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StartseiteInterviewZollitsch: "Wir haben uns zu wenig zu Wort gemeldet"13.02.2008

Zollitsch: "Wir haben uns zu wenig zu Wort gemeldet"

Neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz will Einfluss der Kirche stärken

Nach Ansicht von Erzbischof Robert Zollitsch, dem neu gewählten Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, sollte sich die katholische Kirche in gesellschaftlichen Debatten mehr Gehör verschaffen. "Wir waren zu still, und wir sind aus der Gesellschaft fast ein bisschen weggedrängt worden", sagte er.

Moderation: Elke Durak

Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch ist neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. (AP)
Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch ist neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. (AP)
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Zollitsch folgt Lehmann

Elke Durak: Erzbischof Robert Zollitsch aus Freiburg ist also neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Er war wohl Wunschkandidat des scheidenden Kardinals Karl Lehmann. Nun hat er das Amt, und wir sind neugierig, wie er es ausfüllen wird, was von ihm zu erwarten ist, welche Zeichen er setzen will. Guten Morgen, Herr Erzbischof, und herzlichen Glückwunsch!

Robert Zollitsch: Guten Morgen! Vielen Dank für die Glückwünsche.

Durak: Was unterscheidet Sie von Erzbischof Marx, der ja auch als heißer Favorit auf das Amt galt?

Zollitsch: Oh, die Unterschiede sind nicht so groß. Es ist sicher so, dass ich nun, da ich mit Lehmann sehr gut verbunden bin und auch den Dienst kenne, sicher der Mann bin, der für die Kontinuität steht, um das weiterzuführen, was Kardinal Lehmann in diesen 20 Jahren aufgebaut hat. Wir sind theologisch uns sehr nahe. Uns beiden ist das große Anliegen gemeinsam, das, was im Zweiten Vatikanischen Konzil unserer Kirche aufgebrochen ist, das auch weiterzuführen und immer mehr Gestalt werden zu lassen.

Durak: Und das unterscheidet Sie von Erzbischof Marx?

Zollitsch: Ich habe gesagt, der Unterschied ist da nicht groß. Der Unterschied liegt wohl mehr im Naturell. Erzbischof Marx ist sicher einer von denen, der bisher stärker in der Öffentlichkeit stand, der dann auch spontaner als ich etwa auf die Presse zuging und der dann vielleicht im Sozialpolitischen stärker seinen Schwerpunkt hat, was auch gut ist, während ich dann stärker von der Innenseite der Kirche her komme.

Durak: Sie selbst haben aber auch gestern gesagt, die katholische Kirche will präsent sein in politischen und gesellschaftlichen Anliegen, also auch die Richtung einschlagen. Was heißt das aber konkret? Wollen Sie sich einmischen, Stellung beziehen, fordern?

Zollitsch: Es geht da um viele Fragen bei uns in der Gesellschaft, etwa um die große Frage der Werte, von denen wir leben. Es geht um den Schutz des Lebens, um die Würde des Lebens, um das Leben am Anfang und an seinem Ende. Es geht um die große Frage der Zukunft unserer Gesellschaft und der Kinder und es geht auch um deren Bildung und Ausbildung. Es geht um die sozialen Fragen derer, die stärker am Rande stehen und zu den Benachteiligten gehören. Ja, unsere Kirche muss sich da zu Wort melden. Wir haben von unserer kirchlichen Soziallehre, von unserem Verständnis des Evangeliums her vieles zu sagen und da habe ich klar vor, mich in diesen Fragen einzubringen - nicht in den parteipolitischen Einzelfragen, aber in den Grundsatzfragen.

Durak: Sie wollen Stellung beziehen?

Zollitsch: Jawohl, das will ich!

Durak: Worauf wollen Sie sich konzentrieren in Ihrer Amtszeit, denn die Probleme der katholischen Kirche sind ja mit der Neuwahl nicht verschwunden?

Zollitsch: Nein, die Probleme sind nach wie vor da. Es geht sicher noch mal darum: Wie können wir die Suche nach Gott verstärken und den Menschen eine klarere Richtung geben? Denn einerseits haben wir gespürt, die religiöse Offenheit unter den Menschen ist recht groß. Darum gilt es zu schauen, wo unsere Antworten auch von den Menschen verstanden werden können. Wir müssen dann das religiöse Leben sicher in unseren Gemeinden, in den Pfarreien fördern. Wir werden auch auf die neuen Medien zugehen. Ich denke etwa daran, was wir via Internet machen können. Da haben wir noch nicht genügend uns eingesetzt. Ich spüre auch, dass Leute an den Rand geraten. Wir werden heute hier in Würzburg das große Thema Ehe und Familie besprechen. Wir müssen aber auch an die Alten denken, und ich denke, dass wir über unsere kirchliche Beratungsarbeit vielen Menschen helfen können. Ich habe auch schon mehrfach gesagt: Mir ist ein großes Anliegen, dass die Ökumene in Deutschland weitergeht, denn die Gemeinsamkeit etwa zwischen der evangelischen Kirche und der katholischen Kirche ist doch viel größer als das, was uns trennt. Wir sollten auch über die theologisch-kontroversen Fragen hinweg gerade im praktischen Verhalten zu einer großen Gemeinsamkeit kommen und auch zeigen, dass wir als Kirchen da recht brüderlich, geschwisterlich miteinander umgehen, um auch dort ein entsprechendes Zeichen zu setzen.

