Zeruya Shalev: "Schicksal"Wie Frieden geht

Zeruya Shalev ist dank ihrer vielfach ausgezeichneten Trilogie über die moderne Liebe („Liebesleben“, „Mann und Frau“, „Späte Familie“) eine der wichtigsten Stimmen der israelischen Gegenwartsliteratur. In ihrem neuen Roman zeigt sie einmal mehr wie das geht - auch mit Gefühl und Pathos, aber immer stilvoll.

Von Miriam Zeh | 01.06.2021

Zeruya Shalev: "Schicksal" Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover
Zeruya Shalev ist eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen israelischen Literatur (Cover: Berlin Verlag / Foto: Jonathan Bloom)
Wieder einmal ist es ein weit zurückliegendes Geschehen, das Zeruya Shalevs Protagonistin erschüttert. Vor 70 Jahren hatte Rachel vergeblich um ihren ersten Ehemann gekämpft. Mitten im israelischen Unabhängigkeitskrieg verließ er sie, verkroch sich in Jerusalem und verweigerte jede Diskussion. Meno ist nicht zu sprechen, richtete seine grantige alte Mutter aus. Und der jungen Rachel blieb nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren und nach Tel Aviv zurückzufahren.
"So hatte es das Schicksal gewollt. Es hatte um diese Zeit keinen anderen Weg gegeben, nicht ins eingeschlossene Jerusalem und nicht zu Menos verschlossenem Herzen."
Wie sehr sie diese Trennung geprägt hat, merkt Rachel erst nach Menos Tod. Mittlerweile ist sie über 90 Jahre alt, hat ein Leben hinter sich und einen zweiten Ehemann. An Professor Menachem Rubin, den berühmten Hirnforscher, zu dem Meno geworden ist, hat sie lange schon nicht mehr gedacht, bis dessen erwachsene Tochter sie aufspürt. Atara hatte keine leichte Kindheit. Besonders sie schien der jähzornige Vater zeitlebens auf dem Kieker zu haben. Büschelweise riss er ihr das dunkle Haar aus und findet erst auf seinem Sterbebett liebevolle Worte, als er die Tochter geistesabwesend mit dem Namen seiner ersten Ehefrau, Rachel, anspricht.
Die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev.
Zeruya Shalev: "Schmerz" - Zwischen Schuld und Aufbruch
Zeruya Shalev legt mit "Schmerz" zum zweiten Mal eine psychologisch tiefgehende Familiengeschichte vor. Ihre Protagonistin entdeckt ihre Jugendliebe wieder und stürzt in eine tiefe Krise. Kann sie sich und ihre Familie retten?
Eine abstruse Begierde
Hier muss der Schlüssel zur Kränkung ihres Vaters liegen, dessen ist sich Atara sofort sicher. Und mit allen Mitteln versucht sie nun, selbst zum zweiten Mal verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder, mehr über die Vergangenheit ihres Vaters aus Rachel herauszubekommen.
"Natürlich eine abstruse Begierde, wie Begierden meistens, denn was ändert das jetzt noch, ein Jahr nachdem ihr Vater gestorben und sie selbst fast 50 ist. Es gibt ja keinen Zusammenhang zwischen dieser Frau und dem, was ihr von ihrem eigenen Leben noch bleibt, und trotzdem steht sie weiter dort in der sengenden Sonne und gibt noch nicht auf. Vielleicht hat sie noch eine letzte Chance."
Was Meno vor 70 Jahren traumatisiert hat, kommt erst allmählich ans Licht und wieder einmal beweist Zeruya Shalev dabei, dass sie sich tief ins Seelenleben ihrer Figuren hineinschrauben kann. Vor übergroßen Gefühlen und der ein oder anderen dramatischen Wendung schreckt sie auch in "Schicksal" nicht zurück. Diesmal aber führt die Autorin ihre Hauptfigur Rachel, die nicht ohne Grund den symbolträchtigen Namen einer biblischen Stammmutter trägt, mit ihren Erinnerungen auch in die Geschichte des israelischen Staates.
Babypuppe mit Bombe
An Menos Seite schließt Rachel sich als junge Frau der Lechi an, den "Kämpfern für die Freiheit Israels", einer radikal zionistischen Untergrundorganisation. Verteilte Rachel zuerst nur Flugblätter, schmuggelte sie bald Waffen und ist später selbst beteiligt an Anschlägen auf britische Soldaten, Brücken und Eisenbahnwerkstätten.

