Montag, 06. Februar 2023

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Zeitschriftenschau
Einblick in den Alltag von Schriftstellern

Ob Briefwechsel zwischen Literaten, Reiseberichte von Autoren oder alltägliche Erlebnisse von Lyrikern: Die Zeitschriften "Schreibheft", "Sinn und Form", "Bella triste" und "Akzente" thematisieren zurzeit den Alltag von Schriftstellern in all seinen Facetten und in den unterschiedlichsten Formen.

Von Richard Schroetter | 07.07.2016

    Zu runden Geburts- oder Todestagen wird ja notorisch fleißig schön geredet, - werden aus Groschenheftautoren Klassiker gemacht. Gewöhnlich beschleunigt dieser Prozess nur das Wiedervergessen. Zurecht oft - manchmal zu Unrecht leider. Bestes Beispiel Henry James, den manche in einem Atemzug neben Marcel Proust stellen, der aber bei uns nie so groß angekommen ist.
    Er wurde ja gerade wieder weggefeiert. Doch sind so (zumindest) einige Neuübersetzungen seiner Romane herausgesprungen. Und eine echte Novität ist sogar zu vermelden. Die (nimmermüde) Zeitschrift für Literatur, das "Schreibheft No 86", hat einen kleinen Schatz gehoben, nämlich den Briefwechsel zwischen Henry James und Robert Louis Stevenson, zwischen dem "Amerikaner mit seiner Vorliebe für Altehrwürdiges" und seinem jüngeren schottischen Kollegen, dem Verfasser der "Schatzinsel" und der mehrfach verfilmten Schauergeschichte von "Mr. Jekyll und Mr. Hyde".
    Auf den ersten Blick eine etwas drollige Konstellation. Der feinsinnige Wahleuropäer James, der sich in England niederlässt, und der Europaflüchtling Stevenson, der auf einer fernen Insel im Pazifik strandet:
    "Mir ist Samoa einfach lieber. Ich habe mir nie viel aus Städten, Häusern, Gesellschaft oder (wie mir scheint) Zivilisation gemacht. Wenig liegt mir auch, wie mir scheint, an Gottes grüner Erde. Die See, die Insel, die Insulaner, das Inselleben und das Klima machen mich wahrlich glücklicher und sorgen dafür, das es so bleibt."
    Orson Welles schreibt über seine Deutschlandreise
    So unterschiedlich ihre Vorlieben auch sein mögen, beide verbindet sie die Literatur, die Sprache, die Welt der Worte und der Kunst. Bitter beklagt sich James über die gängige Bestseller-Literatur. "Immer Morde. Immer Häßlichkeiten". An Stevenson schreibt er:
    "Mit welcher Freude ich all das lese, was Sie schreiben. Es ist ein Luxus, in diesen sittenlosen Zeiten jemanden zu begegnen, der tatsächlich schreibt - (der) wirklich vertraut ist mit dieser herrlichen Kunst."
    Allein 60 Seiten umfasst dieser Briefwechsel. Wir betonen das, weil andere Verlage ein kleines Buch mit doppelt soviel Seiten daraus fabriziert hätten. Will sagen, das "Schreibheft" mit seinen 175 Seiten Umfang ist unglaublich generös - auch im Vergleich zu anderen Zeitschriften in diesem Segment. Gewissermaßen als Beipackzettel findet sich in dieser Ausgabe noch ein weiterer lesenswerter Text. Sein Verfasser: der Filmemacher, Regisseur, Schauspieler, Schriftsteller und zeitweilige Reporter Orson Welles. Es handelt sich um eine Deutschlandreise, die der junge Welles 1950 im Auftrag einer amerikanischen Zeitschrift machte:
    "Ich war allein. Ich war neu in Deutschland, und es war eine lähmende Erfahrung."
    In München wird er Zaungast in einer Kneipe kurz vor Morgengrauen.
    "Hier saß ich, ein bekennender unreifer Anti-Faschist, glotzäugig, mit offenen Mund und untätig, während ein großer brüllender Flegel die Luft mit Nazikampfliedern vergiftete und mir seinen steifen Arm ins Gesicht reckte."
    Welles ist empört über diese Neo-Nazi-Szene "avant la lettre" - und mischt sich ein. Es kommt zu einer Schlägerei:
    "Ich darf Ihnen berichten, dass ein Nazi heute um einen Zahn weniger hübsch ist als zuvor."
    Daniel Defoe über die "kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge"
    Das liegt inzwischen 66 Jahre zurück und klingt leider erstaunlich aktuell - und könnte sich heute ebenso gut in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern abgespielt haben.
    Höchst aktuell ist auch die "Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge" aus dem Jahr 1709, zu lesen in Heft Zwei von "Sinn und Form". Autor dieser mutigen Verteidigungsschrift: Daniel Defoe, der Verfasser des Robinson Crusoe.
    10.000 Menschen suchten damals in England Zuflucht und Schutz, mussten versorgt und integriert werden. Und sofort entflammte eine heftige Diskussion um die Flüchtlinge aus der Pfalz. "Einige werden behaupten", so Defoe:
    "die Verköstigung und künftige Versorgung der 'Pfälzer', in ihrem gegenwärtigen elenden Zustand, bis sie so untergebracht werden können, um durch Fleiß und ehrliche Arbeit für sich selbst aufzukommen, sei nicht nur ein großer Akt christlicher Nächstenliebe, sondern eine Ehre und ein beträchtlicher Gewinn für die gesamte britische Nation, da sie deren Macht und Herrlichkeit vergrößert, den Handel fördert und den Reichtum des Königreiches mehrt:
