Archiv

Zukunft der Arbeit"Es muss ein Recht auf Privatheit geben"

Immer mehr Beschäftigte sind von der ständigen Erreichbarkeit im Job genervt. Nach Ansicht von IG-Metall-Chef Jörg Hofmann müssten die Menschen selber autonom bestimmen, wann die Arbeit aufhöre und wann das Privatleben beginne. Es müssten neue Regelungen gefunden werden, die ein modernes Arbeitsleben von heute abbilden, ohne, dass es zulasten der Arbeitnehmer gehe, sagte er im DLF.

Jörg Hofmann im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker | 30.04.2016

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann.
IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. (dpa / Alexander Heinl)
Ann-Kathrin Büüsker: "Arbeit nervt" singen die Jungs von Deichkind. Wie sieht es mit der Zukunft der Arbeit aus und welche Rolle können Gewerkschaften dabei spielen, darüber möchte ich jetzt mit Jörg Hofmann sprechen, Vorsitzender der IG-Metall. Guten Morgen, Herr Hofmann!
Jörg Hofmann: Guten Morgen!
Büüsker: Herr Hofmann, "Arbeit nervt" – würden Sie dieser Aussage auch zustimmen oder sind Sie eher der Typ, der seine Arbeit liebt?
Hofmann: Na, manchmal schon. Wäre unehrlich, was anderes zu behaupten, aber natürlich, viele Menschen lieben ihre Arbeit, ich auch, und das überwiegt doch bei den meisten.
Büüsker: Aber gleichzeitig würde ich sagen, dass viele Arbeitnehmer auch von ihrer Arbeit durchaus genervt sind und keine Lust darauf haben. Läuft da in der Arbeitswelt ein bisschen was falsch?
Hofmann: Es wird auf jeden Fall immer mehr an Flexibilität von den Beschäftigten abverlangt, Arbeit entgrenzt sich immer mehr, auch in die Freizeitbereich rein, und da neue Grenzen zu finden, ist, glaube ich, eine ganz zentrale Aufgabe, auch gerade für die Arbeitswelt von morgen.
"Es muss ein Recht auf Privatheit geben"
Büüsker: Und wie könnten diese Grenzen aus Ihrer Sicht aussehen?
Hofmann: Ich glaube, es muss ein Recht auf Privatheit geben, ein Recht auf Abschalten. Die Menschen müssen es selber autonom bestimmen können, wann die Arbeit aufhört, wenn das Privatleben beginnt, und diese Grenzen zu ziehen, neu zu ziehen, durchaus auch flexibel zu ziehen. Der eine hat andere Bedürfnisse auf Grund seiner Lebenslage, seine Arbeit während des Tages zu gestalten, wie andere, die etwa sich stark an einem fixen Schichtsystem orientieren wollen. Hier braucht es neue tarifvertragliche Regelungen, auch neue gesetzliche Rahmenbedingungen. Im Kern geht es immer um die gleiche Frage, wie entwickeln wir Arbeit weiter, damit gute Arbeit in den Betrieben ankommt.
Büüsker: Jetzt haben Sie gesagt, es benötigt neue Tarifverträge – wie könnten die dann aussehen, zum Beispiel für jemanden, der auch nach Feierabend regelmäßig noch in seine E-Mails reingucken muss. Das ist ja theoretisch Arbeit, müsste also theoretisch auch irgendwie honoriert werden.
Hofmann: Genau da fängt es an, dass Arbeit, grundsätzlich auch Arbeitszeit bewertet wird, Arbeitszeit erfasst wird, vergütet wird, egal, wo sie stattfindet, auch in der U-Bahn – wenn ich mein Aktenstudium dort mache, ist es Arbeitszeit. Arbeit muss hier Wert haben. Wert heißt auch, dass Arbeit, egal wo, vergütet wird und nichts weggeworfen wird wie schimmelig Brot. Hier neue Regelungen zu finden, die jetzt eben nicht an der Stechuhr beginnen und enden, sondern ein modernes Arbeitsleben von heute abbilden, ohne, dass es, sagen wir mal, zulasten der Arbeitnehmer geht, das ist eine Herausforderung.
