Freitag, 20.09.2019
 
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Zadie Smith„Freiheiten“

Politisch, radikal individuell und kaum zu kategorisieren. So sind die Essays im Buch der britischen Schriftstellerin Zadie Smith. Anhand präziser Beobachtungen kleiner Begebenheiten identifiziert sie größere gesellschaftliche Trends.

Von Katja Ridderbusch

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(Cover Kiepenheuer & Witsch / Autorenportrait picture-alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Zadie Smith nimmt sich die Freiheit, über Dinge zu schreiben, die sie bewegen, befremden, neugierig machen (Cover Kiepenheuer & Witsch / Autorenportrait picture-alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
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Was haben Martin Buber und Justin Bieber gemeinsam, der Philosoph und der Popstar? Oder Mark Zuckerberg und Luca Signorelli, der Facebook-Gründer und der Renaissance-Maler? Sie gehören zum Personal der neuen Essaysammlung von Zadie Smith, "Freiheiten".

Die britische Schriftstellerin und Literaturprofessorin, die zwischen London und New York pendelt, hat die Essays in den Jahren der Präsidentschaft von Barack Obama geschrieben. Sie seien Produkte einer vergangenen Welt, erläutert Zadie Smith bei einer Lesung.

Und so sei ihr Buch zu einer Art kleinen Museumskollektion unbedeutender Dinge und Orte geworden, sagt sie. Zum Abbild einer perfekten Welt, in der man sich Gedanken darüber machen könne, was Justin Bieber und Martin Buber gemeinsam haben oder worum es in einem 24-Stunden-Film über eine Uhr geht. Ein ideales Leben, sagt sie, in dem solche Gedanken möglich seien.

"Feel Free", heißt das Buch im Original, fühl‘ dich frei. Und Zadie Smith nimmt sich die Freiheit, über Dinge zu schreiben, die sie bewegen, befremden, neugierig machen. Herausgekommen ist ein wilder Mix aus Buch-, Film- und Musikkritiken, Kolumnen, Preisreden und Vorträgen.

Darin geht es um so verschiedene Themen wie den Brexit und Facebook, um das Badezimmer ihrer elterlichen Wohnung als Symbol des sozialen Aufstiegs, um die Ambivalenz der Ich-Erzählung in der Literatur, um ihre Hassliebe zu Sängerin Joni Mitchell und um eine Werbewand in Manhattan als Sinnbild amerikanischer Träume und Albträume.

Beiläufig im Ton, treffend in der Analyse

Der Ton der Essays ist geerdet, beiläufig und angenehm unaufgeregt; die Stimme der Autorin persönlich, aber nicht aufdringlich und stets mit einer feinen Spur von Ironie.

So wenig Zadie Smith, Tochter einer Jamaikanerin und eines Engländers, sich selbst in feste Kategorien fügen lassen will, so schwer sind auch ihre Essays zu verorten. Sie sind politisch, aber ganz selten tagespolitisch. Meistens seziert sie mit präzisen Beobachtungen kleiner Begebenheiten größere gesellschaftliche Trends. In ihrem Essay über den Brexit zum Beispiel. Da sind die Fakten zwar mittlerweile überholt, nicht aber ihre bitterböse Beschreibung der vermeintlich so weltoffenen Londoner Kulturelite:

"Für viele Menschen in London repräsentiert sich der angeblich so multikulturelle und klassenübergreifende Aspekt ihres Lebens aktuell vor allem in ihren Angestellten – den Kinderfrauen, dem Putzpersonal, denjenigen, die ihnen Kaffee ausschenken oder sie im Taxi fahren – und allenfalls noch in der Handvoll nigerianischer Adliger, auf die man in den Privatschulen trifft."

"Früher war alles besser" – für einige

Im selben Essay diagnostiziert die Autorin eine nostalgische Sehnsucht westlicher Gesellschaften nach vergangenen und vermeintlich einfacheren Zeiten. "Ich stelle dieser Tage fest, dass eine wehmütige Form der Zeitreise zum dauerhaften Teil der politischen Agenda wird, sowohl im rechten als auch im linken Spektrum." Allerdings mache diese Art der Nostalgie nur für bestimmte Menschen Sinn, erklärt Zadie Smith im Gespräch mit dem US-Rundfunk. Und die seien meistens weiß.

"Ich kann nicht in die 50er Jahre zurückreisen, weil die 50er Jahre für jemanden wie mich nicht besonders angenehm waren. Oder das Jahr 1580 oder 1820 zum Beispiel oder sogar 1960, um ehrlich zu sein. Das ist die interessante gesellschaftliche Frage, wem historische Nostalgie zur Verfügung steht und wem nicht." US-Präsident Donald Trump kommt in dem Buch nur einmal vor, als eine Art düsterer politischer Schatten.

Facebook ist für Vorstadtseelen statt Menschen 2.0

Zadie Smiths Essaysammlung lebt von den harten Schnitten – vom Brexit zu Rapper Jay-Z zur Theorie der Ich-Du- und Ich-Es-Beziehung des Religionsphilosophen Martin Buber, die die Autorin auf das Verhältnis zwischen Teenie-Idol Justin Bieber und seinen Fans anwendet.

Der Essay "Generation Why" über Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und die "Menschen 2.0" beginnt noch relativ harmlos als Kritik des Films "The Social Network", und führt dann zu einer beißenden Abrechnung mit Facebook als Sammelbecken von Belanglosigkeiten.

"Letztlich enttäuscht doch vor allem das Konzept von Facebook. Würde es sich um eine wahrhaft spannende Schnittstelle handeln, extra für das Leben dieser wahrhaft anderen jungen Zwei-Nuller entwickelt – das wäre doch wirklich mal bemerkenswert. Aber so ist es nicht. Es ist der Wilde Westen des Internets, so weit gezähmt, dass er den Vorstadtfantasien einer Vorstadtseele entspricht."

Freiheiten: Der Essayband von Zadie Smith ist so wie die Autorin selbst: radikal individuell, kaum zu kategorisieren und vor allem: niemals langweilig. Smith ist eine Sammlerin eklektischer Augenblicke, eine, die das Besondere im Alltäglichen aufspürt. Ihr unmittelbarer Blick, ihre unverbrauchte Sprache und ihre unbequemen, bisweilen sperrigen Gedanken: Mit all dem zieht sie die Leser in ihren Bann – und in ihr Buch.

Zadie Smith: "Freiheiten. Essays",
Kiepenheuer & Witsch, 510 Seiten, 26 Euro.

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