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StartseiteMusikjournalMit Musik den Klimawandel erfahrbar machen20.01.2020

Zukunftswerkstatt in HamburgMit Musik den Klimawandel erfahrbar machen

Wie können Musiker auf den Klimawandel reagieren? Danach fragte die Zukunftswerkstatt Musik und Klima in Hamburg. So ging es auf der interdisziplinären Veranstaltung darum, Konzerte klimaneutral zu gestalten - und mit Musik die Wahrnehmung für das Klima zu schärfen.

Von Dagmar Penzlin

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Symbolbild Musik und Natur: Silhouette eines Mannes, der in einer Gebirgslandschaft auf einem Gipfel Flöte spielt. (picture alliance / Michael Coyne)
Es gibt viele Verbindungen zwischen Musik und Natur - kann sie auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten? (picture alliance / Michael Coyne)
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Gitarrist Alon Wallach spricht den Refrain eines neuen Liedes vor. Text und Refrain entwickelte der Musiker mit anderen zusammen während der Zukunftswerkstatt Musik und Klima. Jetzt geht er mit allen knapp 30 Teilnehmenden in großer Runde den Entwurf durch.

Emotional und interdisziplinär

Der Stuttgarter Gitarrist und die anderen kreativen Köpfe wählten für ihr neues Lied die biblische Erzählung von Jona: Der Magen des Wals ist da voller Plastikmüll, auch ein Kreuzfahrtschiff und tödliche Dürre kommen vor. Dass überhaupt in diesem interkulturellen und interreligiösen Liedworkshop ein Stück zum Klimawandel entstanden ist, sei nicht selbstverständlich, sagt Alon Wallach; er setzt sich seit vielen Jahren mit dem Musikprojekt Trimum für einen musikalischen Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen ein. Erstmal war der Diskussionsbedarf groß.

"Weil das sind zwei Themen, die aufeinander prallen, die beide sehr emotional sind. Das heißt, ich glaube, was wichtig ist, um auf diesem Weg weiterzugehen auf eine tiefgreifende, wissenschaftlich und theologisch fundierte Art. Dann brauchen wir eine Methode, die diese diversen Themen auseinander nimmt, so dass man die Dinge wieder zusammenbringen kann, ohne dass dieses enorme emotionale Potenzial uns in die Wege kommt."

Teilnehmer der Zukunftswerkstatt Musik und Klima stehen in einem Veranstaltungsraum in Hamburg vor einer Pinwand. (Deutschlandradio / Dagmar Penzlin)Wo liegen überhaupt die Berührungspunkte von Musik und Klimawandel - eine Frage der Zukunftswerkstatt (Deutschlandradio / Dagmar Penzlin)

Es ist kein Zufall, dass gleich die erste Zukunftswerkstatt Musik und Klima insbesondere die interkulturellen Herausforderungen in den Blick nahm: Bernhard König hat Trimum begründet und als Pionier ein interreligiöses, vielfach ausgezeichnetes Stadtteilkantorat entwickelt - in Hamburg-Mümmelmannsberg, einer Hochhaussiedlung, wo Menschen aus aller Welt auf engstem Raum zusammen leben. Dort in der evangelischen Kirche trafen sich Musiker und Studierende, Klima-Experten und Musikvermittlerinnen zur ersten Zukunftswerkstatt. Das ist auch der Wunsch des Komponisten Bernhard König, dass die Vorgehensweise interdisziplinär ist. Und so soll es bei den drei weiteren Zukunftswerkstätten bis Mitte März auch sein.

"Also was sagen Postwachstumsökonomen oder Sozialpsychologen oder Klimaforscher und –forscherinnen dazu, wie muss sich unsere Gesellschaft verändern, damit sie zukunftsfähig wird und damit sie aus dieser expansiven, zerstörerischen Wachstumslogik herauskommt? Dann wäre der nächste Schritt für mich zu fragen: Wie können wir Musiker und Musikerinnen uns mit einem ganz, ganz kleinen Beitrag unterstützend einbringen?"

Konzerte klimaneutral gestalten

So eröffneten am Freitag zwei Impulsvorträge die erste Zukunftswerkstatt Musik und Klima. Der Klimaphysiker Bendix Vogel bot einen Crashkurs zum Klimawandel mit vielen bedrückenden Graphiken und Übersichten zur voranschreitenden Erderwärmung und den noch zu schwachen Klimaschutzmaßnahmen. Vogel ist auch Student der Transformationsstudien an der Europa-Universität Flensburg. Sein Kommilitone Philipp Spiegel stellte Strategien vor, wie Klimaschutz durch gesellschaftlichen Wandel an Fahrt aufnehmen könnte. Musik sei da hilfreich, ist sich Spiegel sicher.

