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StartseiteTag für Tag"Etwas immens Wichtiges ist verschüttet"28.01.2020

Zehn Jahre Missbrauchsskandal"Etwas immens Wichtiges ist verschüttet"

Weibliche Opfer sexualisierter Gewalt werden in der katholischen Kirche oft übersehen. Viele Betroffene waren vor der Tat besonders kirchlich engagiert und tief gläubig. In Therapien sprechen sie auch darüber, was ihnen von Gott bleibt.

Von Marie Wildermann

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Modelleisenbahnfiguren eines Priesters und zweier Kinder auf einer aufgeschlagenen Wörterbuchseite vor dem Wort "Missbrauch" (imago stock&people)
Wie können Missbrauchsopfer wieder an einen guten Gott glauben? Diese Frage stellen sich viele, die im kirchlichen Rahmen Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. (imago stock&people)
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"Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, in den eigenen Wert ist so beeinträchtigt, dafür muss ich in der Seelsorge ja überhaupt erst mal einen Raum öffnen, damit das Neue wachsen kann, in der Beziehung zum Gegenüber, aber auch zu mir selber."

Barbara Haslbeck schult Seelsorgerinnen und Seelsorger im Erzbistum München. Religiöse Allgemeinplätze und spirituelle Trostpflaster, sagt sie, sind bei Menschen, die Missbrauch in kirchlichem Kontext erleben mussten, verheerend. Zuhören, das Leid des anderen aushalten, immer wieder: Das ist die Dynamik eines Traumas, sagt sie, dass die Betroffenen immer wieder über die gleichen Themen reden müssen und dass sie immer wieder den gleichen Zuspruch brauchen.

Haslbeck: "Ich glaube, ganz wichtig ist, einen Raum zu öffnen, wo ausgesprochen werden kann, was war, ohne dass es im Detail erzählt werden muss. Aber dass eine Person mal andeutet, was war, und sie ein Gegenüber hat, was Zeuge, Zeugin wird dieser gravierenden Verletzung. Und eine Person, die parteilich an der Seite der Betroffenen steht. Eine ganz wichtige erste Erfahrung. Diesen Raum der Klage zu öffnen, dass ich sagen darf, wie schlimm das war. Und das auch Gott hinhalten."

Oft kommen Menschen erst Jahrzehnte später, nachdem der Missbrauch geschehen ist, in die Therapie oder zur Seelsorge.

"Mir ist wichtig in der Begleitung von Betroffenen, ihnen zu zeigen, dass die Seele einen sehr guten Grund auf hatte, das Thema auf der Seite zu halten und dass die Seele sich dadurch selbst rettet. Mir ist es wichtig, das nicht zu pathologisieren, wenn jemand sich schwertut, zu vertrauen und sich schwertut, sich zu öffnen. Das hat ja einen sehr guten Grund", sagt Haslbeck.

"Ich hatte sehr oft suizidale Gedanken"

So war es zum Beispiel bei Agnes. Ihre Welt verfinsterte sich von einem auf den anderen Tag.

"Ich wurde im Alter von neun Jahren von einem katholischen Priester vergewaltigt, es war mein Religionslehrer und er hatte mein vollstes Vertrauen. Und ich war auch nicht das einzige Kind, das er missbraucht hat", sagt Agnes.

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Sie lebte auf dem Land, für die Menschen im Dorf ist der Priester eine Autorität, unvorstellbar, dass ein Würdenträger so etwas tut. Es gab niemanden, dem sie sich hätte anvertrauen können.

Sie erzählt: "Ich hab das so erlebt für mich, dass Gott, an den ich immer geglaubt habe als Kind – ich hatte ein sehr inniges Verhältnis zu Gott, zu Schutzengeln, das war so meine tiefste Ressource im Leben. Das war so mit einem Schlag abgeschnitten, es war weg. Wenn der Schutz eines Schocks oder einer teilweisen Verdrängung nicht funktioniert hätte, dann hätte ich das als Kind niemals ertragen können, ich hätte mich umgebracht. Ich hatte sehr oft suizidale Gedanken, wusste überhaupt nicht: Weshalb lebe ich eigentlich noch?"

Wie immer in solchen Fällen drohte der Täter, sie dürfe mit niemandem darüber sprechen. Ihre Welt verdüstert sich. Eigentlich eine gute Schülerin flüchtet Agnes sich in Tagträume und hat Mühe, dem Unterricht zu folgen.

Agnes sagt: "Was mir dadurch genommen wurde oder verschüttet, das war die Glaubensfähigkeit. Ich weiß auch heute nach all diesen Jahrzehnten, dass Glaube für mich eine ganz wichtige existentielle Ressource ist – mag nicht bei jedem so sein, aber bei mir persönlich ist das so – und durch diese schwere Traumatisierung ist etwas immens Wichtiges zerstört oder verloren gegangen oder, ich sag eher, verschüttet. Und ich hatte einfach keinen Zugriff mehr darauf." Und das Urvertrauen ist erschüttert. In sich, in andere.

