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StartseiteInterview"Die Politik kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen"18.01.2020

Zukunft der Landwirtschaft"Die Politik kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen"

Landwirtschaft und Ernährung müssten so gestaltet werden, "dass der Planet das auf Dauer aushält", sagte der Agrarökonom und Biobauer Felix Prinz zu Löwenstein im Dlf. Die notwendigen Veränderungen bei Produktion und Konsum könnten dabei nicht von der Politik an die Verbraucher delegiert werden.

Felix Prinz zu Löwenstein im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Der Vorstandsvorsitzende des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Felix Prinz zu Löwenstein, aufgenommen am 04.02.2016 in Nürnberg (Bayern) (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Der Vorstandsvorsitzende des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Felix Prinz zu Löwenstein (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
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Die Grüne Woche in Berlin ist auch Anlass für politischen Streit und die Frage, wie unsere Nahrung erzeugt wird. Gestern sind viele Bauern dem Aufruf der Organisation "Land schafft Verbindung" gefolgt und haben mit ihren Traktoren in mehreren Städten gegen schärfere Umweltstandards demonstriert. Sie sind erbost über die Düngeverordnung der Bundesregierung. Heute wird es wieder Demonstrationen geben, allerdings von der anderen Seite, für eine Agrarwende nämlich unter dem Motto "Wir haben es satt". Dazu im Gespräch der Landwirt und Agrarökonom Felix Prinz zu Löwenstein. Er ist der Vorstandsvorsitzende des Biospitzenverbandes "Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft".

Stephanie Rohde: Warum demonstrieren Sie nicht gestern mit den konventionellen Bauern, sondern heute quasi gegen die?

Felix Prinz zu Löwenstein: Das ist eine falsche Wahrnehmung. Was wir seit Jahren tun, ist, dass wir zusammen mit Verbraucherinnen und Verbraucher auf die Straße gehen und eine andere Landwirtschaft, einen anderen Umgang mit der Landwirtschaft und Zukunft für die Landwirtschaft fordern. Ich finde genau das wichtig, dass eben nicht die Landwirte alleine das wollen sollen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in der Stadt, auf dem Land, dass die sich mit dafür engagieren, dass eine Landwirtschaft entsteht, die zukunftsfähig wird, für die Bauern, aber auch für Natur und Umwelt.

"Wir müssen die bestehende Agrarpolitik verändern"

Rohde: Na ja, aber die Bauern gestern haben ja erst mal gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung demonstriert, und heute wird demonstriert, weil es vielen nicht schnell genug geht. Das sind doch ganz klare Kontraste.

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Löwenstein: Ja, natürlich sind viele unterschiedliche Konzepte unterwegs. Es gibt ein paar Sachen, die einigen … Beides, sind ja heute auch viele Bäuerinnen und Bauern dabei. Es einigt, dass wir die bestehende Agrarpolitik, die dazu geführt hat, dass immer mehr Betriebe ins Aus geraten sind, dass immer mehr Betriebe aufgeben müssen, umbauen müssen, dass sie die verändern müssen. Es einigt uns zum Beispiel, dass wir keine Handelsabkommen haben wollen, wie sie jetzt für Europa mit Südamerika, das sogenannte Mercosur-Abkommen, anstehen, wo alle Anstrengungen, die Standards anzuheben, unterlaufen werden dadurch, dass man billige Ware von außerhalb hereinbekommt, die nicht unter solchen Ansprüchen und solchen Standards produziert worden sind. Da gibt es ganz viele Gemeinsamkeiten.

Das Missverständnis derjenigen, die gestern auf der Straße waren, ist, dass das Motto dieser Demo "Wir haben es satt" sich gegen sie richten würde. Das ist überhaupt nicht der Fall. Diejenigen, die die heutige Demo veranstaltet haben, haben den anderen Bauern, die, die gestern da waren, angeboten, kommt mit auf die Bühne, sagt dort den Demonstranten, was eure Anliegen sind, damit wir vielleicht die verschiedenen Demos haben, aber zeigen, im Grunde genommen wollen wir dasselbe, wir wollen eine Landwirtschaft, die enkeltauglich ist, die auch für unsere Kinder noch funktioniert.

"Wir müssen gemeinsam eine Zukunft entwickeln" 

Rohde: Und machen die Bauern das, die konventionellen, kommen die mit auf die Bühne?

Löwenstein: Nein, das haben die leider nicht angenommen, dieses Angebot. Es wird aber eine Diskussionsveranstaltung geben, die nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, die ich aber auch wichtig finde, dass man miteinander ins Gespräch kommt und sagt, okay, Leute, das sind unsere Konzepte, das sind eure Konzepte. Wenn wir eine Zukunft entwickeln wollen, die trägt, dann müssen wir das zusammen tun, dann kann das nicht im Gegeneinander passieren.

Rohde: Aber offensichtlich gibt es da ja gerade einen Bruch und einen Streit, und man kommt nicht zusammen. Können Sie denn verstehen, wenn konventionelle Bauern gegen die Düngeverordnung jetzt auf die Straße gehen und sagen, wenn wir weniger düngen, dann verdienen wir auch weniger, und das ist schlecht?

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Der CSU-Bundestagsabgeordnete Max Straubinger bedauert den Preisdruck, der auf Landwirte ausgeübt werde. Aber der Verbraucher entscheide letztendlich an der Theke über die Marktpreise, sagte Straubinger im Dlf. Er wolle den Verbrauchern keine Vorschriften machen.

