayern sind auch die Tokioter Baseballer als Rekordmeister der beliebteste und zugleich am meisten gehasste Mannschaft des Landes.

Was Bayern München im Vergleich zu den Giants aber fast machtlos erscheinen lässt, sind die Sponsoringverhältnisse. Namensgeber des Clubs ist der Medienkonzern Yomiuri, zu dem die auflagenstärkste Zeitung der Welt Yomiuri Shimbun gehört, aber auch der älteste kommerzielle TV-Sender, Nippon Television, mehrere Magazine und eine eigene Werbeagentur.

Dieser mediale Vorteil führt bis heute dazu, die Popularität der Giants zu festigen, beobachtet Yasuhiro Inoue, Professor für Medienwissenschaften an der Hiroshima City University: "Als ich vor 30 Jahren ein Kind war, machten die Giants mit Abstand am meisten Geld. Jedes Spiel wurde übertragen. Heute sieht man außerhalb Tokios nicht mehr nur die Giants. Früher hieß es, 90 Prozent der Menschen in Japan waren Giants-Fans. Das ist heute weniger. Aber sie haben das Yomiuri Shimbun, und da füllen die Giants weiterhin die Sportseiten. Die Giants sind immer noch das am meisten übertragene Team, denn Nippon Television und die Giants gehören demselben Konzern an. Deshalb sind die Giants auch weiter sehr prestigereich."

Perfekte Symbiose zwischen Medien und Sport

Auch weil sie die ökonomische Verbindung zwischen dem größten Medienkonzern und der populärsten Baseballmannschaft des Landes perfekt nutzten und sich gegenseitig finanzierten. Stadiontickets als Abo-Prämie hier, Exklusivgeschichten in der Zeitung dort. Das funktioniert heute aber nicht mehr so effektiv wie früher.

Einher geht dieser Einflussverlust mit einer gesamtwirtschaftlichen Umwälzung. Denn die mittlerweile siegreichen Hawks sind im Besitz von Softbank, einem viel jüngeren Unternehmen, das von der Digitalisierung profitiert. Softbank gehört zu den größten Anbietern von Handynetzen, Robotern und diversen digitalen Dienstleistungen.

Dieser Trend habe auch zur Neuordnung der Verhältnisse im Baseball geführt, sagt Ed Odeven – ein US-amerikanischer Sportjournalist für die Website Japan Forward: "Softbank als Unternehmen ist extrem erfolgreich. Sie können es sich leisten, Baseball als Werbestrategie zu nutzen. Es gibt gute Synergien zwischen technologischen Kenntnissen, die der Konzern hat, und der sportlichen Leitung. Da geht es wohl auch um Datenanalyse, denn die Hawks haben in den letzten Jahren fast perfekte Investitionen in ihren Kader getätigt. Wenn wir uns jetzt die Finals der letzten zwei Jahre ansehen: da haben die Hawks von acht Spielen gegen die Giants alle acht gewonnen. Das ist ziemlich deutlich. Sie sind einfach besser."

Die Digitalen mischen das Spiel auf

Softbank ist nicht der einzige Digitalkonzern, der mittlerweile im prestigereichen japanischen Baseballgeschäft mitmischt. Ein weiteres Beispie sind die in Sendai spielenden Rakuten Eagles, im Besitz des Amazon-Konkurrenten und FC Barcelona-Sponsors Rakuten. Und dieser moderne Einfluss habe etwas Fruchtbares für den Sport, sagt Sportjournalist Jun Ikushima: "Als die Digitalkonzerne ab den 2000er Jahren einsteigen wollten, waren viele alte Klubbesitzer noch dagegen. Aber heute muss man froh sein. Sie nutzen neue Medienstrategien. Und im Stadion der Rakuten Eagles kann man zum Beispiel nicht mehr mit Bargeld zahlen, sondern nur mit einer Cashkarte von Rakuten. Das ist natürlich Werbung für den eigenen Konzern. Aber es bewegt sich auch in Richtung bargeldlose Gesellschaft. Diese neuen Investoren modernisieren den Sport."

Etwas frischer Wind tut Baseball jedenfalls gut. Denn die jungen Menschen in Japan interessieren sich heute eher für Fußball, seine Stellung als beliebtester Sport des Landes verliert Baseball allmählich.

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