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Zivile Opfer im Drohnenkrieg
US-Regierung nennt erstmals Zahlen

Seit 2009, als Barack Obama Präsident wurde, sind nach Angaben der US-Regierung in Pakistan, Jemen, Somalia und Libyen zwischen 64 und 116 Zivilisten getötet worden. Es sind die ersten Zahlen dieser Art, die Washington vorlegt, um zu zeigen, dass sie viel niedriger sei als die Zahl getöteter Islamisten. Doch an der Statistik gibt es Zweifel.

Von Thilo Kößler | 02.07.2016

    Eine US-Drohne vom Typ MQ-1 Predator beim Landeanflug
    Die US-Administration unterstreicht, dass die Zahl der bei Drohnen-Angriffen getöteten militanten Islamisten sehr viel höher sei als die Zahl der getöteten Zivilisten. (picture alliance / dpa / Foto: Tsgt Effrain Lopez)
    Als notwendige Antwort auf die asymmetrische Kriegführung des Terrorismus bezeichnen die Verfechter der Drohnenangriffe die Angriffe aus der Luft – als anonymen Tod mit verheerenden und unabsehbaren Folgen für die Zivilbevölkerung kritisieren Menschenrechtsorganisationen die ferngesteuerte Kriegstechnik aus der Luft. Erstmals hat die US-Administration jetzt Zahlen vorgelegt – Zahlen über die vermuteten zivilen Opfer in Pakistan, Jemen, Somalia und Libyen: in Ländern und Regionen also, mit denen sich die Vereinigten Staaten nicht offiziell im Krieg befinden. Afghanistan, Irak oder Syrien sind demnach nicht Teil der Statistik.
    Kritiker: Zahlen zeigen, dass die Zielgenauigkeit zu vage ist
    Seit 2009, als Präsident Obama ins Weiße Haus einzog, sind den Angaben zufolge in diesen Ländern bei fast 500 Einsätzen zwischen 64 und 116 Zivilisten getötet worden – eine Schwankungsbreite, die die Kritiker von Drohnenangriffen als Beleg für ihre These nehmen, dass die Zielgenauigkeit von Drohneneinsätzen viel zu vage ist und die tatsächlichen Folgen oft im Ungewissen bleiben. Die US-Administration unterstreicht indes, dass die Zahl der bei diesen Angriffen getöteten militanten Islamisten sehr viel höher sei als die Zahl der getöteten Zivilisten – sie will damit der immer wieder geäußerten Vermutung widersprechen, dass es sich genau anders herum verhält.
    Nach Angaben der US-Regierung sind bei diesen Einsätzen zwischen 2.400 und 2.600 Islamisten getötet worden. Auch hier wenden Kritiker ein, dass sich diese Zahlen kaum überprüfen lassen – ganz abgesehen davon, dass den tödlichen Einsätzen keine justiziablen Kriterien zugrunde liegen, weshalb sie als extralegal einzustufen seien und dem Ansehen der USA in den betroffenen Regionen empfindlichen Schaden zufügen.
    Drohnenkrieg zentrales Element von Obamas Strategie
    Präsident Obama selbst hatte nach seinem Amtsantritt den Drohnenkrieg zu einem zentralen Element seiner Anti-Terrorstrategie erklärt und nun die Veröffentlichung dieser Zahlen in Auftrag gegeben. Gleichzeitig unterzeichnete er eine Regierungsanordnung, die sicherstellen soll, dass die Anti-Terror-Strategie mit unbemannten Flugzeugen dauerhaft transparent gemacht wird, wie es heißt.
    Aber auch das bezweifeln Kritiker bereits: Dem Bericht mangele es schon deshalb an Transparenz, weil keinerlei Details genannt werden – tatsächlich wird in dem Bericht nicht offengelegt, wo und wann die tödlichen Einsätze stattfanden oder wie viele Zivilisten bestimmten Missionen zum Opfer fielen. Deshalb kritisierte die unabhängige Organisation "Council on Foreign Relations", dass die Nennung nackter Zahlen im Grunde wenig aussagekräftig sei. Der Think Tank begrüßte zwar, dass sich die Administration dem wachsenden Legitimationsdruck beuge - sie bleibe aber noch weit hinter dem selbst gesteckten Ziel der Transparenz zurück.
    Menschenrechtsorganisationen schätzen Zahl höher ein
    Menschenrechtsgruppierungen schätzen die Zahl der zivilen Opfer infolge von Drohneneinsätzen denn auch viel höher ein: Die New America Foundation und die Gruppierung Long War Journal gehen von 250 getöteten Zivilisten aus – das Büro für investigativen Journalismus sieht die Zahl der Opfer sogar bei fast 400. Für "im höchsten Maße fragwürdig" hält auch Human Rights Watch die Angaben der US-Administration: Die Unterschiede in der Einschätzung der Opferzahlen seien wohl nur darauf zurückzuführen, dass die Regierung allzu elastisch definiere, wer von den Opfern tatsächlich Terrorist und wer Zivilist war.