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StartseiteInterview"Die Faust in der Tasche geballt"02.09.2017

ZDF-Chefredakteur vor Kandidaten-Duell"Die Faust in der Tasche geballt"

Das Duell der Kanzlerkandidaten Merkel und Schulz vor der Bundestagswahl sollte diesmal anders laufen - so wollten es die TV-Sender. Das Kanzleramt ließ sich nicht darauf ein. Von Erpressung wollte ZDF-Chefredakteur Peter Frey im Dlf aber nicht sprechen. Und versprach auch im althergebrachten Format Raum für Dynamik.

Peter Frey im Gespräch mit Jürgen Zurheide

Der ZDF-Chefredakteur Peter Frey spricht am 11.04.2016 bei einer Pressekonferenz in Berlin. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Aus Sendersicht hätte es diesmal zwei Kandidatenduelle statt einem geben sollen. Und mehr Spontaneität. Nachdem das am Kanzleramt gescheitert ist, gibt ZDF-Chefredakteur Peter Frey sich pragmatisch: Ein Duell sei besser als kein Duell. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
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Jürgen Zurheide: 8.20 Uhr ist bei uns die Zeit, wo wir auf das große Duell schauen: Angela Merkel gegen Martin Schulz, natürlich mit erheblicher medialer Begleitmusik, auch wir reden heute Morgen darüber. Viele sagen ja, für Schulz ist es die letzte Chance, überhaupt noch irgendetwas zu bewegen in diesem Wahlkampf, die Kanzlerin auf der anderen Seite hat dafür gesorgt, dass das Korsett der Sendung einigermaßen streng ist, und das ist jetzt noch eine sehr zurückhaltende Formulierung. Über all das wollen wir reden mit einem, der da mitverhandelt hat hinter den Kulissen, der nicht moderieren wird, aber der mitverhandelt hat, nämlich der Chefredakteur des ZDF Peter Frey – am Telefon, guten Morgen, Herr Frey!

Peter Frey: Ja, schönen guten Morgen hier aus Berlin!

In sachlicher Atmosphäre verhandelt, aber nichts verändert

Zurheide: Herr Frey, vier Moderatoren, zwei der Öffentlich-Rechtlichen, zwei von den Privatsendern, das ist bekannt. Welche Regeln müssen denn da eingehalten werden? Fangen wir mal ganz sachlich an!

Frey: Die erste Regel ist, dass es nur ein Duell gibt. Sie wissen ja, dass wir gerne zwei Duelle gemacht hätten, also ein öffentlich-rechtliches und ein privates. Das wird es nicht geben, so wie immer, seit Angela Merkel sich bewirbt, auch 2005 als Oppositionsführerin hat sie ja nicht für ein zweites Duell zur Verfügung gestanden, und so war es 2009 und 2013 auch. 2017 wollten wir das ändern und sind gescheitert, wir wollten auch den ganzen Ablauf der Sendung ein bisschen, ich sage mal, flexibler machen, spontaner machen, darüber haben wir dreimal verhandelt beim ZDF im Hauptstadtstudio, in sachlicher Atmosphäre, aber ohne diese Veränderung zu erreichen. Jetzt bleiben wir, wenn man so will, bei der Form, die seit 2005 Usus ist. Wir hätten es gerne anders gehabt, aber jetzt nehmen wir die Dinge, wie sie sind. Und ich glaube schon, dass das TV-Duell ein wirklich ganz wichtiges Element für diesen Wahlkampf ist.

"Am wichtigsten wäre gewesen: mehr als ein Duell"

Zurheide: Ich glaube, das ist völlig unumstritten, aber lassen Sie uns schon einen Moment da noch mal drüber reden. Was hätten Sie sich gerne gewünscht? Sie haben es gesagt, da muss mehr direkte Konfrontation rein, und das ist in diesem Format kaum möglich.

Frey: Wie gesagt, die wichtigste Veränderung wäre gewesen: mehr als ein Duell! Wir glauben, dass Themen genug auf dem Tisch gelegen hätten, um auch zweimal 90 Minuten zu füllen. Man hat das gesehen in den anderen Ländern, in den USA oder in Frankreich sind die Kandidaten sehr viel häufiger aufgetreten, das wurde also nicht realisiert. Die zweite Veränderung, die wir vorgeschlagen haben, war, die Sendung aufzuteilen in zwei größere Blöcke, also statt sehr schneller Wechsel und durch die abwechselnden Moderatorenpaare hätten wir uns vorstellen können, zweimal 45 Minuten jeweils durch ein Paar gestalten zu lassen. Dann wäre die Sache etwas spontaner gewesen, vielleicht auch intensiver auf einen Punkt, es hätte mehrere Bewegungsspielräume gegeben. Das war unser Vorschlag, aber wie gesagt, wir haben uns damit nicht durchsetzen können.