Büüsker: Und haben Sie einen konkreten Vorschlag?
Hofmann: Ganz konkret: Wir haben schon eine Reihe von Pilotvereinbarungen, Tarifverträge zunächst mal auf Unternehmensebene, die genau dieses Thema regeln. Arbeit wird grundsätzlich vom Beschäftigten erfasst, ist grundsätzlich zu vergüten, und das ist natürlich auch eine Vertrauensfrage der Führungskraft – vertraue ich meinem Beschäftigten, dass er auch richtig dokumentiert, dass er auch seine Arbeitsleistung auch richtig abrechnet. Das heißt, Vertrauensführung ist das eine, Regeln, klare Regeln, damit Arbeit nicht verfällt, das andere.
"Die Rationalisierung bringt Wegfall von Jobs mit sich"
Büüsker: Wenn wir bei der Zukunft von Arbeit sind, dann wird Digitalisierung insofern auch eine Rolle spielen, als dass viele Herstellungsprozesse automatisiert werden könnten. Das könnte insbesondere dann für die Metallindustrie interessant werden, wenn es um die Herstellung von Bauteilen geht. Machen Sie sich Sorgen, dass das eventuell auch Jobs kosten könnte?
Hofmann: Na gut, es ist immer eine … Die Rationalisierung bringt Automatisierung mit sich, bringt Wegfall von Jobs mit sich. Die spannende Frage wird sein, es ist wie in der Vergangenheit, dass wir auf der anderen Seite neue Jobs, neue Geschäftsmodelle, neue Produkte haben, die diesen Verlust ausgleichen, oder haben wir ein Saldo, der heißt Arbeitsplatzverlust. Das kann heute verlässlich keiner sagen. Wir müssen es aber als Aufgabe begreifen, genau uns in diesem Prozess einzumischen und dafür zu sorgen, dass die Transformation in die digitale Arbeitswelt nicht zulasten der Beschäftigten geht.
Büüsker: Wenn ich Unternehmer wäre, würde ich mich ja freuen, wenn ich weniger Leute bezahlen müsste.
Hofmann: Dann würden Sie sich freuen, Sie würden sich aber auch freuen, wenn Sie mehr Umsatz, mehr Wachstum, andere Geschäftsmodelle entwickeln, und da genau ist es die Frage, wird die Frage mitentschieden, was bedeutet es im Saldo für die Zahl der Beschäftigten in einer Arbeitswelt von morgen.
"Wir brauchen eine stärkere Anpassung der Arbeitszeit an die Lebenslagen"
Büüsker: Wir diskutieren jetzt in diesen Wochen auch viel über das Thema längere Lebensarbeitszeit, weil wir viel über Rente diskutieren – scheint ein Wahlkampfthema geworden zu sein. Das Rentenalter, das verschiebt sich immer weiter nach hinten, und wenn ich meine Generation angucke, da ist fraglich, ob wir überhaupt noch sowas wie Rente bekommen. Was bedeutet das für unser Verhältnis zur Arbeit?
Hofmann: Ich denke, dass wir zunächst mal Arbeit so gestalten müssen, dass Menschen gesund die Rente überhaupt erreichen, und hier haben wir schon noch viele Herausforderungen. Dann haben wir sicherlich auch die Notwendigkeit, dass Arbeit so gestaltet ist, dass unterschiedliche Lebensphasen auch sich darstellen lassen, ohne dass die Erwerbstätigkeit unterbrochen wird. Ob es um die Kindererziehung geht, ob es um die Pflege von Familienangehörigen geht, ob es um die Frage der beruflichen Fortbildung geht – wir brauchen eine stärkere Anpassung der Arbeitszeit an die Lebenslagen, und ganz am Schluss natürlich auch die Möglichkeit, flexiblere Übergänge dann in die Rente. Das ist, glaube ich, die zentralere Herausforderung, als über eine fiktive Verlängerung des Rentenalters zu philosophieren, die ohnehin nur wenige erreichen werden und nur wenige leisten können.