"Was ja beim Klimawandel das Problem ist: Dass wir den mit unserer Vernunft verstehen und wir können die Kurven nachvollziehen, wie sich CO2-Konzentrationen verändern. Aber wir fühlen ihn nicht so unmittelbar. Und Musik ist unmittelbar fühlbar und kann dadurch so eine Brücke schlagen, glaube ich."

Es zeigte sich am Wochenende, dass das Bedürfnis vieler Musikerinnen und Musiker offenbar groß ist, sich überhaupt intensiver mit dem Klimawandel zu befassen und die komplexen Zusammenhänge dieses globalen Phänomens zu verstehen. So ging es auch Philine Korkisch, Musikvermittlerin bei den Symphonikern Hamburg,

"Meine Frage, mit der ich hauptsächlich hierhergekommen bin, war: ‚Wo Musik und Klima überhaupt erstmal Berührungspunkte haben?’ Für mich war und ist das noch nicht klar, dass es viele Überschneidungen vielleicht gibt."

Da die Zukunftswerkstätten Musik und Klima kein genau durchgeplantes Programm haben, konnte Philine Korkisch ihre Frage in einem Open-Space-Prozess einbringen – sprich: ihre Frage interessierte auch andere Teilnehmende und so landete das Thema am Sonnabend auf der Agenda. Die Gruppe um Korkisch sammelte so beispielsweise Informationen und Ideen, wie Konzerte und Orchestertourneen sich klimaneutral gestalten lassen. Ebenso ein Ergebnis: Musik schärft unsere Wahrnehmung, und eine geschärfte Wahrnehmung brauchen wir als Gesellschaft, um angemessen auf den Klimawandel zu reagieren. Für Philine Korkisch eine Kernerkenntnis.

"Wenn man mit anderen Leuten jetzt daran arbeiten will, muss man über Wahrnehmung gehen. Das ist für mich aktuell die größte Verbindung der beiden Themen: über Aufmerksamkeit und Wahrnehmung."

Aufführungen in zerstörten Landschaften

Da im April die Aufführung von Gustav Mahlers "Lied von der Erde" ansteht, möchte die Musikvermittlerin das bald ausprobieren.

"Wo wir momentan überlegen mit den Ideen des Publikums zu spielen. ‚Was könnte Euer Lied von der Erde sein? Wie könnte das klingen? Wie aussehen?’"

Gleich mit drei Projekt-Ideen im Herzen war Markus Rindt zur Zukunftswerkstatt Musik und Klima angereist: Als Intendant der Dresdner Sinfoniker plant er etwa ein globales Projekt mit Konzerten an von Menschen zerstörte Orten – sei es die abschmelzende Gletscherlandschaft, ein ausgetrockneter See oder die Abraumhalde vom Bergbau.

"Ich habe jetzt hier unsere Ideen oder meine Ideen vorgestellt – einfach mal so skizziert. Habe hier einen tollen Spiegel vorgehalten bekommen. Zum einen dass die Idee gefällt – was mich inspiriert. Dann aber auch wo die Knackpunkte sind oder wo man aufpassen muss. Das ist sehr interessant für mich gewesen. Vor allem auch diese vollkommen unterschiedlichen Blickwinkel."

Diese haben Markus Rindt gefallen. Auch für Initiator Bernhard König hat sich das Konzept der Zukunftswerkstätten Musik und Klima gleich beim ersten Durchlauf bewährt.

"Ich hatte im vornhinein die Idee, wenn diese Zukunftswerkstätten gut laufen, dann bräuchte das zukünftig auch eine Struktur, in der das dann sich entwickeln und weitergehen kann und sich weiter vernetzen kann - Arbeitstitel ‚Institut für angewandte Zukunftsmusik’. Ich wollte eigentlich die vier Werkstätten abwarten, bis ich mit der Idee so rausgehe. Da diese erste Werkstatt so intensiv und fruchtbar war, dass ich gesagt habe: ‚Es braucht diese Form!’ Also das hat sich schon an diesem ersten Wochenende bewiesen."

Oder wie es Philine Korkisch am Ende formulierte mit Blick auf das Thema "Musik und Klima":

"Man kann sich davor nicht mehr verstecken!"

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