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Yves Schumacher"Faschismus in der Schweiz"

Als Hitler und Mussolini Kontinentaleuropa beherrschten, bildete die neutrale Schweiz eine Insel im braunen Meer. Doch auch in der Eidgenossenschaft breitete sich die rechtsextreme Bewegung aus. Schweizer Politik, Justiz und bürgerliche Medien leisteten mitunter nur halbherzig Widerstand.

Von Michael Kuhlmann

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Das Buchcover von Yves Schumacher: "Nazis! Faschisten! Fascisti! Faschismus in der Schweiz 1918-1945". Im Hintergrund eine Flagge von der Schweiz vor grauem Himmel (Verlag Orell Füssli / imago stock&people)
Auch in der neutralen Schweiz fand der Nationalsozialismus seine Anhänger. (Verlag Orell Füssli / imago stock&people)
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Europa schien erneut aus den Fugen geraten in jenem Frühsommer: Deutschland hatte Frankreich überrannt und beherrschte nun ein Terrain von Ostpolen bis zum Atlantik. Mittendrin die kleine Schweiz, wo die meisten Menschen die Ereignisse mit mulmigen Gefühlen verfolgten. Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz reagierte mit einer Rundfunkansprache - die Bundesrat Philipp Etter ins Deutsche übersetzte:

"Bevor Europa zum Aufstieg gelangen kann, muss es ein neues Gleichgewicht finden. Das kann nicht ohne schwere Opfer geschehen. Der Blick muss sich nun entschlossen nach vorwärts wenden. Der Zeitpunkt der inneren Wiedergeburt ist gekommen. Jeder von uns muss den alten Menschen ablegen."

"Höchst anrüchig" nennt Yves Schumacher diese Rede in seinem Buch: denn mit keinem Wort kritisierte sie die deutsche Aggression oder den braunen Ungeist. Der frühere Geschäftsleiter des Vereins Zürcher Museen geht mit seinen Landsleuten entschieden ins Gericht.

Anfällig für braune Gedanken

Nationalsozialistische und faschistische Splittergruppen hätten in der Schweiz ihre Anhänger gefunden; die bürgerliche Presse habe keineswegs lupenrein demokratisch agiert; und die Regierung habe ihr Fähnchen nach dem Wind aus Deutschland und Italien gehängt. Schumacher nennt ein Beispiel von 1933:

"Kaum hatte Hitler in der Reichskanzlei Einzug gehalten, traf das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement Anstalten, einer aus seiner Sicht voraussehbaren Überfremdung durch jüdische Flüchtlinge Einhalt zu gebieten. Gemäß einer Weisung betreffend die 'Einreise von Israeliten' wurde jüdischen Flüchtlingen nur ein vorübergehender Aufenthalt in der Schweiz gestattet."

Das strafte Bundespräsident Pilet-Golaz Lügen, der die Schweiz 1940 als verständnisvoll und gastlich bezeichnete. Es gab im Gegenteil offizielle Internierungslager für Juden und politisch Verfolgte, die aus Deutschland hatten fliehen müssen.

Schweizer Misstrauen gegenüber der Demokratie

Doch schon seit den 20er Jahren zeigten Faschisten und Nationalsozialisten im Lande Flagge. Am Ende des Ersten Weltkrieges hatten Hunderttausende Schweizer gestreikt: vor allem gegen Hunger und materielle Not. Seither hatten sich die Menschen politisch radikalisiert. Zehn Jahre später kam die Weltwirtschaftskrise: Viele Schweizer vertrauten der Demokratie nicht mehr. Der Autor konstatiert:

"Ein Großteil des Schweizer Bürgertums war in der ersten Hälfte der 1930er Jahre auf dem rechten Auge blind. Das Deutschschweizer Bürgertum schaute über die antidemokratische Stoßrichtung der Fronten mehrheitlich hinweg und ließ sich durch deren Antikommunismus mit vaterländischen Lippenbekenntnissen und martialischen Auftritten blenden."

Die "Fronten", von denen Schumacher hier spricht – es waren insgesamt zwölf –, zählten zu dem weiten Kreis rechtsradikaler Kleingruppen, die sich überall im Land zusammenfanden. In der Deutschschweiz orientierten sie sich am Nationalsozialismus, in der italienischen Schweiz am Faschismus.

Ein Gewirr rechtsextremer Kleingruppen

Äußerst kenntnisreich beschreibt Schumacher die Aktivität dieser Bewegungen und ihrer wichtigsten Akteure. Er schreibt gut lesbar, allerdings mit so vielen Einzelheiten, dass mitunter die großen Linien verlorengehen. Zumal die historische Sachlage per se unübersichtlich ist: Rechtsextreme Gruppen fanden sich zusammen und zerfielen wieder; sie machten gemeinsame Sache oder bekämpften einander erbittert. Ihre Programme waren mitunter schwammig formuliert oder voller Widersprüche. Dem Buch hätte ein zusammenfassendes Nachwort da gut angestanden. Immerhin hält der Autor fest:

"Grundsätzlich hegten alle Erneuerungsbewegungen der Zwischenkriegszeit ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Schweizer Staat und betrachteten ihn als buchstäblich regierungsschwach. Sie stellten die Demokratie genauso infrage wie auch die liberale oder sozialistische Wirtschaftsordnung, die sie als Ursache der sozialen Malaise sahen. Praktisch alle Westschweizer Erneuerungsbewegungen hegten deshalb mehr oder weniger unausgegorene ständestaatlich-ideologische Vorstellungen."

Sie träumten von einem autoritären Korporatismus - von einem Staat, der sich am deutschen Führerprinzip orientiert, der Wirtschaft und Gesellschaft entschlossen auf Linie gebracht hätte.

Letztlich doch wehrhaft

Schumacher bilanziert: "Dass die Schweiz von der Machtergreifung derartiger Menschen verschont wurde, ist das Verdienst einer großen Bevölkerungsmehrheit und der kritischen Presse. Die zunehmende soziale Isolation der Frontisten ist auch als Folge der sogenannt Geistigen Landesverteidigung zu sehen. Ab 1933 verlangten Parlamentarier, Intellektuelle und Medienschaffende konkrete Maßnahmen zur Festigung der kulturellen Grundwerte der Schweiz. Sie strebten einen Schulterschluss an, der alle Parteien einschließen sollte. [...] Die Aufforderung zur Verteidigung dieser geistigen Werte griff umso besser, als sie primär als Aufgabe des Bürgers, nicht des Staates, gemeint und verstanden wurde."

In seiner Untersuchung stützt sich der Autor wohl zum großen Teil auf bereits erschienene Literatur, arbeitet aber auch einige archivalische Quellen ein. Etwas zu kurz freilich kommt auf diesen 260 Seiten die Einordnung in das politische Umfeld: Ab Mitte der dreißiger Jahre erholte sich die Schweiz wirtschaftlich, die Sozialdemokraten wurden zur stärksten Partei, die Demokratie im Ganzen festigte sich wieder. Das Wissen darum setzt der Autor bei seinen Lesern voraus; unabhängig davon allerdings hat das Lektorat an einigen Stellen nicht ganz exakt gearbeitet: Es gibt u.a. Druckfehler bei Jahreszahlen und Abkürzungen. Mit seiner Detailfülle und auch mit seiner unverhohlen kritischen Haltung aber wird dieser griffige Band die Geschichtsschreibung über die Schweiz der Weltkriegsepoche fraglos bereichern.

Yves Schumacher: "Nazis! Faschisten! Fascisti! Faschismus in der Schweiz 1918-1945",
Orell Füssli Verlag, 288 Seiten, 48 Euro.

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