Immer wieder schiebt Rachel im Kinderwagen eine Babypuppe mit Bombe im Bauch, lebt jahrelang im Verborgenen. Denn die Lechi sind auch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht bereit, den Kampf gegen die britische Mandatsmacht einzustellen. Sie setzt ihre Anschläge fort, bis die Organisation nach der israelischen Staatsgründung 1948 verboten wird. Rachel, die heute in einer Siedlung zwischen Ölberg und Jordan nahe Jerusalem lebt, hat ihren politischen Kampf nie in Frage gestellt. Und doch ändert sich heute ihr Blickwinkel:

"Noch nie hatte sie auch nur den leisesten Zweifel an der Richtigkeit des Weges der Lechi gehegt, und bis jetzt denkt sie auch nicht darüber nach, sondern vielmehr darüber, was jemanden dazu bringt, sich mehr einer Idee hinzugeben als den Menschen, die ihm am nächsten sind."
Abwechselnd erzählt Zeruya Shalev ihren psychologisch dichten und erstmal dezidiert politischen Familienroman aus der Perspektive von Rachel und Atara. Die israelische Geschichte heben nur noch hervor, wie unterschiedlich beide Frauen und Generationen sind.
Es ist der 9. Mai 2011, der Unabhängigkeitstag in Israel und ein orthodoxer Jude mit Hut läuft an einer Mauer entlang, im Hintergrund die israelische Flagge, bestehend aus Lichterketten in der alten Stadt Jerusalem. Sie feiern den 63. Geburtstag des Beginns eines jüdischen Staates.
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Zwei Generationen von Müttern
Betonte zwar auch die Lechi, dass nach der britischen Mandatsherrschaft ein friedliches Zusammenleben mit der arabischen Minderheit möglich ist, gilt das für Atara wie selbstverständlich. In Haifa leitet sie – und man möchte vor dem Hintergrund der jüngsten Eskalationen hinzufügen - im Jahr 2018 zusammen mit einer Araberin ihr Architekturbüro. Nicht Politik, sondern Privates steht in Ataras Fokus. Denn die beiden Frauen symbolisieren auch zwei Generationen von Müttern. Stand für Rachel selbst nach der Geburt ihrer beiden Söhne der politische Kampf im Vordergrund, opfert Atara sich ganz für ihre Familie. Eine Gewichtung, die auch sie zunehmend hinterfragt:
"Diese gewaltige Naturkraft, die sie mit den Wildschweinen im Wadi und den Löwinnen in Afrika teilte, und mit jeder Frau, die jemals Kinder großgezogen hat. Sie würde alles tun, um sie zu beschützen, und würde im Gegenzug niemals verlassen werden, und ihre Kinder würden sie beschützen, und deshalb würde sie sie niemals verlassen. Doch wer hatte ihr dieses falsche Versprechen gegeben? Sie zitterte."
Gekonntes Pathos
Zeruya Shalev erzählt in gewohnt großer Geste und mit ihrem stilechten Pathos, den erstmals Anne Birkenhauer ins Deutsche übersetzt hat, von den beiläufig getroffenen und doch schicksalshaften Lebensentscheidungen. Dem Kitsch entkommt die versierte Erzählerin auch dank ihrer politischeren Ausrichtung mit einer Vielzahl von Perspektiven, die sich in Nebenfiguren zu Wort melden. Siedlungskritiker und ultra-orthodoxe Chassiden, ehemalige Extremistinnen und Liberale, sie alle leben in diesem Roman zwar mit tiefenpsychologischen Verletzungen und hitzigen Diskussionen, aber doch ohne kriegerische Eskalation miteinander. Und das ist immerhin, was man ihrem Land auch jenseits der Fiktion nur mit allem Shalev’schen Pathos wünschen kann.
Zeruya Shalev: "Schicksal"
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Berlin Verlag, Berlin, 416 Seiten, 24 Euro