Ich finde aber, nachdem wir verhandelt haben, nachdem wir unterschrieben haben, nachdem nun feststeht, dass es das Duell gibt, sollten wir uns darauf konzentrieren. Und noch mal, ich glaube, dass diese Form … Das ist ja die einzige Begegnung von Frau Merkel und Herrn Schulz, Kanzlerin und Kandidat, in diesem Wahlkampf, ein direktes Aufeinandertreffen, wo man die Positionen inhaltlich miteinander vergleichen kann, vor allem aber wir beobachten können, wie die beiden miteinander umgehen. Das ist wirklich sehr wichtig. Und wir hätten dem Publikum was vorenthalten, wenn wir, weil wir uns nicht durchgesetzt haben, auf das Duell verzichtet hätten.

Das Wort Erpressung sei nicht zutreffend

Zurheide: Trotzdem, Ihr Vorgänger Nikolaus Brender hat davon gesprochen, das ist Erpressung durch das Kanzleramt gewesen. Sie haben es jetzt ein bisschen diplomatischer ausgedrückt. Also, schön ist das nicht!

Frey: Schön ist das nicht, ein anderer Kollege, der mitverhandelt hat, hat gesagt, wir haben die Faust in der Tasche geballt, das schon, wir hätten es gerne anders gehabt. Auf der anderen Seite finde ich das Wort Erpressung auch nicht zutreffend, wir hatten ja die Entscheidung, Nein zu sagen, wir hätten Nein sagen können. Und ich kann Ihnen auch versichern, dass wir das sehr ernsthaft überlegt haben. Aber wir haben sozusagen abgewogen, ob jetzt hier ein öffentlicher Skandal, der dadurch natürlich auch in Erscheinung getreten wäre, auch die Profilierung der Beteiligten wirklich besser gewesen wäre als am Ende zu sagen: Nein, wir stellen unsere eigene Eitelkeit zurück an der Stelle und wir machen dieses Duell möglich. Also, die Formel am Schluss ist eigentlich ganz einfach, nämlich: Ein Duell ist besser als kein Duell. Ich glaube, es wäre nicht richtig gewesen, das Duell entfallen zu lassen. Und ich darf vielleicht auch darauf hinweisen, dass alle Chefredakteure, die bisher mit Duellen beschäftigt waren in den Jahren seit 2005, ja mit genau dieser Entscheidung auch zu kämpfen hatten. Und ganz am Ende haben sie auch die gleiche Entscheidung getroffen.

Es soll auch so Platz sein für Überraschungen

Zurheide: Na ja, es ist ja immer noch abzuwarten, was am Ende passieren wird. Es gibt dieses recht starre Korsett, aber was passiert, wenn der eine Kandidat, in dem Fall, der sich da etwas mehr vielleicht von verspricht, wenn er dann einfach mal an der einen oder anderen Stelle dazwischengeht? Brechen Sie dann die Sendung ab?

Frey: Nein, bestimmt nicht. Erstens haben wir unter erwachsenen Menschen verhandelt und haben uns auf ein bestimmtes Reglement verständigt, das alle unterschrieben haben, nicht nur das Kanzleramt, sondern auch die SPD. Und trotzdem glaube ich, dass natürlich Platz ist in diesem Studio für Dynamik, für Überraschungen, für Aufeinander-Zugehen. Das wäre übrigens auch nicht zum allerersten Mal so. Wir haben auch beim Duell 2013 Steinbrück gegen Merkel gesehen, wie die beiden durchaus spontan auch aufeinander reagiert haben, und das haben wir uns auch für dieses Jahr vorgenommen, dass der Raum entstehen soll eines direkten Aufeinander-Zugehens, direkter Debatten, wenn Sie wollen. Die Moderatoren werden bei diesem Duell zwei Aufgaben haben: Auf der einen Seite werden sie natürlich zugespitzte Fragen stellen müssen, die Themenkomplexe, die vereinbart sind, unter den interessantesten, den kontroversesten Aspekten auf den Tisch bringen müssen, pointiert nachfragen, das ist die eine Aufgabe. Die andere Aufgabe wird aber auch sein, den Diskussionsraum zu öffnen, damit wirklich auch eine Kontroverse, ein Schlagabtausch zwischen den Kandidaten möglich wird.

Zurheide: Das war Peter Frey, der Chefredakteur des ZDFs zu dem, was da morgen vor uns steht, und natürlich, ich kann Ihnen das sagen, auch hier bei uns im Deutschlandfunk ab 20:05 Uhr sind wir natürlich live dabei, das "Kanzler-Duell" werden wir auch hier bei uns ausreichend würdigen. Herr Frey, für diese Konkurrenzansage bitte ich um Verständnis, aber ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, alles Gute, danke, tschüs!

Frey: Ich danke Ihnen auch, tschüs!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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