    Während andere gegen diese Meinung heftig wettern und sagen, zu diesem Zeitpunkt eine solche Menge von 'Ausländern' hereinbringen heiße die Lebensmittel noch mehr verteuern; unsere einheimischen Handwerker und Arbeitsleute brotlos machen und die Zahl unserer eigenen Armen erhöhen, die bereits zu viele sind und der Nation allzusehr zur Last fallen."
    Alltagserlebnisse von einem Dutzend Schriftsteller
    Hans-Christoph Buch, in diesem Heft mit einem zusätzlichen Defoe-Essay vertreten, erläutert:
    "Daniel Defoe hatte Emigranten aus Kurpfalz interviewt, die in Zeltlagern außerhalb Londons lebten und auf ihre Einschiffung nach Nordamerika warteten. Die Pfälzer, wie man sie in England nannte, waren Aufrufen zur Auswanderung nach Carolina gefolgt, angeblich das Paradies auf Erden, und so über Holland nach England gelangt. Defoe fand schnell heraus, dass es sich um Armutsemigranten handelte, die nicht, wie in der Presse behauptet, vor politischer oder religiöser Unterdrückung flohen: Viele von ihnen waren katholisch und hatten weder antipäpstliche noch antifranzösische Ressentiments."
    Aber auch politische Flüchtlinge befanden sich darunter. Das Abschieben von missliebigen Fremden gehört bei uns inzwischen zum alltäglichen Geschäft. Dem Alltag - allerdings auf ganze andere und unspektakulärere Weise - hat sich auch das neue "Akzente"-Heft verschrieben. Ein Dutzend Schriftsteller wurden gebeten, ihre Alltagserlebnisse - und das ist der Dreh - die sie konkret am 10. Dezember 2015 machten, zu notieren.
    Die Uhrzeit spielt in diesen Texten eine tragende Rolle, löst offenbar Schreibreflexe aus. Terezia Mora wacht neuerdings immer "um 4 Uhr auf". Ihre Kollegin Karen Köhler erwacht drei Minuten später in einem Hotel.
    "Sofortiger Griff zum Mobiltelefon, 4:03", heißt es lapidar. Und bei Thomas Lehr beginnt der Tag bereits im Traum "gegen fünf Uhr fünfundvierzig, wie ein baldiger Blick auf den Wecker zeigt." Und Jan Koneffke könnte man fast schon als Spätaufsteher bezeichnen:
    "Ca. 8 Uhr - wie immer, wenn der Alltag es zulässt, eine halbe Stunde im Bett und im Halbschlaf, der mich manchmal weit fortträgt, trotz der Tasse Kaffee, die neben mir auf dem Nachttisch steht."
    Roman Ehrlich und Teresa Präauer diskutieren über den Untergang des Prinzips Hoffnung
    Ja, so erwachen die Dichter. Die Mehrzahl der an diesem Akzente-Spiel Beteiligten haben ihren Tagesdatensatz buchhalterisch-penibel aufgelistet, versuchten, ihm Sinn und Form zu verleihen. Als Sozialreport und Dokumentation über den erstaunlich eintönigen Schriftstelleralltag ist diese Akzente-Ausgabe durchaus interessant, als Präsentation von neuer Literatur und Dichtung eher unergiebig.
    Aber vielleicht sind das ja Anzeichen einer allgemeinen Dystopie. Dystopie, das ist die neuzeitliche Bezeichnung für das, was Flaubert als Desillusionismus, Schopenhauer und Nietzsche mal als Pessimismus mal überspitzt als Nihilismus bezeichneten.
    Das Prinzip Hoffnung, so scheint es, hat ausgedient. Das entnehmen wir einem Gespräch abgedruckt in der jüngsten "Bella Triste" Ausgabe. Die Schriftsteller Roman Ehrlich und Teresa Präauer diskutieren dort über "Glücksphilosophen, Verarschung und zerzauste Köpfe", kurz über den Untergang des Prinzip(s) Hoffnung. Roman Ehrlich versucht, seinen eigenen dystopischen Fatalismus zu überwinden. Wie Henry James und Robert Louis Stevenson glaubt auch er beharrlich an gute Texte. Aber leider habe er an sich beobachten müssen, dass seine Kriterien:
    "Doch ziemlich hilfloses Gefuchtel sind, gerade wenn ich zum Beispiel jemanden einen Text empfehlen will und darlegen möchte, weshalb. Daran hat sich bei mir auch durch das Studium in Leipzig nicht viel geändert."
    Soweit Roman Ehrlich in "Bella triste", der Zeitschrift für junge Literatur.
    Ob "Schreibheft", "Sinn und Form", ob "Bella triste" oder "Akzente", es gibt existenzielle Erfahrungen wie Geburt, Liebe und Tod, die uns momentan sprachlos machen und gerade deswegen zum Schreiben auffordern. In dem erwähnten im Alltag versinkenden Akzente-Heft finden wir in Erinnerung an den jüngst verstorbenen Theatermann, den Regisseur und Filmer und Nebenbeischriftsteller Luc Bondy ein paar letzte leise Verse von seiner Hand. Darunter folgende Abschiedszeilen, mit den wir diesen Blick in die Zeitschriften beenden wollen:
    "Meine Gedanken sind grün / Die Welt ist schwarz beinahe / Die Gäste schauen mich befremdet an / Und ich spreche heiter mit jedermann / In der Hoffnung, es wird alles gut / Ich kann sterbend noch grinsen / Und das Ende als Übergang vortäuschen!"