"Nähe war gleichbedeutend mit Vernichtung"

"Es war mir wichtig, immer einen gewissen Abstand zu wahren in Beziehungen, wo mir klar wurde, wenn es zu eng wird, wenn es zu dicht wird, dann muss ich gehen, dann erdrückt mich das, dann erschlägt mich das, weil zu viel Nähe oder zu dichte Nähe lange Zeit auch gleichbedeutend war mit Vernichtung."

Als Erwachsene entwickelte sie eine Suchtproblematik, wechselte häufig Arbeitsstellen und Wohnorte. Kontinuität aufrecht zu erhalten fiel ihr schwer. Viele Jahre lang ist sie in psychotherapeutischer Behandlung.

"Es hat lange gedauert, bis ich an den Punkt überhaupt gekommen bin. Es ging erst mal um die Symptome, dieses Todessehnen, was mich lebenslang begleitet hat, ich wollte ja immer leben, genauso wie die anderen. Ich wollte Kinder und Familie, ich wollte heiraten, was man eben so für Träume und Wünsche hat."

Gleichzeitig ist sie auf der Suche nach einer spirituellen Heimat. Sie befasst sich mit Esoterik, wendet sich dem Buddhismus zu, schließt sich der Baghwan-Bewegung an. Dann der Satz eines tibetischen Lehrers, der sie tief berührt:

"Wenn du mit deiner Herkunftsreligion keinen Frieden geschlossen hast, dann wirst du auch in keiner anderen Religion Frieden finden."

Von den Opfern wird Vergebung erwartet

Agnes entschließt sich, in eine Kirche zu gehen. Nach Jahrzehnten.

"Und plötzlich war so dieses ganze Missbrauchsgeschehen wieder präsent. Und ich hab mir gesagt: Nein, davon möchte ich mich nicht dominieren lassen."

Sie stellt sich der Situation - trotz des enormen seelischen Schmerzes. Langsam nähert sie sich der Kirche wieder an und einige Jahre später tritt sie sogar wieder in die katholische Kirche ein. Sie hat ihr spirituelles Zuhause wiedergefunden. Agnes ist heute Mitte sechzig. Sie möchte mithelfen, diese Kirche zu verändern. Dazu gehört auch, dass die Gemeinden sensibler werden im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Oft werde von den Opfern Vergebung erwartet. Doch Schuldeingeständnisse von Tätern gebe es so gut wie nie. Das sieht die Seelsorgerin Barbara Haslbeck genauso:

"Es gibt eine ganze Reihe von Themen, die ich als religiösen Zündstoff bezeichnen möchte. Viele begegnen dem Vergebungsthema, sie erwarten, wenn ich christlich sein will, muss ich vergeben. Viele Betroffene wollen auch vergeben, sie wollen vergessen, aber ein Trauma lässt sich nicht einfach vergessen: Tür zu und dann ist es weg."

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Andreas Stahl, Vikar in der bayerischen Landeskirche, der über traumasensible Seelsorge promoviert und eine Ausbildung zum Trauma-Fachberater absolviert hat. Er fragt, ob es nicht vielmehr umgekehrt ist:

"Man kann erst dann, wenn man heil geworden ist, vergeben", sagt Stahl. "Erst wenn etwas heil geworden ist, kann ich das loslassen. Das halte ich für den konstruktiveren Ansatz: Ist Vergebung nicht eine Frucht innerer Heilung?"

"Viele leben unterhalb der Armutsgrenze"

Und natürlich verändere sich das Gottesbild durch ein Trauma, aber nicht zwangsläufig vom guten zum schlechten Gottesbild. Auch das erlebe er in der Seelsorge mit Missbrauchsopfern.

"Was sind denn Gottesbilder, die vielleicht doch Bestand haben? Gott als Quelle, Gott als Burg, vielleicht auch die Suche nach apersonaleren Gottesbildern. Ich hab nicht das Gefühl, dass Betroffene Antworten erwarten, sondern Zuhören ist wichtig, Aushalten und dass dann auch neue Gottesbilder Plausibilität bekommen können.

Agnes, die den schweren Missbrauch in der Kindheit erfahren hat, weiß heute, dass es ihre Aufgabe ist, sich um Missbrauchsopfer in der Kirche zu kümmern. Auf die Frage, ob sie eine Entschädigung erwartet, sagt sie: 

"Ja. Erwarte ich. Im Mai, wurde von der Deutschen Bischofskonferenz ein Kickoff-Workshop ins Leben gerufen, um über das Thema Entschädigung zu beraten. Und wir waren mit weiteren ca. 22 Teilnehmern acht Betroffene, die in diesem Kreis mitgewirkt haben und haben dann auch ein Entschädigungsmodell aufgestellt. Es ist ja dieser unsinnige Satz: Was geschehen kann, kann man letztendlich niemals entschädigen. Sicherlich kann man es niemals entschädigen, aber ein Großteil der Lebensqualität, die verloren gegangen ist durch diesen schweren Eingriff, ließe sich schon im Sinne einer Wiedergutmachung entschädigen, zum Beispiel ein sorgloseres Leben zu führen. Denn viele, die diese Erfahrung gemacht haben, leben wirklich unterhalb der Armutsgrenze, am Existenzminimum."

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