Durak: Da haben Sie ja, was die Ökumene betrifft, Herr Erzbischof, einen sehr guten Ruf hier in Deutschland. Sie wollen auf diesem Pfad weiterfahren. Der Papst bremst aber. Mit angezogener Bremse fährt es sich auf Dauer schlecht. Wie wollen Sie das lösen?

Zollitsch: Ja, ich will auf diesem Pfad weiterfahren. Die großen Fragen sind tatsächlich die theologischen Probleme. Wenn Sie daran denken: Wie ist das Verständnis der Kirche? Wie verstehen wir uns als katholische Kirche? Wie versteht sich die evangelische Kirche?

Ich habe bisher in Baden die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, auch die kontroversen Fragen miteinander zu besprechen und die Formulierungen dann auch zu finden, wenn wir einander in die Augen sehen können. Dann kann das gegenseitige Verständnis wachsen, und so können wir auch da vorankommen. Und ich sehe vor allem viele Chancen im praktischen Miteinander unserer christlichen Gemeinden, auch der Katholiken und der evangelischen Christen, um damit dort voranzukommen. Wenn man sich im Praktischen um einiges besser versteht oder noch besser versteht als bisher, dann findet man auch leichter in der Theologie die gemeinsame Basis. Wir werden aber auch da, in den theologischen Fragen, weiterhin miteinander diskutieren. Wichtig ist für mich, dass keine Kirche von der anderen etwas fordert, was sie aufgrund ihrer Theologie und ihres derzeitigen Verständnisses dann nicht leisten kann.

Durak: Beim Internet bin ich hängen geblieben, auch bei Ihren Worten eben. Was wollen Sie da tun, was Sie bisher noch nicht getan haben?

Zollitsch: Wir entdecken, dass gerade junge Leute sich dort viele Informationen holen, und wir haben auch bei uns in der Diözese versucht, dort präsent zu sein. Ich denke, dass wir so manches an Informationen über Kirche, auch an Glaubensinformationen an eine ganze Generation heranbringen können, die vielleicht von unserer Tagespresse, von den Zeitungen, manchmal auch von Rundfunk und Fernsehen gar nicht mehr so erreicht werden wie die ältere Generation. Da gilt es, sich für junge Leute und für neue Schichten zu öffnen.

Durak: Was wollen Sie da tun, einen eigenen Kanal im Internet einrichten oder was?

Zollitsch: Wir überlegen, ob wir das tun sollen. Da ist noch keine Entscheidung getroffen. Wir schauen, wie wir das am besten hinbringen. Da werden in diesem Jahr noch eine ganze Reihe von Entscheidungen anstehen. Aber Sie merken, ich verfolge diese Fragen.

Durak: Herr Erzbischof, alle wollen in die Mitte der Gesellschaft: die großen Parteien und auch die katholische Kirche. Wo war denn die Kirche bisher?

Zollitsch: Sie war vielleicht bisher zu still. Unsere katholische Kirche ist von unserem Verständnis her natürlich nie angetan von der Extremen, sondern wir suchen tatsächlich die Breite, wollen möglichst viele mitnehmen. Wir waren zu still, und wir sind aus der Gesellschaft fast ein bisschen weggedrängt worden. Wir haben uns zu wenig zu Wort gemeldet, vielleicht zu sehr mit innerkirchlichen Fragen beschäftigt. Darum ist es wichtig, uns zu Wort zu melden. In dem Moment meine ich, wo wir uns zu Wort melden, werden wir auch stärker präsent sein.

Durak: Kirchenaustritte, Priestermangel, das wird Ihnen in jedem Interview sozusagen als Frage gestellt. Priestermangel - wie wollen Sie das ändern? Gutes Zureden wird nicht helfen.

Zollitsch: Nein, das allein wird nicht helfen. Es wird tatsächlich darauf ankommen, wie wir uns darstellen, wie wir das vermitteln, und man kann auch in der Richtung einiges tun. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen. Im Anschluss an den Weltjugendtag in Köln habe ich bei uns vieles vorbereitet, um ein Jahr der Berufung durchzuführen. Das heißt, wir haben uns gekümmert um Priesterberufe, den Beruf des Diakons, des Gemeindereferenten oder der Pastoralreferentin. Und ich muss sagen: Wir haben im vergangenen Jahr etwa in der Erzdiözese Freiburg doppelt so viele Neuaufnahmen gehabt unter den Kandidaten des priesterlichen Dienstes als im Jahr zuvor. Es lässt sich einiges tun. Wir müssen es erst bewusst machen. Wir können nicht nur einfach warten, dass andere das für uns machen. Und in dem Maße wie auch das religiöse Bewusstsein, das religiöse Interesse wächst, wie wir darüber sprechen, da bin ich überzeugt werden auch die Berufungen wachsen.

Durak: Was, Herr Erzbischof abschließend gefragt, ist modern an der katholischen Kirche in Deutschland?

Zollitsch: Modern an ihr ist, dass sie sich den Fragen der Zeit stellt und dass sie eine weltumspannende Kirche ist und die weltweite Kirche hat Chancen, die eine Ortskirche allein für sich nicht hätte.

Durak: Erzbischof Robert Zollitsch hier bei uns im Interview. Er ist neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Herzlichen Dank fürs Gespräch, Herr Erzbischof, und einen guten Tag.

Zollitsch: Ich danke auch. Einen guten Tag.

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