Büüsker: Herr Hofmann, Sie als IG-Metall sind gerade in einem aktuellen Tarifstreit, und zwar für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie: Sie fordern fünf Prozent mehr für die 3,8 Millionen Beschäftigten, seit Freitag gibt es auch Warnstreiks. Wo ist denn Ihre Schmerzgrenze, das heißt, wie weit müssen Ihnen die Arbeitgeber entgegenkommen?
Hofmann: Sie müssen die Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen, ihr Engagement, aber auch die wirtschaftlichen Eckdaten ihrer Branche endlich mal in einem Angebot widerspiegeln. Wir haben eine Branche, die über die letzten Jahre durchaus positive Ergebnisse geschrieben hat, die – Gott sei Dank müssen wir sagen – einen schönen Beschäftigungsaufbau der letzten Jahre erfahren hat, trotz einer durchaus anspruchsvollen Lohnpolitik, die auch die Realeinkommen gesteigert hat. Das heißt, die Branche hat die Kraft, eine Lohnerhöhung zu schultern, die die Beschäftigten fair an dem Wachstum, an den Ergebnissen beteiligt, und das ist das, was wir jetzt am Verhandlungstisch miteinander besprechen müssen, mit dem Ziel auch einer möglichst schnellen Einigung.
"Streiks sind ein wesentlicher Bestandteil von Freiheit in unserem Land"
Büüsker: Jetzt gab es auch einen Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst, der ist beigelegt. Das heißt, viele Bürgerinnen und Bürger wurden gerade massiv von Streiks getroffen, und sofort geht natürlich auch wieder eine Diskussion darüber los, ob Streiks heute überhaupt noch, na, ich sage mal verhältnismäßig sind. Wie reagieren Sie auf Menschen, die Streiks in Zweifel ziehen?
Hofmann: Die Tarifautonomie, und Streiks gehören dazu, sind ein wesentlicher Bestandteil von Freiheit in unserem Land. Wie sollen sich Arbeitnehmer anders im Arbeitsverhältnis durchsetzen können, als wenn sie nicht gemeinsam solidarisch ihre Interessen vertreten? Wer den Streik infrage stellt, stellt Demokratie infrage, und das Streikrecht ist – das zeigt auch die Geschichte der Arbeiterbewegung des Ersten Mais – einer der unabdingbaren Grundpfeiler einer modernen sozialen Demokratie.
Büüsker: Aber trotzdem hat das Ganze in gewisser Weise auch etwas Ritualisiertes. Wenn ein Tarifvertrag endet, dann gibt es Verhandlungen, dann gibt es wieder Streiks. Im Prinzip gibt es jedes Jahr irgendwelche Streiks. Können Sie das durchaus nachvollziehen, wenn dann Menschen ein bisschen das Ganze infrage stellen?
Hofmann: Es erscheint von draußen gesehen oft als ein Ritual. Ich kann Ihnen nur sagen, es ist eine der effektivsten Formen, zu einem Ergebnis zu kommen. Effektiv deswegen, weil wir auf der einen Seite die Arbeitgeberverbände haben, auf der anderen Seite die Gewerkschaften und die Beschäftigten. Und jetzt, wie kriege ich diese Marktteilnehmer zu einem Ergebnis? Da ist eine soziale Bewegung. Wir sprechen von Tarifbewegung, da geht es darum, den Menschen mitzunehmen, der Schlüssel… und die Möglichkeit, einen fairen Ausgleich der Einkommensentwicklung, einen fairen Ausgleich, was die Arbeitsbedingungen angeht, zu erzielen. Es ist nun mal auch so, dass der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital, der unsere Wirtschaft nun mal prägt, nicht anders auflösbar ist, als dann dadurch, dass auch kollektiv Interessen vertreten, kollektiv Interessen sichtbar gemacht werden.
Büüsker: Sagt Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG-Metall, heute Morgen hier im Deutschlandfunk. Herr Hofmann, vielen Dank für Gespräch!
Hofmann: Ich danke Ihnen!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.