Löwenstein: Ich kann verstehen, dass Bäuerinnen und Bauern diese Veränderungen, die anstehen, als Bedrohung für ihre Existenz empfinden, insbesondere dann, wenn die ja sowieso schon in schwierigen wirtschaftlichen Situationen sind. Gleichzeitig ist es so, die Probleme, um die es da geht, sind ja über die Maßen reell. Wir haben ja Probleme mit der Qualität des Wassers. Diese Qualität des Wassers hat sich ja über die Jahre immer mehr verschärft, diese Problematik.

"Die politische Umsetzung hat nicht geklappt"

Rohde: Wobei da die konventionellen Bauern heute darauf hinweisen, dass sie sagen, die Messwerte sind da möglicherweise nicht ganz korrekt.

Löwenstein: Ja, aber das ist, Verzeihung, Unsinn. Die Europäische Union hat 1991 eine Nitratrichtlinie beschlossen, die sagt, überall in Europa muss dafür gesorgt werden, dass das Wasser sauber ist, und es kann sich nicht irgendwo in Europa jemand wirtschaftliche Vorteile dadurch verschaffen, dass ihm das egal ist und dass er trotz Eintrags ins Grundwasser munter weiterdüngt. In Deutschland hat man 29 Jahre die Umsetzung dieser Nitratrichtlinie, also die erfolgreiche Umsetzung, nicht hingekriegt, und das ist verhindert worden über viele Jahrzehnte. Dass dann die Veränderungen immer schmerzhafter werden, je länger man sie rausschiebt, ist doch klar.

Rohde: Das heißt, die Bauern haben geschlafen, Ihrer Meinung nach?

Löwenstein: Ach, es haben nicht die Bauern geschlafen, es hat die politische Umsetzung nicht geklappt. Dass die bäuerliche Interessensvertretung daran ihren Anteil hat, zu verhindern, dass sich etwas verändert, das kann man leider und das muss man leider feststellen. Das ist ja nicht das einzige Thema. Die Frage des Zusammenbruchs der biologischen Vielfalt, das ist ja dramatisch. Das kann man doch nicht einfach wegdiskutieren, die Frage ist des Beitrags der Landwirtschaft zum Klimawandel, all diese Sachen.

"Die Politik kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen"

Rohde: Genau, und dabei wird ja auch immer wieder auf die Rolle der Verbraucher verwiesen. Die Verbraucher müssen einfach mehr für Lebensmittel bezahlen. Wenn man sich jetzt anschaut, es gibt eine Allensbach-Umfrage, und da sagen immerhin 66 Prozent, wir wollen mehr bezahlen für gute Qualität, aber eben 34 wollen das nicht. Was sagen Sie dann, wer beliefert die?

Löwenstein: Also erstens kann man nicht einfach die Veränderung, die die Politik beschließen muss, und die Politik die Rahmensetzung, an die Verbraucher delegieren und sagen, jetzt richtet ihr das mal. Zweitens, dort, wo Verbraucherinnen und Verbraucher die Möglichkeit haben, sich anders zu entscheiden, passiert ja schon recht viel. Das ist ökologische Landwirtschaft. Wir haben ja immer weiter zunehmend, über all die Jahre zunehmend Menschen, die mit ihrer Einkaufsentscheidung Verantwortung dafür übernehmen wollen, wie Landwirtschaft stattfindet und wie Lebensmittel erzeugt werden. Aber die Probleme da draußen sind doch so gravierend, dass wir nicht drauf warten können, bis 100 Prozent der Verbraucher sagen, okay, ich entscheide mich, jetzt mit meinem Konsum das zu regeln. Da kann die Politik sich nicht aus der Verantwortung stehlen.

Rohde: Was muss sie denn konkret dann machen?

Löwenstein: Die Politik muss die Mittel, die zur Verfügung stehen für die gemeinsame Agrarpolitik – das wurde ja alles gerade erklärt –, so einsetzen, dass sie auch Veränderung bewirken.

Rohde: Das heißt, dass die Bauern nicht mehr direkt Zahlungen bekommen, sondern dass man es anders macht.

Löwenstein: So ist es. Das müssen wir umbauen, und Bäuerinnen und Bauern für Leistung bezahlt werden, die die Gesellschaft von ihnen braucht, für die der Markt aber nicht bezahlt.

"Landwirtschaft so gestalten, dass der Planet das auf Dauer aushält"

Rohde: Und was ist dann mit Billigsupermärkten, die landwirtschaftliche Flächen kaufen und damit die konventionellen Bauern extrem unter Druck setzen? Was soll man mit denen machen?

Löwenstein: Wir haben grundsätzlich ein Problem, dass insbesondere in Ostdeutschland Flächen immer mehr aufgekauft werden, jetzt nicht nur von Supermärkten, sondern einfach von Unternehmen, die mit Landwirtschaft gar nichts zu tun haben und da ihr Geld anlegen wollen und dass dann irgendwo in den Dörfern die Menschen sitzen und wissen überhaupt nicht, wer bewirtschaftet ringsherum die Flächen. Das ist eine Fehlentwicklung, die schon mit der Wiedervereinigung angefangen hat, als man geglaubt hat, man muss den Menschen, denen diese Flächen mal gehört haben, sie nicht wiedergeben.

Rohde: Noch eine Frage mit Blick auch auf die Uhr. Ihre Vision ist, dass Biobauern wie Sie in Zukunft überflüssig sind. Warum?

Löwenstein: Weil unser Projekt ist ja Landwirtschaft und Ernährung - das kann man nicht auseinanderdividieren - so zu gestalten, dass der Planet das auf die Dauer aushält. Biolandwirtschaft, alternative Landwirtschaft, weil es die Alternative zu etwas sein muss, was nicht weiter funktioniert. Wenn es uns gemeinsam gelingt, die gesamte Landwirtschaft so umzubauen, dass sie funktioniert, dann ist das Ziel erreicht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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